Zeit zu feiern, Freunde!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserm Herrn Jesus Christus. Amen.

Ich lese den Predigttext für den heutigen Sonntag. Er steht bei Markus im 2. Kapitel:

[Text]

Ich möchte euch drei Beispiele erzählen:

Gerda ist im letzten Jahr 45 geworden und sieht wirklich toll aus. Sie ist gertenschlank und hat eine Superfigur, alles an ihr ist gepflegt und schön. Es macht Freude, sie anzusehen, darum hat sie auch einen guten Job in einer Hotelrezeption bekommen. Sie ist fleißig und ordentlich. Und ganz nett ist sie auch.

Aber sie gibt sich auch viel Mühe. Mit dem Fitnessstudio hat sie einen Jahresvertrag: Dreimal in der Woche geht sie bestimmt, wenn möglich auch noch öfter. Die Hobbys anderer Frauen interessieren sie wenig, Kartenclubs und Kaffeekränzchen sind nichts für sie. Sie hat auch gar keine Zeit für so was, aber sie will das auch nicht. Für sie ist es nun mal wichtig, fit und gepflegt zu sein.

Wenn sie morgens die jungen Frauen bei Karstadt sieht, wie sie im Grabbeltisch für die reduzierten Kinderklamotten wühlen, dann fühlt sie manchmal Mitleid. Die sind kaum 30 und sehen schon älter aus als sie, müde und aus der Form geraten. „Warum tun die denn bloß nichts für sich?“ denkt Gerda. „Sie sind doch noch so jung!“

Okay, sie gibt auch viel Geld für Klamotten und Kosmetik aus. Erhard, ihr Mann, nörgelt manchmal darüber. Aber tief in seinem Inneren ist er sehr stolz auf seine hübsche Frau und er sagt ihr das oft.

Peter ist ein Workoholic erster Güte, er schafft und tut von morgens bis abends und ein Wochenende braucht er nicht. „Man“, sagt Suse, seine Frau, „wo willst du bloß hin? Du hast ja gar keine Zeit mehr für mich und die Kinder!“ Aber Peter lacht nur. „Freu dich doch, Liebes! In zwei Jahren ist das Haus abbezahlt, dann können wir sorgenfrei leben und unsere Kinder werden stolz auf uns sein.“

Peter hat Maurer gelernt – er findet immer Arbeit, im Winter wie im Sommer. Wenn das Haus erst abbezahlt ist, so träumt er manchmal vor sich hin, dann könnte ich mich ja vielleicht selbständig machen. Oder doch erst einen Mercedes kaufen und mit Suse in Urlaub fahren? Sie nörgelt schon seit Jahren deswegen.

Mal sehn. Erst wird das Einkaufszentrum hochgezogen, am Wochenende wird Schwiegervaters Garage neu gebaut. Das findet sich schon. Wie kann man bloß so rumlungern und abhängen? Was findet Stefan, sein Jüngster, nur daran, stundenlang vor dem Fernseher zu hängen? Peter kann das einfach nicht verstehen.

Mein letztes Beispiel ist Kristin. Sie ist nun 28 Jahre alt und studiert immer noch. Sie liegt niemanden auf der Tasche, so ist das nicht, aber sie findet kein Ende. Erst hat sie Theologie studiert, dann Psychologie und jetzt sitzt sie bei den Sozialwissenschaften. Es geht ihr nicht einmal darum, einen Doktortitel zu kriegen, sie ist nur eben an allem interessiert, sie hat Lust am Lernen und steckt von morgens bis abends mit der Nase in den Büchern.

„Na, Kristin“, sagt ihre Mutter oft, „ist es nun nicht bald genug? Willst du nicht mal langsam anfangen, Geld zu verdienen?“

„Nur noch dieses, Mutter, dann komme ich zur Ruhe.“

Na, wenn das man wahr wird, denkt die Mutter und wundert sich still.

Nun war es zu Jesu Zeiten so, dass die Pharisäer eigentlich einen ganz guten Ruf hatten, auch wenn sie sich mit Jesus erbitterte Wortgefechte lieferten. Das waren kluge und ordentliche Leute, gebildet und von hohem Ansehen. Sie lebten streng nach der Bibel der damaligen Zeit. Mochte man ihnen sonst vielleicht auch skeptisch gegenüberstehen, das rang doch vielen Zeitgenossen Respekt ab. Sie fasteten zum Beispiel regelmäßig, mehrmals im Jahr. Damit reinigt man die Seele, so hungert man das Böse aus. Sie fasteten, um Gott zu gefallen.

Auch im Kreis um Johannes den Täufer waren Askese und Fastenzeiten wichtige Bestandteile der Frömmigkeit und des Glaubens. Die Menschen staunten, was Johannes und seine Jünger für den Glauben zu ertragen bereit waren.

So kamen sie zu Jesus. „Warum fasten deine Jünger nicht?“ fragen sie ihn mit deutlicher Skepsis. „Was bist du denn für einer?“, steht dahinter. Andere sind da weniger zurückhaltend: „Er ist ein Fresser und Weinsäufer“ so zischt man hinter seinem Rücken. Der kennt kein Maß und keine Regeln. Nehmt euch bloß in Acht vor diesem Nazarener!

Und dann gibt Jesus die Antwort, die Gerda, Peter und Kristin sich zu Herzen nehmen sollten. „Wie können die Hochzeitsgäste fasten, während der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten.“ Der Bräutigam – das ist er selbst. Ich bin der, der von Gott geschickt ist. Ich bin der, auf den ihr wartet. Ihr braucht euch nicht zu quälen und zu kasteien, um mir nah zu sein – ich bin doch da, mitten unter euch!

Und ich glaube, er meint damit noch mehr: In Jesus ist die Erfüllung all unserer Sehnsucht. Alle unser Ängste schweigen, wenn er spricht. In Jesus ist Gott Mensch – das pure Glück liegt auf der Hand, wenn wir nur ihn in unserer Nähe wissen. Dann ist das Suchen und das Sehnen zu Ende, dann haben wir alles, was wir brauchen, dann ist das Leben absolut perfekt.

Jesus sagt: Seht, ich bin doch da. Was müht ihr euch nur ab, ihr armen Menschenkinder. Kommt doch zu mir, ich will euch erquicken.

Wie soll man das nur Gerda erklären? Denn sie quält sich mächtig und älter wird sie trotzdem. Was wird aus ihr, wenn sie krank, entstellt oder beeinträchtigt wird? Sie hat eine fixe Idee von einem guten Leben – erfülltes Leben aber kennt sie vielleicht gar nicht. „Hallo“ sagt Jesus ihr, „hallo, hier bin ich. Komm mal her, setz dich doch. Wann bist du zuletzt wirklich glücklich gewesen?“

Wenn Peter so weiter macht, wird er keine 50 Jahre alt werden, der Doktor hat kein Blatt vor den Mund genommen. Wann wird er verstehen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat? Er hat eine fixe Idee, wie sein Leben aussehen soll – aber was wirklich wichtig ist, hat er längst aus dem Blick verloren. „Hallo“, sagt Jesus, „hier bin ich! Du wirst nie genug kriegen, wenn du nicht umkehrst. Lerne von mir!“

Und auch Kristin verrennt sich und kommt nicht zu Ruhe. Wenn sie das eine kann, will sie das nächste lernen. Es ist ihr nie genug, sie ist nie zufrieden mit sich selbst. „Hallo“, sagt Jesus, „ich bin doch da! Und ich unterrichte dich in Gottes Liebe. Er hat dich gemacht und hat dich gern. Mach mal Pause! Laß uns das Leben feiern!“

Das hört sich ein wenig banal an „das Leben feiern“. Aber ist es nicht so: Wir rennen und rackern, wir machen und tun und mühen uns von spät bis früh und immer sehnen wir uns nach mehr: Nach mehr Anerkennung, nach mehr Erfolg, nach mehr Wissen. Unsere Sehnsucht verselbständigt sich oft und wir rennen in unserem Lebensrad wie ein Hamster im Wettlauf mit der eignen Kraft.

„Moment“, sagt Jesus. Und er tut nichts anderes, als das Rad anzuhalten. Moment.

„Der Bräutigam ist da“, sagt er den neugierigen Skeptikern, die lieber Taten sehen wollen. „Jetzt ist feiern angesagt!“

Es kommen auch andere Zeiten, Jesus weiß es genau. Es gibt Zeiten, die nicht zum Feiern taugen, es gibt Zeiten zum Arbeiten und Geld verdienen, Zeiten zum Lernen und Studieren, Zeiten auch für Gesundheit und Bewegung – das weiß er genau und er macht es nicht schlecht. Er kennt selber Zeiten von Kummer und Sorge, Zeiten, in denen einem das Feiern von selber vergeht. Jesus weiß das, er hat es selbst erlebt. „Es wird aber die Zeit kommen“, sagt er, „dass der Bräutigam von ihnen genommen wird; dann werden sie fasten, an jenem Tage.“ Dabei hat er den eigenen Tod vor Augen.

Das Fasten der Pharisäer, unser Rennen und Tun – das sind Zeichen der Gottesferne, sagt Jesus. Wenn aber Gott nah ist, dann brauchen wir all das nicht, dann ist Feiern angesagt.

Und darum feiern wir Gottesdienst. Jeden Sonntag feiern wir das Leben. Denn Jesus blieb nicht im Grab, sondern wurde lebendig, er ist heute und hier mitten unter uns. Der Bräutigam ist da, das Fest kann beginnen!

Wir halten daran fest, dass dieses Fest wichtig für uns Menschen ist. Wir fallen dem Rad des Lebens in die Speichen. „Halt. Moment!“, sagen wir.

Nun erst einmal ausruhen. Beten. Atem holen. Und dann bitte die Ohren aufmachen: Du bist okay, sagt unser Glaube, Gott liebt dich wie du bist. Für ihn brauchst du dich nicht so abzurackern. Er hat etwas mit dir vor, ist dir das eigentlich klar? Wenn du immer nur wie ein Hamster in deinem Lebensrad herumrennst, wirst du den Sinn deines Lebens nicht erfassen.

Moment! Hör mal, was Gott dir zu sagen hat! Gib acht auf das, was Gott mit dir vor hat! Er will dich brauchen, egal, ob du hübsch oder hässlich, reich oder arm, klug oder dumm bist. Schalt mal einen Gang runter, auch mit deinen Gedanken und lass ihn zu Wort kommen! Lass auch zu Ruhe kommen, was in dir wühlt und höre auf Gottes Wort.

Der Bräutigam ist da. Jesus ist hier. Er greift dem Rad unseres Lebens in die Speichen. Und er lädt uns ein: Zeit zu feiern, Freunde. Der Bräutigam ist da. Das Fest kann beginnen.

Amen.

drucken