Neuer Wein braucht neue Schläuche

Liebe Gemeinde,

ein neues Jahr hat begonnen. Und ein neues Jahr bedeutet immer auch, dass wir uns einstellen müssen auf Neues. Wir wissen noch nicht genau, was es sein wird. Wir wollen vielleicht gar nicht, dass sich etwas ändert. Und doch bringt das Leben es mit sich. Wir werden älter. Bei uns selbst oder bei Menschen in unserer Umgebung ändert sich etwas. Menschen werden krank oder sterben oder trennen sich oder der Streit führt zur Sprachlosigkeit. Ich muss mich auf den Verlust einstellen. Es gibt aber auch Entwicklungen, die mich entlasten. Es gibt neue Möglichkeiten. Ein Kind wird geboren. Ich lerne etwas neues. Eine Beziehung verbessert sich. Ich lerne Menschen kennen, die mich auf neue Ideen bringen. Ich weiß nicht, was auf mich zukommt in diesem Jahr 2007. Ich kann nur glauben, dass das Neue, alles Neue, von Gott kommt. Und dass Gott es gut mit mir meint. Mein Name ist ja vor Gott genannt in der Taufe.

Wie können wir uns gut einstellen auf das Neue, das das Neue Jahr mit sich bringt. Damit ich nicht dem Alten nachhänge, sondern mich einstelle, auf das was ist. Damit ich das Beste daraus machen kann.

Ich lese uns einen Bibeltext, der uns dabei helfen kann. Markus 2,18-22:

[TEXT]

Jesus sagt: wir feiern gerade ein Hochzeitsfest. Ich, der Bräutigam, bin bei euch. Das ist Grund zum Loben, Danken und Feiern. Lernt von mir, einfach froh zu sein und das Gute am Leben zu sehen. Jetzt ist nicht die Zeit, zu fasten und traurig zu sein. Die kommt dann, wenn ich nicht mehr bei euch bin. Mit mir kommt etwas neues in die Welt, die Freude über Gottes Gegenwart. Dass Gott so sehr nahe ist, tut den Menschen so gut, dass sie sich freuen und feiern wie bei einer Hochzeit.

Weil in mir eine neue Zeit anfängt, deshalb brauchen wir neue Formen, die das alte Fasten. So wie man einen neuen Lappen nicht auf ein altes Kleid näht – sonst wird der Riss nur größer – so brauchen die Christinnen und Christen neue Formen, um der Freude über Gottes Nähe Ausdruck zu geben. So wie man neuen Wein in neue Schläuche füllt – der alte Schlauch (ein Ziegenfell) würde zerreißen – so braucht der neue Glaube eine neue Form.

Liebe Gemeinde, wir müssen uns ständig einstellen auf neues. Das ist manchmal sehr anstrengend und schmerzhaft. Vor allem, wenn ein lieber Mensch von uns gegangen ist. Dann müssen wir uns einstellen, innerlich und äußerlich einstellen auf die neue Situation.

Neuer Wein braucht neue Schläuche, sagt Jesus. Das heißt, wir müssen innerlich hinter dem Neuen herkommen. Eine neue Lebenssituation erfordert, dass ich neue Formen finde.

Wenn in einer Familie ein Mensch gestorben ist, dann müssen im Lauf der Trauer neue Formen gefunden werden. Das ist ein langer und schmerzhafter Prozess. Da ist Trauerarbeit nötig, richtig harte seelische Arbeit. Aber ich muss mich allmählich auf die neue Situation einstellen. Ich darf nicht am Alten hängen bleiben. Ich muss bereit sein, den Weg weiterzugehen und auf das Ziel zu schauen, das vor mir liegt.

Es gibt dabei einen Begleiter, der mich tröstet und mir den Weg weist. Der Bräutigam Jesus ist immer noch da. Nur einen Hauch von uns entfernt. Nur ein Gebet weit weg. Und bei Licht besehen ist er uns näher als wir uns selbst nahe sind.

Manchmal kommt das Neue gar nicht so plötzlich. Wenn Kinder größer werden z.B. zu Jugendlichen und jungen Erwachsenen werden, dann müssen sie sich umstellen, aber auch für die Eltern ist das eine schleichende, aber sehr entscheidende Veränderung. Da spreche ich gerade aus eigener Erfahrung und deshalb kann ich vielleicht besser verdeutlichen, was ich meine mit dem neuen Wein in neuen Schläuchen.

Aus einer Kleinfamilie wird allmählich wieder ein Paar. Meine Frau und ich sind wieder mehr auf einander angewiesen, damit wir unsere Töchter gut loslassen können. Sie müssen ja ihren eigenen Weg gehen, sich lösen, viel stärker ihr eigenes Leben leben.

Wenn die eigenen Kinder groß werden, dann ist stärker auch für meine Frau und mich das Thema: wie ist das Verhältnis zu den eigenen Eltern. Wie habe ich mich damals abgelöst und wie sind meine Gefühle gegenüber den Eltern und was könnte das für meine Töchter bedeuten?

Ich bin also stärker in einer Sandwichposition, zwischen Eltern und Kindern.

Die neue Lebenssituation erfordert neue Formen. Wenn die Kinder den Führerschein haben, dann muss ausgehandelt werden: wer bekommt wann das Auto. Die finanziellen Verhältnisse ändern sich, die Machtverhältnisse ändern sich. Was meine Kinder machen, wächst mir über den Kopf und ist mir manchmal unverständlich. Wann wie geredet wird miteinander und wie gegessen, muss neu ausgehandelt werden.

Liebe Gemeinde, Sie haben jedes für sich Ihre neue Situation im neuen Jahr. Was ich Ihnen wünsche, ist, dass Sie sich gut innerlich darauf einstellen können, auf das, was neu auf sie zukommt. Und dass Sie die richtigen Formen dafür finden. Dass sie nicht am Alten festkleben, sondern sich einstellen können auf das, was für sie dran ist. Ich wünsche uns, dass wir in diesem Jahr mutig und voller Hoffnung nach vorne schauen und das Beste daraus machen. Und dass das Schwere, das wir tragen müssen, eine Last ist, die wir teilen können, die uns nicht zu schwer wird und dass wir im Tragen Hilfe finden bei dem starken Freund Jesus. Und dass wir, weil unser Bräutigam Jesus bei uns ist, das Gute und Schöne in unserem Leben voller Dank und Lob sehen können.

Meine Frau und ich waren in dieser Woche im Bibelmuseum in Frankfurt. Im Verkaufsraum waren zwei Angestellte im Gespräch. Sie redeten über die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer sei. Ich scherzte: das Glas ist doch voll. Sie lachten und meine Frau meinte: Es kommt darauf an, wie groß das Glas ist. Sie meinten: Es kommt auch darauf an, was man eingießt. Wir haben noch einen guten Wein aus Palästina. Wollen Sie ein Glas? Jedenfalls haben wir zusammen gelacht und das hat uns gut getan und die Gesichter entspannt.

Liebe Gemeinde, Jesus hat ja ein besonderes Verhältnis zum Wein gehabt. Seine Gegner beschimpfen ihn als Fresser und Weinsäufer, weil er oft mit Menschen ein großes Gastmahl gefeiert hat. Er hat sich einladen lassen von Menschen mit zweifelhaftem Ruf. Und die haben sich sehr gut dabei gefühlt, einen so wichtigen und geachteten Lehrer einladen zu dürfen. Sie haben sich dabei verändert, weil Jesus in ihnen das Gute hervorgelockt hat.

Und dann hat Jesus ja sogar als erstes Wunder bei einer Hochzeit, bei der der Wein knapp wurde, Wasser zu Wein gemacht.

Und er sagt von sich: ich bin der Weinstock, ihr seid die Rebe. Bleibt ganz nah bei mir, dann könnt ihr Frucht bringen.

Es ist also sehr nahe liegend, dass wir beim Abendmahl beim Zeichen von Brot und Wein feiern, dass Jesus da ist. Der Bräutigam ist bei uns. Wir feiern Hochzeit. Wir feiern, dass Jesus tief in unserer Seele mit uns Gemeinschaft hat, uns nahe kommt, uns verändert, heilt, tröstet und begleitet.

Neuer Wein in neue Schläuche. Von Gott her kommt uns Gutes entgegen. Das merken wir auch als Kirchengemeinde.

Der Gottesdienstbesuch steigt. Viele arbeiten mit. Wir sind sehr froh über so viel aktive Christinnen und Christen hier in Messel. Ich habe das Gefühl, wir befinden uns in einem Aufbruch, und das, obwohl unsere Stellen bedroht sind und unsere Finanzen gekürzt werden.

Wie können wir neue Formen finden, damit viele Menschen ihren Glauben so leben können, dass er ihnen hilft, ihr Leben zu bewältigen?

Denn viele glauben und beten, aber zusammen könnten wir noch viel fruchtbarer sein.

Wenn sie da Ideen haben, wie wir den neuen Wein in neue Schläuche füllen können, dann lassen Sie es uns wissen. Als Kirche haben wir ja immer noch den Ruf, etwas veraltet zu sein. Dabei ist die Botschaft immer noch ganz neu und frisch und voller Kraft: die Liebe, die uns verändert und heilt. Das ist nie veraltet.

Wir müssen experimentieren, ausprobieren, neues versuchen, um vielen Menschen einen Zugang zum Glauben zu ermöglichen. Zum Glück sind wir da nicht allein, sondern gehören zur weltweiten Gemeinschaft der Glaubenden.

Ich schließe mit einem Lied des Liedermachers Gerhard Schöne. Er ist ein Pfarrersohn aus der DDR. Und ich finde, dieses Lied gibt eine gute Antwort auf die Frage, ob das Glas halb voll oder halb leer ist. Nämlich: es ist jemand da, der uns nachschenkt.

Wir haben dieses Lied auf einer Fortbildung mit Kollegen öfter mit Gitarre gesungen und ich finde, es drückt die Hochzeitsfreude, die uns christlicherweise erfüllen soll, gut aus:

Spar deinen Wein nicht auf für morgen, sind Freunde da, so schenke ein. Leg, was du hast, in die Mitte. Durchs Schenken wird man reich allein.

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