Fresser und Weinsäufer

Einen „Fresser und Weinsäufer“ haben sie ihn genannt, liebe Gemeinde. Das sind wenig schmeichelhafte Beinamen für einen, der die angenehmen Seiten des Lebens durchaus zu schätzen wusste.

Einen „Fresser und Weinsäufer“ – so haben sie Jesus genannt. Und wir haben es heute gleich mit zwei biblischen Geschichten zu tun, die Jesu Ruf in dieser Richtung wohl entscheidend gefestigt haben. Die eine Begebenheit haben wir als Evangelium, als frohe Botschaft, gehört: das Weinwunder von Kana.

Und jetzt, in der Predigt, da geht es um das Essen und Trinken. Es geht um das Feiern und den richtigen Zeitpunkt dafür.

Den Rahmen liefert das Haus eines Zöllners mit Namen Levi. Jesus ist mit seinen Jüngern dort eingekehrt, um zu essen und zu trinken. Sie sind dort zu Gast neben anderen Zöllnern und weiteren Menschen der damaligen erstbesten Gesellschaft. Es ist ein Fest im sündigen Kreis – und dass Jesus sich dort aufhält, das wiederum ist ein gefundenes Fressen für die Pharisäer und ihre Anhänger.

Nun sind wir im Bilde über die Situation, in der sich folgendes zuträgt, was uns in Mk 2,18-22 überliefert ist:

[TEXT]

Diese letzten beiden Verse liefern uns zwei Beispiele. Eines aus der Lebenswelt der Frauen und eines aus dem Bereich, mit dem vor allem Männer gut vertraut waren.

Einen neuen Flicken auf ein altes Kleid zu nähen – ein Fehler für Anfängerinnen. Einmal abgesehen davon, dass das nicht gut aussieht, wird es nicht lange dauern, bis die frischen Nähte im alten Stoff aufreißen. Und dann ist der Schaden größer als zuvor.

Ähnlich verhält es sich mit dem Wein, der zur damaligen Zeit in Schläuchen aufbewahrt und transportiert wurde. Ein neuer Wein in einem alten Schlauch wird bald dessen muffigen Geschmack annehmen. Und was sonst noch in einem brüchigen Schlauch mit gärigem Traubensaft geschieht, das kann sich jeder gut vorstellen, der die Flasche vom Federweißen schon mal zu fest zugedreht hat …

Was will uns Jesus damit sagen?

Wenn er von alten Kleidern und neuen Flicken redet, wenn er laut nachdenkt über jungen Wein in alten Schläuchen, dann geht es ihm dabei nur um eines: Es geht um Nachfolge. Das Neue ist mit dem Alten nicht zu vereinbaren. Neues fordert Neues.

Wer meint, dass ein Wandel in seinem Leben nicht alle Bereiche umfassen muss, sondern nur einen klitzekleinen Teil – der betreibt Flickschusterei. Und wird merken, dass das nicht funktionieren wird.

Aber weiter im Text. Abgesehen von den Tipps für die kluge Hausfrau und den angehenden Sommelier – was gibt es noch? Es geht außerdem um die Frage des Fastens.

Bitte denkt noch einmal an den Rahmen, an das Setting dieser Erzählung zurück. Mitten in das Essen hinein platzen andere mit ihrer Frage: „Warum fasten du und deine Jünger nicht?“

Was für ein Timing!

Ja, warum tust du nicht das, was die anderen tun? Eine Frage, die uns in unterschiedlichen Spielarten immer wieder begegnet. Warum tue ich nicht das, was mein Kollege, mein Nachbar, mein Mitpatient im Krankenhaus und der Kleingartenbesitzer in der Parzelle neben mir tun?

Wenn wir mit solch einer Anfrage (die wir oft genug als Vorwurf hören) konfrontiert werden – wie reagieren wir? Wir können erklären, warum das, was wir machen, auch Vorteile hat, ja, womöglich sogar besser ist als das Tun und Handeln meines Nächsten. Oder – und das läuft eigentlich in dieselbe Richtung – wir können dessen Tun herabsetzen. „So gut, wie es aussieht, ist das doch gar nicht …!“

Jesus widersteht dieser Versuchung. Er spricht sich nicht gegen das Fasten aus. Stellen Sie sich einmal vor, er hätte das getan! Dann wäre die Kirche mir ihrer demnächst wieder anlaufenden Aktion „Sieben Wochen ohne“ ganz schön angeschmiert … Nein, Jesus wendet sich nicht gegen das Fasten. Aber er entschuldigt sich auch nicht dafür, dass er mit seinen Jüngern zurzeit nicht fastet bzw. sogar feiert.

Stattdessen wieder ein bildhafter Vergleich: das Bild von dem Bräutigam mit seiner Hochzeitsgesellschaft. Weil ich eine Einladung zu einer Hochzeit im Mai habe, spricht mich dieser Vergleich unmittelbar an: Und dann sehe ich mich an einer festlich geschmückten Hochzeitstafel sitzen – links und rechts und gegenüber von mir sitzen die schmausenden Gäste – und ich vertreibe mir die Zeit mit einem Glas Wasser und einer Stange Porree … Fasten-Zeit und Hoch-Zeit zur selben Zeit – nein danke, liebe Gemeinde.

Noch ist der Bräutigam bei euch, sagt Jesus. Noch bin ich bei euch – und damit habt ihr Grund zum Feiern! Traurig sein und fasten könnt ihr immer noch – nämlich dann, wenn es soweit ist. Wenn ich nicht mehr da bin.

Wo stehen wir dabei?

Dass Jesus zur Welt gekommen ist – dieses Fest liegt ja noch nicht lange zurück. Gott kommt in unsere Welt – wenn das kein Grund zur Freude ist. Also – totale Feierstimmung auch bei uns? „Bitte lächeln!“ als christliche Grundhaltung? Das ist die eine Seite.

Jesus spricht ja auch von der Zeit, in der er – der Bräutigam –nicht mehr da sein wird. Und auch in dieser Zeit stecken wir ja seit jenem allerersten Karfreitag. Trübsal ohne Ende – ist das jetzt angesagt?

Liebe Gemeinde! In der Frage des Fastens hat es nichts gebracht, das Eine gegen das Andere auszuspielen. Und hier ist es genauso.

Wir haben gleichermaßen Anlass zur Freude wie auch Grund zur Traurigkeit. Dass beides zu unserem Leben dazu gehört – das wissen schon kleinere Kinder aus Erfahrung.

Freude darüber, dass Gott in diese Welt kam und Trauer darüber, dass ich ihn jetzt nicht mehr sehen kann.

Himmelhoch jauchzend, wenn ich mich getragen fühle und mir alles gelingt – und zu Tode betrübt, wenn ich das Gefühl habe, dass sich bei mir ein Versagen an das nächste reiht.

Beides gehört zum Leben dazu – so, wie die Fasten-Zeit und die Hoch-Zeit. Das zu akzeptieren und zu wissen, dass ich jederzeit von Gott gehalten bin – das ist für mich die Botschaft unseres Textes heute morgen.

Und um dies zu verstehen, um sich darauf verlassen zu können, ist es gut, Ernst zu machen mit dem christlichen Glauben. Nicht ein bisschen hiervon und ein wenig davon. Nicht ein Yin & Yang – Kettchen als Lesezeichen für die Bibel; nicht die Hoffnung auf Wiedergeburt statt auf ewiges Leben nach dem Tode. Mit Weltoffenheit und Toleranz hat das überhaupt nichts zu tun. Stattdessen ist ein solches Verhalten so, als ob wir einen neuen Flicken auf ein altes Kleid nähen oder jungen, gärigen Wein in einen alten und muffigen Schlauch füllen würden.

Und, eine Bemerkung noch zum Schluss: Dass Jesus auch eine gute Feier genießen konnte – das bringt ihn mir menschlich sehr nahe!

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