Wasser und Eis

Liebe Gemeinde,

(„The greater“)

obwohl ich nur wenig verstehen konnte war es mir dennoch klar, dass die Dame vor mir den Herrn im fantasievollen Kostüm auf den Arm nehmen wollte. „What´s your job“, hatte ich verstanden. Es ging irgendwie um das Thema, ob man seine Aufgabe als echten Beruf verstehen könne. Na ja, irgendwie vertreibt man sich halt die Zeit, wenn man in Disney-World über eine Stunde in der Schlange steht.

Der Mann im Kostüm aber ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Freilich, die Dame war nicht wirklich bösartig zu ihm, aber ich spürte dennoch Ironie und Spott in ihrer Stimme: „Really, that´s a job? – Das, was du hier machst, ist wirklich ein Beruf?“ Dann verstand ich endlich seine Antwort, die sich mir eigenartig tief eingebrannt hat: „I am the greater“, sagte er und fuhr fort, wie stolz er darauf sei, sie und all die anderen Menschen in diesem wunderbaren Park begrüßen zu dürfen. Natürlich wisse er auch, dass es weitaus wichtigere Menschen hier gäbe als ihn, das kleine Rädchen im großen Getriebe. Er sei Teil eines großen Projektes. Das mache ihn stolz und zufrieden. Die Dame hat dann weiter nichts mehr gesagt.

<b>Johannes d. Täufer – „The Greater“</b>

Das Evangelium aus der Lesung vorhin und nun auch unser Predigttext führen uns – wieder einmal – Johannes den Täufer vor Augen. Im Altar unserer Petri-Kirche steht er oberhalb von Paulus auf der rechten Seite. Man erkennt ihn sofort an seinem „Kostüm“, einem lumpigen, umgehängten Fell. Man erkennt ihn auch an seiner Geste: Er zeigt auf Christus.

In den Evangelien nimmt Johannes der Täufer die Funktion des greaters wahr. Er steht am Eingangstor. Er begrüßt uns in der Welt der Evangelien. Er begrüßt uns in der Realität. Nein, der greater in den Evangelien lächelt nicht. Zorn ist ihm näher als Freundlichkeit. Er heißt uns willkommen im Abgrund dieser Welt. „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen“, fasst Matthäus seine Botschaft zusammen. „Schlangenbrut“ nennt Johannes seine Gäste und droht: „Die Axt ist an die Wurzeln gelegt“.

In unserem heute auszulegenden Bibelwort vernehmen wir davon zwar nichts. Dem greater am Eingangstor der Freizeitwelt gleich weist der Täufer heute auf das hin, was wirklich sehenswert ist: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“

<b>Wenn wir seinem Hinweis folgen …</b>

Was sehen wir, wenn wir seinem Hinweis folgen: Siehe, das ist Gottes Lamm? Wenden wir den Blick. Wenden wir ihn in unsere Gegenwart und dem zu, was uns gegenwärtig ist:

Siehe, das ist Gottes Lamm:

Ich sehe die stets verschreckten Schafherden auf den Deichen bei Meldorf in Schleswig-Holstein. Ich sehe manche dieser Schafe mit roter Frabe markiert und erinnere mich meiner Frage, ob sie dieses Zeichen als nächst zu Schlachtende markiere.

Ich nehme Erinnerungsblitze aus hunderten von Filmen der Tageschau wahr, wie Menschen in Angst und Eile ihre paar Habseligkeiten vor dem Terror der blutrünstigen Krieger dieser Welt retten wollen. Ich sehe ein Mädchen, das vor Hunger ohnmächtig umfällt während eines Interviews. In mir steigen Erinnerungen an historische Bilder auf, an Flüchtlings-Trecks und ich erinnere Bilder an Soldaten, die mit gesenktem Kopf in die Gefangenschaft zogen. Ich sehe Christus, wie er sein Kreuz nach Golgatha schleppt. Siehe, das ist Gottes Lamm … auf dem Weg zur Schlachtbank.

Das Bild vom „Gottes-Lamm“ fügt der kalten Realität eine andere Dimension hinzu. Könnten wir überhaupt die Bilder ertragen, die ich eben skizzierte, hätten wir nicht irgendeine Ahnung oder Hoffnung, dass wir hier zwar Realität, aber nicht die Wahrheit sehen. Weil nur das Gute wahr sein kann. Lüge, Hass, Gewalt und Tod sind real – aber sie nicht wahr.

<b>Wasser und Eis</b>

Eugen Drewermann verwendet ein sehr einprägsames Bild, um Johannes d. Täufer und Jesus Christus zueinander ins Verhältnis zu setzen. Beide sind sich gleich, sagt er und doch unterscheidet sie etwas. Nähme man Wasser als Symbol für beide, so wäre Johannes das Eis:

Klare Regeln, eindeutige Moral, scharf erhobener Zeigefinger, treffende Forderungen. Das alles sind seine Themen. Er klagt an; er fordert; er droht; er weiß, was gerecht ist vor Gott. Der kalten Welt begegnet er mit eiskalter Härte. Gegen Unmoarl setzt er moralische Forderung. Er protestiert, benennt, schreit das Unrecht heraus.

Johannes d. Täufer ist vielen von uns sicherlich sehr nahe in seiner Art, zornig zu fühlen. Er ist uns nahe, in der Art und Weise, wie er auf die verdorbene Welt reagiert: mit Schimpf, mit Wut, mir Drohung und Ankündigung des Endgerichtes.

Bleibt uns nicht mehr, als seinen Zorn weiter zu tragen? Und Jesus? Für viele unserer Zeitgensossen ist Jesus doch kaum mehr als der kostümierte greater am Rande einer Traumwelt von Frieden, Versöhnung und Schönheit.

Johannes aber, das ist Realität. Jesus und seine „gute Welt“ aber bloße Vision – ein Traumpark?

„Nach mir kommt ein Mann, der vor mir gewesen ist, denn er war eher als ich“, heißt es in unserem Text. Wie wollen wir diesen Satz verstehen? Nein, ich werde Johannes d. Täufer nicht schlecht machen. Ich will auch kein abwertendes Urteil über Gesetze und das Verlangen nach Gerechtigkeit, Sitte und Anstand aussprechen.

Jesus ist ihm gleich und doch ganz anders: Jesus ist wie Wasser. Es fließt zur Mündung. Es schafft sich seinen Weg trotz felsiger Barrieren. Es bringt Leben.

<b>In die Gnade getaucht, nicht ins Eis</b>

Traditionell gehört zum heutigen 1. Sonntag nach Epiphanias die Erinnerung an die Taufe. Es mag kalt gewesen sein am Tag unserer Taufe, aber wir sind mit Wasser – nicht mit Eis getauft worden. In Christus sind wir der Gnade verbunden, dem Leben, der Lebendigkeit, der Vergebung, dem Wandel, dem Wachsen und Werden. Dessen wollen wir uns gerne vergewissern.

Anders als Johannes weiß Jesus um die Vorläufigkeit aller Moral. Denken Sie doch nur zurück, liebe Gemeinde an das, was in ihrer Jugend verboten, verpönt und mit Strafe belegt war. Und heute? Jammern sie gleich wieder über den Verfall aller Sitten! Es geht nur darum, zu erkennen, dass Moral vorläufig ist, zeitweise gültig. Ist es nicht gut, dass Ketten engherziger Moral zerrissen sind?

<b>Was nehmen wir wahr?</b>

Was nehmen wir wahr? Was halten wir für „wahr“ – für richtig – was nehmen wir für wahr und was halten wir für Lug und Trug?

Johannes droht: Die Axt ist an die Wurzeln gelegt.

Jesus verkündet: Das Himmelreich ist nahe herbei gekommen.

Johannes fordert: Tut Buße.

Jesus spricht: Ich vergebe dir, damit du Buße tun kannst.

Johannes weiß: Alle müssen sich ändern und neu anfangen.

Jesu leidet als Lamm, das der Sünden Welt trägt.

Wir wissen es und tun uns doch oft so schwer damit. Jesus durchbricht den fest gefügten Zusammenhang von Recht und Strafe. Aus Eis wird Wasser. Jesus verwirft weder Recht noch Moral. Er stellt die Gnade darüber. Er bringt, um das Bild noch einmal aufzugreifen, Wärme hinzu. Das Eis taut. Es wird zum Wasser des Lebens.

Wie unbequem dieser Weg Jesu ist, das spüren wir wir, wenn wir Menschen gegenüber stehen, die an uns schuldig geworden sind. Vorwürfe machen, Anklagen formulieren, Fehler vorhalten – glasklar und eiskalt – das ist unser Recht. Und dann? Wie kommen wir zurück ins Leben?

Hans Christian Andersen hat das schöne Märchen von der Eiskönigin geschrieben. Gerda rettet ihren Freund Kai aus der Herzenskälte und Schuld des frostigen Reichs der Eiskönigin.

Wenn man so will, dann zeigt dieses Märchen auch den langen Weg hin zur Versöhnung.

<b>Was Luther dazu sagt</b>

Was Martin Luther dazu sagt hören wir als Schlusswort: „Die Schuld hat nur zwei Orte, wo sie ist. Entweder ist sie bei dir, dass sie dir auf dem Hals liegt, oder sie liegt auf Jesus Christus, dem Lamm Gottes. Wenn sie nur dir auf dem Rücken liegt, so bist du verloren; wenn sie aber auf Christus ruhet, so bist du frei und wirst selig. Nun greife zu, welches du willst. Dass die Sünden auf dir bleiben, das sollte wohl nach Gesetz und Recht sein, aus Gnaden aber sind sie auf Christus, das Lamm geworfen. Sonst, wenn Gott mit uns rechten wollte, so wäre es um uns geschehen.“

Wähle zwischen Wasser und Eis.

Herzlich willkommen, sagt der greater, herzlich willkommen im Reich der Gnade, in der Welt des Friedens. Herzlich willkommen bei den Schwestern und Brüdern. Herzlich willkommen in der Liebe Gottes. Aus Eis ist wieder Wasser geworden. Leben hat Zukunft.

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