Sehen und Staunen

Liebe Gemeinde,

Die Lichter am Baum brennen noch, doch er nadelt schon – unser Christbaum zu Hause und vielleicht auch Ihrer. Noch umfängt uns der Glanz von Weihnachten. Brennende Kerzen und staunende Kinderaugen oder andere weihnachtliche Beglückungen wirken in uns nach. Und gestern der zweite festliche Höhepunkt in der Weihnachtszeit – Epiphanias, das Fest der Erscheinung Gottes im Kind in der Krippe. Epiphanias, so las ich irgendwo, ist das sogenannte „Weihnachtsbedeutungsfest“. Die großen Gefühle des Heiligen Abends treten zurück hinter der etwas nüchternen Frage: Was bedeutet Weihnachten theologisch, jenseits von Kerzen und Tannennadeln? Was ist da geschehen? Wer ist da zur Welt gekommen?

Unser heutiger Text geht dieser Frage nach. In der Person einer der bedeutendsten Gestalten, von denen die Evangelien erzählen: in der Person von Johannes dem Täufer. Vielleicht sehen Sie ihn im Geiste vor sich. In der Bibel wird a er als einer beschrieben, der mit Kamelfell notdürftig bekleidet war, der Heuschrecken aß und das Volk zur Umkehr rief. Vor allem aber als einer, der genau hinsah und die Zeichen seiner Zeit zu deuten verstand. Was der Täufer sah und wie er das deutete, was er sah, davon hören wir jetzt in unserem Predigttext:

[TEXT]

Gott segne an uns sein Wort. Amen.

„Damit Jesus für Israel offenbar werde, darum bin ich gekommen“, heißt es in der Mitte des eben gehörten Textes. Offenbarung, Erscheinung = griechisch: Epiphanie. Damit Israel und damit heute wir erkennen können, wer Jesus ist – das ist das Anliegen des Textes. Dabei wird hier nur eine einzige Handlung geschildert – und zwar im allerersten Satz: Johannes sah, dass Jesus zu ihm kommt. Das Einzige, was Johannes tut, ist: er hinsehen. Hinsehen und das, was er da sieht, in einen größeren Zusammenhang einordnen. Johannes sieht, dass Jesus zu ihm kommt. Und dann ist es, als würde der Film angehalten. In unserem Text erfahren wir nichts weiter von dieser Begegnung zwischen Jesus und Johannes. Wie nach einem Fußballspiel im Fernsehen, das der Kommentator nachträglich noch einmal erklärt, bekommen wir hier den Kommentar eines kompetenten Menschen, der zu deuten versteht, was er sieht. Die Szene läuftt nicht weiter. Statt dessen bringt der Kommentator alles, was er über den Hauptdarsteller weiß, dem lesenden bzw. hörenden Publikum nahe.

Und das ist viel:

1.) Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt. Die Worte mögen uns vertraut in den Ohren klingen. In jeder Abendmahlsliturgie singen wir sie unmittelbar vor dem Empfang von Brot und Wein. Johannes sieht hier tatsächlich schon weit voraus, von der Krippe bis zum Kreuz. Genauer gesagt schaut der Evangelist, der ja das Evangelium zusammengestellt hat, schon von Tod und Auferstehung Jesu her zurück auf den dessen Lebensweg. Verweist auf den Weg, der hier am Beginn seiner Wirksamkeit vor Jesus liegt, Schon hier deutet sich die unfassbare Augabe an, das Dunkle, das Böse, die Sünde der Welt auf sich zu nehmen, zu tragen und dadurch zu überwinden. – Was sieht er noch, der Täufer, wenn er auf Jesus schaut?

2.) „Ich sah, dass der Geist Gottes herabfuhr wie eine Taube vom Himmel und blieb auf ihm.“ Auch das bezeugt Johannes über Jesus. Dafür war er sogar ein Augen- und Ohrenzeuge. Jesus wurde von ihm mit Wasser im Jordan getauft, so wie Johannes das zu tun pflegte. Doch zu dem Wasser kam der Geist Gottes, der sich wie eine Taube auf ihm niederließ. Und er blieb auf ihm, das bezeugt Johannes. Vom Geist Gottes geführt und geleitet, ging er seinen Weg mit allen Höhen und Tiefen, Wundern und Herausforderungen, die dieser Weg mit sich brachte.

3.) „Und ich habe es gesehen und bezeugt: Dieser ist Gottes Sohn!“ Dieser Satz klingt wie eine Zusammenfassung all dessen, was Johannes über Jesus weiß und vor der Welt bezeugen will. In all den Erfahrungen, die er mit Jesus gemacht hat, ist er zu der sicheren Gewissheit gelangt: Dieser ist es, der Auserwählte Gottes, in dem Gott Gestalt annahm und zum Leuchten kam. Dieser ist es, auf den sein Volk so lange gewartet hat und den die Propheten angekündigt hatten. Er, der bleibend mit Gottes Geist beschenkt war, der seinen Weg von der Krippe bis zum Kreuz ging und sein Leben gab zur Rettung für die Menschen.

Am Anfang des neuen Jahres hören wir dieses Zeugnis von Johannes dem Täufer, der auf Jesus verwies. Beeindruckend, wie Johannes so gewaltige Erkenntnisse in Worte fasst und dabei sich selbst immer wieder relativiert. Er bezeichnet sich als „Stimme eines Predigers in der Wüste“, sieht sich als einer unter anderen. Es rüttelt mich auf und ermuntert mich, wie er sein Leben nicht als etwas ausschließlich Privates versteht, bei dem es lediglich darum geht, zwischen Geburt und Tod einigermaßen den Kopf oben zu behalten. Er lebt sein Leben bezogen auf Christus, als einer, der von Jesus Christus zeugt, mit dem, was er sagt und mit der Art, wie er lebt. Er trägt das weiter, was er von Jesus begriffen hat und hilft damit anderen zu erkennen.

Mir ist, als könnte uns der Täufer etwas mitgeben am Beginn des neuen Jahres. Vor einer Woche sind wir über die Schwelle gegangen in‘s Jahr 2007. Da liegen viele Wünsche in der Luft für sich selbst und andere Menschen. Wir wünschen uns, dass Gutes – dass Beziehungen wachsen, die Kinder gedeihen, berufliche Pläne zur Entfaltung kommen. Wer über das eigene familiäre Wohlergehen hinausblickt, wünscht vielleicht Frieden und Gerechtigkeit für unsere Erde – und das sind zweifelsohne enorm wichtige Wünsche. Johannes der Täufer regt uns an zu wünschen, dass auch unser Glaube wachsen möge an Weisheit und Erkenntnis. Johannes regt uns an, genau hinzusehen, wo Jesus zu uns kommen und uns verändern will. Gott möchte uns auch geistlich wachsen lassen – in ein tieferes Erkennen und Vertrauen hinein.

Haben wir Gott gespürt im vergangenen Jahr? Wann und an welchen Stellen? Wie ist er zu uns gekommen, durch wen? Vielleicht in einzelnen Sätzen, die uns haften geblieben sind oder in den Augen bestimmter Menschen, an die wir jetzt denken. Vielleicht gerade in den vergangenen Weihnachtstagen. Hat uns das irgendwie verändert? Und reden wir auch davon, bezeugen wir, was wir gesehen haben – oder sind solche inneren erleuchtenden und beglückenden Momente eher tabu? Wie könnten wir es denn ausdrücken, wer Jesus für uns ist am Beginn des neuen Jahres? Wie würden wir es z.B. in Worte fassen, warum wir jetzt hier sind im Gottesdienst? Dass uns seine Nähe frei macht, stärkt, motiviert für unser Leben? Oder ganz anders? „Dieser ist es!“ – was heißt das für Sie? (Nehmen Sie sich doch zu Hause einmal Zettel und Stift und schreiben Sie Ihre Antwort in 2/ 3 Sätzen auf)

Der Täufer regt uns an, davon zu sprechen in diesem neuen Jahr und Gottes Glanz zum Strahlen zu bringen. Noch leuchten die Lichter am Baum. Sie verweisen auf das Licht der Krippe zurück. Der Glanz von Weihnachten will für uns leuchten und uns erleuchten. Gottes Glanz, der sich in der Weihnachtszeit mit vielen äußeren Dingen verknüpfte, will uns nun auch Herz und Kopf erleuchten für unseren Alltag.

„Gottes Glanz“, so heißt ein Text, den Nelson Mandela bei seiner Antrittsrede als

südafrikanischer Präsident zitierte. Er, der vorher wegen seines Kampfes gegen die Apartheid fast 30 Jahre im Gefängnis gesessen hatte. Ich lese einen Auszug aus dem Text „Gottes Glanz“:

„…Wir sind geboren, um den Glanz Gottes zu offenbaren, der in uns ist. Gottes Glanz ist nicht nur in wenigen von uns, Gottes Glanz ist in jedem Menschen. Wenn wir unser eigenes Licht scheinen lassen, geben wir anderen ebenfalls die Erlaubnis, ihr Licht scheinen zu lassen. Wenn wir uns von unserer eigenen Angst befreien, befreien wir mit unserer Gegenwart auch andere." (Quelle: Der andere Advent, zum 5.1.2007)

Mögen wir mit unserem Leben Zeugnis ablegen von dem, was uns trägt und damit Gottes Glanz weitertragen.

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