Es möge so sein …

Das Neue Jahr hat begonnen. Und schon wieder scheint alles beim alten. Schon wieder veröffentlichen die Frauen– und die Männerzeitschriften ihre Diäten, schon wieder sind die gleichen Vorsätze da wie letztes Jahr, schon wieder ahnt man, schon im März wird es mit ihnen zu Ende sein. Schon wieder ist ein Jahr herum, und man fragt sich: was hat man eigentlich erreicht, gemacht, getan in all der Zeit? Und was hat denn geändert? Die Kriege haben andere Namen, Diktatoren sind von der Weltbühne verschwunden, aber schon stehen andere an ihrer Statt da. Was hat sich geändert durch Weihnachten 2006?

Man könnte diesen Fragen entgegenhalten: Das Neue, das beginnt doch im Kleinen. In kleinen Zeichen. So wie Weihnachten das Kind in der Krippe geboren wird. In einem Stall – so wird es erzählt. Und ein Stern scheint über dem Ganzen. Da scheint der Lauf der Welt einmal angehalten zu sein. Stopp! Es kann nicht so weitergehen. Es wird nicht so weiter gehen.

Und diese kleinen Zeichen, die lassen sich ja auch heute noch finden. Im Lachen eines Kindes.

In einem unerwarteten Lächeln. In einem Geschenk, das von Herzen kommt. In der Gemeinschaft mit Menschen, die einem wichtig sind. In der Geburt eines Kindes.

Das alles und noch viel mehr können Zeichen dieses Neuen sein. Zeichen, die Kraft geben, auch über den Tag hinaus. Zeichen, an die man sich erinnert wie an einen Schatz, die dann auch in der Dunkelheit scheinen wie ein helles Licht.

Aber ich glaube, diese Zeichen sind eben Zeichen. Sie zeigen auf etwas Größeres, etwas, das wir uns als Menschen vielleicht gar nicht vorstellen können. Ein Neues, etwas Neues, das die Dunkelheit wirklich endgültig vertreibt. Ein großes Licht wie es in Liedern an Epiphanias besungen wird. Ein Licht, was den ewigen Kreislauf zum Ende bringt. So dass endlich das Gute sich durchsetzt, Vorsätze eingehalten werden, die Löwen und die Lämmer zusammen grasen – so wie es in einem Bild beim Propheten Jesaja heißt.

Dieses große Licht – das hört sich schwer an wie ein Paradies. Mit Palmen und Sandstrand und alle sind glücklich. Aber wenn es so wäre, dann bräuchten wir ja nur in die Südsee zu ziehen. Und so kann es nicht funktionieren. Denn wir würden ja uns mitnehmen. Mit allen unseren Dunkelheiten, mit allem, was an uns nagt, mit allem, was uns nicht schlafen lässt. Mit allen Wunden. Mit all dem, was uns eben auch zu Menschen macht.

Ein Paradies kann nicht einfach nur ein anderer Ort sein. Ich will es zumindest nicht glauben. Letztlich können auch der Sandstrand und die Palmen nur Zeichen sein für jenes Große, Unvorstellbare, für das Jesaja damals die Worte von dem Lamm und dem Löwen gefunden hat. Wo dann das Baby ohne Gefahr am Loch der Schlange spielen kann.

Vielleicht bräuchte man eine Art Schatzkarte, um dieses Paradies zu finden. Eine Anleitung, das große Licht anzuschalten, oder zumindest den Lichtschalter zu finden. Ich glaube, im Predigttext für heute ist so eine Anleitung versteckt. Der Text stammt aus dem Johannesevangelium. Da ist am Anfang vom Wort die Rede, das Fleisch wird. Eine großartiger Anfang ist das. In kosmischen Dimensionen wird da beschrieben, wie Gott, das Wort, das Prinzip, die Urgewalt – Mensch wird, auf die Erde herabkommt. Der Anfang des Evangeliums ist wie Versuch, das große Licht, das Paradies einzufangen in Worte, wie in einem Gedicht.

Und dann ist das plötzlich die Rede von einem ganz normalen Menschen. Mit ganz normalen Gefühlen. Einem Menschen wie du und ich. Und dieser Mensch hat die ganze Welt satt. Den Kreislauf, den Trott, die anderen Menschen und ihre Unentschiedenheit und Ausflüchte. Er hat das Böse satt in allen seinen Formen. Und er beschließt auszusteigen. Raus aus dem Job, raus aus der Stadt, in die Wüste. Raus aus den bürgerlichen Zwängen.

Johannes, so heißt dieser Mensch, gibt sich damit aber nicht zufrieden. Er ruft die Menschen auf: „Auch ihr könnt nicht so weiter machen, ihr müsst das Neue in Eurem Leben zulassen! Ihr müsst umkehren! Wenn ihr so weitermacht, dann seid ihr schon tot, obwohl ihr noch lebt! Kehrt um! Werdet bessere Menschen!“

Johannes rief das den Menschen damals zu, vom Fluss her, vom Jordan. Als Zeichen für die Umkehr, als Zeichen, dass die Menschen es wirklich diesmal ernst meinten, sollten sie sich taufen lassen. All das Alte, all der Trott sollte abgewaschen, ertränkt werden. Neue Menschen stiegen aus dem Wasser empor.

Johannes hat auf sehr drastische Weise versucht, die Menschen auf das Neue zu stoßen. Hat sie in das Neue hineingestoßen. Er war ungeduldig. Johannes wollte nicht noch ein Jahr abwarten, ob sich dann endlich die Vorsätze erfüllten und die Hoffnungen. Johannes wollte: Umkehr! Jetzt!!!!

Und doch wusste Johannes: auch sein Taufen ist nur ein Zeichen, es ist nicht das Neue selbst. Das große Licht, das Paradies kommt noch. Hören wir dieses in seinen eigenen Worten, so der Schreiber des Johannesevangeliums in seinen Mund gelegt hat.

[TEXT Verse 29-31]

Johannes sagt nicht: „großes Licht“, er sagt nicht: „Paradies“, er sagt: „Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt“.

Vielleicht sagt er das, weil er sagen will: wenn ihr nach dem Paradies schaut, dann schaut nicht nach dem Großen, nach dem Viel, nach dem Neuen, nicht nach dem Lauten, nicht dem Offensichtlichen. Schaut Euch ein Lamm an. Ein Opfertier, das gleich sterben wird.

Was ist das – ein Opfer? Es fängt an mit einem Menschen, der Angst hat. Richtige Angst, weil er morgen operiert wird, weil er morgen die Ergebnisse bekommt. Weil ein Kind geboren wurde und auf einmal ist da die ganze Verantwortung und die Angst um das Kind. Opfer fängt an mit einem Menschen, der sich entlasten will von dieser Angst.

Heute entlasten sich Menschen von dieser Angst auf andere Weise. Sie spenden Geld. Oder sagen: „wenn ich das überlebe, dann will ich oder werde ich …" – und dann opfern sie Zeit, Geld, irgendetwas Wertvolles. Früher waren es Tiere, eben Lämmer, die geschlachtet wurden, um diese Angst loszuwerden.

Anstatt das Tier für mich zu nehmen, das Fleisch selbst zu essen, opfere ich es. Johannes sagt: in einem solchen Opferlamm könnt ihr das Paradies jetzt schon sehen – ganz. Das Neue ist ganz, ganz unten. Und steigt dann empor wie das Licht. Wie die Frau, die in ihrer schweren Krankheit noch anderen Kraft gibt. Wie der Mann, der nach dem Tod seiner Frau jeden Tag einen Marathon läuft, um Geld zu sammeln für andere Krebskranke. Und wie eben in dem gekreuzigten Jesus, der nicht im Tod bleibt, sondern aufersteht.

Ich glaube, es ist wichtig, an dieses Bekenntnis zu erinnern: Jesus bleibt nicht im Tod. Sonst klingt das alles sehr schnell nach: Gott opfert seinen Sohn als Opferlamm für die Sünden der Menschen. Und was wäre das für ein Gott?

Es gibt einen breiten Strom in der Geschichte der Kirche, die trotzdem einen solchen Gott immer wieder verkündigt hat. Aber: es ist ja Gott selbst, der in der Krippe geboren wird, und der dort dann am Kreuz hängt. Und Gott selbst, der stirbt und nicht bei den Toten bleibt.

Das ist das Paradies: ganz unten sein und trotzdem nicht sterben. Ganz unten sein und noch Kraft bekommen. Der Prophet Jesaja sagt: aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Das Paradies ist es, Mensch zu sein, und trotzdem die Hoffnung nicht zu verlieren.

Wenn wir Abendmahl feiern, dann ist das glaube ich eine Erinnerung gerade daran. Wir feiern als Menschen, ganz unten mit dem Lamm. Aber wir feiern auch mit dem Lamm, das den Tod überwand. Dafür gibt es keinen Beleg. Nur die Hoffnung: es möge so sein. Es möge so sein, dass einer von uns, ein Mensch, den Tod überwunden hat. Es möge so sein, dass dieser Mensch Gott war. Es möge so sein, dass dieses gute Ende schon jetzt, mitten unter uns begonnen hat. Es möge so sein, dass das Paradies jetzt schon mitten unter uns da ist, auch wenn es manchmal noch verborgen erscheint.

Es möge so sein: dass Johannes Recht hatte mit seinem Zeugnis:

[TEXT Verse 32-34]

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