Von Leuchttürmen und Lichtverschmutzung

Liebe Gemeinde,

als der Prophet, der in der Forschung „der Dritte Jesaja“ genannt wird und um das Jahr 530 vor Christus lebte, war die Welt noch in Ordnung. Zumindest was die Frage von Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit anging. Wenn die Sonne schien, war es hell und nach Sonnenuntergang war es dunkel. Große Ausnahmen waren die Nächte mit Vollmond. Wenn der Himmel nicht bedeckt war, konnte man am Abend die Sterne sehen und sich sogar danach orientieren.

Als die Weisen aus dem Morgenland, von denen im Neuen Testament berichtet wird, aufbrachen, um einem besonderen Stern zu folgen, war diesbezüglich die Welt auch noch in Ordnung.

Der „Dritte Jesaja“ und die Weisen aus dem Morgenland kannten noch nicht das Wort „Lichtverschmutzung“.

Wenn wir heute über die Aussagen der Bibel nachdenken, über das Licht, das in die Welt gekommen ist, wenn wir über Licht und Dunkelheit philosophieren, dann ist das nicht mehr möglich, ohne gleichzeitig über die „Lichtverschmutzung“ zu sprechen. Lichtverschmutzung? Dieser Begriff ist bei uns noch nicht sehr geläufig, er wird aber immer wichtiger in unserem Leben.

„Lichtverschmutzung“ darunter versteht man die Aufhellung des Nachthimmels durch von Menschen erschaffene Lichtquellen. Künstliches Licht wird in die unteren Luftschichten der Atmosphäre gestreut, bleibt dort hängen und reflektiert das Licht wieder zurück auf die Erde.

Künstliche Lichtquellen „verschmutzen“ so die natürliche Dunkelheit, was man als Stadtbewohner ganz besonders erlebt, wenn es bewölkt ist. Eindrücklich ist die Lichtverschmutzung der Erde aus dem Weltall zu sehen, wo die Megastädte und die Industrienationen nachts deutlich zu sehn sind.

Die Auswirkungen der „Lichtverschmutzung“ auf die Tierwelt sind schon lange nachgewiesen. Wie sich die Lichtverschmutzung auf den Menschen auswirkt, darüber wird noch fleißig geforscht.

Liebe Gemeinde, in unserem Bibelwort geht es um Licht. Mit wenigen Worten sagte der „Dritte Jesaja“ den Menschen damals, einem am Boden liegenden, niedergeschlagenen Volk: Das Licht das von Gott zu uns kommt, macht dein Leben hell. Das Licht deines Gottes ist stärker als die Finsternis der Erde. Das Licht, das Gott dir schenkt, wird alle Menschen von nah und fern anziehen und sie werden zu dir kommen.

„Lichtverschmutzung“ ist ein modernen Begriff, aber vielleicht gibt er doch sehr gut wieder, was viele Menschen heute empfinden, wenn von Gott die Rede ist. Ich zumindest empfinde es so.

Wenn ich ein Bild von der Vorstellung malen sollte, die die Menschen zur Zeit des „Dritten Jesaja“ hatten, dann würde ich das Bild malen, das mir vor Augen ist, wenn ich im Urlaub nachts am Meer sitze: In regelmäßigen Abständen erscheint da aus der Dunkelheit das Blinken eines Leuchtturmes, und das Licht zeigt den Schiffen genau den Weg in den Hafen.

Wenn ich aber ein Bild malen sollte, wie es heute einem Menschen geht, der nach Gott fragt, der nach dem Licht der Welt sucht, nach dem Weg aus der Dunkelheit, nach dem Weg, der dem Leben einen Sinn und ein Ziel gibt, dann ist das wie der Blick in der Silvesternacht von der Nürnberger Burg auf die Innenstadt.

Tausende von Lichtern blitzen auf, eines prächtiger als das andere und das Auge weiß gar nicht, wohin es zuerst blicken soll.

Liebe Gemeinde, unser Leben wird immer differenzierter und komplizierter. Wir haben auf der einen Seite unbegrenzte Möglichkeiten und dennoch ist es auf der anderen Seite, für den Einzelnen immer schwieriger den richtigen Weg für sein Leben zu finden.

War früher der Vater in einer Firma beschäftigt, hat der Sohn versucht auch dort unterzukommen. War der Vater Handwerker Bauer oder Beamter, sollten der Sohn das auch einmal werden. Vieles wurde bestimmt und nicht jeder war glücklich aber doch irgendwie aufgehoben, manchmal vielleicht sogar sicher und geborgen.

Dass man einer Kirche angehörte und dabei blieb, war selbstverständlich, außer vielleicht dass sich durch die Heirat daran etwas änderte.

Heute können Sie allein in Nürnberg zwischen 20 offiziellen Religionsgemeinschaften und Kirchen auswählen, ohne die Sekten dazu zu zählen. Aber vielleicht finden wir das Licht doch eher in der „internationalen Schule des Goldenen Rosenkreuzes“ oder bei der „Self-Realization Fellowship Church“ vielleicht bei der „Neuapostolische Gemeinde“, oder doch eher bei der „Agape-Geschwisterschaft“, aber im „buddhistische Zentrum“.

„Lichtverschmutzung“, wenn wir die Heils- und Lichtangebote betrachten, die wir zur Auswahl haben, können wir sagen: „Jeder Tag ein Silvester!“

Liebe Gemeinde, es wird immer schwerer das eine göttliche Licht in der Welt zu finden das die Dunkelheit erhellt. Auch, wenn wir selbst ein Licht sein wollen in der Welt ist das wahnsinnig schwer überhaupt noch wahrgenommen zu werden, bei so vielen Angeboten. Wird der, der von sich gesagt hat: „Ich bin das Licht der Welt“, wird das Licht des Christentums in der Welt noch gesehen? Sind unsere Angebote zur Lebensbewälltigung, sind unsere Antworten überzeugender als andere?

Wie kann ein Mensch unser Zeit überhaupt noch Licht und Irrlicht unterscheiden.

Nicht immer sind die Lichter mit der größten Anziehungskraft auch die Lichter, die uns Menschen Orientierung geben. Manchmal können Lichter auch blenden, verblenden.

Ich habe mehr Fragen als Antworten. Ich bin zwar davon überzeugt, dass das Christentum ein absolut notwendiges Licht in der Welt ist, zugleich kann ich anderen Religionen nicht das Licht absprechen. Viele haben auch Gottes Geist und Wahrheit erfahren, manchmal anders, aber das Licht ist in Menschen wie z.B. Mahadma Ghandi oder in der berühmten Rede des Häuptling Seattle deutlich zu spüren.

Wo immer in dieser Welt den Menschen an Leib und Seele geholfen wird, wo Hoffnung, Frieden, Gerechtigkeit gestiftet wird, wird es in der Welt hell, ist Gott am Werk.

Liebe Gemeinde, die Welt und die Antworten die die Welt braucht hat sich verändert. Aus meiner Sicht sind es nicht mehr die großen Lichter, die Antworten für alle Menschen haben.

Eher muss man genauer hinschauen, man muss selbst mitdenken und beurteilen was Licht und Irrlicht ist. Sich fragen: Was ist für mich gut? Was hilft anderen wo wird etwas zum Guten verändert?

Und wenn man genau hinschaut, dann stellt man fest: es gibt sie, die vielen kleinen Flammen, der Hoffnung, die nicht als einzelne, aber doch als Masse die Welt hell machen. Es gibt sie, die vielen kleinen Flammen, die zeigen, dass Gottes Geist in der Welt am Werk ist und in unserer Welt die Finsternis aus den Herzen der Menschen vertreibt.

In der ökumenischen Monatszeitschrift „Publik Forum“, die ich nur empfehlen kann, gibt es solange ich mich erinnere eine Rubrik: „Projekte und Modelle“. In dieser Rubrik werden jeden Monat kleine Leuchttürme unserer Gesellschaft vorgestellt, wo Menschen anderen Menschen Hilfe, Orientierung und neue Lebensperspektiven aufzeigen.

Da wird z.B. die letzte Ausgabe von einer Postkartenaktion der Offenbacher Gruppe: „Connection e.V“ berichtet, einer Internationalen Initiative die Kriegsdienstverweigerern hilft. Konkret geht es um einen in Deutschland inhaftierten US-Kriegsdienstverweigerer der nicht mehr gegen den Irak in den Krieg ziehen will.

Oder es wird von einer Aktion berichtet, die Menschen informiert, wie sie sich selbst als Stromkunden von Atomstrom unabhängig machen können und somit einen Beitrag zur Erhaltung der Schöpfung leisten können.

Aller Resignation zum Trotz, wird hier Monat für Monat von kleinen Lichtern der Hoffnung für unsere Gesellschaft berichtet.

„Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Liebe Gemeinde, es sind keine großen Kometen mit breitem Schweif, die uns heute den Weg zu Gott zeigen. Aber es gibt sie, die vielen kleinen Leuchttürme der Hoffnung, die uns vom wahren Licht der Welt erzählen und unser Leben hell machen.

drucken