Augen schließen, um das Licht zu sehen

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel – die neue Form der Predigtvorbereitung</a>]</i>

Liebe Gemeinde!

„Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker …" Höre ich die Worte des Propheten, sehe ich die Bilder der Hinrichtung Saddam Husseins vor mir. Ein Tyrann, der tausendfach morden ließ, der Menschen folterte und scheinbar keinen Skrupel kannte, seine Interessen auf Kosten der Leben anderer durchzusetzen, wird gehängt. Man sieht noch, wie ihm ein Tuch umgebunden und dann die Schlinge um den Hals gelegt wird. Wenig später ist er tot. Diese Exekution wird wie ein großes Freudenfest gefeiert und als wichtiger Schritt zur Demokratisierung des Irak gewürdigt. Inzwischen kursieren inoffizielle Filmchen im Internet, auf denen die vollständige Hinrichtung zu sehen ist und die auf das eigene Handy geladen werden können.

„Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker …" Die Bilder von der Hinrichtung Saddam Husseins wecken in mir zwiespältige Gefühle. Einerseits kann ich die Genugtuung der Menschen verstehen, die unter ihm gelitten haben, die jener dunklen Seite der Macht ausgeliefert waren, die das Leben verachtet und aus politischem Kalkül vernichtet. Andererseits: Wer genau hinschaut, erkennt auch in diesem Despoten nichts anderes als einen Menschen, als solcher Gottes Geschöpf, als solches – wenn auch unter Schmerzen – von Gott geliebt. Und ich spüre, dass dieser Tod, wenn auch durch einen Richterspruch legitimiert, ebenso unrecht ist wie jeder gewaltsame Tod, den ein Mensch erleiden muss.

"Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker …" Auch Israel hat unter solchen Despoten immer wieder leiden müssen. Im Laufe der Geschichte wechselten sie zwar ihre Namen und Gesichter, aber nicht ihre Methoden – im Übrigen: bis heute nicht. Da wurde geplündert, zerstört, gefoltert, deportiert und gemordet. Die Leidensgeschichte dieses Volkes spiegelt sich in einzigartiger Weise in seiner Beziehung zu seinem Gott wider, im ersten Teil unserer Bibel ist dies auf faszinierender Weise nachzulesen. Immer wieder haben sich Berufene damit auseinandergesetzt, haben nach Gott gefragt und ihn zu Wort kommen lassen, haben geklagt und gezweifelt, sind vor diesem Gott weggerannt und haben sich versteckt und haben den Tag der eigenen Geburt verflucht, weil sie dieser Gott, dessen Gedanken sie nicht lesen konnten, in die Nachfolge rief. Und weil er ihnen eine Zukunft versprach, die die anderen Völker in das Heil einbezog. „Und die Heiden werden zu deinem Lichte ziehen …" Anteilgabe war seine Botschaft, nicht Rache!

Unser Text macht das sehr deutlich: Die Israeliten ziehen mit den Völkern gen Zion. Das wird oft als Überheblichkeit interpretiert. Doch man muss sich vorstellen, unter welchen Umständen diese Zukunftsvision gepredigt wurde. Der Tempel ist zerstört, Jerusalem eine einzige Ruine und gerade sind die ersten Exilanten aus der babylonischen Gefangenschaft heimgekehrt; viele andere harren noch in der Fremde aus. Allzu menschlich wäre es gewesen, wenn unser Prophet den Untergang der Völker verkündet hätte und die Erhebung Israels. Auch das hat es gegeben. Aber es war wohl immer Menschenwort, das da in Gottes Worten durchdrang. Wo Gott zur Sprache kommt, redet er von einem gemeinsamen Ziel: Zion, Ort, an dem sich Gott und Menschen begegnen – und zwar alle Menschen.

Epiphanias – Gott offenbart sich. Jerusalem, umkämpft, geliebt, zerteilt im Zentrum von drei Religionen. Dieser Stadt gilt zuerst der Ruf: „Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir! Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker; aber über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erscheint über dir.“

Man muss schon die Augen schließen, um dieses Licht über Jerusalem zu sehen. Man muss die Augen schließen, um zu sehen, was der Prophet sieht. Er sieht ganze Völker wallfahren zu dieser strahlenden Stadt. Er sieht sie ihre Schätze bringen und den Reichtum des Meeres anbranden. Er sieht Gold, Weihrauch und einen Glanz, der über der Stadt liegt. Er sieht mehr als seine Zeitgenossen. Die sahen ein verwahrlostes Jerusalem. Es war etwa das Jahr 538 v. Chr. Die ersten Israeliten waren aus dem babylonischen Exil zurückgekehrt. Sie fanden keine blühenden Landschaften. Vor Augen hatten sie den stockenden Wiederaufbau des Tempels. Der Alltag war mühsam, die Wiedervereinigung mit den Zurückgebliebenen schleppend. Mache dich auf, werde Licht, sagt der Prophet. Er sieht mehr. Er sieht die Stadt im Licht der Herrlichkeit des Herrn. Gottes Offenbarung geht auf wie die Sonne über dem Dunkel der Völker. Jerusalem strahlt wie eine geschmückte Braut.

Epiphanias – Gott offenbart sich. Nicht nur in seinen Worten, wie er sie den Propheten in den Mund legte. Ein paar Jahrhunderte später auch durch einen Menschen, mit dem er sich ganz und gar identifizierte. Jesus redete O-Ton Gottes, er handelte wie er. Und weil der Vater Jesu Christi auch der Gott unseres Propheten ist, treffen sich in ihm alttestamentliche und neutestamentliche Verheißung immer wieder in diesem einen Ziel: alle einzuladen am Tisch des Herrn, im Reiche Gottes, im Hause des Vaters, das so viele Türen hat wie Menschen Gottes Schöpfung bevölkern. In dieser Vision haben Bilder von Menschen, die gewaltsam sterben keinen Platz und niemand wird sich am Leid anderer bereichern können. Der Reichtum liegt vielmehr darin, dass alle die Schätze dieser Welt zusammentragen und teilen. Nicht aus wirtschaftlichem Kalkül oder politischer Notwendigkeit. Sondern allein zur Ehre Gottes!

Epiphanias – Gott offenbart sich.

"Mache dich auf, werde licht …" Wer an diesen Gott glaubt, der alle Menschen liebt, der wird dazu aufgefordert, dieser Zukunft entgegenzugehen wie die drei Weisen aus dem Morgenland. Und zwar mit eigenen Worten und Taten. Das ist nicht leicht in einer Welt, in der es viel Dunkelheit gibt. Aber für die vielen Menschen, die darin gefangen sind, kann es eine letzte Hoffnung sein, Licht am Ende des Tunnels sehen zu dürfen.

Wenn ich mich umsehe in unserer Gemeinde, da sehe ich Menschen auf der Suche nach Schritten in das neue Jahr. Andere sehe ich auf neuen Wegen im Beruf und in der Familie. Ich sehe Menschen auf ihrem letzten Lebensabschnitt. Ich sehe Gesunde und Kranke. Ich sehe Menschen, die zuhören, trösten, besuchen und begleiten. Ich sehe kleine verkleidete Könige mit einem Stern durch die Straßen ziehen und für arme Kinder sammeln. Es leuchtet über denen, die im Dunkel wohnen. Es leuchtet über denen, die anderen ein Licht bringen. Es leuchtet über denen, die dem Stern folgen.

Epiphanias – Gott offenbart sich. Ich blicke nach vorn. Ich bin kein Prophet. Doch meine Hoffnungen bekommen Farbe im letzten Buch der Bibel. In der Offenbarung wird der biblische Bogen der Geschichte vollendet. Sechshundert Jahre sind vergangen, seit der Prophet Jerusalem im Licht der göttlichen Herrlichkeit hat leuchten sehen. Auf der Insel Patmos hat ein anderer Seher Visionen. Bilder des Schreckens hat die Geschichte genug gesehen. Die Apokalypse des Johannes kennt sie alle und malt sie in drastischen Bildern des Infernos. Am Ende seiner 22 Kapitel aber schreibt Johannes der Seher: „Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel gekommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst, Immanuel wird ihr Gott sein.“ (Offb.21,2) Auch seine Bilder kreisen am Ende um den Zion.

Epiphanias – Gott offenbart sich. Darum können wir getrost auf sein Wort hin es wagen. Mache dich auf, werde licht; denn dein Licht kommt, und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir!

drucken