Vertrauen und loslassen

Liebe Gemeinde,

wenn wir heute, am ersten Tag eines neuen Jahres, sicher in erster Linie auf die Zukunft, auf die vor uns liegende Wegstrecke schauen, dann gehört wohl bei fast jedem und jeder eines dazu: Gute Vorsätze. Wir machen Pläne und nehmen uns vor, alte Fehler nicht zu wiederholen und die Chance des Neuen zu nutzen.

Doch wie entkommen wir der immer wiederkehrenden Erfahrung, dass schon nach kurzer Zeit sich die meisten dieser Vorsätze in Wohlgefallen auflösen, oder sich zumindest stark relativieren?

Unser heutiger Predigttext will uns dabei eine Grundrichtung angeben. Er steht in dem Buch der Sprüche, in dem wir immer wieder so herzerfrischend alltägliche und doch so göttliche Lebensweisheiten entdecken können.

[TEXT[

Neun prallvolle Lebensweisheiten auf einmal! Da verliert man ja gleich wieder den Überblick, den man sich für das Neue wünscht. Geht das nicht kürzer und damit klarer?

Ja, es geht kürzer! Alle neun Verse des Textes lassen sich nämlich. auf ein kleines Wort aus vier Buchstaben reduzieren! Es ist das kleine Wort „aber“.

Dreimal kommt es in unserem kleinen Abschnitt vor: ganz am Anfang gleich zweimal: Dem Menschen gehören die Überlegungen des Herzens, aber von Gott kommt die Antwort der Zunge. Alle Wege des Menschen sind rein in seinen Augen, aber der die Geister prüft, ist Gott. Und dann ganz am Schluss: Das Herz des Menschen erdenkt seinen Weg, aber Gott lenkt seinen Schritt.

So erhält die ganze Fülle von Lebensweisheit durch dieses kleine Wörtchen geradezu den entscheidenden Rahmen.

Aber bedeutet, dass noch etwas übersehen und vergessen ist, dass noch etwas anderes zu berücksichtigen ist, Es weist auf eine andere, tiefere Dimension aller Vorsätze, Pläne und Programme: Wir haben es – das vergessen wir eben oft bei unseren Vorhaben – unter allen Umständen mit Gott zu tun.

Spüren sie, wie dieses „aber“ das eigene Denken, Reden und Planen zurechtrückt?

Ich möchte mit Ihnen deshalb diesen Rahmen in drei Schritten abschreiten: Das 1. „Aber“ betrifft unser Denken, Planen und Wollen: „Dem Menschen gehören die Überlegungen des Herzens, aber von Gott kommt, was die Zunge reden wird.“

Kennen Sie auch diese schmerzliche Differenz zwischen den Gedanken und Wünschen unseres Herzens und der oft erfahrenen Unfähigkeit, sie in richtige Worte zu fassen. Da will ich reden, aber ich kann nicht. Und oft weiß ich nicht einmal, ob dieser Zwiespalt aus der Unkonzentriertheit oder der Scham kommt. Oder ob es Angst vor der Blamage ist, oder einfach der richtige Partner fehlt, der zuhört und dem ich mein Herz offenbaren kann. Dabei weiß ich doch: Das rechte Wort im richtigen Moment, darauf kommt alles an.

Da ist dieses „aber“ für mich in erster Linie nicht Einschränkung sondern Entlastung, Hilfestellung. Gott ist es, der die rechten Worte zur rechten Zeit schenken will und kann. Sicher können wir es lernen, die Gedanken und Pläne des Herzens zur rechten Zeit richtig auszusprechen. Aber wir brauchen Seine Hilfe.

Dieses „aber“ wäre aber falsch verstanden, wenn wir darin etwa eine Abwertung unseres menschlichen Denkens, Planens und Wollens sehen würden. Der Mensch hat vielmehr von Gott die Fähigkeit erhalten, sein Handeln zu planen und sein Vorgehen verantwortlich zu bestimmen. Dazu hat ihm Gott das „Herz“ gegeben. Es gehört also zur Verantwortung des Menschen, über seinen Weg nachzudenken, ihn zu planen, aber das Gelingen seines Planes steht nicht in seinem Vermögen. Er ist verantwortlich für seinen Weg in die Zukunft, aber die Zukunft steht nicht in seiner Hand. Das „aber“ macht deutlich, dass es da noch mehr gibt, dass wir mit unseren Konzeptionen und Klügeleien

nicht allein auf der Welt sind.

Nur Gott überschaut das Ganze. Er allein kennt das Ziel, Er lenkt die Schritte. Er hat das erste und das letzte Wort über unseren Weg. Alles hat seinen letzten Grund in Gott.

Merken sie, wie das entlastet? Davor, sich allzu wichtig zu nehmen, sich zu viel aufzubürden, sich selbst zu überfordern, ganz auf sich allein gestellt zu sein, gegen alles Unbekannte gefeit sein zu müssen, aus eigenem Vermögen.

Das 2. „Aber“ betrifft nun unsere Selbsteinschätzung: Alle Wege des Menschen sind rein in seinen Augen, aber der die Geister prüft, ist Gott.

Gott sieht alles, er kennt die innersten Gedanken des Menschen; auch wenn der Mensch selbst von keiner Schuld weiß, kennt Gott ihn noch besser.

Das heißt nun aber nicht: „big brother is watching you.“ Hier ist nicht von einem Aufpassergott die Rede, vor dem wir zittern und uns verkriechen müssten. Aber in einer Zeit, wo es – nicht nur unter Politiker – allgemeine Tendenz ist, stolz auf seine weiße Weste zu sein, blind für Irrtümer und Versäumnisse zu sein. und Unrechtbewusstsein abzulehnen, fällt Selbstkritik äußerst schwer. „Aber Gott prüft die Geister.“, so konfrontiert die Weisheit der Sprüche mit der Tatsache, dass wir was uns selbst betrifft, doch so oft blinde Flecke haben.

Dieses „Aber“ ist eine Einschränkung unserer Selbsteinschätzung, die uns jedoch wie das erste Aber entlasten will und nicht bedrohen. Wir können Gott ruhig das Urteil überlassen. Wir müssen weder Richter spielen, – nicht über uns selbst und nicht über andere – noch Staatsanwalt und Ankläger sein. Wir müssen auch nicht die Rolle des Verteidigers übernehmen. Denn wir brauchen die Prüfung Gottes nicht zu fürchten. Als Christen dürfen wir nämlich vielleicht noch gewisser als die Menschen des alten Bundes sein, dass das Urteil Gottes uns niemals vernichten wird, denn: „Wer will verdammen? Christus ist hier, der gestorben ist, ja vielmehr auch auferweckt ist, welcher ist zur Rechten Gottes und vertritt uns.“

Wir können also getrost unser Leben verantwortlich anpacken, planen und gestalten. Das Urteil darüber liegt in wahrlich guten Händen.

Das 3. „Aber“ ist nun eine Einladung zum Vertrauen und Loslassen, das zentrale Thema eines Neujahrmorgens.

„Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg; aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.“ Deshalb: „Befiehl dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.“

Sage nicht „wenn“: „Wenn ich sicher wäre, dann würde ich dieses oder jenes tun.“ „Wenn ich sicher wüsste, dass alles gut geht, dann wäre ich ruhiger.“ Wer nur „wenn“ sagt, vergrößert nur seine Schwierigkeiten und Sorgen. Er kann nicht loslassen und vertrauen. Der verzettelt seine Kräfte und gibt zu früh auf. Der macht sich kleiner als er ist.

Es geht Vertrauen und loslassen.

Wenn Probleme drängend, Ängste zu stark werden, Hindernisse wie große Steine im Weg liegen, dann fragen: frage lieber „wie“! „Wie kann ich das Problem lösen? Wie kann ich die Steine beseitigen oder umgehen?“

Du weißt doch um diese andere Möglichkeit: „Befiehl dem Herrn deine Werke, so wird dein Vorhaben gelingen.“

Haben Sie auch schon entdeckt, dass es da in Ihnen zwei Anteile, geradezu zwei Ichs gibt, wobei das eine gegen das andere kämpft?

Da ist das ängstliche, mutlos und müde machende Ich. Es ist der Ursprung von aufreibenden Sorgen und von Erwartungsängsten. Es meint, es müsse alles selber tun, alles selber bewältigen. Dieses Ich bewirkt das Gegenteil von freier und gelassener Erwartung. Und das Streben nach einer Sicherheit, die es nicht gibt. Es verführt dazu, Sicherheit mit Gewissheit zu verwechseln. Gewissheit reicht nämlich tiefer und weiter, macht gelassen und mutig.

Aber dieses Ich ist das stolze Herz, das auch keine Fehler machen darf, und wenn es denn Fehler macht, dann werden die erklärt, wegrationalisiert … Dieses Ich ist Gott ein Gräuel. Denn es erdenkt sich seinen eigenen Weg und legt mich dann auf mich selber fest, zieht mich ab von mutigen Schritten in das Offene der Zukunft.

Vertrauen und loslassen.

Zum Glück gibt es da aber auch das andere Ich, das Gott auf meiner Seite sieht. „Aber der Herr allein lenkt meinen Schritt.“

Dieses Ich will über das andere, das ängstliche und stolze Ich hinauswachsen. Es will mich öffnen für alles nicht Geplante und nicht Berechnete, für Gelassenheit und den Frieden des Herzens. Es macht das Herz größer, weiter und fester.

Dieses Ich sagt mir: „Vergiss nicht, dass du Flügel hast, die dich über dein anderes Ich hinaustragen können, die dir innere Kraft, Mut und Vertrauen verleihen.“

Luise Rinser sagt dazu: „Wir haben viel stärkere Flügel, als wir glauben. Wir wagen nur nicht, sie zu entfalten. Wir wagen nicht zu fliegen. Wir machen kleine Pläne. Wir stecken sie auf dem Erdboden ab und bewegen uns dann vorsichtig und töricht wie Hühner im Abgesteckten und ängstlich Begrenzten. Warum aber? Draußen und darüber ist die unendliche Weite.“

Vertrauen und loslassen –

Vergiss in den 365 Tagen des neuen Jahres nicht, dass du Flügel hast. Dann wirst du erleben, dass nicht dein „Ja aber“, sondern Gottes „Aber“ dich bestimmt.

„Aber von Gott kommt, was die Zunge reden wird.“ „Aber Gott prüft die Geister.“ „Aber Gott lenkt deinen Schritt.“

Vergiss nicht, dass du Flügel hast!

Mit einem Wort aus China möchte ich schließen:

Ich sagte zu dem Engel, der an der Pforte des neuen Jahres stand: Gib mir ein Licht, damit ich sicheren Fußes der Ungewissheit entgegengehen kann!Aber er antwortete: Gehe nur hin in die Dunkelheit. Und lege deine Hand in die Hand Gottes! Das ist besser als ein Licht. Und sicherer als ein bekannter Weg!

„Deshalb bitte ich nicht um Wunder und Visionen, Herr, sondern um die Kraft für den Alltag. Lehre mich die Kunst der kleinen Schritte.“ (A. de Saint-Exupéry)

drucken