‚Ganz der Vater!‘

Liebe Konfirmanden, liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

Als die stolze Mutter zum ersten Mal ihr Neugeborenes präsentiert, kommt große Freude auf, ein neuer Mensch hat das Licht der Welt erblickt. In die Freude hinein fallen drei Worte der Großmutter: „Ganz der Vater!“ – So oder so ähnlich haben wir das vermutlich alle schon erlebt. Bleiben wir einmal bei diesen Worten: „Ganz der Vater“.

Die Naturwissenschaft lehrt, dass sich ein Mensch nur zur Hälfte aus den Genen seines Vaters und seiner Vorfahren entwickelt hat. Die andere Hälfte sind die Gene seiner Mutter und ihrer Vorfahren. Theoretisch kann also kein Mensch „ganz der Vater“ sein. Und trotzdem muss auch ein Naturwissenschaftler zustimmen, dass ein Mensch augenscheinlich ein Gesicht, einen Körperbau und ein Wesen haben kann, dass „ganz der Vater“ ist.

Der Begriff „Vater“ meint eben weitaus mehr als nur dessen Gene. Die Begriffe „Vater“ oder „Mutter“ umfassen auch alles andere, was einen Menschen in seinem Leben geprägt hat, die elterliche Haltung zu den Dingen, die mütterlichen oder väterlichen Gedanken und Gefühle, ihre Fähigkeiten und Begabungen, ihre Interessen und Vorlieben und vieles mehr, was uns alle mehr oder weniger geprägt hat. Auch der Glaube oder Unglaube gehören dazu. Wir werden kein Gen für den Glauben an Gott finden, doch die Grundlage für einen tiefen Glauben wurzelt – so erlebe ich das oft – in der Familie.

Und lesen wir in der Bibel nach. Unsere Heilige Schrift bewahrt die Erinnerung an den Glauben der Erzväter Abraham, Issak und Jakob und hat in ihnen stets Vorbilder, Lichter oder Leuchttürme des Glaubens gesehen. Und zur Christnacht gehört die Lesung des Stammbaumes Jesu, die ersten Verse des Neuen Testamentes.

Es ist für mich faszinierend, mir vorzustellen, dass uns Gottesdienstbesuchern heute morgen vielleicht ein kleines Haar von der Schulter fällt oder eine Hautschuppe beim Kratzen herunterrieselt, und damit auch der Kern für unser gesamtes Genmaterial. Ich finde die wissenschaftliche Genforschung, die mit den Vererbungsregeln des Augustinermönches Gregor Mendel im Jahre 1856 – vor 150 Jahren – eröffnet wurden, äußerst spannend. Denn heutzutage entdecken die Forscher immer deutlicher, dass die Gene nur die eine, die messbare, sichtbare Seite menschlicher Entwicklung erklären können. Die Genforschung kann uns z.B. nicht erklären, warum ein Mensch „ganz der Vater“ sein kann, warum es Musikerfamilien oder ähnliche Prägungen in den Familien gibt usw..

Vielleicht liegt es an der Nähe zum Christfest, dass diese Gedanken heute in meine Predigt einfließen. Denn das Weihnachtsfest ist in vielfacher Hinsicht ein Familienfest. An keinem anderen Festtag im Jahr denken die Mitglieder einer Familie so innig an die Anderen, oft auch an diejenigen, die verstorben sind oder diejenigen, zu denen eine gespannte oder gar keine Beziehung mehr besteht.

Andererseits, wie schwer haben es manche Menschen, wenn sie an ihre Familie denken, z. B. Menschen, die allein leben. Oder können Sie sich vorstellen, „ganz ohne Vater“ aufgewachsen zu sein? Ohne die Kenntnis, wie er ausgesehen hat, sein Gesicht, seine Stimme? Ohne seine Gedanken zu kennen oder seinen Glauben? Was kann ein Mensch, der vaterlos aufgewachsen ist, mit dem biblischen Wort „Vater“ anfangen? Verbindet er oder sie nicht immer den Schmerz eigener Vaterlosigkeit.

Und dann stellen wir Maria und Josef und das Jesuskind in die Krippen zuhause und in unsere Kirchen und feiern die heilige Familie. Und dann hören wir heute einen Predigttext aus dem Johannesevangelium, des „rechten, zarten Hauptevangeliums“ (Martin Luther), in dem der Begriff „Vater“ einhundertsechsunddreißig mal verwendet wird.

Hören wir aus dem 12. Kapitel die Verse 44-50:

"[TEXT]"

Jesus war durchdrungen und beseelt von einem ganz starken Vaterbewusstsein. Er ist eins mit dem Vater, ja, wer ihn sieht, sieht Gott, seinen Vater. Er ist im wahrsten Sinn des Wortes „ganz der Vater!“ Für Jesus schwingt in dem Wort „Vater“ alles mit, der leibliche und der geistliche Vater, der irdische und der himmlische, sein eigenes irdisches Leben und das ewige, himmlische Leben, das der Vater ihm und allen Gläubigen schenken will.

Ewiges Leben bedeutet für Jesus göttliches Leben, bedeutet unvergängliches und unsterbliches Leben, stark wie die Liebe und sprudelnd wie eine Wasserquelle, lebendig wie ein Weizenkeimling und zart wie ein Hauch. Ewiges Leben heißt für Jesus wirklich authentisches, echtes Leben: „Ich bin das Brot. Ich bin der wahre Weinstock. Ich bin das Licht und das Leben!“ Solch ein Leben, solch ein Lebensgefühl soll in uns stark werden nach dem Vorbild Christi.

Unsere Eltern haben uns unser Leben und vieles mehr mit auf unseren Weg gegeben. Ohne Eltern kann auch Gott nichts tun! Und nun kommt das Christuskind in unsere Welt, um uns ewiges Leben zu schenken, mehr Leben als uns unsere leiblichen Eltern geben können, mehr Licht und mehr Liebe.

Das Christuskind ist das Bild Gottes in dieser Welt, denn wir können uns selbst kein anderes Bild von Gott machen. In seinem Angesicht sehen wir das Antlitz Gottes, den kein Mensch je geschaut hat. In seinen Worten hören wir die Stimme unseres Gottes, der für unsere Ohren schweigt. In seinen Händen spüren wir den heilenden Segen unseres Gottes, der keine anderen Hände hat als die Hände Jesu und seiner Nachfolger. In seiner Barmherzigkeit erlischt alles unversöhnliche Feuer, das so unendlich viel Unfrieden und Schmerz, Leid und Krieg schafft. Und in seiner Liebe fühlen wir staunend die wahre Macht hinter den Dingen.

Und weil die Liebe unseres Vaters nicht eine hohle Phrase ist, kann Jesus so selbstsicher auch vom Gericht Gottes sprechen. Die Frohe Botschaft Jesu Christi und der christliche Glaube sind keinesfalls nur ein interessanter Beitrag zu einer religiösen Diskussion, ob es einen persönlichen Gott gibt oder nicht, einer Diskussion, in der jeder seine Meinung – je nach Belieben – sagen oder behalten kann. Die Wahrheit, die Jesus hier verkündet, ist die Wirklichkeit des Lebens. Und die Wirk-lichkeit wirkt sich auf unser aller Leben aus.

Jesus nennt diese letzte Auswirkung auf unser Leben das Gericht. Doch er droht uns dieses Gericht nicht an wie ein Vater, der plötzlich nicht mehr weiter weiß oder mit seiner Weisheit am Ende ist. Für Jesus bedeutet das Gericht, dass die Menschen selbst „die Finsternis mehr lieben als das Licht“ (Joh. 3,19). Jesus möchte wie ein guter Vater uns und alle Menschen schlicht und ergreifend davor schützen, dass uns Bösartiges widerfährt, dass wir krank werden, dass wir uns auf Abwege begeben, und schließlich, dass wir am Ende, am Jüngsten Tage, – genauer übersetzt, am „Letzten Tag“ – bewahrt und gerettet werden.

Liebe Gemeinde, ich hatte mit dem neugeborenen Kind begonnen, das so „ganz der Vater“ sein sollte. Schließen möchte ich wieder mit einer Familiengeschichte, die uns die wirkenden Kräfte in Familien auf schmunzelnde Weise vor Augen führt:

„Die Familie war um den Weihnachtstisch versammelt. Der älteste Sohn eröffnete plötzlich, er werde das Mädchen von gegenüber heiraten.

„Aber ihre Familie hat ihr nicht einen Cent hinterlassen,“ sagte der Vater missbilligend.

„Und sie selbst hat nicht einen Cent gespart,“ ergänzte die Mutter.

„Sie versteht nichts von Fußball,“ sagte Junior.

„Ich habe noch nie ein Mädchen mit solch einer komischen Frisur gesehen,“ sagte die Schwester.

„Sie tut nichts als Romane lesen,“ sagte der Onkel.

„Und sie zieht sich geschmacklos an,“ ergänzte die Tante.

„Aber sie spart nicht an Puder und Schminke,“ sagte die Großmutter.

„Alles richtig,“ sagte der Sohn, „aber sie hat verglichen mit uns einen großen Vorteil.“ – „Und der wäre?“ wollten alle wissen.

„Sie hat keine Familie.“ (frei nach: Anthony de Mello, Warum der Schäfer jedes Wetter liebt. Verlag Herder, Freiburg, 1990)

Dagegen halten wir die Heilige Familie. Dagegen halten wir Jesus. Er ist „ganz unser Vater“. Unsere eigene Familie ist wohl das starke Fundament unseres Lebens, doch es gibt eine größere Gemeinschaft, von der Dietrich Bonhoeffer gesagt hat: „Wir müssen uns immer wieder sehr lange und sehr ruhig in das Leben, Sprechen, Handeln, Leiden und Sterben Jesu versenken, um zu erkennen, was Gott verheißt und was er erfüllt. Gewiss ist, dass im Leiden unsere Freude, im Sterben unser Leben verborgen ist; gewiss, das wir in dem allen in einer Gemeinschaft stehen, die uns trägt.“

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