Ein Licht der Erde

Liebe Gemeinde,

wir begehen heute den Sylvester-Abend, genannt nach einem römischen Bischof, der am 31.12.335 gestorben sein soll. Sylvester kann übersetzt werden mit „ein Licht der Erde“ – ein schönes Motiv, wie ich finde, um von Weihnachten herkommend das ausgehende Jahr zu verabschieden und das neue zu begrüßen. Der Bischof Sylvester, der später auch Papst geworden ist erhält in der Legende der Heiligen, wie sie genannt wird, eine besondere Stellung. Er soll Kaiser Konstantin, mit dem das Christentum als Religion erstmal erlaubt worden ist, den Inhalt der christlichen Lehre gelehrt haben und sein persönlicher Ratgeber geworden sein. Zwei schöne Bilder also, für uns unerheblich, ob sie historisch richtig sind oder erfunden: zwei schöne Bilder, die zum Ende des Jahres uns Orientierung geben wollen. Wir kommen von Weihnachten, ja sind sogar noch mitten in der Weihnachtszeit mit „dem Licht der Erde“ und bereiten uns vor auf das neue Kalenderjahr 2007, indem wir uns Orientierung suchen am dem Wort der Heiligen Schrift. Hören wir also zunächst jenes Wort aus dem Evangelium nach Johannes im achten Kapitel, die Verse 31 bis 36:

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Ursprünglich, liebe Gemeinde, war dieses Predigtwort einmal dem Reformationsfest zugeordnet, weil es um die Freiheit des Wortes Gottes ging. Nun finden wir es am Altjahrsabend und wollen versuchen, es im Sinne unserer zwei Bilder vom Anfang zu bedenken. Im Predigtwort geht es nicht um die Juden, auch wenn sie hier ausdrücklich genannt sind. Sie waren und sind das geliebte Volk Gottes, das Volk des ersten Bundes und dürfen hier verstanden werden als die Gläubigen, die Gottes Rede kannten und versuchten danach zu leben. Denn sie sprechen: „wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen.“ Jesus aber spricht durch sie uns alle an, die wir versuchen unser Leben nach Regeln und Ordnung in den Griff zu kriegen. Jesus weiß um den Ernst dieser versuchten Nachfolge, aber er weist uns einen anderen Weg. Nicht die Regel, nicht die Ordnung ist die Erfüllung des Gesetzes, sondern allein das Bleiben an Jesu Wort. Aber tun wir das nicht alle? An Jesu Wort bleiben, indem wir es im Gottesdienst hören und bedenken, indem wir zu Hause die Heilige Schrift lesen und meditieren, indem wir den Tagesbeginn unter das Losungswort stellen? Doch, das ist schon richtig, es gut und heilsam – ja, ich sage es ja oft: es ist eine wichtige Übung, die wir dort treiben. Dem Wort nachzuforschen und es wirken zu lassen in unserem Leben. Manchmal tut es mir im Herzen weh, dass so wenige Menschen begreifen wollen, wie wichtig diese Übung des Glaubens ist und wie notwendig die Gemeinschaft der Gläubigen auch am Sonntag für jeden einzelnen ist. Das soll heute nur am Rande sein, meine kleine Episode: Ich war am Do. bei unserem HSV, der ja jedes Jahr ein Kickerturnier veranstaltet. Ich fühlte mich nicht schlecht gewappnet – bisher hat mich noch kein Konfirmand im Kickern geschlagen. Dort aber bin ich zusammen mit meinem Spielpartner im Achtelfinale ausgeschieden, weil es viele gute Spieler gibt – Spieler mit weit mehr Übung, als ich sie aufbringen kann. Ich wünschte, die Menschen würden begreifen, dass sie auch für ihre geistlichen Belange eine Übung brauchen – die einfachste Übung, die wir anbieten bleibt der Gottesdienst. Und ich bin sicher, wer diese Übung oft tut, der wird nicht schon im Achtelfinale ausscheiden.

Wir wollen aber heute vom Wort reden, vom Bleiben an Jesu Wort, welches frei macht. Wer die Schrift liest und die Lesungen hier hört, wer seinen Kalender jeden Tag mit einem Schriftwort öffnet, wer also darin Übung sucht, der wird mit der Zeit merken, dass die Worte, die dort geschrieben stehen, sich öffnen. Der wird merken, dass die Worte nicht nur Buchstabenfolgen sind, die Sätze bilden, die mehr oder weniger gut zu verstehen sind. Sondern er wird die Erfahrung machen, dass diese Worte Leben besitzen, lebendig werden, weil sie anfangen, den Einzelnen anzusprechen. Das ist für mich immer wieder die faszinierendste Erfahrung mit dem lebendigen Wort Gottes: die Worte fangen an, in mein Leben, meine Situation, meine Stimmung, mein Lage hinein zu reden. Ganz persönlich, ganz individuell, so als wären sie direkt für mich geschrieben.

Denken Sie, liebe Gemeinde, von der anderen Seite her: wir kennen alle Worte, die gefangen nehmen, die uns binden wollen, weil sie böse Worte sind. Gehen Sie in Ihrem Kopf das ablaufende Jahr 2006 durch, welche Worte sie persönlich oder uns alle in solcher Weise getroffen oder gebunden haben. Viel Verletzung gab es auch bei uns, Streit und gegenseitige Anklage. So weit und so viel, dass das die Worte über Hilpoltstein hinaus gegangen sind und wiederum dafür gesorgt haben, dass unsere kleine Gemeinschaft mit einem seltsamen Beigeschmack erwähnt wurde. Die tödlichste Waffe ist immer noch das böse Wort und ich selbst war manchmal erschrocken, wie direkt es wirkt und Lethargie um Lähmung verursacht. Ich persönlich meine, wir hätten hier mehr Hoffnung und mehr guten Mutes verdient, als wir es letztes Jahr oft genug gelebt hatten.

Die persönlichen Worte werden sie für sich allein benennen können: wo gab es Verletzung und Verhinderung, Missverständnis und offen gelebte Feindschaft. Auch hier ist der Tratsch und das böse, versteckte Wort immens wirkungsvoll – ich wollte, die Menschen könnten ihre Auseinandersetzung mehr mit offenen Worten führen!

Jesus aber verweist uns auf sein Wort des Lebens, an das wir uns halten dürfen und das uns verwandeln will hin zu einem gerechteren und besseren Menschen. Dem Menschen, der immer mehr dem Bilde Gottes entspricht, als welches er geschaffen war. Ich habe Ihnen deswegen eine kleine Geschichte mitgebracht, die verdeutlicht, worum es bei diesem Worte geht. Da war ein Kriegsgefangener in einem beliebigen Lager eingesperrt und musste seine Jahre absitzen, bis die Freilassung kam. Im vorgesetzt war ein junger Soldat, der diesen Menschen – ohne äußeren erkennbaren Grund – schlechter behandelte als die anderen Gefangenen. Er tat dies mit der mühevollsten Arbeit, dem wenigsten Essen, den meisten Störungen im Alltag, kurzum mit allem, was ihm an Schikanen zur Verfügung stand. Das war aber nicht das Schlimmste, was den Gefangenen quälte. Das Schlimmste waren die Worte des jungen Soldaten. Keine Schimpfworte, keine Beleidigung, nur der Satz: „Du bist noch nicht dran, noch lange nicht!“ Diese Satz, dieses Wort verfolgte den Gefangenen des Tags und ließ ihn nachts nicht schlafen: „Du bis noch nicht dran, noch lange nicht!“ Wie er später erzählte, wäre er wohl daran zugrunde gegangen, so traf ihn dies Wort im Herzen, hätte er nicht zwei Gegenworte gehabt. Das eine war das Wort seiner Frau, die ihm sagte: „Ich werde auf dich warten und jeden Tag an dich denken!“ Ein Wort des Lebens, dass jemand einen liebt und an ihn denkt. Das andere war ein Wort der Heiligen Schrift – unsere Jahreslosung von 2006: „Ich lasse dich nicht fallen und verlasse dich nicht!“ Ebenfalls ein Wort des Lebens, ein Wort, das Hoffnung gibt und Mut zum Weiterleben schenkt. Nach der Erzählung des Gefangenen haben ihn diese beiden Worte gerettet, ihn die Zeit überstehen lassen und haben ihm geholfen, sich wieder zu integrieren in die Gesellschaft, die ihm Jahre versperrt geblieben ist.

Worte des Lebens, liebe Gemeinde, wie wir sie zu Hauff in der Schrift finden. Worte, die Jesus seinen Jüngern und Nachfolgern mit gibt; Worte, die wir hören, wenn wir die Runden am Tisch des Herrn beenden; Worte, die wir hören bei der Gnadenzusage am Anfang des Gottesdienstes und die am Ende eines jeden Gottesdienstes stehen. Worte, liebe Gemeinde, die die Kraft haben, unseren Sinn zu ändern. Worte, die die Macht haben, den bösen Worten zu widerstehen, wie in unserer Erzählung geschehen. Worte, die in unser Herz eindringen können und uns Licht und Leben schenken, wenn wir bereit sind, diesen Schatz für uns anzunehmen. In unserem Predigtwort spricht Jesus davon, dass der Sohn ewig im Hause bleibt, der Knecht jedoch nicht. Ich übersetze es heute Abend frei für uns alle: wer sich die Worte nur leiht oder sie nur verwaltet, der wohnt nicht in ihnen – das ist die große Gefahr. Wir können täglich Bibelsprüche auf den Lippen tragen, wenn sie unser Herz nicht erreicht haben, werden wir aus ihnen keine Kraft schöpfen. Wer sich aber einlässt auf die Kraft der Sprache Gottes, dem werden die Worte zum Eigentum geschenkt – Kinder des lebendigen Gottes können wir werden. Und diese Worte werden ihn frei machen. „Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“

Sie wissen es alle, liebe Gemeinde: der Übergang heute Nacht vom 31.12.2006 auf den 01.01.2007 ist ein beliebiger Zeitpunkt. Er ist nicht wichtiger als alle anderen Minuten und Sekunden unseres Lebens. Aber er kann helfen, einen Augenblick inne zu halten und über sein Leben nach zu denken, um mit Freude und Zuversicht in dieses Jahr 2007 zu gehen. Ich wünsche Ihnen allen im Sinne der Namensbedeutung von Sylvester: „ein Licht in der Welt“ mit dem mächtigen Wort von Jesus Christus, das über unser aller Leben gestellt ist: „Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen!“

Und der Friede Gottes, der die stärkste Kraft in eurem Leben sei kann, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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