Ein freies neues Jahr

Liebe Gemeinde!

I.) Zu den festen Ritualen in den Tagen zwischen Weihnachten und Silvester gehört es, dass man allen, die man zum letzten Mal im alten Jahr sieht, noch einen guten Wunsch für das neue Jahr mit auf den Weg gibt. Die sprachliche Variationsbreite bei dem, was wir uns da gegenseitig wünschen, ist allerdings nicht besonders groß und außerdem davon abhängig, wen wir gerade treffen.

Bei der Verkäuferin am Marktstand oder an der Käsetheke, die man nur so vom Sehen her kennt, wählt man meist etwas Unverbindliches – zum Beispiel: „Ein gutes neues Jahr“ oder „Ein frohes neues Jahr.“ Etwas lässiger kann man Ihr auch einfach einen guten Rutsch wünschen. Das heißt übrigens mitnichten, dass man ihr einen Gips an den Hals oder an den Arm wünscht. Nein, der „gute Rutsch“ ist ja eigentlich nur eine fehlerhafte Wiedergabe des jiddischen Neujahrswunsches „a gut Rosh“, was nicht mehr und nicht weniger heißt als „einen guten Anfang“ im neuen Jahr.

Treffen sich ältere Leute in der Arztpraxis, wünschen sie sich meist ein gesundes neues Jahr und mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit wird auf diesen Wunsch erwidert werden: „Ja, dass wünsche ich Ihnen auch. Gesundheit ist auch das Wichtigste.“

Unter Geschäftspartnern wünscht man sich meist ein erfolgreiches neues Jahr und dabei schwingt meistens auch der Gedanke mit, dass man hoffentlich auch weiterhin miteinander gute Geschäfte machen wird.

Und in kirchlichen Kreisen ist es natürlich gute Sitte, den guten Wunsch für das neue Jahr mit dem Hinweis auf Gott zu verbinden, der unsere Zeit und unser Leben in seinen Händen hält. Deshalb wünscht man sich in der Gemeinde und an der Kirchentür oft ein gesegnetes neues Jahr.

Jede und jeder von uns kennt und beherrscht dieses nirgends aufgeschriebene Regelwerk für den Neujahrswunsch.

II.) Aber nun stellen sie sich einmal vor, da kommt jemand am Silvestertag mit strahlendem Blick und freundlich ausgestreckter Hand auf Sie zu, fasst und schüttelt Ihre Hand und sagt dann laut und deutlich: „Ich wünsche Ihnen ein freies neues Jahr.“ Wahrscheinlich würden Sie erst einmal denken, dass Sie sich verhört haben. Er hat doch bestimmt froh gesagt, ein frohes neues Jahr – oder etwa nicht?

Er bemerkt Ihre zögerliche Reaktion, lacht sie noch einmal an und wiederholt dann seinen Wunsch: „Ja, ich wünsche Ihnen ein freies neues Jahr.“

Sie wissen immer noch nicht, was mit diesem Wunsch gemeint sein soll. „Na“, antworten Sie verlegen, „ganz frei wird das neue Jahr nicht werden. Am nächsten Montag muss ich wieder zur Arbeit.“

„Das habe ich doch auch gar nicht gemeint“, erwidert der Andere. „Ich wünsche Ihnen doch einfach nur ein freies neues Jahr.“ Vielleicht gebe Sie in diesem Moment geschlagen und sagen einfach „Das wünsche ich ihnen auch“, bevor Sie weitergehen.

III.) Ein ungewöhnlicher Neujahrswunsch: „Ich wünsche Ihnen ein freies neues Jahr“. Doch irgendwie gefällt mir diese Idee und deshalb möchte mit Ihnen gerne noch ein wenig dem Gedanken nachgehen, wie es denn wäre, so ein freies neues Jahr.

Grundsätzlich ist gegen den Wunsch für ein freies neues Jahr sicher nichts einzuwenden. Denn wenn man in unserem Land eine Volksbefragung durchführen und nach den höchsten und wichtigsten Werten fragen würde, so würde Freiheit sicher unter den drei am meisten genannten Begriffen stehen. Außerdem löst das Wort Freiheit ja starke positive Gefühle aus, gerade auch bei den jüngeren Menschen. Wenn der deutsche Rocksänger Marius Müller-Westernhagen auf der Bühne steht und singt: „Freiheit, Freiheit ist das einzige was zählt“, dann sind Tausende wie gebannt, zücken unaufgefordert ihre Feuerzeuge und verwandeln die eben noch dunkle Konzerthalle in ein Lichtermeer.

Ja, es gibt einen breiten Konsens unter uns, dass Freiheit etwas Gutes und Erstrebenswertes ist. Etwas, was man jedem Menschen wirklich nur wünschen kann: dass er, dass sie in Freiheit leben kann.

Allerdings gibt es bei jeder Diskussion um den Begriff Freiheit immer auch eine gewisse Unschärfe. Denn das Wort ist vieldeutig. Wenn zwei über Freiheit reden, müssen sie längst noch nicht dasselbe meinen. Wenn man uns jemand heute ein freies neues Jahr wünschen würde, dann muss man wohl schon noch genauer nachfragen: Welche Freiheit ist eigentlich gemeint? Freiheit wovon? Freiheit wozu?

Nachzudenken wäre außerdem über die Frage, ob wir uns Freiheit überhaupt noch wünschen müssen? Haben wir die Freiheit denn nicht schon längst? Leben wir nicht zum Glück in einem Land, in dem uns Freiheit durch den Staat garantiert ist? Verwirklicht sich meine Freiheit nicht schon darin, dass ich frei entscheiden kann, wen ich wähle, was ich kaufe, welchen Beruf ich ergreife, mit wem ich zusammenlebe und wohin ich in den Urlaub fahre?

Also, noch einmal: um welche Freiheit geht es denn, welche Freiheit ist gemeint, das neue Jahr prägen soll?

IV.) Zu Antworten auf die genannten Fragen kann uns der Predigttext aus dem Johannesevangelium verhelfen. Allerdings zeigt sich auch diese kleine Szene, in der Jesus mit einigen Judenchristen spricht, eindrücklich, wie leicht es zu Missverständnissen kommen kann, wenn es um das Thema Freiheit geht. So heißt es bei Johannes im 8. Kapitel:

[TEXT]

Zwei ganz unterschiedliche Vorstellungen von Freiheit treffen in diesem Dialog aufeinander. Jesus ist in dieser Szene derjenige, der die anderen in die Freiheit ruft und ihnen eine neue Freiheit anbietet. Er ist es, der ihnen freundlich entgegenkommt, die Hand entgegenstreckt und ihnen neue Freiheit wünscht. Doch seine Zuhörer verstehen nicht, was Jesus damit sagen will. Sie meinen, dass sie die Freiheit doch schon längst haben. Sie berufen sich darauf, dass sie als Juden Kinder Israels sind und in dem Bund stehen, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Sie meinen, dass sie die Freiheit gewissermaßen schon ererbt haben: Wir sind doch Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen, so erwidern sie nicht ohne Stolz.

Sie erinnern mich an die Menschen unserer Zeit, die von sich selber meinen, schon alle Freiheit zu haben: Wir sind doch freie Menschen und leben in einem freien Land: wir sind freie Bürger, freie Konsumenten, freie Männer und Frauen, die ihre Beziehungen frei regeln können. Durch das Internet haben wir freien Zugriff auf alle nützlichen und unnützen Informationen der Welt. Es gibt bei uns freie Wahlen und freie Medien und wir sind niemals jemandes Knecht gewesen, so könnte man es mit den Worten aus dem Predigttext abschließen. Und auch heute hören viele Menschen mit Misstrauen, wenn man ihnen sagt, dass sie gar vielleicht doch nicht so frei sind, wie sie meinen und wirkliche Freiheit eine Gabe Gottes ist.

V.) Denn genau das ist der Punkt, um den es Jesus in der Diskussion mit seinen jüdischen Gesprächspartnern geht. Wirkliche Freiheit, das sollen sie begreifen, ist nicht einfach so da, auch nicht für diejenigen, die sich zurecht darauf berufen können am Bund Anteil zu haben, den Gott mit Abraham geschlossen hat. Denn wirkliche Freiheit ist kein Besitz, den man erbt und dann ein für alle mal hat. Wirkliche Freiheit ist auch nicht einfach da. Sie ist mehr als ein staatliches oder religiöses System, das Menschen gewisse Spielräume zum Leben einräumt. Nein, die Freiheit, von der Jesus spricht, ist nicht einfach da. Sie ist keine statische Größe, sondern ein dynamisches Geschehen, ein Ereignis, das immer wieder neu geschieht.

Den Weg zu dieser wirklichen Freiheit weist Jesus seinen Zuhörern: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.

Der Weg zur Freiheit führt also über die Wahrheit. Frei werden wir nicht durch gesellschaftliche Regeln und politische Systeme. Wirklich frei werden wir erst, wenn wir die Wahrheit über uns selbst erkennen und annehmen.

Denn die Wahrheit über uns ist, dass wir unser Leben längst nicht so fest im Griff haben, wie wir es uns und anderen oft vormachen wollen. Hinter dem Erfolg im Beruf steht oft die Angst vor dem Versagen als quälende Triebkraft. Hinter Wunsch nach immer mehr und immer größerem Besitz steht nicht selten das Gefühl in anderen Bereichen des Lebens zu kurz zu kommen.

Mit den zahlreichen Anforderungen in Familie und Beruf ist oft das Gefühl verbunden, dass wir, obwohl wir alles geben, noch immer noch nicht genügend leisten und anderen etwas schuldig bleiben. Hinter dem Ideal der Jugendlichkeit, dem auch viele Ältere nacheifern, verbirgt sich wohl immer auch die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit. Und hinter manchem von uns mit aller Härte ausgetragenem Streit steht die Unfähigkeit zur Vergebung.

Das sind alles Wahrheiten über uns und unser Leben, die wir eigentlich gerne ausblenden. Sie passen nicht in das Bild des freien und unabhängigen Menschen, das wir so gerne von uns selber sehen und zeigen möchten. Solche Wahrheiten beweisen ja auch, dass wir eben nicht freie Herren über unser Leben sind, sondern von vielen Seiten getrieben und gesteuert werden und oft einfach nur versuchen darauf so gut wie möglich auf den Druck anderer zu reagieren.

All diese Wahrheiten über uns haben auch etwas mit dem altmodischen Begriff Sünde zu tun, den Jesus ebenfalls in das Gespräch mit einbringt: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der bleibt der Sünde Knecht. In unserem Zusammenhang heißt das wohl: solange ihr der Wahrheit über euch nicht ins Auge seht und weiter nach dem alten Muster lebt und handelt, macht ihr euch das Leben schwer und schadet euch und anderen.

Jesus lädt ein einen neuen, ehrlichen Blick für das eigene Leben zu gewinnen. Doch die Einsicht, dass wir in Wahrheit doch nicht so frei sind, wie wir meinen, soll uns nicht niederdrücken. Die Wahrheit wird euch frei machen, so verspricht Jesus. In dem Moment, in dem wir es einsehen, dass wir eben noch nicht frei sind und wir und uns aus vielen lebensfeindlichen Dynamiken nicht selbst befreien können, dürfen wir Hilfe bei Christus suchen. Wir dürfen ihn darum bitten, dass er uns hilft und frei macht.

Wenn wir seine Hilfe annehmen, die Zusage der Vergebung und das gute Wort, das wir trotz allem von ihm geliebt und angenommen sind, dann kann die Last leichter werden und wir dürfen erfahren, dass wir frei werden durch ihn. Unsere Freiheit ist nicht einfach da. Sie ist vielmehr ein Ereignis und widerfährt uns in Momenten, in denen wir den Wahrheiten über uns und unser Leben nicht mehr ausweichen und frei werden, Gottes Hilfe anzunehmen.

Das kann immer und überall geschehen. Eine besondere Verheißung ist jedoch mit dem Wort Gottes und Abendmahl verbunden. Wenn sein Wort uns erreicht und wir Brot und Wein zu seinem Gedächtnis teilen, dann dürfen wir schon die neue Freiheit spüren und schmecken, zu der Gott seine Kinder berufen hat: Denn so heißt es am Ende unseres Textes: Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

VI.) Ganz bestimmt wird das neue Jahr 2007 ein gutes, frohes und gesegnetes Jahr sein, wenn wir die Freiheit nutzen, die Gott uns schenkt. Sein Wort wird uns den Weg dazu weisen. Es wird uns an unbequeme Wahrheiten über uns erinnern, aber auch an die wahre Freiheit, die Gott uns schenkt. Das alte Jahr dürfen wir mit der Zusage beschließen, dass Gott die Last der vergangenen Wochen und Monate von unseren Schultern nehmen will, damit wir frei und mit leichtem Herzen in das neue Jahr hinübergehen können.

Und wenn in den nächsten Stunden oder Tagen vielleicht wirklich jemand auf Sie zukommt und Ihnen ein freies neues Jahr wünscht, dann haben sie sich vielleicht doch nicht verhört. Antworten Sie ruhig mit demselben guten Wunsch: „Ja, ein freies neues Jahr, das wünsche ich Dir auch, von ganzem Herzen.“ Möge Gott es uns geben.

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