Bilder des Lebens

Liebe Gemeinde.

<b>Prophet. Drei Bilder und ein viertes dazu</b>

Auf Begegnungen mit denjenigen, die ihren Ausweis herausziehen und einem vor die Nase halten, ist man in der Regel nicht sonderlich erpicht. Denn meistens sind es Vertreter der „höheren Macht“ des Staates: „Steuerfahndung“, „Kriminalpolizei“, „Gesundheitsamt“, „Staatanwaltschaft“. Das Gegenüber ist und bleibt zwar ein Mensch, aber die ihm gegebene Macht lässt ihn fremd erscheinen. Und schnell wird man sehr formal, oder?

An den Anfang der heutigen Predigt stelle ich drei Bilder. Sie haben das Thema „Ich bin gesandt“ gemeinsam. Eines haben wir eben gesehen, den „Staatsdiener mit Ausweis“.

Das zweite Bild: In Filmen sieht man Gesandte einherschreiten. „Ich komme im Auftrag von …“, proklamieren sie mit stolzer, lauter Stimme voll Hoffnung auf Abglanz der Würde ihres Auftraggebers. In den Kostüm-Schinken zieren breite Bänder ihre Bäuche. Theatralisches Gehabe und Orden sollen sie als bedeutsame Knechte hoher Herren ausweisen.

Klick. Ein ganz anderes Bild: „Ich verkaufe Zeitungen zugunsten von …“, lügt einem der Mann an der Tür mitten ins Gesicht und behauptet, von einer renomierten Wohltätigkeitsorganisation ausgesandt worden zu sein.

Klick. Und das vierte Bild zeigt ihn. Letzte Woche von uns noch als Kind in der Krippe gefeiert. Heute steht er im Menschendgedränge des Passahfestes in Jerusalem.

„Wer an mich glaubt, der glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat“, zeigt Jesus seinen Ausweis vor und fährt fort: “Der Vater hat mich gesandt“.

Unseren Predigttext heute verstehe ich wie einen Bilderbogen. Dem Tempo der digitalen Fotografie entsprechend stellt der Evangelist Johannes in der Rede Jesu ein Bild neben das andere. Und ich möchte sie einladen, liebe Gemeinde, sich auf diese Bilder einzulassen. Nehmen wir an, wir wollten einen Kalender gestalten; einen modernen Kalender mit Bildern, die etwas über Jesus aussagen.

Mit welchem der drei eben skizzierzen Bilder könnten wir Jesus adäquat als Gesandten Gottes darstellen:

Der arme Schlucker vor der Tür mit der Zeitung in der Hand? Die Lüge auf dessen Lippen lässt uns zögern. Oder der prächtig gekleidete Kirchendiener mit viel viel Tuch, Gold und Gefolge? Das ist zumindest nicht evangelische Art, Kirche zu zeigen.

Aufgrund eines bestimmten Erlebnisses würde ich das erst erwähnte Bild wählen. Ja, den „Staatsdiener mit dem Ausweis“.

Das ist ein paar Jahre her. Mit Konfirmanden war ich auf Freizeit. Zwei Buben waren dabei, auf die wir besonders achten mussten. Wir taten unser Bestes. Gegen Morgen aber klopft es an meiner Tür. Schlaftrunken öffne ich. Eine Faust streckt sich mir entgegen. Zurücktaumelnd erkenne ich den Ausweis in der mir entgegen gestreckten Hand. „Sind sie Herr Zinck? Kripo. Bitte kommen sie mit.“ Was da passiert war ist eine Geschichte für sich. Klar, die beiden Buben waren am Ende doch ausgerissen und hatten … aber das erzähle ich bei anderer Gelegenheit. Nun stand er jedenfalls vor mir, der Repräsentant der „höheren Macht“, legitimiert als „Diener des Staates“, ausgewiesen als „Gesandter“ im Namen der Gerechtigkeit. Wir hatten unser Bestes getan, kontrolliert, geprüft, nachgesehen und es war doch nicht genug gewesen. Die „höhere Macht“ stand uns – Gott sei Dank – schnell zur Stelle und hat das Leben des einen Buben wirklich gerettet. Und – last but not least – der Kripo-Beamte war an diesem sorgenvollen Morgen für mich fast so etwas wie ein Seelsorger gewesen.

Ja, so würde ich Jesus als den Gesandten darstellen. Ein Mann, der im rechten Augenblick kommt. Im Jeans-Anzug. Ein Mann, der kommt, zu retten. Ein Mann, der sein Leben der Gerechtigkeit und Wahrheit gewidmet hat. Ein Mann mit gültigem Ausweis.

So ist Jesus. Er ist der Prophet Gottes. Er spricht in seinem Namen. Er handelt, uns zu retten.

<b>Priester: Zwei Bilder.</b>

Klick. Schnell schaltet Johannes auf das nächste Bild. Es hat ein anderes Thema: Licht und Finsternis. „Ich bin in die Welt gekommen als ein Licht“. Welche Bilder assoziieren Sie, liebe Gemeinde, zu diesem Thema. Eine abfotografierte Kerze kann´s nicht sein. Oder doch?

Kürzlich war ich auf der Intensiv-Station in unserem Klinikum. „Er wird sterben“, hieß es. Wahrscheinlich kennen sie den technischen Charakter von Intensivpflege-Stationen, der durch all die notwendigen Apparate hervorgerufen wird. Neben dem Bett aber hatten die Schwestern ein kleines Tischen aufgestellt mit einer Kerze darauf und anderen christlichen Symbolen.

„Wir bleiben nicht im Finstern“ spricht dieser in den Raum der Sorge hinein gestaltete Tisch. Er spricht unaufdringlich von der anderen Welt, die wir nur selten sehen – oder sehen wollen. Die Symbole öffnen die Tür zum Himmel. Wir beten am Bett des Kranken. Es kann es in Gottes Hand bleiben, wann er ihn zu sich ruft. Wir bitten entgegen allen Progosen um das Wunder noch einmal geschenkten Lebens.

<b>Retten – nicht richten</b>

Da sitzt er nur da, Eben hatte er an der Tür noch mit betrügerischer Absicht Zeitungen verkaufen wollen. Nun hört ihm einer zu. Er kann seine ganze verkorkste Lebensgeschichte erzählen. „Du bist kein Opfer“, sagt ihm der Sozialarbeiter. „Du bist und bleibst verantwortlich für dein Leben. Böses Schicksal ist kein Grund für lebenslanges Versagen. Mach endlich etwas aus deinem Leben.“ Unser Zeitungsverkäufer springt wütend auf. Das hat ihm noch keiner gesagt. Empört verlässt er den Raum. Knallt die Tür hinter sich zu. Dann sitzt er draußen auf einer Bank.

„Warum bist du jetzt so hoch gegangen?“, fragt er sich selbst. „Eigentlich hat er ja nichts Schlechtes über mich gesagt.“ Ihm geht ein Licht auf. Klick. Dieses Bild würde ich festhalten. Wie ein junger Mensch erkennt, dass Rettung ohne „Richtung“ nicht zu haben ist. In einem kitischigen Hollywood-Film würde ihm jetzt ein Zettel zufliegen:

„Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt rette.“

So ist Jesus: Er ist der Priester, der in unserer Dunkelheit das Licht Gottes entzündet.

In unseren Kalender mit Bildern über Jesus würde ich ein Bild aufnehmen, das eine der geschilderten Szenen aufgreift, ihn zu zeigen als Priester, als Band zwischen Tod und Leben, Himmel nd Erde. Klick. Ein nächstes Bild.

<b>Das dritte Bild: Köing des ewigen Lebens</b>

Klick. Klick. Seltsam. Das nächste Bild will nicht erscheinen. Ich sehe nichts. Sehen Sie etwas? „Sein Gebot ist das ewige Leben“. Das wäre der Titel unseres nächsten Bildes. Aber ich sehe nichts.

„Ich habe nicht aus mir selbst geredet. Der Vater hat mich gesandt. Der hat mir ein Gebot gegeben: Das ewige Leben.“ Was sehen wir als Bild vor uns? Wie stellt man ewiges Leben dar?

Uns Bayern mag der „Brandtner Casper“ einfallen. Eine Verfilmung dieses Volksstücks war erst kürzlich zu sehen. Aber wollten wir in unseren Kalender über Jesus wirklich ein so kitschiges, barrockes Bilder aufnehmen.

Wäre es nun angebracht, kirchliche Würdenträger zu zeigen als Sachwalter des Lebens, der Sitte und er Hoffnung?

„Wenn die Macht der Kirche in majestätischen Gebäuden sichtbar zur Schau gestellt wird, dann wird die ganze Welt sie anerkennen.“ Schrieb ein italienischer Architekt im 15. Jahrhundert an den Papst.

Und der Evangelist Johannes? Er zeigt uns Bilder der Entkleidung Jesu. Er zeigt uns den „Herrn der Welt“ sterbend am Kreuz.

In einer Kirche in Rom gibt es ein Bild, das Jesus schwebend zeigt vor dem Kreuz. Er trägt einen Königsmantel.

Der König des Lebens leidet? Ja, er leidet mit denen, die sich sorglos und übermütig in Gefahr bringen. Der König des Lebens kommt, zu retten und zu richten. Jesus Christus stirbt am Kreuz. Er bleibt in unserem Glauben als Licht und König des Lebens.

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