Spielen wir Gerechtigkeit – eine Ethik ohne Erfolgsdruck

Liebe Gemeinde!

Ein neues Jahr beginnt. Was wird es bringen? Jeder von uns hat wohl so seine Vorsätze, seine Pläne. Wird´s gelingen? Wir haben unsere Erfahrungen gemacht, was wir für möglich und was für unmöglich halten, wie wir die Welt sehen und ihre Spielregeln einschätzen.

Zwei Pole sind´s wohl, zwischen denen wir uns einordnen: Auf der einen Seite die Erfahrung, dass wir etwas schaffen können. Auf der anderen Seite die Erfahrung, dass manchmal ganz anderes, ganz andere entscheiden, ob etwas gelingt oder nicht. Selbstbestimmtheit auf der einen Seite – Fremdbestimmtheit auf der anderen. Irgendwo dazwischen ordnet sich wohl jeder ein. Der eine mehr da, die andere mehr dort. Die Schwerpunkte verschieben sich auch kulturell und durch die Jahrhunderte.

Eine, wie ich finde, sehr treffende Beschreibung unserer Zeit bringt der ungarische Schriftsteller Imre Kertész; »Fortschritt? Nein, der ist nie sicher. Denn es gibt immer den darauf folgenden Schritt. Und niemand weiß, wohin der führt. Wir leben in einer sehr verletzlichen Zivilisation, in einer Kultur, die rasch zugrunde gehen kann. Wir haben keinen Gott mehr, wir haben keine Mythen mehr. Wir haben nur uns selbst. Da muss jeder Fortschritt hart erkämpft werden.«

Weil wir keinen Gott mehr haben, sagt Kertész, tun wir uns mit dem Fortschritt so schwer. Wer weiß, wo er hinführt? Sollte der Glaube etwa Menschen hervorbringen können, die eine Gesellschaft stabilisieren. Sollte Gott etwa anders als es ihm das Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL immer vorwirft, nicht reaktionär sein, sondern im Gegenteil spielerischen Fortschritt fördern und verhindern, dass eine Gesellschaft sich ängstlich an dem festhält, was sie hat, statt nach vorne zu sehen? Wenn ja, wie soll man sich das vorstellen?

[TEXT]

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Oft sagen wir das resignierend, wenn unsere Pläne gescheitert sind. Oft sagen wir es schadenfroh über den Sturz eines Menschen, der sich mit unlauteren Mitteln Reichtum verschaffen wollte und scheiterte.

Hier klingt es seltsam zuversichtlich: Der Mensch denkt und Gott lenkt: Fast ein wenig wie Arbeitsteilung klingt das, irgendwie entlastend.

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Aber gleichzeitig wird uns zugetraut, selbstständig zu handeln: Befiehl dem Herrn deine Werke, dann wird dein Vorhaben fest werden.

Hier wird allen Ernstes behauptet, dass wer auf Gott vertraut, seine Pläne zuversichtlicher und stabiler verfolgt. Ja, hier wird behauptet, dass man überhaupt erst einen festen Entschluss fassen kann, wenn man auf Gott vertraut. Denn dann trägt Gott das Risiko mit. Es handelt nicht Gott oder wir. Hier handeln beide zusammen: volle Kraft voraus!

Nun, wir können auch gegen Gott handeln. Auch das wird uns zugetraut. Aber auch dann ist Gott nicht einfach ausgeschalten. Er nimmt auch dieses Handeln auf und führt es seinem Zweck zu. Ein augenzwinkerndes Beispiel dieser Erkenntnis findet sich auf einem Gürtel, herausgegeben von einem der großen Modehäuser. „Ich bin nicht wertlos“, steht auf dem Gürtel, „Man kann mich als schlechtes Beispiel benutzen.“ Selbst das Schlechte ist zu was gut.

Der Mensch ist also frei, zu tun und zu lassen, was er will. Er hat Kraft zu handeln in jeder Weise. Ob sein Handeln aber von Erfolg gekrönt ist, steht auf einem anderen Blatt, nämlich auf Gottes Blatt.

Die Botschaft, die für uns daraus erwächst, könnte folgendermaßen lauten: Verhalte dich richtig. Aber mach nicht den Fehler, „richtig“ am Erfolg fest zu machen. Der Erfolg bestimmt nicht darüber, was richtig und was falsch ist. Richtig ist eine Kategorie Gottes – keine Kategorie des Erfolgs.

Richtig zu handeln ist zweckfreie Beschäftigung. Es geht nicht darum, die Welt zu retten. Es geht nicht darum, erfolgreich Gutes zu tun oder gar das Gute am Erfolg zu bemessen. Es geht nicht darum, anerkannt zu sein. Richtig zu handeln, ist eine zweckfreie Beschäftigung, das wozu der Mensch geboren ist. Richtig handeln ist wie atmen oder spielen. Der Mensch ist einfach dazu geboren, richtig zu handeln. Das macht den Sinn seines Lebens aus. Wie ein Kind spielt, so soll der Mensch spielerisch erproben, richtig zu handeln. Nicht der Erfolg entscheidet darüber, ob ein Spiel gut ist oder nicht. Ob der Turm aus Holzklötzchen lange stehen bleibt, entscheidet nicht über die Freude am Spiel. Vielmehr ist das Bauen, das Spielen selbst das, was dem Leben des Kindes Sinn gibt. So ist es auch mit dem guten Handeln: Nicht die Verleihung des Friedensnobelpreises, nicht das Bundesverdienstkreuz, nicht die Ehrung in der Gemeinde, ja nicht einmal der Erfolg des Friedens, sind das, was uns ausmachen soll. Denn sie liegen nicht in unserer Hand. Der Mensch denkt und Gott lenkt.

Was uns aufgetragen ist, ist Gerechtigkeit zu spielen. Darin erfüllt sich unser Lebenssinn. Wir tragen die Verantwortung für das, was wir tun, aber nicht für dessen Erfolg. Denn der liegt außerhalb unserer Kontrolle, nämlich bei Gott.

Das Leben spielerisch zu sehen, als ein Ausprobieren des Richtigen, das hat für mich etwas Paradiesisches. Die Welt als Kindergarten Gottes, in dem wir als Kinder spielerisch die Gerechtigkeit üben, mit manchen Enttäuschungen, aber dennoch mit Freude dabei, das ist für mich ein Bild von der Welt, mit dem ich leben kann. Endlich eine Ethik, deren Motor nicht das schlechte Gewissen und auch nicht der Erfolgsdruck ist! Spiele Gerechtigkeit – ganz ohne Erfolgsdruck. Es wird dir gut tun und der Welt auch.

Natürlich können wir die Spielregeln ändern und verderben und Gott für tot erklären. Was allerdings dabei herauskommt ist klar: Mit dem Spielen ist´s dann vorbei. Das Gefühl, dass die Welt am seidenen Faden hängt und jeder Fehler fatal sein kann, wird man dann wohl nicht mehr los bekommen. Ein Kind, das meint, die Kindergärtnerin für tot erklären zu können, hat plötzlich mehr Verantwortung als ihm gut tut. Denn nun müssen die Kinder wohl selbst alles in die Hand nehmen – und mit dem Spielen ist´s vorbei. »Wir leben in einer sehr verletzlichen Zivilisation, in einer Kultur, die rasch zugrunde gehen kann. Wir haben keinen Gott mehr, wir haben keine Mythen mehr. Wir haben nur uns selbst. Da muss jeder Fortschritt hart erkämpft werden.«

Wer mit der Anwesenheit der göttlichen Kindergärtnerin rechnet, der verhält sich anders. Der darf Kind bleiben und muss nicht mehr Verantwortung tragen, als ihm gut tut. Wer Respekt vor der Kindergartenleitung hat, der darf spielen und muss den Laden nicht selbst am Laufen halten. Das, liebe Gemeinde, ist mit der Furcht des HERRN gemeint, die das Böse meiden hilft.

Furcht ist die Anerkenntnis, dass jemand stärker ist als man selbst. Schlecht ist Furcht nur, wenn der Stärkere Böses im Sinn hat. Wenn der Stärkere allerdings für Gerechtigkeit sorgt, ja sogar für Frieden zwischen Feinden, dann gilt das Gleiche wie in der Schule: Die strengen, aber gerechten Lehrer, sind die besten. Denn sie ermöglichen uns spielend zu lernen, ohne selbst für den Frieden im Klassenzimmer zuständig zu sein.

Die Anerkenntnis, dass jemand stärker ist als wir, aber gerecht, gibt erst den Freiraum, auch einmal rebellieren zu dürfen, eigene Gedanken entwickeln zu dürfen, ohne Angst haben zu müssen, Neid oder einem willkürlichen Zorn zum Opfer zu fallen.

Seit wir Gott nicht mehr fürchten, herrscht die Angst im Kindergarten der Welt. Experimente sind zu gefährlich – in der Politik wie im täglichen Leben. Wer könnte trösten, falls was schief geht!? Seit Gott für tot erklärt ist, wagen nur noch Größenwahnsinnige was. Und terrorisieren die Welt mit ihrer Willkür.

Man sagt, es gäbe kein Zurück ins Paradies. Kein zurück vom Kampf um jeden Quadratmeter Fortschritt, um jedes Quentchen Sicherheit. Man sagt, es gebe kein Zurück ins Paradies zum spielerischen Fortschritt. In unserem Predigttext steht etwas anderes: 16,6 Durch Güte und Treue wird Missetat gesühnt, und durch die Furcht des HERRN meidet man das Böse.

Wer Güte und Treue übt, der darf offensichtlich wieder Gott die Verantwortung für das Wirken überlassen. Der darf wieder Güte und Treue spielen. Der darf wieder Gerechtigkeit spielen, der darf wieder denken und rebellieren und ist den Erfolgsdruck los. Ja mehr noch: Wer wieder beginnt, das Spiel des Guten zu spielen, für den übernimmt Gott auch rückwirkend die Verantwortung: Missetat wird gesühnt.

Spielen wir Gerechtigkeit! Und glauben wir nicht, dass das weniger Bedeutung hat als das, was wir verbissen Arbeit nennen.

Vermutlich wird uns das Ganze Verbissene sehr, sehr peinlich sein, wenn wir mal groß sind uns sehen, dass es stimmt: Unsere göttliche Kindergärtnerin hat den Laden letztlich im Griff. Kommen Sie, spielen wir entspannt Gerechtigkeit!

Der Friede Gottes, der größer ist als wir, gebe uns Mut zu handeln, wie Jesus Christus es vorgelebt hat.

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