Zwischen Mensch und Mensch

Liebe Gemeinde, „da müsste mal endlich wieder einer kommen und richtig reinschlagen, dann würde sich auch etwas ändern“. Solche Sätze höre ich als Pfarrer immer wieder bei Besuchen, wenn man im Gespräch auf die allgemeine wirtschaftliche- und gesellschaftliche Situation kommt.

Der Ruf nach einem starken Führer, der für Recht und Ordnung sorgt, steckt anscheinend ganz tief in uns Menschen drin. Vielleicht ist das ein Überbleibsel der Evolution, das Tierische in uns, dass wir uns immer wieder nach einem Leithirsch sehnen, der das Rudel anführt, der sagt wo´s lang geht.

Je schwieriger die eigenen Lebensumstände sind, je unsicherer die politische Lage, umso stärker der Rufe nach einem Führer, der einen klaren Weg vorgibt. In solchen Situationen passiert es dann auch, dass die Vergangenheit idealisiert oder glorifiziert wird. Der Ruf nach der guten, alten Zeit wird als Lösung für das heute und jetzt angepriesen.

Das eben verlesene Bibelwort aus dem Buch des Propheten Jesaja ist in so einer Zeit der politischen und gesellschaftlichen Unsicherheit geschrieben worden.

Auf die eigenen Machthaber war kein Verlass mehr. Die Menschen waren Opfer von Unrecht und Willkür, besonders litten die kleinen Leute und die ganz Armen. Die Menschen erlebten, dass sich niemand der Verantwortlichen nach Gottes Weisungen richtete.

Ein neuer Führer sollte her, am Besten ein neuer König, ein Messias.

Das Wort Messias, kommt aus dem hebräischen „Maschiach“ oder aramäisch „Meschiah“ und bedeutet einfach „der Gesalbte“. Dieser Hoheitstitel bezeichnet einen von Gott erwählten und bevollmächtigten Menschen, mit besonderen Aufgaben für das Volk Israel: meist den König, später auch den Hohenpriester.

Bei der Suche nach dem neuen Messias, erinnert sich Jesaja an die Wurzeln des Königtums in Israel, er erinnert sich an das Haus Isai. Isai war der Vater Davids. Aus seinem Haus wurde der bis heute bekannteste israelitische König, König David berufen. David war ein Gesalbter, ein Messias. Die große Tradition des davidischen Königshauses soll nun wieder aufleben, im Gegenteil noch übertreffen, in einem messianischen Friedensreich.

Liebe Gemeinde, wenn wir jetzt mit unseren „christlich geschulten“ Ohren sofort an Jesus von Nazareth denken, dann ist das falsch. Der in unserem Bibelwort verheißene Messias hat zwar Eigenschaften, die wir auch von Jesus kennen, er hat aber auch Eigenschaften, die wir mit Jesus nie und nimmer zusammenbringen können.

Z.B. wenn es heißt: „Er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten.“

Wenn der von Jesaja verheißene Messias kommt, gibt es klare Gewinner und Verlierer. Die einen werden belohnt, die anderen werden bestraft, ja sogar getötet.

Nein, der hier verheißene Messias hat mit dem Jesus des Neuen Testamentes, mit dem Jesus, der uns zum Vorbild des Glaubens geworden ist, nichts gemein. Auch wenn im Neuen Testament das Wort des alttestamentlichen „Messias“ in seiner griechischen Übersetzung „Christós“, der Gesalbte, aufgegriffen wird und es gleich 210 Mal für Jesus verwendet wird; so können wir doch nicht behaupten, dass „Jesus Christus“, der von Jesaja verheißene Messias ist.

Der Name „Messias“ allein führt uns auf eine falsche Spur.

Und aus der Geschichte des Lebens Jesu wissen wir doch auch, dass schon damals genau das ein Konflikt war. Viele Menschen jüdischen Glaubens erwarteten von Jesus, dass er als Herrscher die Macht an sich reißt, dass er das Volk Israel von den Besatzern befreit und wieder zu Ruhm und Ansehen bringen sollte. Erst die Jubelrufe an Palmsonntag, mit denen als König begrüßt wurde. Doch mit dem Verurteiltem Jesu, dessen Macht am Ende war, wollte man dann doch nichts mehr zu tun haben und die Menschen wandten sich enttäuscht ab.

Wenn man das Messiasbild des Alten Testamentes und das Messiasbild der Christen nebeneinander legt, stellt man fest, dass sie nicht zusammenpassen und zurecht warten die orthodoxen Juden bis heute immer noch auf Ihren Messias, der: „mit Gerechtigkeit richtet die Armen und rechtes Urteil spricht den Elenden im Lande, und der mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlägt und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen tötet.

Liebe Gemeinde, mit dem Ruf nach einem Messias, dem Ruf nach einem starken Führer, der es für uns richtet, der uns rettet aus Bedrängnis machen es sich die Menschen zu einfach. So faszinierend und einnehmend die biblischen Texte des Jesaja sind, so verlockend der Traum ist vom Frieden auf Erden, der selbst Mensch und Tier und die Schöpfung miteinander versöhnt auch ist, so gefährlich ist der Traum, wenn wir erwarten, dass es ein Messias richten soll.

Alle sogenannten messianischen Führer, die angetreten sind, und die noch heute antreten, die Welt zu retten, haben keinen Frieden, sondern Unheil und Terror über die Menschen gebracht, wie es sehr drastisch aber doch eindrücklich ein Gedicht von Erich Fried ausdrückt, das ich in einem Kommentar zu unserem Bibeltext gefunden habe.

Ich zitiere daraus:

Die Faulen werden geschlachtet, die Welt wird fleißig.

Die Hässlichen werden geschlachtet, die Welt wird schön.

Die Narren werden geschlachtet, die Welt wird weise.

Die Kranken werden geschlachtet, die Welt wird gesund.

Die Bösen werden geschlachtet, die Welt wird gut.

Liebe Gemeinde, wenn immer sogenannte messianische Führer unsere Welt retten wollen, kommt es zu einer Tyrannei. Zu einer Tyrannei wo der Zweck die Mittel heiligt und jedes Mittel recht ist und jeder der nicht für mich ist mein Feind ist. Wie es ein Brigadegeneral und Gouverneur zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur ausdrückte "Erst werden wir die Subversiven töten, dann die Sympathisanten, danach die Indifferenten und zum Schluss die Lauen".

Wie beruhigend, dass Jesus von Nazareth, dessen Geburt wir an Weihnachten feiern, dieser Gefahr nicht unterlegen ist, ein alttestamentlicher Messias sein zu wollen. Und schauen wir in das Neue Testament, stellen wir fest, das Wesentliche an Jesus waren nicht seine heroischen sondern seine barmherzigen Taten. Natürlich glaubte er an die Veränderung der Welt und hat das Reich Gottes allen Menschen verkündet.

Aber die Veränderung der Welt, an die er glaubte ist nicht eine Veränderung, die von oben nach unten geschieht. Nicht ein Mächtiger ordnet an, was zu tun, zu denken und zu glauben ist. Die Veränderung an die Jesus glaubte, beginnt von innen heraus. Davon handeln auch die Gleichnisse, die er erzählt hat, wie z.B. das Gleichnis des Sauerteiges.

„Da müsste mal endlich wieder einer kommen!“ Der Ruf nach einem Retter, der Ruf nach der starken Hand, der immer wieder zu hören ist, gibt doch nur die eigenen Schwächen und den eigenen Unglauben wieder.

Und so sollten wir uns heute auch der Gefahr des Weihnachtsfestes bewusst werden. Nämlich der Gefahr, jedes Jahr die Geburt des Messias zu verkünden und dann alles so zu lassen wie es ist, nach dem Motto: „Wenn er es nicht richtet, dann können wir ja erst recht nichts dazu tun“.

Liebe Gemeinde, wir werden es nicht erreichen, dass der Löwe Stroh frist, aber wenn die Botschaft des Jesaja auch für uns noch bleibende Gültigkeit hat, dann darin, dass wir endlich anfangen sollen, die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, zu beenden.

Die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, wenn z.B. Kinder und Jugendliche die auf der Flucht vor dem Krieg zu uns gekommen sind, mit 18 Jahren wieder in den Krieg abgeschoben werden, weil unsere Gesetze unmenschlich und unbarmherzig sind.

Die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, wenn z.B. einem Langzeitarbeitlosen Hartz IV Empfänger vorgeworfen wird, er nutze mit den 345 €, die er im Monat bekommt, unseren Sozialstaat aus.

Die Feindschaft zwischen Mensch und Mensch, die z.B. vorsieht, dass gemäß Pflegeversicherung das Zubettgehen bei Pflegebedürftigen ein bis zwei Minuten dauern darf, Entkleiden zuvor vier bis sechs Minuten, Haare kämmen höchstens drei Minuten.

Es wird ein Reis hervorgehen … auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN.

Liebe Gemeinde, der Messias wird´s nicht mit starker Hand richten, und dennoch glaube ich, dass die Welt verändert wird, durch Menschen die den Messias, seinen Geist, im Herzen tragen.

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