Wann wird das sein?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

Der Sturm kam plötzlich; niemand hatte ihn erwartet und die Schäden waren immens groß; entwurzelte , abgeknickte, zerfetzte Bäume – so weit das Auge reicht ein Bild der Verwüstung.

Vielleicht fühlen sich manche an den Sturm im Sommer 2002 erinnert, der das Bild der Lindenstadt Templin veränderte.

Aber mit der Zeit trieben einzelne Baumstümpfe wieder aus, neue Zweige und Triebe erzählen von neuem Leben, das aus dem alten hervorgeht, das auch nach der Katastrophe wieder möglich wird.

Ein Bild, das sich auf viele Lebenssituationen übertragen lässt.

Für Israel und Juda war es die politische Katastrophe der Besatzung und Fremdherrschaft, der Verlust der Eigenstaatlichkeit, die Verblendung der herrschende Elite bei der Wahl der Verbündeten, die verblassende Erinnerung an die goldenen Zeiten unter König David. An die Vergangenheit erinnerte nur noch der Stumpf, von der Pracht und der Blüte ist nichts geblieben.

Unsere Katastrophen mögen dagegen unbedeutend wirken, sind aber nicht minder mächtig und verheerend.

Der plötzliche Todessfall mitten in der Vorweihnachtszeit, die auseinandergerissene Familie unter dem Weihnachtsbaum, die Trostlosigkeit nach dem Arbeitsplatzverlust, die Trennung vom langjährigen Partner – die Liste der möglichen und realen Katastrophen, die wie ein unangekündigter Sturm über uns hinwegfegen, kann beliebig verlängert werden und zerstört unsere Hoffnung auf Weihnachtsidylle. Nie wird die Diskrepanz zwischen Wunsch und Sehnsucht nach einer heilen Welt und der Wirklichkeit so deulich wie Weihnachten.

Und nirgendwo wird dieser Widerspruch so bildhaft dargestellt wie in dieser Vison des Propheten Jesaja.

Da ist der Stumpf, die Wurzel Isais als bleibende Erinnerung an das Unglück und da ist die Verheißung eines Herrschers, eines Königs, wir würden heute sagen eines Politikers, der geleitet wird durch einen Geist der Weisheit, des Verstandes, des Rates, der Stärke, der Einsicht und des Gottvertrauens.

Da ist die erlebte und erwiesene Unfähigkeit der regierenden Elite auf der einen Seite und die Aussicht auf Frieden und Gerechtigkeit auf der anderen Seite.

Da ist die lebensfeindliche, bedrohliche Umwelt voller Gefahren der Natur und das Versprechen eines wahrhaft paradiesischen Friedens, wo Säugling und Otter und Wölfe und Lämmer friedlich miteinander spielen.

Letztlich wird genau ausgesprochen, was Weihnachten so offensichtlich wird: es ist noch nicht, was Weihnachten verheißen wird.

Es wird Gott noch nicht so die Ehre gegeben, dass auf Erden Friede werden kann unter den Menschen, an denen Gott doch gerade Weihnachten sein Wohlgefallen, sein Interesse, seine Leidenschaft offenbart hat.

Die Welt ist immer noch von Krieg und Gewalt, von Korruption und Egoismus bestimmt. Leid und Trauer sind noch immer schmerzvolle Begleiter unseres Alltags.

Die Lieder, die wir so festlich und innig Heilig Abend angestimmt haben, verklingen langsam.

Der brüchige Friede übersteht oft gerade mal den Weihnachtsabend, ehe alles so weitergeht, wie es vorher war.

Und dennoch ist auch das nur die halbe Wahrheit, der oberflächliche Blick, die pessimistische Wahrnehmung.

Etwas ist anders geworden.

Die Verheißung, dass das Leben und die Welt noch ganz anders sein können, ist ausgesprochen.

Die Sehnsucht und die Hoffnung haben sich Worte gesucht und sich in unseren Köpfen und Herzen eingenistet. Sie sind geboren, zur Welt gekommen, haben menschliche Gestalt angenommen in dem Kind von Bethlehem. Jesus, das Kind aus der Krippe, ist mitten in unsere Widersprüchlichkeit hineingeboren.

Wenn Jesaja jetzt von Weisheit und Verstand, von Rat und Stärke, Gotteserkenntnis und Gottvertrauen spricht, dann sind das keine abstrakten Begriffe mehr, sondern können mit den Geschichten eines Lebens gefüllt werden.

Die Zweige der Hoffnung werden groß werden und grünen, wenn Menschen in seinem Geist leben und handeln, sich an ihm orientieren und sich nicht mir der vorfindlichen Welt zufrieden geben.

Jesaja wird da ganz konkret und hat den Geist des Lebens Jesu gewissermaßen schon vorweggenommen:

Nicht richten nach dem, was vor Augen liegt oder was zu den Ohren dringt, sondern Armen zu ihrem Recht verhelfen, Elende aufrichten, Gewalttätige in ihrer Gewalt bloßstellen.

Mit einem Mal wird das „Regierungsprogramm“ des neuen Sprosses ganz real und verliert den Beigeschmack des utopischen und damit unerreichbaren.

Es ist ein Programm der Weltveränderung in kleinen Schritten. Es sind kleine Triebe, die aus dem Baumstumpf beginnen herauszuwachsen.

Es beginnt damit, sich nicht vom Augenschein und von allgemeinem Gerede bestimmen zu lassen.

Was würde von Weihnachten bleiben, wenn wir uns allein an den Augenschein gehalten hätten:

ein Kind in Armut auf Wanderschaft geboren, lediglich von Gestalten am Rande der Gesellschaft wahrgenommen, aufgewachsen in einer Handwerkerfamilie, wie es sie zu Dutzenden gibt. Nicht einmal eine Randnotiz in der Geschichte ist das wert.

Und was wäre geblieben, wenn wir uns am allgemeinen Gerede der Menschen hätten orientieren müssen: der Streit, ob dieser Jesus ein religiöser Blender oder eine Lichtgestalt ist.

Die Botschaft der Engel, das Zeugnis und Bekenntnis Gottes schafft hier erst Klarheit: euch ist heute der Heiland geboren, Gottes Sohn, an dem er sein Wohlgefallen hat.

Ich gebe zu , dass wir in einer sehr oberflächlichen Zeit leben. Viele legen großen Wert auf das Bild, das sie von sich machen und den Eindruck, den sie hinterlassen wollen. Die Fassade, das allgemeine Urteil in den Augen der anderen ist entscheidend.

Fangen wir damit an, den Menschen hinter der Fassade zu sehen, den verletztbaren und empfindsamen Menschen mit seinen Hoffnungen und Ängsten, den von Gott gemeinten und geliebten Menschen, dessen Leben, ja gerade dessen er teilen wollte und deshalb Mensch geworden ist, dann wird für alle auch ein Leben nach der Katastrophe,nach dem Unglück möglich.

Und hören wir auf uns abzufinden mit den vermeintlich nicht zu ändernden Umständen.

Sicher werden wir Armut nicht beseitigen können. Als arm gilt, wer nur 60% des allgemeinen Einkommens zur Verfügung hat. Wir werden aber für viele Armut lindern und Wege aus der Armut schaffen können. Mit jedem Brunnen, der durch Brot für die Welt gegraben werden kann, mit jeder Korporation, die durch fairen Handel, seinen Erzeugern faire Preise bezahlen kann, mit jedem Kleinkredit, den z.B. der mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnete Banker aus Bangladesh vergibt oder mit der doch noch zustande gekommenen Weihnachtsfeier für bedürftige Familien durch den retttenden Engel. Es ist ein anderer, ein guter und weihnachtlicher Geist, der hier regiert.

Der gleiche Geist, der immer wieder mahnt, dass Frieden und Gerechtigkeit nicht durch Gewalt erzwungen werden können, auch nicht durch militärische Gewalt in Afghanistan oder im Irak, sondern durch politische Konzepte, die den Menschen persönliche und auch materielle Perspektiven eröffnen. Nicht Furcht darf eine Gesellschaft bestimmen, in der Friede wachsen kann, sondern Hoffnung.

Inmitten der Widersprüchlichkeit unserer Welt,die uns immer wieder, vielleicht schon heute oder morgen einholt, ist mit dem Kind von Bethlehem doch etwas anders geworden, hat ein anderer Geist sich eingenistet in unserer Welt und will uns verändern: ein Geist der Weisheit und des Rates, der uns Gottvertrauen und Gotterkennnis vermitteln will.

Das Kind von Bethlehem will in uns wachsen und groß werden und so kann Gottes neue Welt in uns und für uns wachsen und groß werden.

Weihnachten ist ein Anfang, ein guter Anfang einer neuen Zeit: „Wann wird das sein“ fragt Rolf Krenzer in einem neuen Weihnachtsgedicht (Rolf Krenzer, aus: Weihnachtsgedichte, Stuttgart 2006, 21f.):

Wann wird das sein?

Wann wird dieses Weihnachten in uns und mit uns anfangen?

„Wenn der Schwache

dem Starken die Schwäche vergibt,

wenn der Starke

die Kräfte des Schwachen liebt,

wenn der Habewas

mit dem Habenichts teilt,

wenn der Laute

bei dem Stummen verweilt

und begreift,

was der Stumme sagen will,

wenn das Leise

laut wird

und das Laute

still,

wenn das Bedeutungsvolle

bedeutungslos,

das scheinbar Unwichtige

wichtig und groß,

wenn mitten im Dunkel

ein winziges Licht

Geborgenheit,

helles Leben verspricht,

und du zögerst nicht,

sondern du

gehst,

sowie du bist,

darauf zu,

dann,

ja, dann

fängt Weihnachten an.“

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