Sieben Geistesgaben

Liebe Gemeinde am 2. Weihnachtstag,

Weihnachten ist dieses Jahr zum größten Teil geschafft. Ich hoffe, Ihr Essen hat geklappt. Ich hoffe, die Familientreffen, die es bisher gab, waren gelungen.

Es gibt ja einige Menschen, die vor Weihnachten fliehen. Sie gehen ins Hotel oder fliegen an einen warmen Strand. Offensichtlich ist der Druck ziemlich groß, ein friedliches Familienleben auszurichten, was dann oft schief geht oder jedenfalls nicht entspannt ist.

Der Druck kann nur so groß sein, weil das Bild eines friedlichen Weihnachten mit gelingenden Beziehungen sehr stark ist. Das ist ein Erfolg des christlichen Abendlandes. Hier werden die Bilder tief in der Seele angesprochen.

Weihnachten spricht eine Ur-Sehnsucht an. Eine Sehnsucht, die tiefer geht als Geschenke wirken können.

Wenn ich jetzt hier in der Kapelle rumgehen und fragen würde: Was wünschen Sie sich aus tiefstem Herzen für das neue Jahr? Seien Sie nicht bescheiden, Sie haben 3 Wünsche frei bei einer guten Fee!

… ich glaube, an erster Stelle würde Gesundheit stehen, gefolgt von Frieden in der Welt, Zufriedenheit, Glück für Kinder, Enkel und Urenkel, eine wirtschaftliche Hoffnung für unser Land und eine Hoffnung für die Umwelt- und Verteilungsprobleme weltweit.

Unsere Wünsche sind Ausdruck unserer tiefen Sehnsucht. Wir sehnen uns nach dem umfassenden Frieden Gottes: gelingende und heile Beziehungen und eine Welt, die dem Paradies viel ähnlicher ist als heute.

Ich habe uns heute als Predigttext ein Gedicht voller Sehnsucht und Hoffnung mitgebracht. Es ist eines der schönsten Gedichte in hebräischer Sprache und steht bei Jesaja in Kapitel 11,1-9:

[TEXT]

Isai ist der Vater Davids. Das Königsgeschlecht der Davidskommen wird fast ganz untergehen, so sagt Jesaja voraus. Aber es gibt eine alte Weissagung an Davids: dass sein Königshaus ewig herrschen wird. Aus dem fast schon untergegangenen Rest, aus dem Baumstumpf, der fast am Verfaulen war, wird ein Zweig hervorgehen. Ein Nachkomme wird aufwachsen. Und er wird die 7 Geistesgaben bekommen: Weisheit, Verstand, Rat, Stärke, Erkenntnis, Respekt vor Gott und ein tiefer leidenschaftlicher Glaube. Er wird unbestechlich richten und so den Armen helfen und den Gewalttätigen mit starker Hand Einhalt gebieten.

Und dann wird ein Friede in der Natur wiederkommen, wie er nach damaliger Überzeugung im Paradies geherrscht hat: Raubtiere werden ungefährlich und Fleischfresser zu Pflanzenfressern. Es wird nicht mehr das entsetzliche Unglück vorkommen, dass ein spielendes Kind von einer Schlange gebissen stirbt. Die Natur verliert ihre Gefährlichkeit und Unwirtlichkeit. Man wird nicht mehr sündigen und das ganze Land ist voller Erkenntnis des Herrn, wie Wasser das Meer bedeckt.

Die Gabe des Geistes wird also an alle gehen. Alle werden spüren, dass Gott sie liebt. Und alle werden deshalb anders mit ihren Verletzungen, ihrem Zorn, ihrem Ärger umgehen. So, dass der Friede nicht gefährdet wird. Ein Friede in den Seelen, ein Friede zwischen Menschen und ein Friede zwischen Mensch und Natur.

Ein wunderschönes Bild. Maler haben sich immer wieder davon anregen lassen, das Raubtier friedlich neben dem normalerweise gejagten Tier darzustellen.

Nun sind wir ja alle Realisten. Wir wissen, die Fee mit den 3 Wünschen gehört ins Märchen. Die Märchen reden von einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat. Wir wissen zwar: man soll Kindern Märchen erzählen, weil sie die Urbilder ansprechen und helfen, Ängste bildlich zu überwinden und die Hoffnung stärken, weil die Helden, obwohl schwach und klein und jung, am Ende doch gerettet werden. Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.

Im diesjährigen Kalender zum Anderen Advent stand folgender Text von Dorothee Sölle: Als ich einmal sehr deprimiert war, hat mir ein Freund, ein Pazifist aus Holland, etwas sehr Schönes gesagt: „Die Leute im Mittelalter, welche die Kathedralen gebaut haben, haben sie ja nie fertig gesehen. Zweihundert oder mehr Jahre wurde daran gebaut. Da hat irgendein Steinmetz eine wunderschöne Rose gemacht, nur die hat er gesehen, das war sein Lebenswerk. Aber in die fertige Kathedrale konnte er nie hineingehen. Doch eines Tages gab es sie wirklich. So ähnlich musst du dir das mit dem Frieden vorstellen.“

Wir träumen vom umfassenden Frieden voller Geborgenheit. Wir sehnen uns danach, in diesem Frieden die Fülle der Gnade zu schmecken und zu sehnen. Dieser Traum ist kein haltloser, sinnloser Traum, der uns auf Abwege bringt. Auch wenn er nicht direkt zu verwirklichen ist, so gibt er uns doch die Richtung vor, in die wir uns bewegen und weitergehen sollen.

Uns die Fee mit den 3 Wünschen vorzustellen, bringt uns nicht auf Abwege. Es hilft uns, unsere Sehnsucht wahrzunehmen. Vielleicht muss an der Sehnsucht noch ein wenig korrigiert werden. Wenn z.B. Konfis sich ihr Leben mit 30 vorstellen, dann wimmelt es von dicken Autos, schicken Häusern und einem tollen Beruf. Auch der Partner und die Kinder gehören zu einem schicken Leben dazu. Da ist das Träumen ein wenig sehr von Werbefilmen geprägt.

Auch unser Sehnen muss in der Begegnung mit Gottes Wort Tiefe gewinnen und die oberflächliche Warenwelt in den Hintergrund treten lassen. Das fällt uns nach Weihnachten, wenn wir merken, dass die Geschenke nicht das halten können, was sie unausgepackt versprochen haben. Denn da waren sie noch von einem Geheimnis umgeben. Die Sehnsucht konnte sich Verschiedenes vorstellen. Das Ausgepackte war dann nur ein Produkt unter anderen.

Liebe Weihnachtsgemeinde, die Zeit, als das Wünschen geholfen hat, sie ist nicht einfach vorbei. Beten nützt. Diese Erfahrung habe ich gemacht und diese Erfahrung haben sicher alle gemacht, die hier in der Kapelle sind.

Beten nützt. Es verändert mich. Es verändert mich in die Richtung, in die ich die Welt gern verändert hätte. Denn ich muss ja bei mir anfangen. Wie ich meine Welt wahrnehme, was ich sehe, was ich dabei fühle, wie ich mit Verletzungen, Enttäuschungen und Frust, mit den Sorgen des Alltags und der Angst vor Krankheit umgehe – das kann verändert werden. Und dann wird meine Welt schon anders. Denn wie ich in den Wald hineinrufe, so schallt es heraus. Wie ich mein Leben sehe, so verändert es sich. Wenn ich dankbar bin, sehe ich mehr zum Danken. Wenn ich mich weniger aufrege, habe ich weniger zum Aufregen. Wenn ich mich entschließe, bei denen, die mich nerven wahrzunehmen, wie auch sie Gottes Würde auf ihrem Gesicht tragen – dann sehe ich mehr von dieser Würde und achte meine eigene Würde dabei.

Ich wünsche uns, dass der Traum vom Friedensreich und von der gerechten Leitung und von den paradiesischen Möglichkeiten mit uns geht. Ich finde, wir können schon hier manchmal das Paradies schmecken. Vielleicht muss ich dazu nur im Sonnenschein in den Garten gehen und das Herz auf Dankbarkeit einstellen.

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