Dem Geist Gottes Raum geben

Liebe Gemeinde,

Weihnachten ist eine besondere Zeit. Weihnachten bringt uns dem Geheimnis unseres Lebens näher. Es geht um ein Baby. Ein Baby das ist eine sinnliche Erfahrung. Es riecht ganz besonders. Als meine Töchter noch Babys waren habe ich immer an ihrem Kopf geschnuppert, der so wunderbar nach Baby roch. Ein Baby fordert uns besonders heraus. Es ist so hilflos und verloren alleine. Aber mir haben meine beiden Töchter als sie klein waren eine ungeheure Kraft zum Leben gegeben. Heute an Weihnachten geht es um ein besonderes Baby. Aber im Grunde tut es das, was alle Babys tun, es fordert uns heraus und es gibt uns Kraft zum Leben.

Der Predigttext heute klingt sehr geheimnisvoll. Versuchen wir einmal, uns auf das einzulassen, was wir daran nicht gleich erfassen können. Ich lese Johannes 3,31-36:

[TEXT]

Mit dem Anfang komme ich noch ganz gut zurecht. Der von oben her kommt, ist über allen. Wer von der Erde ist, der ist von der Erde und redet von der Erde. Der vom Himmel kommt, der ist über allen. Das leuchtet mir ein.

Als ich klein war haben mir meine Eltern vom Christkind erzählt. Ich habe mit das Christkind als ein kleines Mädchen vorgestellt, dass durch die Winternacht schwebt und die Geschenke in die Weihnachtszimmer bringt. Kurz vor der Bescherung hat es geklingelt und mein Vater hat aus dem Wohnzimmer gerufen. Das Christkind war da. Und meine Brüder und ich sind in das Zimmer gekommen. Der Tannenbaum im Kerzenschein. Das war der schönste Moment. Ich fand es völlig einleuchtend, dass da etwas vom Himmel gekommen ist. Die Wärme das Licht, die Geschenke, die Gesichter freudig, das hatte etwas himmlisches. Das hat etwas mit ewigem, richtigem Leben, wie es sein sollte, zu tun. Und wer oder was da vom Himmel kommt, hat etwas Zartes und geheimnisvolles und nicht so leicht greifbares. Ein Anfang, ein Baby, Liebe und Freundlichkeit. Damit fängt alles an. Es ist der Zauber des Anfangs, der von Weihnachten ausgeht.

Wenn es allerdings nur bei dem Anfang bleibt, dann wird es leicht sentimental und kitschig. Dann erstarrt es zu einem Zitat seiner selbst. Dann werden wir erwachsen und sind enttäuscht davon, dass da immer nur ein Anfang ist. Damit der Anfang seinen Zauber behalten kann, muss es eine Fortsetzung geben. Da muss etwas weitergehen. Das Baby muss wachsen. Der Glaube sich entwickeln. Nur ein Anfang trägt nicht das ganze Leben. Unser Predigttext sagt uns, was trägt:

Vers 34: Denn der, den Gott gesandt hat, redet Gottes Worte; denn Gott gibt den Geist ohne Maß.

Der, den Gott gesandt hat, Jesus Christus hat uns etwas zu sagen: Das ist die Fortsetzung. Und was er uns zu sagen hat bleibt nicht im Ungefähren. Er sagt uns: Kehrt um! Ändert euer Leben! Wendet euch Gott zu und gebt der Liebe Raum in eurem Fühlen und Denken und Handeln. Gebt dem Frieden eine Chance in eurer Welt.

Wenn wir diese Botschaft betrachten, dann ist klar wieso Johannes sagt: Der vom Himmel kommt, der ist über allen und bezeugt, was er gesehen und gehört hat; und sein Zeugnis nimmt niemand an.

Klar ist es schwierig, diese Botschaft anzunehmen. Wir sehnen und nach Frieden und Liebe und Gottes Nähe, selbstverständlich tun wir das. Aber sind wir auch bereit einen Schritt weiter zu gehen? Sind wir bereit Jesus Christus soweit zu vertrauen, dass wir uns für die Liebe und den Frieden Gottes öffnen. Das ist ein hohes Risiko. Das wissen wir alle. Denn was passiert, wenn wir dabei auf jemanden treffen, der sich gewalttätig und kriegerisch oder feindselig verhält. Wir werden genauso wehrlos sein wie Jesus Christus es war. Frieden zu versuchen ist schwierig. Ungeschützt in eine Auseinandersetzung zu gehen, ist verrückt. Zu versuchen, da zu lieben, wo Hass und Misstrauen herrscht, ist gefährlich. Ich finde es sehr verständlich, wenn jemand sagt: Weihnachten schön und gut aber die Fortsetzung selber einstehen für den Frieden, der da in die Welt gekommen ist, das ist nichts für mich. Und wissen Sie was, an vielen Tagen im Jahr stimmt das auch für mich. Da denke ich, was habe ich eigentlich zu schaffen mit einem Glauben, der Dinge von mir verlangt, die eigentlich unmöglich sind.

Witzigerweise ist die Bibel ein sehr kluges Buch. Offensichtlich ist es Johannes genauso gegangen. Er schreibt nämlich: „Sein Zeugnis nimmt niemand an.“ Und es stimmt, durchgängig im Frieden und in der Liebe zu leben schafft tatsächlich niemand. Aber Johannes schreibt weiter: „Wer es (das Zeugnis Jesu) aber annimmt, der besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“ Ja, nimmt es jetzt jemand an oder nimmt es niemand an? Möchte ich Johannes fragen. Witzigerweise ist die Bibel ein sehr kluges Buch. Und das was Johannes hier sagt, stimmt auch. Das eine gilt: Niemand schafft es ständig im Frieden und in der Liebe Gottes zu leben. Das andere gilt aber auch: Es gibt niemanden der sein ganzes Leben verbringt ohne je Gottes Liebe und Gottes Frieden zu spüren. Kein Baby überlebt, wenn es nicht wenigstens ein wenig geliebt wird. Wenn ein Mensch nicht wenigstens ab und zu inneren Frieden spürt, dann hält sein Nervensystem den Stress nicht aus. Jedem Menschen gelingt es irgendwann einmal etwas zum Frieden beizutragen. Jeder hat einmal einen Moment, in dem er jemanden oder etwas liebt. Und in diesem Moment spürt er etwas vom ewigen Leben. Er spürt etwas von der Nähe Gottes. Johannes weiß das und er sagt uns: Ihr habt die Wahl. Ihr könnt wählen inwieweit ihr diese Erfahrung der Nähe Gottes euer Leben bestimmen lassen wollt. Ihr könnt riskieren zu lieben und auf etwas zu verzichten, um der Liebe Raum zu geben. Ihr könnt riskieren eure Waffen abzulegen und den ersten Schritt auf jemanden zu zu tun. Es gibt keine Garantie, dass das gelingen wird. Aber es könnte gelingen. Ihr könnt euch für diese Lebensmöglichkeit aber auch verschließen. Wer das, was Jesus über Gott sagt, annimmt, wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben, sagt unser Predigttext. Und das annehmen heißt ja nicht nur zu sagen: Ja das mit der Liebe und dem Frieden, stimmt schon, da hat er recht, ich glaube das auch. Es annehmen bedeutet auch: Ich will tun, was er sagt. Ich will mein Leben danach ausrichten. Ich will mich öffnen für die Liebe Gottes und seinen Frieden und darin leben. Und wenn ich das tue, dann habe ich das ewige Leben. Und wenn ich es nicht tue? Was dann passiert steht auch in unserem Text: „Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm.“ Wenn ich es also nicht tue, dann lande ich in einem zerstörten Leben. Das ist jetzt äußerst unangenehm aber es entspricht unseren Erfahrungen. Wenn ich mich in den Kreislauf der Gewalt und des Streites hineinziehen lasse, dann lande ich in einer zornigen und stressigen und zerstörten Situation. Das ist einfach so, und es ändert sich nicht, wenn wir die Stellen, in denen das in der Bibel steht raus streichen und sagen, mit dem zornigen Gott wollen wir nichts zu tun haben. Gott ist zwar liebevoll aber Gottes Gericht und Gottes Zorn sind keine veralteten Vorstellungen. Was wir tun hat halt Folgen, so ist unser Leben eingerichtet. Wie wir in den Wald hineinrufen, so schallt es zurück. Wer das Schwert zieht wird durch das Schwert umkommen. So ist es halt. Und dem entkommen wir nur, wenn wir auf die andere Seite wechseln, wenn wir umkehren und unser Leben ändern. Dann können wir immer noch verletzt werden, dann können wir Nachteile haben, weil wir uns nicht verteidigen. Wir schaffen es wahrscheinlich oft nicht, dem Frieden und der Liebe Vorfahrt einzuräumen, weil wir sauer sind und unsere Wut ja irgendwo lassen müssen. Niemand sagt, es wäre leicht. Niemand sagt, es wäre nicht riskant. Aber die Alternative ist so schlecht, dass ich finde, es ist durchaus vernünftig, so zu handeln. Es ist vernünftig, sich auf den Glauben und die Liebe Gottes und seinen Frieden einzulassen. Es ist vernünftig sich auf die Weihnachtsbotschaft vom möglichen Frieden auf Erden einzulassen und so zu leben als gäbe es ihn schon. Es gibt ihn ja auch schon, weil ohne ihn nichts und niemand leben könnte. Seinen Wirkungsbereich auszudehnen in unserem eigenen Leben, und in unserer Nachbarschaft und überhaupt in der Welt, das ist eine lohnende Aufgabe. Jesus Christus ist das Baby, das uns herausfordert. Bei der Aufgabe kommt keine Langeweile auf und Sinnlosigkeit wird nicht mehr unser Problem sein. Aber das ist noch nicht alles. Wie jedes Baby gibt auch dieses Baby uns eine Menge Kraft. In unserem Predigttext heißt es: Denn Gott gibt den Geist ohne Maß. Es ist eine Erfahrung, die alle machen, die sich – wie bruchstückhaft auch immer – auf den Glauben an Jesus Christus einlassen. Gott gibt uns seinen Geist und zwar nicht nur ein bisschen sondern ohne Maß in einer überschäumenden Fülle. Es passieren die wildesten Sachen. Man kann plötzlich Dinge, die man sich nie zugetraut hätte. Hilfe und Unterstützung kommt aus Richtungen, wo man sie nie vermutet hätte. Selbst wenn sich äußerlich nichts ändert, so kann sich doch innen alles ändern. Es ist eine ungeheure Freude, die von Gott ausgeht, wenn er uns nahe kommt und wir es schaffen uns dafür zu öffnen.

Die Predigt ist jetzt schon ziemlich lang, aber eine Kleinigkeit möchte ich Ihnen noch erzählen, die mir im letzten Jahr passiert ist. Ich habe eine Bekannte getroffen zu der ich immer ein spannungsreiches Verhältnis hatte und ich habe sie plötzlich anders gesehen, ich habe gesehen, welche ungeheure Last sie trägt. Ich habe gesehen mit welcher Kraft sie ihre Familie zusammenhält. Und ich habe festgestellt, dass ich sie sehr bewundere für das was sie ihrem Alltag tut. Und plötzlich habe ich mich ihr nahe gefühlt und die Spannung war wie weggeblasen. So wirkt der Geist Gottes. Wir brauchen nichts anderes zu tun, als ihm Raum zu geben. Das Leben ist spannend, und das Leben im Glauben ist eine große Freude – meistens und nicht nur an Weihnachten.

Und der Friede Gottes welcher höher ist als all unsere Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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