Gott kommt dir zur Hilfe

Den dritten Advent, liebe Gemeinde, feiern wir heute. Widersprüchlich erlebe ich diese Zeit vor Weihnachten immer wieder. Lichter und festliche Vorbereitung, die sich ausdrückt durch Plätzchen, Weihnachtsmärkte und –feiern auf der einen Seite. Auf der anderen Seite aber immer noch das Bewusstsein, dass Advent eigentlich mehr ist: „besinnliche Tage“ wünschen sich viele Menschen und meinen damit eigentlich den Wunsch, die Zeit und die Muße zu finden, nachzudenken, innezuhalten, sich wieder neu auszurichten an dem, was unsere Hoffnung für dieses und das nächste Leben überhaupt erst konkret macht: nämlich die Bedeutung der Geburt unseres Heilands, des Erlösers dieser Welt.

Oft erlebe ich es, dass sich beide Gefühlsrichtungen Konkurrenz machen: vor lauter Plätzchenbacken kommt man nicht mehr dazu innezuhalten. Vor lauter Weihnachtsfeiern kommt man nicht mehr dazu, sich zu besinnen, was das Fundament unseres Lebens ausmacht. Andersherum ist die Fastenzeit der Kirche, die die Adventszeit ja eigentlich ist, fast unkenntlich geworden und man muss aufpassen, wenn man sich an diese halten will, dass man nicht in völliger Gegnerschaft zu Weihnachtsmärkten und Lichterglanz erstarrt.

Wir hören heute unser Predigtwort aus dem Propheten Jesaja im 40. Kapitel, die Verse 1-11. Ein Wort, das eben jene Gegensätze widerspiegelt – zwischen Freude und Buße. Wir lesen:

[TEXT]

Das Wichtigste, liebe Gemeinde, umrahmt unser Predigtwort zu Beginn und am Ende: „Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott.“ – „Er wird die Herde weiden wie ein Hirte!“ Darauf hin zielen wir, darin sind wir begründet. Gott selbst will und wird unser Hirte sein. Das heißt, er will sich um uns kümmern, wie es ein guter Hirte mit seinen Schafen tut. Dass keines verloren geht, weil es einen falschen Weg wählt, dass keines gerissen wird von Wolf und Löwe, also den gegnerischen Mächten. Es ist die Kernbotschaft des Weihnachtsfestes, die hier und jeden Sonntag immer wieder durchstrahlt. Gott kommt dir zur Hilfe. Er ist dein Retter, dein Heiland. Mit der Geburt des Jesus von Nazareth beginnt diese Geschichte der neuartigen Beziehung zwischen unserem Schöpfer und seinen Geschöpfen. Es ist die Botschaft der Freude – deswegen heißt sie auf Lateinisch auch direkt so: Evangelium – Freudenbotschaft. Auf diese Botschaft, liebe Gemeinde, reagieren v.a. diejenigen mit großer Freude und großer Hingabe, die bisher zu den Benachteiligten im Leben zählten: die Armen und Kranken, die Verachteten und Misshandelten: wo Jesus in der kurzen Zeit seiner Verkündigung hin kommt, dort sammelt er jene und schenkt ihnen einen Geschmack des Himmels, auf den wir alle warten: ein neuer Himmel und eine neue Erde, in denen Gerechtigkeit wohnt. Wo die Lahmen gehen und die Blinden sehen – dort beginnt zeichenhaft das Reich Gottes. So weiß es auch Jesaja: „Alle Täler werden erhöht und alle Berge erniedrigt und was uneben ist, soll gerade werden: denn die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden!“ M.a.W., liebe Gemeinde: es soll eine wahre Gerechtigkeit herrschen – jeder und jede wird endlich erkennt werden als die- und derjenige, als die sie geschaffen wurden: als Ebenbilder Gottes. Die Freude will und muss sich ausdrücken. Wir zünden Lichter an in unseren Gärten und in unseren Häusern, die den Menschen sagen sollen: das Licht Jesu Christi bricht sich Bahn in der Dunkelheit. Und ich, der ich meine Lichter nach außen zeige, will damit kundtun: „ich glaube für mein Leben an dieses Licht in Christus Jesus.“

Aber Jesaja weiß mehr als dies. Er ist die Stimme Gottes zu seiner Zeit und hört einen weiteren Auftrag, den er verkündigen muss. „Es spricht eine Stimme: Predige! Und ich sprach: was soll ich predigen?“ Sie haben es gehört, liebe Gemeinde: Jesaja soll die zweite Seite unserer Adventszeit nicht vergessen – er soll verbinden, was als Widerspruch nach außen scheint! Predige, spricht Gott der Herr: die Menschen sind Gras und Blumen, die verdorren und verwelken. Sie sind ein Nichts. Einzig bleibt der Odem des Herrn. Sein Wort bleibt ewiglich!

Wie kann das sein? Die Freude über unseren Retter und dennoch dieser niederschmetternde Hinweis auf unsere Unzulänglichkeit? Es ist kein Geheimnis, liebe Gemeinde, und dennoch scheint es oft vergessen zu sein. Meine Freude braucht einen Grund, um eine echte Freude sein zu können. Sie braucht einen Anlass, um sich Bahn zu brechen in meinem Leben. Vielleicht erleben Sie es selbst auch manchmal: dass Menschen sich treffen, um Speis und Trank ordentlich zu zusprechen, weil sie wissen, dass eine freudige Feier solche Dinge als Ausdruck der Freude gebrauchen kann. Genauso wie Tanz und Spiel und andere Dinge, die der unbändigen Lebenslust Raum schaffen. Aber manchmal vergessen die Menschen den Grund für ihre Freude und halten sich nur noch an die Dinge, die sie einst damit verbanden. Dann aber, liebe Gemeinde, wird das Trinken und Essen hohl, das Tanzen und Spielen ebenfalls. Es wird zum Selbstzweck und auch mehr Essen und heftiger Trinken kommt dagegen nicht an. Für manch einen scheint in dieser verkehrten Logik die Feier nur noch dann schön oder gelungen gewesen zu sein, wenn er sich vor lauter Alkoholgenuss nicht mehr so recht erinnern kann, was eigentlich los war. Wir leben heute in einer Zeit, in der wir inflationär mit Freude umgehen. Fast jederzeit ist uns ein Festmahl möglich, der gute Wein wird nicht nur an Feiertagen aus dem Keller geholt, das gute Fleisch steht uns auch unter der Woche zur Verfügung. Wollen wir etwas besitzen, dann können wir uns in der Regel gleich bedienen. Die gute Musik, das neue handy, ein besseres Auto. In der Adventszeit wird uns das in der Werbung überall vorgeführt: „wahre Freude kommt auf, wenn du noch dieses kaufst und noch jenes besitzt.“ Ich persönlich glaube, dass jeder solches schon erlebt hat: ist der Gegenstand erworben, sind das Essen aufgegessen und die Flaschen geleert, dann bleibt eine Leere zurück, die sich nicht auffüllen lässt mit noch mehr Dingen und noch mehr Essen und Trinken. Diese Leere ist aber nur dann da, wenn der Freudengrund vergessen ist.

Deswegen mahnt Jesaja gleich nach dem Aufruf zur Freude über Gottes Kommen und Herrschen: vergiss nicht, meine Seele, was er dir Gutes getan hat. Vergiss nicht, dass Gott selbst dir seinen Odem einbläst, damit dein Leben ein Ziel und eine Richtung bekommt. Er wendet deine Not. Aber was ist deine Not? Deine Not ist, dass du hier im Leben verstrickt bleibst in Schuld und Sünde. Dass du nicht von alleine heraus kommst aus dem was dir und deinen Mitmenschen, ja sogar deinen Mitgeschöpfen das Leben schwer macht. Deine Not ist, dass du immer wieder abkommst von dem Weg, der zum Leben führt und du alleine nicht zurück findest. Lass dir von Gott selbst helfen – antworte auf seine Liebe! Advent ist die Zeit vor der großen Festfreude, die uns den Grund unserer Festfreude nochmals vor Augen führen will. Nutzen wir diese Zeit im Sinne unseres Predigtwortes mit beiden Facetten, die keine Widersprüche bleiben, sondern sich gegenseitig erklären. „Freue dich: siehe, da ist Gott, der Herr. Er kommt gewaltig und sein Arm wird herrschen. Siehe, was er gewann ist bei ihm und was er sich erwarb, geht vor ihm her.“

drucken