Seht, da ist euer Gott!

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unserem Vater und unserem Herrn Jesus Christus. Amen

Babylon im Jahre 567 vor Christi. Es ist eine kleine Gruppe, die sich zum Gottesdienst zusammenfindet. Der Krieg ist seit 20 Jahren vorbei, 20 Jahre ist es jetzt her, dass sie mit Gewalt von der Siegermacht aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Von Lager zu Lager wurden sie gezerrt, bis sie endlich hier landeten, in der Hure Babylon, wie man es noch 500 Jahre später nennen wird.

Seit 20 Jahren leben sie jetzt in dieser gewaltigen Stadt und die Gruppe derer, die sich zum jüdischen Gottesdienst versammeln, wird immer kleiner. Immer weniger werden es, die sich an die Speiseregeln halten. Die Kinder und Jugendlichen verlernen langsam die Sprache ihrer Heimat. Sie vergessen, was gewesen ist. Schon verlieben sich junge Jüdinnen sich in babylonische Männer und verheiraten sich im fremden Land. Mutlosigkeit kommt auf. Und Zorn. Und Bitterkeit. Die paar, die sich versammelt haben, erinnern sich mit verzweifelter Sehnsucht an Israel, an die Zedern des Libanon, an den ruhigen Fluss des Jordan. Das schöne Haus, der blühende Garten – die Babylonier haben das Land verwüstet, da blieb kein Stein auf dem anderen. Was sie nicht töteten, das haben sie verschleppt. Die Frauen schweigen, wenn sie zurück denken. Der Blick der Männer verfinstert sich.

So feiern sie Gottesdienst, so beten sie zu Gott. So hören sie die Worte des Propheten Jesaja:

[Text]

Gut 2500 Jahre später treffen sich Schüler einer 8. Klasse nach dem Unterricht in einer Seitenstraße. Jemand hat Sarah das Handy geklaut. Letzte Woche war Robbies Schultasche verschwunden. Niemand hat etwas gesehen, aber alle haben dieselbe Vermutung. „Diese Scheiß-Kanaken!“, schimpft einer von ihnen. „Ey, hast du das mitgekriegt? Wie dieser kleine Türke aus der fünften mich angemacht hat?“ Björns Stimme bebt vor Wut. „`Ö, Kartoffel`hat er gesagt, willste Ärger mit meine Brüder oder willste mir geben Fahrrad freiwillig?` Scheiße, man.“ Es ist seitdem zwar nichts passiert, aber die Angst bleibt.

Die Kinder sind wütend. Mutlosigkeit kommt auf. Und Zorn. Und Bitterkeit.

Wie würden sie die Worte unseres Predigttextes hören? »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.« Ja, das wäre was. Kraft und Mut und einer, der für sie streitet! Aber sie erleben etwas anderes: Wenn sie nicht kämpfen, tut es keiner. Wenn sie sich nicht wehren, werden sie untergehen. Und so hängen sie sich an knall- und kahlköpfige Götzen in Springerstiefeln, die Rache versprechen und Unheil bringen.

2000 Jahre zuvor wird ein Kind geboren. Die Eltern sind auf der Flucht, vertrieben von den Steuereintreibern des Augustus. Sie haben keine Herberge gefunden, niemand ließ sie ein. So finden sie Zuflucht in einer Höhle, einem Stall. Das Kind legen sie in eine Futterkrippe, es liegt auf Heu und auf Stroh. „Seht, da ist euer Gott.“ Maria und Josef wissen, dass sich die Verheißung des Jesaja nun erfüllt hat. Mutlosigkeit und Zorn sind verflogen. „Da ist euer Gott, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend.“ Draußen lagern Hirten, kaum Tagelöhner, vielmehr Sklaven der Mächtigen, sie müssen, um zu überleben, draußen bei den Tieren wachen, sie können nicht lesen und nicht schreiben, kleiden sich in Fell und grobes Leinen, haben keine Zukunft und keine Hoffnung. Und ihnen erscheint der Engel des Herrn. „Fürchtet euch nicht, siehe: Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“

Das Kind, die Hoffnung des Volkes Israel, wird älter, es wird erwachsen. Es beginnt seine Reise und nimmt seinen Auftrag an. Aber Jesus predigt nicht Rache, sondern Liebe. Er vergilt nicht Böses mit Bösem, sondern mit Gutem. Er macht keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Wo er ist, werden Fremde zu Freunden,. Der Messias überwindet Mutlosigkeit und Zorn, die Grenzen von Ländern und Völkern zerfließen im Glauben an ihn. Er bringt Frieden in die Herzen. Er ist der Heiland der Welt. Er stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Er sagt den verzagten Herzen: Fürchtet euch nicht. Ich bin das Licht der Welt. Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.

Er wird nur 30 Jahre alt, dann bringen ihn Mutlosigkeit und Zorn ans Kreuz. Er stirbt vor den Augen einer hasserfüllten und verbitterten Menge. „Seht, da ist euer Gott“ sagt der Prophet Jesaja. Da hängt er am Kreuz und leidet euer Leid und stirbt euren Tod. Seht, da ist euer Gott.

Vor 2500 Jahren, als sich in Babylon die kleine Gruppe zum Gottesdienst versammelt, ist die Geschichte Jesu noch unvorstellbar. Man kann sie nicht einmal denken. Gott ist stark, Gott ist allmächtig, er wird unsere Not rächen und alle, die uns Schaden zugefügt haben, werden sich noch wundern! Dass in der Schwäche Stärke liegt, dass Gottes Sieg in den Niederlagen dieser Welt liegt, das ist eine unerhörte, eine nicht hörbare Botschaft für diese Menschen.

Heute, 2500 Jahre später, ist diese Botschaft leider fast ebenso unmöglich. Unsere Kinder leben in einer Welt voller Gewalt. Nur wer stark ist, der gewinnt. Nur wer viele Freunde hat, ist etwas wert. Nur wer die richtige Kleidung trägt, kann bestehen. Nur wer ein gutes Zeugnis erreicht, wird eine Lehrstelle bekommen. Dass Gott sich gerade den Unterlegenen zuwendet, dass bei ihm andere Werte gelten, dass Jesus für diese Werte gestorben ist, das ist eine kaum hörbare Botschaft für unsere Kinder in Not. Jesus bringt nicht Rache, sondern Frieden, nicht Gewalt, sondern Glück – wie soll man ihnen das nahe bringen?

Hier und heute sitzen wir im Gottesdienst, die kleine Gemeinde Olderup. Unsere Mutlosigkeiten und unseren Zorn haben wir bei uns, wir können sie ja nicht an der Kirchtür ablegen. Wir leben ja in derselben Welt wie unsere Kinder. Im Fernsehen sehen wir die Bilder und wir hören das Geschwätz derer, die etwas zu sagen haben. Wir erleben es im Dorf und in der Gemeinschaft: Es ist eben nicht immer leicht, auch bei uns nicht. Manchmal halten wir einfach den Mund, damit es keinen Streit gibt, aber in uns brennt dann das Nichtgesagte wie Feuer. Manchmal wünschen wir uns schon, dass uns jemand ins Recht setzt, dass Gott kommt und für klare Fronten sorgt. Manchmal haben wir das Gefühl, dass nur Rache unserem Herzen Frieden geben kann.

Gut, dass wir hier sind, wir Mutlosen und Zornigen. Gut, dass wir Jesaja hören und dabei an Christus denken. Gott kommt, er kommt gerade zu uns, den Mutlosen und den Zornigen. Und er kommt so, dass uns wirklich geholfen wird. Er bringt nicht Rache, sondern Frieden. „Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben geöffnet werden.“, so steht es bei Jesaja, so hat Jesus es wahr gemacht und so können wir es erleben. Unsere blinden Augen werden sehend, und wir finden Wege aus der Gewalt. Unsere tauben Ohren öffnen sich und hören die Traurigkeit hinter der Drohung. „Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken“ wo Angst und Hoffnungslosigkeit uns gelähmt hat, macht der Glaube Mut. Wir finden Worte und gehen auf den Nächsten zu. Der Glaube an Christus erlöst uns aus der Spirale der Gewalt – die Vision des Jesaja wird Wirklichkeit: „Die Erlösten des HERRN werden nach Zion kommen mit Jauchzen; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen.“ – Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.

Seht, da ist euer Gott, er liegt in einer Krippe auf Heu und auf Stroh – Gott kommt und stellt die Verhältnisse auf den Kopf. Er bringt nicht Rache, sondern Frieden. Er bringt nicht Geld, sondern Glück. Er stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie – das ist das, was der Glaube kann. Ich kann nicht aufhören, davon zu träumen, dass gerade unsere Kinder diese Botschaft annehmen. Was könnte an den Schulen bewegt werden, wenn die Kinder selbst sich den Glauben an Christus zu eigen machten! Was für ein gewaltigen Signal könnten sie setzen, wenn sie sich zusammen täten und der Gewalt mit der Liebe Christi begegneten! In der Schwäche liegt Stärke, die Solidarität der vermeintlich Unterlegenen könnte die Berge der Gewalt versetzen! Das zumindest hat Jesus vorgelebt und viele haben sich das zu Eigen gemacht. Ich kann nicht aufhören, davon zu träumen, dass der Glaube an das Kind in der Krippe sich in der Welt durchsetzt. Dann nämlich kann Angst und Zorn überwunden werden, Gewalt wird überflüssig sein und Menschen finden Kraft, den Weg Jesu weiter zu gehen, heute, immer und überall. Amen.

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