Welch ein Reichtum

An manche Ereignisse vor 57 Jahren kann ich mich noch recht gut erinnern. Wie so oft hatte ich ganz andere Interessen als dem Unterricht zu folgen und war mit meinen Gedanken in einer anderen, ja, in einer heileren Welt.

Plötzlich wurde ich durch das laute Gebrüll des Klassenlehrers aus meinen Träumen gerissen. „Da gibt es nichts zu lachen!“ Und dann war es wieder totenstill im Klassenraum. Was war geschehen?

Der Lehrer hatte meinen Klassenkameraden Werner nach dem Grund seiner Nichtteilnahme am Unterricht am Vortage gefragt. Werner, ein sehr schüchterner und vom Intellekt zurückgebliebener Junge antwortete ihm ängstlich: „Genau weiß ich das gar nicht, denn ich habe die Entschuldigung noch nicht gelesen“.

„Da gibt es nichts zu lachen", in den Schulen nicht und auch nicht in Betrieben, da müssen wir uns mit Leistungen präsentieren.

„Da gibt es nichts zu lachen", da vergeht es einem, wenn man in ein riesiges Krankenhaus hineingeht und die vielen schlimmen kranken Menschen sieht.

Nein, liebe Gemeinde, „Da gibt es nichts zu lachen", wenn ein Chef, einem oder einer anderen eine Arbeit in einem Betrieb zuweist und dann erbost ist, weil andere eines Fehlers wegen, den er oder sie gemacht hat, darüber lachen.

Nein, liebe Gemeinde, „Da gibt es nichts zu lachen" in den kriegsführenden Ländern, ich denke hier an den nahen Osten oder den Irak, wo die Menschen zwischen die Machtblöcke, des Hungers, der Krankheiten und Ideologien geraten sind.

Auf unserem Planeten Erde, „Da gibt es nichts zu lachen", wenn man an die Diskrepanzen zwischen Reichtum und Armut denkt. Die Reichen werden immer reicher und die Armen werden immer ärmer.

Und wenn wir an die Kirche denken, die aufgrund der finanziellen Notlage in eine Phase der Resignation und der Angst geraten zu sein scheint, dann, liebe Gemeinde, dann gibt es nichts zu Lachen.

Offenbar wiederholen sich die Situationen in der Menschheitsgeschichte immer wieder, in denen wir sagen können: „Da gibt es nichts zu lachen",

Was sind die Gründe, warum uns das Lachen vergangen ist, warum die Freude bei uns ausgezogen ist und warum in der Kirche Niedergeschlagenheit eingekehrt ist?

Vielleicht fehlen uns ja die Propheten, die uns die Zeichen der Zeit deuten. Vielleicht fehlen uns ja die Propheten, die zwar nicht das Schlechte gut nennen, aber die Botschaft des Alten und des Neuen Testaments nicht vergessen, dass es sich im Grunde um eine Freudenbotschaft handelt.

Der Prophet Jesaja, liebe Gemeinde, hat in eine Situation der Mutlosigkeit und des mangelnden Vertrauens hineingesprochen.

[TEXT]

Welch ein Reichtum an Zusagen Gottes steht in diesem Text. Verzagten Herzen und müde gewordenen Menschen, die keine Hoffnung mehr haben und die für sich keinen Weg mehr sehen, denen sagt der Prophet Jesaja, was Gott vor hat. Gott der Herr, er will den Menschen in einer neuen Welt ein neues zu Hause schaffen.

Allerdings können jetzt kritische Stimmen sofort einwenden: alles nur leere Worte, leere Versprechungen, nichts als Vertröstungen auf bessere Zeiten. Und solche Stimmen, liebe Gemeinde, finden bestimmt mehr offene Ohren, als wir uns das vorstellen können.

Und es gibt auch die Stimmen, – insbesondere in Katastrophen- und Krisenzeiten -, die uns Christen dann vorhalten: Warum lässt Gott das alles zu? Wo ist euer Gott? Wo ist die neue Welt? Wo ist das Paradies? Und dann stehen wir vor der gleichen Situation, wie die Juden damals.

Der Prophet Jesaja weist uns darauf hin, dass Gott nicht an den Grenzen, wo es nicht mehr weitergeht, wo Krankheit, Alter, Erfolglosigkeit, Versagen und Tod, zu suchen ist.

Jesaja weist uns Menschen darauf hin, dass Gott dort zu suchen ist, wo sich Leben in seiner Fülle, in seiner Schönheit darbietet. Gott, liebe Gemeinde, soll mitten im Leben gesucht werden.

Und darum ist es auch unsere Aufgabe, die wir auf Gott vertrauen: „Macht die erschlafften Hände wieder stark, und die wankenden Knie wieder fest".

Wir als Christen sollen den Menschen, denen die Mutlosigkeit und das mangelnde Vertrauen ins Gesicht geschrieben ist, nicht noch mutloser machen und ihr Vertrauen nicht noch mehr schwächen, sondern ihnen Mut und Zuversicht aus der Nähe Gottes weitergeben.

Wir, die wir uns in Gott geborgen wissen und durch seine Nähe gelernt haben, Ängste und Unsicherheiten zu überwinden, wir können auch unseren Kindern und Kindeskindern leichter Geborgenheit geben.

Ja, wir können ihnen Fähigkeiten vermitteln, mit ihren Ängsten und Unsicherheiten im Leben besser fertig zu werden und dadurch mehr Vertrauen zu sich selbst, zu anderen und ebenso zu Gott zu gewinnen.

Das aber setzt voraus, dass wir auf Gott vertrauen, und dass wir erkennen, dass er uns etwas zutraut. Wer das kann, liebe Gemeinde, für den gibt es trotz allem immer wieder viel zu lachen.

Liebe Gemeinde, sie brauchen keine Angst zu haben, denn Gott wird kommen. Zu Weihnachten feiern wir sein Kommen. Und im Advent bereiten wir uns darauf vor.

Vielleicht klingt das für manche von uns albern, denn Jesus ist doch vor 2006 Jahren geboren worden. Da kann ich mich doch heute nicht mehr auf seine Geburt vorbereiten. Richtig, Advent heißt nicht, darauf zu warten, dass Jesus wieder geboren wird. Es bedeutet schlicht und einfach, dass wir uns vorbereiten, dass Jesus auch zu einer jeden und einem jedem von uns kommt.

Liebe Gemeinde, sie brauchen keine Angst zu haben, denn Gott kommt. Er hilft uns durch Jesus. Und er macht uns Hoffnung durch sein ewiges Reich, das durch Jesus Christus am Jüngsten Tage vollendet sein wird.

Ja, es gibt gute Gründe dafür, warum das Reich Gottes uns Hoffnung bringt. Mit dem Kommen Jesu Christi hat das Neue begonnen: Blinde, Taube und Lahme werden geheilt. Die Trauer und das Leid sind fort.

Das ist die Zukunft für die Welt und der ganzen Menschheit, zu der Gott beruft und dies ist auch sein Ziel, zu welchem Gott uns führt. Dann dürfen und sollen auch wir dabei sein. Und dann wird unser Mund voller Freude und Wonne sein.

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