Spiel mir das Lied vom Tod

Liebe Gemeinde,

Es ist Mittag. Die Sonne steht hoch am Himmel in einer kleinen Wüstenstadt irgendwo in Texas. In den Bahnhof rollt ein Zug ein. Die Dampflok schnauft die letzten Meter vor sich hin. Hinten im letzten Waggon auf der Plattform steht ein Mann mit einem langen schwarzen Mantel und hält die Hände in den Taschen. Er trägt einen Hut mit breiter Krempe und sein Gesicht liegt im Schatten.

Der Zug hält, der Mann verlässt die Plattform, geht auf den Bahnhof zu. Auf der staubigen Straße gegenüber warten drei Männer. Der Mann mit dem Hut geht aufreizend langsam auf sie zu. Die Hände immer noch in den Taschen. Plötzlich zieht er seinen Colt und schießt. Drei mal. Die drei Männer liegen auf der Straße – alle tot. Dazu ertönt eine Melodie – von einem Mundharmonikaspieler.

Das ist der Anfang des Films „Spiel mir das Lied vom Tod.“

Dieser Film hat ganz viel mit unserem Predigttext von heute zu tun. Bevor wir dazu kommen, erzähle ich aber eben noch wie der Film weitergeht. Denn sonst werden sie nicht verstehen, was ich ihnen über den Predigttext sagen will.

Der Mann mit dem Hut, der eben drei andere erschossen hat, ist nämlich in die Stadt zurückgekehrt, in der er als kleiner Junge mit seinem Vater gewohnt hat. Er hat dort Schreckliches erleben müssen. In dieser Stadt gibt es einen Großgrundbesitzer namens Frank, der das Sagen hat und alle nach seiner Pfeife tanzen lässt. Und dieser Frank und seine Männer haben den Vater des kleinen Jungen von damals umgebracht – und zwar auf widerliche Weise. Sie haben ihm ein Seil um den Hals gebunden und ihn gehenkt. Aber nicht genug. Sie haben den Vater auf die Schultern des kleinen Jungen gestellt. Wenn er sich bewegen würde, dann würde der Vater runterfallen und sterben. Der kleine Junge, der er damals war, hatte keine Chance. Er konnte den Tod seines Vaters nicht verhindern. Zu allem Überfluss haben sie ihm noch eine Mundharmonika in den Mund gesteckt, damit er nicht schreien kann. Während dieser Szene ertönt eine Melodie, die den ganzen Film über begleitet.

Und jetzt ist der kleine Junge ein Mann geworden und zurückgekommen. Er hat nur noch eins im Sinn. Rache. Und so erschießt er gleich am Bahnhof die drei Helfer von Frank. Und im Laufe des Films weitere. Am Ende kommt es dann zum großen Showdown mit besagtem Frank. Dann stehen die beiden sich gegenüber und Frank – schon getroffen – versteht nicht wer das ist, der es da auf ihn abgesehen hat. Und warum. Und dann steckt der ehemals kleine Junge die gleiche Mundharmonika seinem Peiniger Frank in den Mund, die er ihm damals in den Mund gesteckt hat. Dazu wieder die Melodie. Und da versteht Frank. Aber das ist sein letzter Gedanke. Dann stirbt er.

Der Film endet mit dem Bild des Zuges vom Anfang, mit dem der Mann mit dem langen Mantel und dem Hut – sein Name wird nie genannt – die kleine Stadt in der Wüste wieder verlässt. Und dazu spielt wieder die Melodie.

Spiel mir das Lied vom Tod – ein Film über Rache. Kalte Rache – wie es dort genannt wird – im Gegensatz zur heißen Rache, die im Affekt geschieht – eine Rache, die sich über viele Jahre aufbaut, so wie bei dem kleinen Jungen, der zum Werkzeug gemacht wird, mit dem sein Vater ermordet wird. Eine Rache, die über viele Jahre wächst und ihn ganz ausfüllt – wahrscheinlich sogar am Leben hält.

Jedes Mal wenn ich diesen Film sehe, fiebere ich mit der Rache des Jungen bzw. des erwachsenen Mannes mit, bis zu dem Punkt, wo er Frank erschießt. Und jedes Mal denke ich. Ja – der hat´s verdient.

Und jetzt zum Predigttext. Der eine Satz, der könnte wie für den Hauptdarsteller geschrieben sein. Für Menschen, die bitter unterdrückt werden und auf Vergeltung hoffen.

„Saget den verzagten Herzen: »Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen.«

Ein Gott der Rache. Das passt so gar nicht in unser Gottesbild vom liebenden und verzeihenden Gott. Aber es ist zutiefst menschlich. Den Menschen übrigens, denen Jesaja diesen Text sagt, die waren im Exil, wurden von ihren Feinden nach Babylon verschleppt und haben unter dem Verlust ihrer Heimat und sicher auch der täglichen Unterdrückung ihrer neuen Herren gelitten. Auch sie werden sich nach Rache gesehnt haben. Das Bedürfnis ist sicher verständlich. Da sie selber sich nicht wehren konnten, brauchten sie einen Rächer. So eine Art Superman oder Terminator. Und was liegt da näher als den Wunsch nach Rache und das Bedürfnis nach Vergeltung auf Gott zu übertragen. Das – so könnte ich mir vorstellen – waren die Bedürfnisse der Menschen damals.

Jesaja nimmt diese Gefühle auf. Aber er bleibt nicht dabei stehen. Schließlich ist Gott kein Terminator. Eigentlich würde man nach der Einleitung erwarten, dass Jesaja ausmalt, wie Gottes Rache denn aussieht, wie er die Unterdrücker vernichtet und das eigene Volk am Ende als Sieger dasteht. Das hätte sicher den Bedürfnissen der Menschen von damals entsprochen. Aber Jesaja lässt sich in diesem Abschnitt nicht auf Rachephantasien ein, sondern malt eine Vision vom friedlichen Zusammenleben der Menschen ohne Leid und Not. Blinde sehen. Taube hören. Lahme springen. In der Wüste entspringt Wasser.

Jesaja beschreibt eine geheilte Welt. Eine Welt, die nicht auf Unterdrückung und Bedrohung aufgebaut ist, sondern auf heil sein. Mensch und Natur sind heil. Ein Leben ohne Angst und Gefahr. Bei Jesaja klingt das so:

[TEXT]

So weit Jesajas Vision. Jetzt könnte man fragen, aber was passiert mit den Babyloniern? Die müssen doch erst weg sein, wenn das möglich sein soll. Jesaja sagt einfach, ihre Bedrohung wird nicht mehr da sein. Ob sie selber nicht mehr da sein werden, lässt er offen. In jedem Fall verzichtet er in diesem Abschnitt komplett auf Rachegelüste.

Jesaja hat da etwas erkannt, das grundlegend ist. Rache kann zwar mein Leben aufrechterhalten, kann mir eine ungeheure Kraft geben, aber es wird immer eine destruktive Kraft sein.

Rache füllt eben nicht nachhaltig aus. Sie hält den Hass aufrecht, den man braucht, um seinem Peiniger gegenüberzutreten, sie gibt somit eine unglaubliche Energie. Aber was passiert dann?

Der Film „Spiel mir das Lied vom Tod“ endet mit der Szene, wo der Zug den Bahnhof verlässt. Aber was aus dem ehemals kleinen Jungen wird, der sich nun gerächt hat, erfahren wir nicht. Ich vermute mal, er wird erst dann gemerkt haben, wie kaputt er über all die Jahre innerlich geworden ist. Das Eis, auf dem er über Jahre gegangen ist, ist zusammengebrochen. Wer rächt, so verständlich und nachvollziehbar ich das auch finde, wird nie heil werden. Denn er wird sich immer um das erlittene Unrecht drehen. Rache ist eben nicht heilsam.

Genau das ist der Unterschied zu der Rache Gottes, die Jesaja beschreibt. Sie beseitigt Unrecht, aber sie lebt nicht auf Kosten der Erniedrigung der anderen.

Was wäre das auch für ein Himmel, den es nur gäbe, weil die anderen in der Hölle sitzen. Das ist nicht der Himmel, das Leben bei Gott, das ich mir für irgendwann erhoffe. Denn ein Himmel der auf der Hölle für die anderen aufbaut, ist nur eine Verlängerung der Verhältnisse hier auf der Erde.

Jesaja beschreibt ein komplettes Heil werden von Mensch und Natur. Aber bei ihm bleibt es eine Vision. Wie sie umgesetzt wird, bleibt offen. Wenn ich Jesajas Vision mit Gedanken aus dem neuen Testament anreichere, dann fällt mir als erstes das Stichwort Vergebung ein.

Geschehenes Unrecht kann sicher nie wieder gut im Sinne von „ungeschehen gemacht“ werden. Aber vergebenes Unrecht birgt für beide Seiten zumindest die Chance auf einen Neuanfang. Auf Versöhnung. Was meiner Meinung nach die Vorraussetzung für Heilung ist.

Vorraussetzung aber für Versöhnung ist das Teilen des Schmerzes. Schmerz teilen – Versöhnung – Heilung. Das wäre die Reihenfolge.

Aber – ganz ehrlich – wenn ich auf den Film zurückgucke, dann kann ich mir nicht vorstellen, wie man sich mit so einem Typen wie diesem Frank versöhnen kann. Das übersteigt dann doch jedes menschliche Maß.

Wenn ich mir jetzt vorstelle Gott hätte in diesem Film Regie geführt – vielleicht wäre er dann anders ausgegangen. Der ehemals kleine Junge hätte Frank dann in eine Situation gebracht, aus der er von alleine nicht mehr heraus kann. Und dann hätte Frank sich erst mal erinnern müssen. Was war das noch mir dem kleinen Jungen damals. Aber nur erinnern reicht natürlich nicht. Auch verstehen, was er ihm da angetan hat. Aber nicht nur vom Kopf her, sondern aus tiefstem Gefühl. Der Schmerz dieses Mannes, der da so nach Rache sinnt, diesen Schmerz hätte Frank teilen müssen, nachempfinden, selber spüren. Die Aussichtslosigkeit der Situation des kleinen Jungen von damals. Erst dann wäre Versöhnung möglich. Vorher nicht!

Und genauso ist das auch zwischen Gott und uns Menschen. Gott ist auf die Welt gekommen und hat hier alles erlitten, was man nur erleiden kann, hat also den äußersten Schmerz eines Menschen geteilt. Und uns so mit sich versöhnt. Und deswegen beten wir Gott nicht als Gott der Rache an, sondern als einen, der Schmerzen teilt, versöhnt und heilt. Und nebenbei – das ist auch der Grund, warum wir Weihnachten feiern.

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