Das wahre Gesicht

Liebe Gemeinde,

ein Wunschzettel, abzuschicken an das Christkind. Lieber heute als morgen. Damit es nicht zu spät wird:

„Frieden wünschte ich mir und ein Ende all der Kriege im Irak, in Afghanistan und überall in Afrika. Wenn möglich, so wünschten wir ein Mittel für Aidskranke, das sie heilt. Das Ende der Tyrannen wäre so gut für unsere Welt. Und gegen den Hunger wünschten wir uns Nahrung in Fülle für alle, besonders für die Kinder. Und Arbeit bräuchten wir für so viele Menschen. Ich wünschte mir Eltern, die sich nicht trennten. Und Schulen, die es verstünden, die Herzen der Kinder gut zu bilden. Wir bräuchten dann noch ein Ende der Umweltbedrohungen. Und wir wünschten uns Gesundheit und Pflege für alle Menschen daheim, wenn sie alt sind. Und eines noch, wenn noch Platz ist im Paket, dann vergiss bitte nicht Vergebung beizulegen, Sündenvergebung, denn das schenkte vielen wieder eine ruhige Nacht.“

Einen solchen Wunschzettel allen Ernstes vorlesen kann man nur im geschützten Raum einer Kirche. Außerhalb dieses Rahmens würde man solche Texte allenfalls in schmalzigen Volksmusik-Sendungen gerade noch im Advent dulden. Trüge ich diese Worte drüben auf dem Marktplatz vor, raunte man sich sicherlich zu: Für welche Sekte spricht er denn? Andere würden sagen: Ich wusste gar nicht, dass er so naiv ist.

<b>Das wahre Gesicht</b>

Und dann zeigte er sein wahres Gesicht. Es ist selten eine schöne Story, die auf diese Feststellung folgt. Demaskierungs-Geschichten sind ätzend und übel. Die Wortfolge „Das wahre Gesicht“ in einer Suchmaschine des Internets ergibt Hinweise auf Seiten wie „Das wahre Gesicht des Fußballs“, „Das wahre Gesicht des Islam“, „Das wahre Gesicht der Telecom“. Und dann gibt es noch etliche Seiten über die „wahren Gesichter“ von Menschen, deren Namen ich nicht kenne. Kurze Blicke bestätigen: Hier sind Maskenabreißer am Werk. „Lasst euch bloß nicht täuschen. Wir sagen euch, wie´s wirklich ist.“ Deswegen wirken solche Wunschzettel auf uns so naiv. Wie´s wirklich ist, davon haben wir Ahnungen, Lehrsätze und ganz private Dogmen „Ich weiß, wo der Hase lang läuft. Mir macht keiner etwas vor. Das sind doch alle … Ach hören sie doch auf …“ Das wahre Gesicht dieser Welt: Eine Fratze aus Gier und Haß? Womit rechnen sie? Und wenn ich Sie fragen würde: Was ist ihr wahres Gesicht? Wüssten Sie eine Antwort zu geben?

<b>Das Benedictus</b>

Heute steht das „Benedictus“ auf dem Predigtplan. Das ist ein Hymnus aus dem 1. Kapitel des Lukas. Ein Lobpreis Gottes, der Zacharias zu sprechen aufgegeben ist im Evangelium. Zacharias ist Vater Johannes des Täufers. Wenn unser Leben oder gar die Geschichte der Menschheit einer großen Zugfahrt gleich käme, dann wäre Zacharias darin so etwas wie der Schaffner am Abfahrtsbahnhof. Er kündigt den Zug des Lebens an. Thema des Lobpreises ist das wahre Gesicht Gottes, das Zacharias sich nahen sieht in Christus. Davon singt sein Hymnus. Zu diesem wahren Gesicht will er unseren Blick wenden.

<b>Im Advent erscheint das wahre Gesicht Gottes</b>

Im Advent zeigt Gott sein wahres Gesicht, das wahre Gesicht seiner Schöpfung. Im Advent seines Sohnes beginnt die heilsame Demaskierung unserer Welt. Das wahre Gesicht, das Gott ihr schaffen will, tritt im Advent aus der Finsternis des Todes, tritt im Advent aus der Nacht der Gewalt, tritt im Advent aus dem Nebel der Ungewissheit hervor. An kaum einer anderer Bibelstelle wird das mitleidige Herz Gottes, seine Barmherzigkeit so persönlich als Grund der Heilsgeschichte benannt (F. Bovon): „Durch die herzliche Barmherzigkeit Gottes besucht uns das aufgehende Licht aus der Höhe“. Das ist wahre Gesicht der Schöpfung, das wahre Gesicht Gottes, das wahre Gesicht unserer Welt. Vergessen wir es nicht. Zacharias spricht am Abfahrtsbahnhof. Wir steigen während der Fahrt für die Strecke unseres Lebens hinzu. Wollen wir mitfahren auf dem Zug der Gerechtigkeit? Oder bleiben wir lieber im Haß-Dorf wohnen? Verbringen wir unser Leben lieber im Camp der Ungerechtigkeit? Bleiben wir wohnen im Zwischenlager „Ändern kann man doch nichts“? Und enden wird unser Leben im Heim „Resignatio“? Noch sind so viele Tyrannen, die den Hass ihrer Herzen ausgießen und andere damit vergiften. Frieden aber ist wahre Gesicht dieser Welt. Wer hat die Kraft, dieses Gesicht der Welt freizulegen, frei zu halten von aller Gewalt und all den finsteren Gedanken? Noch raffen so viele Menschen alle Güter dieser Welt in Angst, sie könnten sonst verderben. Barmherzigkeit aber ist das wahre Gesicht dieser Welt und es wird erscheinen. Wer hat die Kraft, dieses schöne Gesicht der Welt unter all den Wunden und Narben die ihm geschlagen wurden, zu sehen? Noch sagen so viele Menschen „Geld regiert die Welt“ und glauben es auch, dass es so sein muss und niemals anders sein kann. Geld verdirbt nicht den Menschen, sagte jemand, es gibt ihm nur die Möglichkeit, sein wahres Gesicht zu zeigen. Was ist ihr wahres Gesicht? Wie soll es sein? Wer hat Wille und Kraft, der Welt ein schönes Gesicht zu geben? Noch ist soviel unvergebene Schuld in dieser Welt. Noch leiden tagtäglich zigtausende daran in schlafloser Nacht. Das wahre der Gesicht der Schöpfung Gottes ist Versöhnung. Wofür beten Sie?

<b>Atlas konnte die Welt tragen, ich nicht …</b>

„Genug, genug“, mag der eine oder die andere innerlich stöhnen, „Atlas, der mythologische Riese der griechischen Sage vermochte die Welt zu tragen, ich aber kann es nicht. Jetzt werde ich in meinem hohen Alter hier in der fernen Provinz Oberfrankens wieder einmal damit belastet, den Frieden der Welt zu schaffen“.

Sollten sie so empfinden, dann hätten sie mich noch falsch verstanden. Nicht Belastung ist Ziel dieser Predigt. Im Gegenteil: Zacharias singt von der Freude, entlastet sein zu dürfen von aller Angst, weil das wahre Gesicht Gottes über dieser Welt erscheinen ist. Von Gott heißt es: Du Herr bist gut und gnädig, (und) von großer Güte (Ps 86,5). Darauf zielt der Hymnus. Das wahre Gesicht der Welt, der Schöpfung Gottes erscheint in Christus Jesus.

<b>Bauanleitung für einen Adventkalender</b>

Eigentlich hätte ich Ihnen einen Adventkalender fertigen wollen. Das habe ich nicht geschafft! Drum gebe ich Ihnen heute nur die Bau-Anleitung mit. Die geht so: Da ist Ihnen wieder großes Unrecht geschehen. Irgendjemand hat sie wieder einmal gedemütigt. Suchen sie sich ein Bild, das zum Vers aus dem Hymnus des Zacharias passt: „Du errettest mich von meinen Feinden“. Doch achten sie darauf, dass sie dieses Bild aus der Hand Christi empfangen. Und kleben sie dieses Bild neben das der Demütigung. Das wahre Gesicht ist Gerechtigkeit. Starren sie nicht auf die Fratze des Unrechts. Sie lesen in der Zeitung von all den Morden und der Finsternis dieser Welt oder sehen davon im Fernsehen. Wehren sie dem Eindruck, hier das „wahre Gesicht der Welt“ zu erblicken. Stellen sie neben diese Bilder die Bilder der Barmherzigkeit und schreiben oder sprechen sie vielleicht ein paar Gebetszeilen für die Menschen, die den falschen Gesichtern dienen. Am Ende kommt dann doch vielleicht so etwas dabei heraus wie der Wunschzettel vom Anfang. Als Christen dürfen wir gewiss sein: Das wahre Gesicht der Welt wird erscheinen. Für uns. Für andere, für alle. Das wahre Gesicht der Welt glauben, hoffen, sehen wir dann, wenn wir Gott „dienen ohne Furcht unser Leben lang in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinen Augen.“ Wir sehen es, wenn wir unsere Füße richten auf den Weg des Friedens.

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