Wegbereiter

Liebe Mitchristen, heute besonders auch liebe Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher,

Heute am 1. Advent feiern wir den Beginn eines neuen Kirchenjahres. Wir feiern den Beginn einer neuen Arbeitsperiode des Kirchenvorstandes. Wir feiern und freuen uns mit sieben Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die über viele Jahre hinweg ehrenamtlich tätig sind in unserer Kirchengemeinde, und unser Predigttext ist ebenfalls feierlich und fröhlich: Hier wird nämlich die Geburt eines Menschen gefeiert. Geboren wurde Johannes der Täufer und sein Vater, Zacharias stimmt folgenden Lobpreis an:

[TEXT]

Liebe Mitchristen, Johannes wurde geboren. Sie kennen ja die ganze Vorgeschichte, dass Zacharias es nicht glauben konnte, dass er Vater wird und dass ihm Gott deshalb den Mund verschlossen hat und dass er erst wieder sprechen konnte als er den Namen des neugeborenen Kindes auf eine Tafel geschrieben hat.

Gott ist mächtig, will uns dies sagen. Und Zacharias spricht es aus. Hoffnung verknüpft sich damit: Rettung aus der Hand der Feinde, Barmherzigkeit Gottes, Wegbereitung und Friede. All diese Hoffnungen spricht er aus. Und es sind Hoffnungen, die wir in unserer Zeit, aber auch ganz bestimmt mit der Arbeit des Kirchenvorstandes verknüpfen, die ja Außenstehenden weitgehend verborgen bleibt.

Nun, Rettung aus der Hand der Feinde brauchen wir nicht. Wir leben in einem Ort in dem der Evang. Kirchengemeinde viel Wohlwollen entgegenkommt und in der die Evang. Kirchengemeinde auch sehr wichtig ist. Natürlich wird auch etwas von uns erwartet. Aber in allem Kommen und Gehen ist die Kirche die Konstante, die über Jahrhunderte geblieben ist.

Die Barmherzigkeit Gottes brauchen wir heute genauso wie damals. Barmherzig sein aber heißt auch nicht hartherzig werden. Es gibt sicher auch Situationen einer Gemeinde in denen das „Maß voll ist“. Es gibt bestimmt Situationen, wo man einschreiten muss und nicht den „Mantel der Barmherzigkeit“ über alles ausbreiten kann. Es gibt Situationen in denen genau das falsch wäre. Das kann so sein, wenn Menschen ungerecht behandelt werden und eine Besserung nicht in Sicht ist. Das kann dann sein, wenn Menschen oder Gruppen innerhalb der Gemeinde das Existenzrecht abgesprochen wird.

Barmherzigkeit bedeutet hier auch sich als tolerant und offen zu zeigen. Es gibt, so hat es Gott eingerichtet, viele Wege zu ihm, auch schon in der Bibel. Der Kämmerer aus Äthiopien entschließt sich nach einem Gespräch mit Phillippus zur Taufe. Paulus wird völlig aus der Bahn geworfen, und andere haben andere Zugänge. Es ist gut so, Gott ist nicht einlinig; Gott ist kompliziert, so wie wir Menschen es auch sind. Barmherzig ist er aber auf jeden Fall, weil er individuelle Lösungen für uns findet und so können wir auch barmherzig sein, wie gesagt in den Grenzen dessen, was unser Bekenntnis zulässt. Es ist eben auch barmherzig unterschiedlich Meinungen zuzulassen, es ist normal das zu tun.

Nun, Zacharias spricht von dem Propheten, der Wegbereiter sein soll. Wir wissen, dass Johannes der Wegbereiter für Jesus war. Der Kirchenvorstand soll genau das auch sein: Wegbereiter. Er hat zur Aufgabe Wege zu bereiten für Neues in der Gemeinde. Er hat die Aufgabe ausgetretene Wege zu beobachten. Manche Wege sind mit der Zeit so ausgetreten, dass man sie erneuern muss. Da muss mal eine neue Teerdecke drauf, oder ein neues Pflaster verlegt werden, damit der gute Weg wieder gangbar wird. Und dann wird es auch immer wieder Wege geben, die nicht mehr benutzt werden, oder die man nicht länger unterhalten will. Ein Kirchenvorstand muss auch Mut haben solche Wege stillzulegen.

Die Arbeit von Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorstehern ist nicht leicht. Denn es gilt zu analysieren, abzuwägen, zu entscheiden. Und dann kommt wieder die Barmherzigkeit ins Spiel: Nicht nur bei den Entscheidungen im KV muss die Barmherzigkeit ein wichtiges Kriterium sein, auch bei denen, die solche Entscheidungen akzeptieren müssen soll dies so sein.

Schließlich geht es noch um den Frieden in dem Lobgesang des Zacharias. Der Friede in einer Gemeinde ist ein hohes Gut. Auch dafür soll der Kirchenvorstand Sorge tragen. Frieden freilich kann einer alleine nie schaffen. Es braucht den Willen aller dazu.

„Richte unsere Füße auf den Weg des Friedens.“ Das ist ein Schlüsselvers. Zu diesem Vers haben wir in meiner letzten Gemeinde ein Friedenslicht in der Kirche aufgestellt, damals, als der Irakkrieg ausbrach. Es brennt bis heute. Richtig Friede wird es wohl nie werden. Und deshalb ist diese Bitte so wichtig. Gott möge unsere Füße auf den Weg des Friedens richten.

Liebe Mitchristen: Es wird Advent, das heißt wir warten auf etwas, so wie Zacharias auf seinen Sohn Johannes gewartet hat und dieser auf den Messias Jesus gewartet hat. Man darf etwas erwarten in dieser Zeit. Man darf nach wie vor etwas von Gott erwarten. Und man darf Hoffnung haben, dass Gott unsere Gemeinde weiter begleitet, auch bei den Entscheidungen des neuen Kirchenvorstandes, natürlich auch dabei.

Wir Christen sind kein Club der besseren Menschen. Unsere Kirchenvorsteherinnen und Kirchenvorsteher auch nicht. Deshalb wird es auch Fehler geben und vielleicht auch Fehlentscheidungen. Gott ist barmherzig in solchen Fällen, bitte seien sie es auch.

Ich komme zum Schluss und das ist eigentlich das Allerwichtigste. Advent heißt für uns, dass nun eine Vorbereitungszeit auf Weihnachten beginnt. Wir warten aufs Jesuskind, wie Zacharias auf seinen Sohn und auf den Messias gewartet hat. Und dieses bevorstehende Weihnachtsfest macht etwas ganz besonders deutlich: Gott wird ein Mensch und die Liebe Gottes kommt in dem Menschen "Jesus" zur Welt.

Die Liebe ist das Thema. Die Liebe, die uns alle vorwärtstreibt. Die Liebe, die das Handeln im Kirchenvorstand genauso bestimmen soll wie unser alltägliches Handeln. Gott liebt uns Menschen. Das was wir Menschen aus Liebe tun ist daher immer ein Gottesgeschenk. Liebe, die natürlich sein soll, die selbstverständlich sein soll, wie unser Christsein. Kein zwanghafter Besuch bei einem alten oder Not leidenden Menschen drückt diese Liebe aus, sondern ein Besuch, der von Herzen kommt und bei dem der andere spürt, dass man gerne da ist. Kein aufgesetztes, wenngleich schönes Lächeln kann diese Liebe zeigen, sondern ein Lebensstil, der fröhlich ist, weil man sich schon lange nicht mehr vergewissern muss, dass Gott einen liebt, sondern die Liebe Gottes verinnerlicht hat.

Die Liebe Gottes zu uns ist etwas Selbstverständliches. Unser Leben ist mit vielen solchen Selbstverständlichkeiten gesegnet. Wenn unsere Liebe zu unserem Nächsten, wenn unsere Liebe zu Gott, genauso selbstverständlich und in uns verwurzelt sind, wie die Selbstverständlichkeit einer Tasse Kaffee oder Tee am Morgen, dann haben wir es geschafft. Dann leben wir ganz glaubwürdig unser Christsein, auch wenn wir etwas falsch machen. Dann können wir barmherzig sein und dann ist die Liebe kein Thema zum Diskutieren, sondern wird gelebt. Das wünsche ich uns für den Advent und das wünsche ich unseren Jubilaren und unseren Kirchenvorstehern.

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