Ohne Träume – keine Kraft zum Kämpfen

Liebe Gemeinde,

Da steht der Kleine mit seiner Oma am Grab, nur ein paar Tage nachdem er ganz gebannt zuschaute, wie der Sarg sich langsam in das Loch senkte. „Wo ist der Opa jetzt?“ – so fragt er. Dass sein Opa einfach nicht mehr ist, das ist für den 6-Jährigen nicht denkbar. Und deshalb muss er eben jetzt wo anders sein, wenn er hier ja offensichtlich nicht mehr ist.

Aber fragen nicht auch wir Erwachsenen so besonders wenn wir den oder die Verstorbene geliebt haben? Liebe ist ihrem Wesen nach eben nicht auf begrenzte Zeit angelegt. Sie trägt immer die Sehnsucht nach Ewigkeit in sich. Und so können und wollen wir es uns nicht vorstellen, dass sich das Leben einfach so in Nichts auflöst. Würde das nicht unser ganzes Tun und Sein, ja selbst unsere Liebe in Frage stellen?

Wir haben alles Recht, diese Vorstellung abzulehnen. Wo wir doch aus der Physik wissen, dass Nichts – keine Materie, keine Energie –verloren geht einfach im Nichts verschwindet. Es mag sich verwandeln, aber es hört nicht auf zu existieren.

Dann aber ist die zweite Frage des Enkels folgerichtig: „Und wie ist es da im „Himmel?“ So hat die Großmutter nämlich seine Frage versucht zu beantworten. Hier kommt sie – wie wohl die meisten von uns – ins Stocken – haben wir doch für das, was jenseits der Grenzen unserer greifbaren Welt liegt, nichts Sicheres in der Hand. Da gibt es nur Bilder – Bilder der Sehnsucht, Bilder der Hoffnung – die aber alle eins gemeinsam haben: „Es geht ihm gut, da wo er ist.“

Auf eins dieser Hoffnungsbilder haben wir in der Schriftlesung einen Blick werfen können. Dabei wurde dieser eher unbekannte „Seher“ der Offenbarung von einem Prophet des Volkes Israels inspiriert. Seher oder Prophet, so nennt man die, die sich nicht nur von dem Offensichtlichen bestimmen lassen, sondern die noch den Mut haben, Träumen zu folgen die noch auf die innere göttliche Stimme hören, und so Dinge sehen, die den Augen verborgen bleiben, die sich nur an das greifbare, beweisbare halten. So konnte der Prophet Jesaja in Kapitel 65, Verse 17-25 unsere Zukunft in einem überwältigenden Hoffnungsbild ausmalen:

[TEXT]

Das trifft unsere Sehnsucht, liebe Gemeinde, aus der Seele spricht Jesaja mir, wenn er solch gewaltigen Bilder an den Himmel malt.

– kein Tod mehr, der das Leben jäh unterbricht,

– kein Erschrecken mehr angesichts ungenutzter Chancen,

– kein langes Leben, das dennoch leer geblieben ist,

– keine Gewalt, die der aufgestauten Sinnlosigkeit Luft macht

– alte Geschichten, die endlich nicht mehr belasten müssen,

– Kinder, die einer sicheren Zukunft entgegen gehen,

– und bei allem kein Gebet, das im All verhallt,

sondern ein Gott, der hört und nicht länger schweigt.

Ich bin sicher, vor Jesaja sind Menschen gestanden, die ebenso nach Frieden und Erlösung von Leid gehungert haben, wie wir selbst es tun.

– Sollte das Leben also nicht vergeblich sein?

– Sollte es einen Sinn geben hinter all den Schmerzen?

– Zerrinnt uns endlich die Zeit nicht mehr zwischen den Fingern?

Ich gebe zu, ich beneide den Propheten um seinen Mut, solch einen Traum zu träumen.

Werden die Leute nicht sarkastisch auflachen – Träume sind doch nur Schäume! Schau doch hin: hat sich denn seit Jesaja wesentlich was verändert? Immer noch sinnloses Leid, ausufernde Gewalt, tausendfache Zerstörung unserer Lebensmöglichkeiten.

Ich selbst stimme allzu oft in diesen Widerspruch ein. Was helfen solche Träume Ihnen, die sie um ihre Lieben trauern? Was helfen solche Träume den Kinder auf den Kinderkrebsstationen? Was helfen solche Träume denen, die vor den Trümmern ihrer Ehe stehen und denen, die Hartz IV die Lebensperspektiven zerstört? Was helfen sie uns?

Doch, liebe Gemeinde, stellen wir uns einmal die Welt wirklich ohne solche Visionen, ohne solche Träume vor. Was wäre unsere Gegenwart ohne Prinzip Hoffnung!?

Da muss dann alles Leiden, aller Schmerz einfach stumm und dumpf ausgehalten werden. Die Geburt hat einen Menschen da mitten hineingeworfen. Nun muss er halt durch, bis der Tod einen wieder im Nichts verschwinden lässt. Da sind die Verhältnisse halt so, wie sie sind. Man kann ja doch nichts dran ändern.

Da merke ich dann deutlich: ich brauche diesen Traum, ich brauche dieses Hoffnungsbild, diese Vision. Denn ohne ihn kann ich nicht weitergehen.

Das ist Quatsch! sagt, wer ohne Hoffnung, ohne Träume und Visionen auskommen will. Nur – wie lebt dann dieser Mensch und wie stirbt er einmal?

Wie gesagt, ich jedenfalls kann mir mein Leben ohne diese Hoffnungsbilder nicht vorstellen. Sie lassen mich wieder aufatmen, wenn mir die düsteren Prognosen dieser Welt die Kehle eng machen. Sie geben mir Kraft, weiterzugehen. wenn das wichtigste in meinem Leben abgebrochen ist. Sie helfen meiner Seele wieder auf die Beine,

wenn sie unter den alten schwer lastenden Geschichten müde geworden ist. Sie halten ein Feuer in mir lebendig, das mich wärmt, wenn die Kälte durchs Leben zieht.

Ohne das wäre mein Leben nur ein Überleben, aber kein Leben wie Gott es gemeint hat. Ohne das wären die Menschen einfach hoffnungslos und wunschlos unglücklich.

Mit solchen Traum- und Hoffnungsbildern aber spuckt der Glaube seine Ohnmacht heraus, schluckt sie nicht mehr herunter. Schreit unter Schmerzen, klammert sich mitten im Weinen und Klagen an eine absolute Gewissheit. Ja, das gibt es und das wird es geben: den neuen Himmel und die neue Erde.

Das, liebe Gemeinde, ist nun keine Vertröstung, das ist eine Einstellung, die das Leben und sogar die Verhältnisse verändert, sicherlich nicht alles – von jetzt auf nachher, aber verändert wird das Leben durch solch eine Hoffnung.

Denn wer solches träumen und glauben kann, der leidet zwar, aber es ist nicht nur Dunkel um ihn. Wer solches träumen und glauben kann, der stirbt zwar, aber er stirbt nicht in einen verschlingenden Abgrund hinein. Der sieht eben hinter alldem eine andere Dimension, die sich unserem Denken entzieht, die aber doch einwirkt auf das Lebensgefühl.

Dieses Hoffnungsbild wird dann auch zur treibenden Kraft, die die Welt nicht mehr lassen kann, wie sie ist. Sie lässt uns gerade nicht untätig auf den neuen Himmel und die neue Erde warten.

Welch weltverändernde Kraft diese Hoffnung entwickeln kann, können wir im Leben von Martin Luther King sehen:

„I have a dream“ – „Ich habe einen Traum“, dass eines Tages ehemalige Sklavenhalter und ehemalige Sklaven am Tisch der Brüderlichkeit sitzen werden, dass Schwerter zu Pflugscharen umgeschmiedet, hasserfüllte Menschen einander in den Arm nehmen. So ließ er sich in einer von Rassismus und Hass verseuchten Gesellschaft

von der Hoffnung des Propheten Jesaja anstecken.

Und dann ist er losgezogen mit dieser unbändigen Sehnsucht im Herzen und hat dafür geredet und dafür gekämpft.

„Dieser Glaube macht uns fähig,“ so rief er Tausenden von Schwarzen und Weißen in Memphis zu: „Dieser Glaube macht uns fähig, zu beten, zu kämpfen, zu schaffen, zu leiden, zu weinen, zu singen, dieser Glaube macht uns fähig, die Missklängen unser Zeit in eine Große Symphonie zu verwandeln, dieser Glaube macht uns fähig, aus dem Berg der Verzweiflung Steine der Hoffnung zu schlagen. Denn eines Tages sind wir frei.“

Noch am Vorabend seiner Ermordung, mit der er ständig rechnen musste, hat er seine Antriebskraft so beschrieben: „Ich weiß nicht, was geschehen wird. Schwierige Tage liegen vor uns. Aber das macht mir jetzt wirklich nichts aus. Denn ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Wie jeder andere würde ich gerne lange leben. Aber darum bin ich jetzt nicht besorgt. Ich möchte nur Gottes Willen tun. Er hat mich auf den Berg geführt. Und ich habe hinübergeblickt. Ich habe das Gelobte Land gesehen. Ich möchte dass ihr wisst, dass wir das gelobte Land erreichen werden. Deshalb bin ich heute Abend glücklich. Ich mache mir über nichts Sorgen. Ich fürchte niemanden. Denn meine Augen haben die Herrlichkeit des kommenden Herrn gesehen.“

So treibt der Blick in die neue Welt, die wir Ewigkeit nennen, ihn an, dafür zu leben und zu kämpfen, dass diese Ewigkeit schon hier und jetzt Raum gewinnt. Der Blick in die neue Welt macht ihn aber auch dazu bereit, dieses Leben loszulassen, zu gehen, wenn es Zeit ist. Denn dann wird er ja ganz und ungebrochen erleben, was er jetzt nur von allem dem Leid überschattet erlebt: diesen neuen Himmel und diese neue Erde, wo wirklich kein Leid, keine Tränen und kein Tod mehr die Herrlichkeit des kommenden Herrn verdunkelt.

Und so kann hat auch der 6-Jährige am Grab des Opas Recht, wenn er beruhigt zu seiner Oma sagt: „dann geht es dem Opa jetzt gut – und wir werden ihn wieder sehen, wenn wir auch in den Himmel kommen.“ Und nach einer Pause weitermacht: „Aber jetzt noch nicht, denn vom Himmel kommt man ja nicht mehr zurück.“

Das Hoffnungsbild von dem neuen Himmel und der neuen Erde kann uns also befreien, unsere Toten vertrauensvoll loszulassen, weil wir sie in der ungebrochenen Gegenwart Gottes gut aufgehoben wissen, und uns gleichzeitig befähigen, mit ganzer Kraft das Leben zu leben, das uns jetzt und hier gewährt ist.

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