Morgenglanz der Ewigkeit

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Liebe Gemeinde!

Einen Ort finden, an dem kein Weinen und kein Klagen zu hören ist … Ich glaube, wir alle sehnen uns danach. Besonders heute. Bei den einen ist die Trauer um einen geliebten Menschen, der in diesem Kirchenjahr verstorben ist, noch ganz frisch. Die plötzlich hereingebrochene Einsamkeit wirkt noch lähmend, offene Fragen und Schuldgefühle sind noch so massiv gegenwärtig. Bei anderen sind die Tränen schon getrocknet. Sie haben versucht wieder einen Rhythmus zu finden. Doch ein solcher Tag lässt besonders den Schmerz über den Verlust spüren. Einen Ort finden, an dem kein Weinen und kein Klagen zu hören ist … Es scheint, als sei dies in unserer Welt kaum möglich. Wo sollte dieses Fleckchen Erde auch sein? Sicher nicht in Emsdetten, wo ein 18jähriger Amokläufer eine Schule überfiel, Menschen lebensgefährlich verletzte und sich am Ende selbst tötete. Sicher nicht in Siegburg, wo ein Gefangener zu Tode gequält wurde, weil niemand auf seine Hilferufe reagierte. Sicher nicht in Meßstetten, wo ein Hauptfeldwebel bei einer militärischen Schießübung ums Leben kam. Sicher nicht, wo eine heranwachsende Tochter den Vater, die Mutter, eine alt gewordene Mutter oder Vater den Sohn, eine Frau ihren Mann, ein Mann seine Frau verloren haben. Einen Ort finden, an dem kein Weinen und kein Klagen zu hören ist … Wer mag daran schon glauben? Und zeigt nicht die Erfahrung, dass Träume allzu oft nur Schäume sind? In Franz Schuberts „Winterreise“ gibt es ein Lied (Text von Wilhelm Müller) von zerbrochenen Träumen:

„Ich träumte von bunten Blumen/so wie sie wohl blühten im Mai

Ich träumte von grünen Wiesen/von lustigem Vogelgeschrei

Ich träumte von Lieb’ um Liebe/ von einer schönen Maid

Von Herzen und von Küssen/von Wonne und Seligkeit

Und als die Hähne krähten/ da war mein Herze wach

Nun sitz ich hier alleine/und denk dem Traume nach.“

Und dennoch beharrt Jesaja mit seinen Worten darauf, dass es diesen Ort gibt. Was er wohl damit bezwecken will? Er selbst lebt in einer Zeit, die alles andere als friedlich ist. Er ist Angehöriger eines Volkes, das immer wieder unter fremden, aber auch unter den eigenen Herrschern gelitten hat. Er kennt die leidvolle Geschichte der Israeliten, er weiß, dass viele Tränen geflossen sind und immer noch geweint werden. Er hat die Klagen der Menschen im Ohr, die ihrer Trauer freien Lauf lassen. Was hat er also mit seinen Weissagungen vor?

Vielleicht, weil er uns damit sagen will, dass unser Vater im Himmel unsere Sehnsucht nach solch einem Ort kennt. Er weiß um jede Träne, die wir weinen. Er weiß um jedes Haar, dass uns im Laufe unseres Lebens gekrümmt wird. Er weiß um unsere Schmerzen, die wir auszuhalten haben. Er weiß um jede Stunde, in der wir verzweifelt sind. Er weiß um die vielen Menschen, die viel zu jung sterben. Und um die vielen anderen, die trotz hohen Alters ihr Leben noch nicht gelebt haben. Er weiß um unsere Schufterei, die nicht immer von Erfolg gekrönt ist. Und er weiß, dass vieles ungerecht verteilt ist in dieser Welt. Und er weiß, dass uns all das zu schaffen macht.

"Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören." Für Jesaja ist es wichtig, dass sich Gott im Himmel nicht verbarrikadiert, sondern unser Leben an sich heran lässt – mit seinen Höhen und Tiefen, mit seinen Tränen der Freude und des Kummers, mit seinem Gelingen und Scheitern, mit seinem Werden und Vergehen. Es gibt nicht einen Menschen auf der Welt, der Gott fremd wäre. Und es gibt nicht einen Moment in unserem Leben und Sterben, an dem er nicht bei uns ist. Mitten im Warschauer Ghetto stand auf einer Wand zu lesen.

„Ich glaube an die Sonne, auch wenn sie nicht scheint;

Ich glaube an die Liebe; auch wenn ich sie nicht spüre;

Ich glaube an Gott, wenn ich ihn auch nicht sehe.“

Noch einmal nachgefragt: Und warum hören wir diese Weissagungen jetzt, an diesem für viele so schwierigen Sonntag?

Sie erinnern uns daran, dass Gott nicht das Blaue vom Himmel verspricht wie so viele Werbesprüche und Glücksversprechungen es uns suggerieren wollen. Wenn Gott verheißt: „Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.“, dann erinnert er daran, dass die früheren und gegenwärtigen Verhältnisse nicht der Maßstab sind für das, was möglich ist. Darin liegt der Trost: Er allein wird die Erde verwandeln zu neuem Leben. Und darauf können und dürfen wir getrost bauen. Was tröstet dich der Artikel vom ewigen Leben? so fragt der Heidelberger Katechismus (Frage58) und antwortet: Dass, nachdem ich jetzt schon den Anfang der ewigen Freude in meinem Herzen empfinde (2.Kor 5,2.3), ich nach diesem Leben vollkommene Seligkeit besitzen werde, die kein Auge gesehen, kein Ohr gehört und in keines Menschen Herz je gekommen ist (1.Kor 2,9), um Gott ewig darin zu preisen (Joh 17,3). Darin liegt der Trost, Denn für uns Christen ist Jesus der Garant dieser Welt erneuernden Hoffnung. Martin Luther King hat diese Gewissheit mit den Worten beschrieben:

„Komme, was mag, Gott ist mächtig.

Wenn unsere Tage verdunkelt sind

unsere Nächte finsterer als tausend Mitternächte,

so wollen wir stets daran denken,

dass es in der Welt eine große, segnende Kraft gibt,

die Gott heißt.

Gott kann Wege aus der Ausweglosigkeit weisen.

Er will das dunkle Gestern in ein helles Morgen verwandeln – zuletzt in den leuchtenden Morgen der Ewigkeit.“

Daran wollen wir denken, wenn wir uns an jene erinnern, von denen wir Abschied genommen haben. Für sie hat das Weinen und Klagen ein Ende, nicht aber das Leben.

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