Christus, mein Leben

Liebe Totensonntagsgemeinde,

heute erinnern wir uns an die Menschen, die uns begleitet haben und die von uns gegangen sind. Wir denken immer wieder an sie, aber heute in besonderer Weise. Was sie für uns waren, das geht uns durch den Kopf und das spüren wir, wie es in unseren Gefühlen nachwirkt.

Wir sind den Weg der Trauer gegangen. Den Weg auf dem Friedhof weg von ihnen. Und wir haben uns auf ein Leben ohne sie eingestellt. In diesem Gottesdienst bringen wir unsere Toten und unsere Trauer vor Gott. Denn vor Gott und im Gebet können wir in die Tiefe unserer Seele schauen und unsere Verstorbenen loslassen und den Schmerz heilen lassen.

Unser Predigttext für den heutigen Totensonntag steht im Brief des Apostels Paulus an die Philipper, Kapitel 1 in den Versen 21-26. Ich lese aus der neuen Übersetzung „Bibel in gerechter Sprache“:

"Für mich nämlich bedeutet Christus das Leben und Sterben bedeutet Gewinn. Wenn mir aber das Weiterleben auf Erden bestimmt ist, kann ich fruchtbare Arbeit leisten. Was ich aber wählen soll, weiß ich nicht. Beides setzt mir zu: Ich habe Lust, von hier aufzubrechen und ganz bei Christus zu sein, das wäre das Allerbeste. Zugleich aber ist es um euretwillen nötiger, hier auf Erden zu bleiben. Daher bin ich zuversichtlich und weiß, dass ich bleiben und mit euch ausharren werden, um euch im Glauben voranzubringen und mit Freude zu erfüllen, damit ihr, wenn ich wieder zu euch komme, um meinetwillen ein umso lauteres Loblied anstimmen könnt von dem, was Jesus Christus tut."

Der Apostel Paulus sitzt im Gefängnis. Er muss sehr viel aushalten. Aber die Gemeinde in der Stadt Philippi in Griechenland, an die er hier schreibt, macht ihm Freude.

So bedeutet sein Wunsch zu sterben, den er hier in unserem Predigttext ausdrückt, nicht, dass ihm alles zuviel wird, dass er kein Licht am Ende des Tunnels mehr sieht, dass er verzweifelt, einsam und hoffnunglos ist. Im Gegenteil: seine Arbeit ist fruchtbar. Er zeigt großen Einsatz – aber er sieht auch den Erfolg. In vielen Städten gibt es neue christliche Gemeinden. Paulus nimmt die Reisestrapazen und die ungerechte Verfolgung auf sich – aber es lohnt sich. Der befreiende und glücklichmachende Glaube an Jesus Christus verbreitet sich wie ein Lauffeuer.

Wieso würde Paulus dann lieber sterben?

Sterben bedeutet für ihn Gewinn, weil ganz bei Christus zu sein für ihn das Allerbeste wäre. Hier auf der Erde ist Arbeit und Ausharren. Dort aber kommt Paulus dem, der sein Leben ist, Jesus Christus, richtig nahe. All die Schwierigkeiten des Alltags kann er hinter sich lassen, allen Ärger, allen Frust, alles, was ihn nervt. Dort, im Himmel zu sein, das ist wie ständig beten und erfüllt sein von Gnade Gottes, die ein Glück schenkt, wie kein irdischer Genuss es schenken kann. Dort, bei Christus sein, heißt: ich bin nicht mehr unruhig, nicht mehr von mir selbst getrennt, nicht mehr abgespalten von der Quelle des Lebens.

Liebe Totensonntagsgemeinde, wir fragen uns, wo unsere Verstorbenen sind. Die Bibel hat verschiedene Bilder und verschiedene Worte für das, was unsere Zukunft nach dem Tod ist. Hier bei Paulus finden wir die grundlegende Antwort: dort, bei Christus sein, das ist ein solcher Gewinn, das ist so sehr das Allerbeste – dass man vernünftigerweise eigentlich sofort dahin will. Denn dort – das ist das Glück, das wir hier immer nur manchmal, wie durch einen Spiegel in einem dunklen Wort, schon spüren können. Wir spüren schon den Himmel, der kommt, wenn wir die Liebe spüren und uns ganz für sie öffnen. Wenn wir die Trauer loslassen und den Trost einziehen lassen. Wenn wir uns selbst loslassen und den menschlichen Gott, Christus, in uns spüren können in Momenten der besonderen Ruhe, der tiefen Gemeinschaft, der leidenschaftlichen Hingabe. Wir merken es ja immer wieder: worauf es ankommt, das ist größer als wir selbst und tiefer, als wir schauen können. Und genau dort gibt es eine Verbindung in unseren Herzen: eine Verbindung zu unseren Verstorbenen und eine Verbindung zu Gott, der Quelle und dem Ziel für alles Leben.

Ich finde, wir können aus diesem Pauluswort etwas sehr tröstliches mitnehmen: unseren Verstorbenen geht es besser als uns. Wir haben uns hier mit dem Alltag und seinen Problemen auseinander zu setzen. Und wir haben noch die Last der Trauer.

Von dem, was Paulus über die Zukunft bei Christus sagt, können wir folgern: dort ist es gut. Unsere Verstorbenen können wir getrost Gott anvertrauen. Und sie wünschen uns, dass es auch uns gut geht. Dass wir sie loslassen und dass wir ausharren und zuversichtlich sind. Das Ziel ist nämlich, uns im Glauben voranzubringen und mit Freude zu erfüllen.

Damit ist gut ausgedrückt, was das Ziel unserer Trauer ist und was uns unsere Verstorbenen wünschen: unser Vertrauen muss wieder wachsen und stark werden. Unser Vertrauen in das Leben. Unser Selbstvertrauen, dass wir uns wieder zutrauen, den Weg mutig zu gehen ohne sie, die uns zurückgelassen haben und eine Lücke hinterlassen haben. Und die Trauer muss allmählich verwandelt werden in Freude. Du, Gott, verwandelst meine Trauer in Freude und meine Tränen in Zuversicht, heißt es in einem Psalmvers. Genau das ist das Ziel. Und die Kraft dazu: sie ist schon da. Sie liegt schon bereit. Wir müssen nur ein wenig auf unserem Weg weitergehen.

Paulus sagt: ich hätte eigentlich Lust zu sterben. Das wäre viel besser für mich. Aber wegen euch, damit ich euch im Vertrauen weiterbringe, bleibe ich hier. Ich harre mit euch aus. Ich arbeite mit euch und bin zuversichtlich, dass das Frucht bringt.

Wir, die wir zurückbleiben, wir haben auch eine Aufgabe. Wir haben die Aufgabe, unseren Verstorbenen ein ehrendes Andenken zu bewahren. Und das tun wir, indem wir glücklich und fruchtbringend und mit möglichst viel Freude weiterleben. Im Grunde haben wir, die wir hier bleiben, die schwerere Aufgabe. In dieser Welt mit Kürzungen, Arbeitslosigkeit, Hektik und Ärger ist es viel schwerer, dafür zu sorgen, dass die Freude wächst.

Wir werden uns wieder sehen, sagt Paulus. Und dann werden wir ein um so lauteres Loblied anstimmen von dem, was Jesus Christus tut.

Liebe Totensonntagsgemeinde, wir werden unsere Verstorbene wieder sehen. Bis dahin haben wir eine Aufgabe. Das Vertrauen muss wachsen. Die Freude muss uns und unsere Umgebung erfüllen. Damit wir gemeinsam, dann wenn wir uns wieder sehen, ein umso lauteres Loblied anstimmen können von dem, was Jesus Christus tut.

Das heißt: für unsere Verstorbenen sollen und können wir dafür sorgen, dass es den Familien gut geht. Dass es genug Verbindung gibt und genug Gelegenheit zum Miteinanderreden. Dass man sich hilft, wenn Hilfe nötig ist wegen Überlastung oder Krankheit. Dass Vertrauen und Freude gestärkt werden.

Was wir auch tun – es soll dazu tun, dass wir ein umso lauteres Loblied anstimmen können von dem, was Jesus Christus tut.

Das können wir ja auch hier schon, das Loblied singen. Wenn wir im Gottesdienst Loblieder singen, dann verbinden wir uns mit der himmlischen Welt und erhalten Anteil an ihr.

Christus, der ist mein Leben und Sterben mein Gewinn – so heißt es in der Lutherbibel. Und das bedeutet: wenn Sterben gar nichts Schreckliches ist, sondern einfach zu Christus gehen – dann muss ich keine Sorgen haben um meine Angehörigen. Und dann muss ich selbst auch keine Angst haben vor dem Sterben.

Jesus Christus ist uns ja vorausgegangen in den Tod. Und er hat den Tod für uns besiegt. Der Tod hat seine Schrecken verloren. Der Tod hat seine Macht verloren.

Deshalb können wir Christinnen und Christen auch am Totensonntag Loblieder singen. Und so leben, dass das Loblied immer lauter gesungen wird, weil unser Vertrauen wächst und Freude uns erfüllt.

Dermaleinst werden wir es dort singen. Jetzt singen wir es hier und wissen unsere Verstorbenen gut aufgehoben.

Und der Friede Gottes …

Wir stehen auf und erinnern uns an die, die von uns gegangen sind, weil Gott sie zu sich gerufen hat.

… Mögen sie eingehen in die ewige Ruhe.

drucken