Bereitschaft zum Aufbruch

Liebe Gemeinde,

einige sind heute unter Ihnen, die speziell eingeladen wurden zu diesem Gottesdienst. Eingeladen, heute ganz besonders ihrer Toten zu gedenken. Nämlich jene Brüder und Schwestern in Christo, die im dieser Woche ausgehenden Kirchenjahr verstorben sind. Wir werden die Namen der Verstorbenen auch nachher noch verlesen. An was kann man sich also halten, wenn man einen geliebten Menschen verloren hat?

Freilich an das, was er im Leben für uns bedeutet hat, wie er war, was er getan hat. Wie das Zusammenleben, das Lieben und Streiten, das Bangen und Hoffen mit diesem Menschen sich gestaltete. Fast alle, die heute hier sind, wissen, wie das geschieht. Oft sind es einzelne Momente, ein Lied, ein Text, Kleinigkeiten, die an sich keinen großen Wert haben, die an die Verstorbene denken lassen. Weißt du noch, damals?

Nicht nur wir Christen haben darüber hinaus aber noch einen Ort geschaffen, um sich der Toten zu erinnern. Es ist der Platz am Friedhof, der Grabstein und das Grab selber, oft liebevoll gepflegt. Ein wichtiger Ort, gerade, wenn das Leben zu Hause vielleicht irgendwann wieder normal weiterläuft oder wenn das „zu Hause“ sich verlagert, ein Umzug anstand und die Räumlichkeiten, die an den Toten erinnerten, verschwunden sind. Dort am Grab sammeln sich die Gedanken und verdichtet sich auch das Nachdenken über den Toten und das eigene Leben nun ohne ihn. All dies, liebe Gemeinde, ist sehr wichtig.

In der Schule versuche ich meinen Schülerinnen zu erklären, was der Nachteil ist, wenn sie sich anonym beerdigen lassen wollen – sie rauben der Nachwelt einen wichtigen Erinnerungsort. All dies ist wichtig und die Trauer braucht Raum und Zeit. Niemand sollte von sich verlangen, gleich eine Woche nach dem Todesfall wieder alles „so wie üblich“ leisten zu wollen.

Aber dennoch, liebe Gemeinde, dennoch ist es nur der eine Teil dessen, was wir im Angesicht des Todes als Christen bedenken. Denn wir Christen wissen, dass unser Leben hier nur begrenzt ist. Auch, dass unsere Rolle in diesem Leben hier nur begrenzt ist. Unsere Macht ist klein und aus uns selbst heraus vermögen wir gar nichts. Vor zwei Wochen ist hier Hiob gepredigt worden mit seinen Worten: „Der Mensch lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.“ Hiob hat er erfahren müssen und bekennt es in seiner Rede: ohne Gott ist der Mensch nichts. Weh denen, liebe Gemeinde, die das Leben eines Verstorbenen reduzieren müssen auf das, was er oder sie im irdischen Leben geleistet hat. Ich wage zu behaupten: sind sie gezwungen, sein Leben nur in Ausschnitten darzustellen und vieles schön zu reden. Weh denen, liebe Gemeinde, die sich nur festklammern können an den Dingen, die der Tote zurückgelassen hat und so nur rückwärtsgewandt von ihm denken und fühlen können. Die Hoffnung eines Christen aber geht über diese Dinge hinaus.

Wir haben diese Hoffnung, weil wir Christus haben, der gestorben und wieder auferstanden ist. Wäre Christus nur gestorben und nicht wieder auferstanden, so wäre unsere Hoffnung ein Nichts und unsere Rede umsonst. So beschreibt es Paulus. Nun aber glauben wir in diesem Jesus von Nazareth den Sohn des lebendigen Gottes. Jenes Gottes, der sich kreuzigen ließ, um unserem Leben und Leiden ganz nahe zu sein. Auf den Leidenden zu hören, ihm beizustehen ist seitdem eine der größten Tugenden des Christentums. Und wir glauben in diesem Jesus den Christus, der den Tod überwand, so dass es keinen mehr gibt, der außerhalb seines Machtbereiches sein muss. Christus hat den Tod besiegt, er hat dem Teufel und der Sünde die Macht über die Menschen genommen. Uns ist zugesagt: wir werden ihm nachfolgen und ihm nachgebildet werden im Tode und im Auferstehen.

Dies ist die Hoffnung, liebe Gemeinde, die die andere Seite beschreibt. Nicht nur unser Jetzt-Sein, nicht nur die Diesseitigkeit, sondern eben auch jenes, als welches wir gedacht sind: das, was uns ausmacht, was den Kern der Gottesebenbildlichkeit bedeutet. So verweisen wir jeden Sonntag, jede Beerdigung, jederzeit, wenn wir von Christus reden auf diese Welt, die in Gott geheilt und geborgen ist und: in der wir unsere Toten bereits jetzt glauben. An jeder Beerdigung hören Sie die Worte des Seher Johannes von der neuen Welt, so wie wir sie vorhin in der Lesung vernommen haben und woraufhin wir unseren Glauben bekannt haben. Hören wir nun die Worte, auf die sich Johannes wiederum in der Heiligen Schrift berufen hat. Wir lesen sie beim Propheten Jesaja im 65. Kapitel, die Verse 17 bis 25:

[TEXT]

Es ist unmöglich, liebe Gemeinde, diesen neuen Himmel und diese neue Erde so zu beschreiben, wie es ein Reisehandbuch täte. Unmöglich, weil noch niemand dort war. Deswegen ist es gerecht, in unterschiedlichen Bildern von dieser neuen Schöpfung zu reden bis hin zur Rede, dass diese neue Welt bereits in uns hereinbricht, sie in uns anfängt. Denn – und das will ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen – denn es geht ja nicht darum, dass wir auf ein Jenseits vertröstet werden sollen und deswegen im Diesseits die Hände leidend und geduldig in den Schoß legen sollten. Nein: beides bedingt sich und durchdringt sich gegenseitig. Wer die Hoffnung auf eine bessere Welt in sich tragen darf, der wird in dieser Welt für Verbesserung und mehr Menschlichkeit kämpfen wollen.

So will es Jesaja: seine Bilder sind – ebenso wie die Bilder Johannes – zu den Zeitgenossen gesprochen in einer Sprache, die sie unmittelbar verstehen können, weil die Beispiele aus ihrer Zeit stammen. Und dennoch geht es darum um das Gleiche, was wir Heutigen auch noch erleben: das Dunkle dieser Welt: es wird in Gottes neuer Schöpfung vergangen sein. Es wird kein Leid mehr geben und keinen Schmerz. Und mit dem Leid und dem Schmerz wird auch der Tod seine Macht verlieren.

„Als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt.“ Eine unglaubliche Aussage, bedenkt man, dass die Menschen damals im Schnitt ca. 40 Jahre alt wurden und sehr viele Kinder bereits bei der Geburt oder in jungen Jahren sterben mussten. Heute würde man diese Aussage so nicht mehr machen. Ich persönlich gehöre auf jeden Fall nicht zu den Menschen, die sich darüber freuen, dass die Lebensaussichten immer länger werden. Schon in wenigen Jahren – so heißt es – hätten wir die medizinischen Möglichkeiten, die Menschen weit über 100 Jahre alt werden zu lassen, allerdings müssten wir dann Erbgut verändern, Organe austauschen usw. Ich meine, dies Streben nach künstlich verlängertem Leben gründet sich allein in der Vorstellung, man müsse in diesem Leben alles auskosten, weil danach nichts mehr käme. Dennoch wählt Jesaja diese Bilder, weil er darauf hinweisen will, dass es kein sinnloses Leiden, keinen zu frühen Tod mehr geben wird. Ich weiß es aus eigener Erfahrung: mein Vater ist jung gestorben – gerne hätte er noch mehr von dem verwirklicht, was ihm wichtig war.

Es ist ja gerade ein Kennzeichen des Leides, wie wir ihm oft begegnen: das Sinnlose. Wir können nicht erklären, warum der eine Krebs bekommt, obwohl er vielleicht sogar gesundheitlich vorbildlich gelebt hat. Wir können nicht erklären, warum ein kleines Kind vom Laster überfahren wird. Wir können nicht erklären, warum eine Naturkatastrophe Tausende Opfer fordert. Wir Christen beharren sogar darauf: wir werden keinen Sinn darin erklären und keine Begründung liefern, außer dieser einen: dass die Welt, so wie sie ist, eben eine Welt ist, die von der Sünde durchzogen bleibt und deswegen dunkle Flecken hat. Wenn wir aber Gott schauen werden von Angesicht zu Angesicht, dann wird das Sinnlose endgültig wegfallen. Wir werden verstehen und begreifen und das Mächtige, das uns im Leid überfällt wird verschwinden.

„Sie sollen nicht umsonst arbeiten“ schreibt Jesaja. Auch darin ist er unserer Zeit erstaunlich nahe gekommen. Es geht nicht um das Anhäufen von Reichtümern, wenn wir unsere Arbeit tun, aber es geht um einen gerechten Ausgleich: dass jeder, das was er zum Leben braucht, erhält. Wir wissen es und verdrängen es trotzdem oft: wir als reicher Norden leben auf Kosten des Südens. Viele Menschen arbeiten hart, ohne dass sie davon leben könnten. Ungerechtigkeiten, liebe Gemeinde, die aufhören werden in Gottes neuer Schöpfung. Weswegen wir Christen schon jetzt aufgerufen sind, auf eine bessere Gerechtigkeit hinzuarbeiten.

Und Gott spricht: „ehe sie rufen, will ich antworten“. Gott wird bei uns sein, so dass wir es direkt spüren und merken. In dieser Welt erfahren wir oft Zeiten, in denen Gott abwesend scheint. Wir hören seine Antwort nicht unter dem Lärm, der uns umgibt. In jener neuen Schöpfung wird es anders sein. „Wolf und Schaf sollen beieinander weiden.“ Die bekanntesten Gegner aus der Tierwelt werden in Frieden beieinander wohnen. Auch uns wird der Friede Gottes dort zuteil werden. All der Hass und der Neid, der uns heute umtreibt, all die Hintertücke und Lüge, mit der wir zu kämpfen haben: all das wird ein Ende haben in Gottes neuer Schöpfung.

Als Christen, liebe Gemeinde haben wir ein Angeld dieser neuen Schöpfung bereits erhalten und wir tragen sie als Hoffnung, die uns Mut und Grund gibt, in uns. Mit dieser Hoffnung dürfen wir an unsere Toten denken und darin geborgen sein, dass sie schon weiter sehen, als wir es können. Aber auch für uns selbst, die wir daran Leid tragen wissen: dass jene Zeit auch uns gelten wird.

Johannes Rau, der im Januar dieses Jahres verstorbene ehemalige Bundespräsident gab folgende Worte weiter: „Wenn Menschen meiner Generation mich fragen, was sie denn weitergeben sollten, dann sage ich ihnen dies: Sagt euren Kindern, dass euer Leben verdankt ist dem Lebenswillen Gottes. Sagt ihnen, dass euer Mut geliehen war von der Zuversicht Gottes. Sagt ihnen, dass eure Verzweiflung geborgen war in der Gegenwart des Schöpfers. Sagt ihnen, dass wir auf den Schultern unserer Mütter und Väter stehen. Sagt ihnen, dass ohne Kenntnis unserer Geschichte und unserer Tradition eine menschliche Zukunft nicht gebaut werden kann. Sagt ihnen, dass wir ohne innere Heimat keine Reisen unternehmen können. Denn wer nirgendwo zu Hause ist, der kann auch keine Nachbarn haben. Und sagt ihnen zu guter Letzt, dass die stete Bereitschaft zum Aufbruch die einzige Form ist, die unsere Existenz zwischen Leben hier und dem Leben dort wirklich ernst nimmt.“

Und der Friede Gottes, der bei euch wirkt als die größte Hoffnung von allen, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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