Ermutigung zum Leben

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde!

Zu den Filmen, die mich in den letzten Jahren besonders beeindruckt haben, gehört der Film „Das Leben ist schön“ von Roberto Benigni (1998). Inmitten der Hölle eines Vernichtungslagers erzählt ein jüdisch-italienischer Vater seinem kleinen Sohn eine irrwitzige Geschichte. Alle Grausamkeiten, die sie erleben, seien nur Bestandteile eines großen Spieles und am Ende sei als Preis ein Panzer zu gewinnen. Die Grausamkeiten der Wärter, das Verschwinden von Kindern und Alten, sogar den Gang zu seiner eigenen Hinrichtung verwandelt der Vater durch sein Erzählen in Stationen dieses Spiels. Der Junge überlebt das Lager und sieht am Ende den versprochenen Gewinn: Ein Panzer fährt durch das Lagertor, die Amerikaner befreien das KZ.

Es wird deutlich. Mit seinem zunächst fast lächerlich scheinenden Widerstand gegen die grausame Wirklichkeit schafft der Vater für sich und sein Kind eine neue Realität, die ihnen den Mut zum Leben erhält. Er kämpft mit aller Macht gegen die Wirklichkeit und hebt sie damit aus den Angeln. Er ringt dem Unmenschlichen ein Leben ab. Am Ende heißt die Botschaft des Films nicht. „Ertragt alles, denn es wird alles gut“, sondern „Seht der Wirklichkeit mutig und entschieden ins Auge – und setzt ihr da, wo es geboten ist, mit Hoffnung und Phantasie Widerstand entgegen.“ Und auch das wird durch diesen Film „Das Leben ist schön“ deutlich: Hoffnung ist eine Kraft, die das Leben verändern kann. Sie ist Vorschein einer kommenden Wirklichkeit, die schon jetzt manches Dunkel heller machen kann.

Um Ermutigung von Menschen, deren Leben von Angst und Bedrohung geprägt ist, geht es auch im heutigen Predigttext aus der Offenbarung des Johannes. In diesem Buch geht es nämlich weniger um das Ende der Welt. Es geht viel mehr darum, uns für die Phasen unseres Lebens geistlich auszurüsten, die uns besonders viel abverlangen. Damit wir am Ende nicht am Leben verzweifeln, sondern es voller Vertrauen wiedergewinnen.

[TEXT]

Der Brief spricht zunächst hinein in die schwierige Situation der christlichen Gemeinden der römischen Provinz Asia. Da befahl der Kaiser Domitian der Bevölkerung ihn als „Herrn und Gott“ zu verehren und verpflichtete sie am Herrscherkult teilzunehmen. Smyrna, das heutige Iszmir, war Zentrum dieses Herrscherkultes und für ihre Gladiatorenspiele berühmt.

So geriet die christliche Gemeinde vor Ort zunehmend in Konflikt mit der Zivilreligion, da sie Jesus Christus und nicht den Kaiser als ihren Herrn und Gott verehrten.

"Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst!" heißt es da.

Das ist ein provozierender, fast unerträglicher Satz. Ich hätte jedenfalls nicht die Courage, ihn den 150 Geiseln mit auf den Weg zu geben, die im Irak entführt wurden. Oder den Kindern in Sri Lanka, die als Soldaten im Kampf gegen die Tamilen-Rebellen eingesetzt werden. Oder den Mobbingopfern an unseren Schulen. Oder auch nur einer/m unter uns, der/die – aus welchen Gründen auch immer – durch ein dunkles Tal gehen muss.

Und doch kann ich ihn nicht einfach beiseite schieben. Denn im Grunde genommen liegt in ihm sehr viel Trost! Er macht uns ChristInnen nämlich auf etwas aufmerksam: dass das, was wir zu erleiden haben, nicht die letzte Wirklichkeit in unserem Leben bleibt; dass wir noch etwas erwarten dürfen, das jedem Leid ein Ende bereitet; und dass uns ein Leben versprochen ist, in dem alle Wunden verheilt sind.

Von dem Reformator Martin Luther wird erzählt, dass er einmal in einer Zeit der Angst und Verfolgung auf seinen Schreibtisch die Worte geschrieben habe. „Ich bin getauft!“ Dadurch hat er sich seine von Gott zugesprochene Stärke bewusst gemacht und daraus neue Kraft geschöpft.

"Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen von dem zweiten Tode." Es gibt nicht nur den Tod, der uns Menschen nicht mehr atmen lässt, den wir nur jenseits des Lebens erfahren. Es gibt auch den Tod, der schon während des Lebens Realität werden kann. Für die Menschen damals trat dieser Tod ein, wenn man Gott verloren hatte. Denn wer ihn verloren hatte, dem fehlte auch der Grund zur Hoffnung. Und wenn es keine Hoffnung mehr gibt, die ja bekanntlich zuletzt stirbt, dann ist das Leben aus, auch wenn man noch atmen kann.

Vor diesem Tod will uns der Predigttext bewahren. Indem er uns ermutigt, Gott treu zu bleiben und in allem auf ihn zu hoffen. Nicht um seinetwillen, sondern um unserer selbst willen. Sich vor dem, was man zu erleiden hat, nicht zu fürchten heißt also nicht, keine Angst haben zu dürfen. Sondern es heißt, die Hoffnung nicht aufgeben, damit wir uns selbst nicht verlieren. Ich vertraue darauf, dass Gott mich hält. Auch dann, wenn ich ihn im Leiden der Welt kaum noch wieder erkenne. Und ich vertraue darauf, dass andere für mich diese Hoffnung nicht aufgeben, wenn ich sie aus eigener Kraft nicht mehr aufbringen kann.

Darum ist es so wichtig, gerade in dieser Zeit, in der wir uns an so viel Leiderfahrung erinnern, das nicht zu vergessen: dass da jemand ist, der uns Menschen durch all das hindurch tragen will. Es gibt ein Leben jenseits des Todes. Und das beginnt schon jetzt. Bei uns. Wenn wir daran festhalten, mag der Tod uns zwar noch schrecken. Die Hoffnung aber, die nimmt er uns nicht.

Darum ermutigt Johannes eine/n jede/n: „Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.“

Diese Treue zu Christus darf nicht missverstanden werden im Sinne von Durchhalteparolen bis zur letzten Patrone. Oftmals wurde die Treue zu Gott so ausgelegt als bedingungslose Treue für Volk und Vaterland und damit missbraucht für bedingungslosen Gehorsam. Unendliches Leid wurde dadurch über das jüdische Volk und andere Völker gebracht. Und viele junge Männer wurden dadurch um ihr Leben betrogen.

Die Treue zu Christus ist die Antwort dessen, der darum weiß: das, was vor Augen liegt, die Verfolgung, das Leiden, ja selbst der Tod, es ist doch nur etwas Vorletztes, nicht das Letzte, das Menschen bestimmt. Das Letzte ist vielmehr die Wirklichkeit dessen, der selbst der Erste und der Letzte ist, „der tot war und ist lebendig geworden“.

Die Treue zu Christus ist die Antwort dessen, der sich darum nicht der Welt entzieht, ihr den Rücken zukehrt, sondern sich ihr stellt und in ihr wirkt.

Wenn der heutige Volkstrauertag nämlich einen bleibenden Sinn hat, dann darin, dass die Erinnerung an Krieg und Leid, uns neu zur Treue gegenüber Christus ruft, der uns ermutigt: „Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.“

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