Träum weiter, Prophet

(Ironisch:) Träum weiter Jesaja von deinem neuen Himmel und deiner neuen Erde. Niemand soll mehr Grund zum Weinen oder Klagen haben?

Kinder sollen alle aufwachsen und ihre Jahre nicht mehr zählen können, Friede unter Menschen, zwischen Mensch und Tier, Frieden in der Natur, keine Bosheit und kein Schaden?

Wer so etwas erzählt, kann doch nur träumen, oder?

Unser Leben spricht da eine andere Sprache. Die Welt, in der wir zu Hause sind, ist alt geworden. Ihre abermillionen Jahre kann ich mir nicht vorstellen, der Himmel über uns ist voll geworden, selbst wenn wir nur in einen kleinen Winkel des unendlich anmutenden Universums hineinschauen. Und auf Erden kennen Unzählige gar nichts anderes als Heulen und Zähneklappern auf der Suche nach Brot und Wasser und Arbeit und einem Platz, an dem sie ihr Haupt betten können und Sicherheit. Kinder werden geboren, um zu sterben ehe sie das Jugendalter erreicht haben, vielleicht bei uns nur in Ausnahmefällen – aber selbst das ist doch zu häufig ! -, aber in weiten Landstrichen dieser Welt ist das die todtraurige Regel.

Und selbst wenn uns steigendes Lebensalter prognostiziert wird, wollen wir das wirklich erstreben? Ja, mit 100 Jahren noch springen, wie ein Zwanzigjähriger, das wäre schön. Aber zunehmendes Alter bedeutet selbst nach einer aktiven und lebensfrohen Phase des Ruhestandes oft genug langsamer Abschied von immer mehr Möglichkeiten des Lebens, Verlust an Selbstständigkeit, zunehmende Hilfs- und Pflegebedürftigkeit. Träumst du davon?

Träum weiter Jesaja von Frieden unter den Menschen, die heute bis unter die Zähne hochbewaffnet sind, um ihren Frieden (meist vor anderen, die auch etwas abhaben wollen) zu schützen.

Träum weiter von Frieden zwischen Mensch und Natur, wo doch der Mensch eigentlich Wolf im Schafspelz und damit das gefährlichere Raubtier zu sein scheint.

Ich höre die Stimmen der Spötter, die sich über Jesajas Traum von Gottes Neuanfang in Frieden und Versöhnung, im Einklang von Schöpfer und Schöpfung, von Gott, Mensch und Natur lustig machen.

Sie ahnen: jeder Traum, der Wirklichkeit werden will, muss bei uns anfangen, sich mit Leben zu füllen, selbst wenn es Gottes Neuanfang sein will.

Ja, ich höre die Stimmen, vielleicht auch in und unter uns, aber ich kann nur flehentlich bitten:

Träum weiter, Jesaja, deinen Traum von Gottes neuer Welt, sonst können wir nicht weiterleben. Auch in diesem Kirchenjahr haben wir so viele Menschen verloren: Menschen in jedem Alter.

Menschen, die noch gar nicht angefangen haben, ihr Leben zu leben, deren Träume und Hoffnungen einfach ausgelöscht wurden durch die Macht des Todes, Menschen, die bis zum letzten Atemzug leiden mussten, auch Menschen, die alt und lebenssatt aus diesem Leben gehen konnten. Immer bleibt ein Platz leer, selbst da, wo sich kaum noch Menschen fanden, um zu trauern. Immer trauert das Leben um verpasste Chancen und Möglichkeiten, um ungenutzte oder unvergessliche Begegnungen.

Wir erinnern uns heute noch an den Ehemann, den Vater, die Mutter, die Großeltern, die Kinder und Freunde, deren Tod kurz oder längere Zeit zurückliegt, aber wie lange soll die Erinnerung anhalten, wann verlieren sich die Spuren eines Lebens? Ja, von manchen wird man noch in hundert, zweihundert Jahren erzählen, was sie großartiges bewegt oder erlebt haben, aber was ist mit denen, die zumindest in Menschenaugen unbedeutend erscheinen, kann ihnen etwas anderes bleiben als die Hoffnung, dass Gott in ihnen etwas besonderes sieht?

Und was ist mit denen vielen Namenlosen, die Opfer wurden in kriegerischen Auseinandersetzungen, in den Natur- und Hungerkatastrophen, Opfer von Arbeits- und Verkehrsunfällen, den Krankheiten erlegen, die ärztliche Kunst noch nicht heilen kann?

Müssen wir uns dem ein für alle mal stumm beugen?

Träum weiter, Jesaja, dass das noch nicht alles ist. Träum weiter, dass Gott sich nicht mit den Verhältnissen abfindet, wo wir mit ihnen leben lernen müssen. Träumen weiter, damit uns nicht die Hoffnung und der Mut ausgeht. Träum weiter das gute Ende herbei, wir wollen mitträumen!

Wir hoffen, dass nicht alles so bleibt wie es ist.

Der Tod und jeder Abschied ist zu schmerzhaft, selbst wenn ich an ihm reifen und wachsen und die Kostbarkeit jeden Augenblicks erkennen lernen kann. Der Verlust, den jeden Menschenleben bedeutet, ist zu groß, als dass ich mich damit abfinden kann, dass das Vergessen sich wie ein Nebel oder ein Schleier darüber legt. Die Sorge um die Welt, in der einmal unsere Kinder und Enkelkinder leben werden, wenn immer mehr sich Ressourcen teilen müssen, wenn Wasser und Lebensmittel unbezahlbar kostbares Gut werden, treibt uns heute schon um. Dem Klimawandel, der Energieknappheit, dem weltweiten Verlust von Arten- und Lebensvielfalt stehen wir ebenso hilflos gegenüber wie der Frage, welche Tierseuche uns als nächstes heimsucht.

Ich will hier abbrechen, denn ich will kein Schreckensszenario entwerfen, sondern ich möchte die konkreten und persönlichen Fragen aussprechen, die sie als Trauernde heute hierher bringen: gibt es eine Hoffnung für unsere Toten ? Ich möchte die konkreten Zukunftssorgen und Ängste vor Gott bringen, damit wir mit ihnen nicht allein bleiben.

Jesaja sagt eine großartige Zukunft an, die nicht einfach nur eine Verlängerung unserer Zeit ist.

Er sagt die Verwandlung allen Leids und allen Elendes an und ist damit Zeuge Gottes.

Nicht ein Mensch verliert sich in seinen Träumen, sondern ein Prophet darf ganz weit in das Herz Gottes hineinschauen.

Und was er da sieht, das macht mir Mut für das Leben.

Gott verheißt einen neuen Himmel und eine neue Erde, wo Menschen Lieder der Freude und nicht der Klage singen werden.

Sie werden es vergessen und verlernt haben, was Klage und was Leid und was Tod heißt. Nicht die Menschen, die wir lieben oder geliebt haben, werden vergessen sein, sondern was sie gequält und was Leben manchmal so mühsam gemacht hat.

Kinder sollen immer ein Versprechen eine bunten, aufregenden Zukunft sein. Ja mehr noch, das Bild dieser Welt soll von Kinderlachen und Kinderfreude erfüllt sein, weil sie am ehesten noch die Sorgen los- und Gott überlassen können.

Es soll keinen Grund mehr geben, nach Gott vergeblich zu rufen und zu suchen, weil er nahe ist. Und wo Gott ist, da muss Friede sein.

Ja, ich möchte mit dir träumen, Jesaja, denn auch ich frage mich oft: wo sind unsere Toten mit ihren Geschichten und ihren Fragen? Wo sind meine Toten, deren Geschichte mit mir unvollendet abgebrochen wurden? Ich kann den Vater verstehen, den Helmuth Thielicke in der Zeit des zweiten Weltkrieges im Angesicht der Todesnachricht seines Sohnes beten hörte: „Wenn es möglich ist, so grüße ihn von mir!“

Und ich bin mir sicher, liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder, ich darf so träumen.

Weil etwas von diesem wunderbaren Neuen und Anderem unter uns längst schon angefangen hat.

Gottes neue Welt ist schon da.

Mit Jesus Christus kam sie zur Welt, unschuldig und voller Friede, wie es nur ein neugeborenes Kind ausdrücken kann, voller Gerechtigkeit und Frieden, wie es Jesus in seiner Klarheit allen Menschen gegenüber gelebt hat, voller Gottesnähe, weil alle in seiner Gegenwart Gott begegnet sind und voller Leben, weil er das Leben ist.

Was die Jünger am Ostermorgen erlebt und gesehen haben, war die Morgenröte dieses neuen Himmels und dieser neuen Erde. Christus hat das Tor dazu weit aufgestoßen. Er ist den Weg in Gottes neue Welt für uns gegangen. Wir dürfen unsere Toten, wir dürfen uns ihm anvertrauen und ihm nachfolgen.

So lasst uns mit Jesaja träumen mitten in aller unsrer Traurigkeit und Angst.

Denn die Träume der Hoffnung sind das Haus unseres Glaubens, in dem wir leben. Und Jesus Christus, unser lebendiger , auferstandener Herr, ist der Hausherr und Gastgeber heute und allezeit.

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