Fern vom Tempel

Im Buch Jeremia begegnen uns verschieden Traditionen. Da ist erst einmal der verzweifelte Versuch die politische Kaste dazu zu bringen, Buße zu tun und Gottes Wort zu hören. Das ist gescheitert, Jerusalem ist gefallen, die Oberschicht weggeführt. Darum die zweite Tradition: Jeremia fordert die Menschen auf ihr (selbstverschuldetes) Schicksal zu akzeptieren und sich dort einzurichten, wo sie sind (Suchet der Stadt Bestes). Später (wohl eher von einem Schüler des Jeremia) die dritte Linie: Vergesst die Hoffnung nicht auf eine Zukunft, die Gott noch mit euch haben will.

Darum steht in einem Brief aus dem Jeremiabuch, der heute Predigttext ist und der wohl aus den beiden letzten Traditionen stammt, an die Exilanten in Babylon beides: Sich einrichten und die Hoffnung nicht verlieren. Für die Menschen, die sein Buch zusammenstellten gehörte Beides eng zusammen und ich glaube, das ergibt auch für uns heute Sinn:

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Da waren sie, die führenden VertreterInnen eines Volkes, das verloren hatte nicht nur eine Schlacht, sondern ihre ganze politische Existenz. Fern der Heimat erwarteten sie eine baldige Rückkehr. Sie wollten einfach nur zurück in die Heimat. Fern vom Tempel (der noch steht) fristen die Menschen im Exil ein Leben ohne Ausübung ihres Glaubens, abgeschnitten von ihrem religiösen Zentrum, aber ihr Glaube überlebt auch dort in der Fremde. Eine kaum zu überschätzende Leistung des Glaubens sich derart umzuformen und anzupassen. Jeremias Brief ist daran nicht ganz unschuldig. Die Sehnsucht nach Jerusalem aber war vor Allem in den ersten Jahren grenzenlos.

Denen wird der erste Teil des Briefes geschrieben, ein sehr politischer Brief.

Politische Theologie heißt, die vorgefundene Gesellschaft so zu nehmen wie sie ist, in ihr zu arbeiten und für sie zu beten und die Hoffnung nicht zu verlieren auf eine Gerechtigkeit, die wir schaffen können und die Gerechtigkeit, die von Gott kommt. Es geht auch um praktisch gelebte Feindesliebe (Wochenspruch).

Das Böse, das ist oft auch einfach eine feindliche Umwelt, eine Mitwelt, die ich als unfreundlich empfinde. Sie soll ich nicht nur aushalten, sondern in ihr leben, arbeiten und für sie beten.

Ein bisschen erinnert mich das an unsere Situation heute. Manches empfinden wir als unwirtlich, feindlich: die wachsende Armut und der neue Reichtum in unserer Gesellschaft, hässliche Bilder von deutschen Soldaten, die mit den Gebeinen fremder Menschen spielen und Flüchtlinge, die in Nussschalen auf den Meeren unterwegs sind ohne Chance auf freundliche Aufnahme. Politikverdrossenheit lässt sich dort überall festmachen. Aber sie ist keine christliche Lebenseinstellung.

Auch das Gebet für die Andersgläubigen gehört zur Tradition der christlich-jüdischen Glaubensgemeinschaft. So wie die Kirche 1945 bekennen musste, dass sie nicht intensiv genug gebetet hat für ihre jüdischen Geschwister, so muss sie heute bekennen, das Gebet für Menschen anderen Glaubens zu vernachlässigen. Suchet der Stadt bestes und betet für sie = Für die weltliche Gemeinde arbeiten nach bestem Wissen und Gewissen und beten, dass Gott selber sein urteil bleibt und er das Seine wirkt.

Der Enttäuschung, dass die Besserung nicht über Nacht kommt entspricht die Mut machende Botschaft, Geduld zu entwickeln und zu leben in den bestehenden Verhältnissen. Es muss nicht alles perfekt sein, aber ich darf die Situation annehmen so wie sie ist. Ich darf das Jetzt so hinnehmen, wie es ist – aber die Hoffnung auf bessere Zeiten, die darf ich nicht verlieren. Ich darf auf Gott hoffern, dass sein reich kommt, um das ich in jedem Vaterunser beste und ich darf das meine tun, dafür, dass es den Menschen, inmitten derer ich lebe gut geht

Politik mag manchmal ein ärgerliches Geschäft sein, aber es ist notwendig für ChristInnen, die ihren Glauben leben wollen.

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