Das Gebet führt uns über uns hinaus

Liebe Gemeinde!

Mitten beim Abendmahl drängt sich eine Frau um die sechzig schimpfend nach vorne. Alle sind peinlich berührt. Denn sie stinkt nach Alkohol. Vorne angelangt, bleibt sie nicht in der Reihe stehen, sondern sie geht zwei Schritte weiter und spuckt auf den Altar. Alles starrt auf die schaumige Flüssigkeit, die langsam in die Altardecke einzieht. „Pfui“ schreit die Frau nur und dann geht sie.

Schnell ist ein Urteil gefällt: Unverschämtheit! Da bleibe wohl nur zu beten für die Arme: „Herr vergib ihr, denn sie weiß ja ganz offensichtlich nicht, was sie tut“. Das sagt so mancher dann, als die Spucke weggeputzt ist. Denn mit dem Gebet Jesu am Kreuz für seine Feinde ist schnell alles weggeputzt. Man selbst darf sich als gütiger Vertreter Christi fühlen, der betet für eine, die scheinbar nichts vom Beten, geschweige denn vom Glauben versteht.

Die Versuchung liegt nahe, sich zu fühlen wie der Pharisäer im Tempel, der Gott dafür dankt, dass er nicht so ist, wie der Zöllner, der neben ihm betet. Das Pikante dabei aber ist: Gott erhört den Zöllner, erzählt die Bibel. Hört er vielleicht auch die spuckende Frau, statt der Beter um sie herum?

Als ich etwa 20 war, hatte ich eine schwere Zeit. Es war nichts weiter Schlimmes passiert, aber mein Leben schien seinen Sinn zu verlieren. Damit löste sich auch mein Glaube auf, zumindest der, den ich bisher hatte. Ich dachte immer, solange ich Gott fühlen kann, so lange glaube ich. Und so lange geht es mir auch psychisch gut. Ich könnte jederzeit sterben – mit Gott im Reinen, mit Gott verbunden.

Nun aber verschwand plötzlich mein gefühlter Gott. Geblieben war das Dogma seiner Heiligkeit. Und die begann schrecklich hohl zu werden. Abends, wenn ich allein war, hätte ich ununterbrochen "Scheiße" schreien können.

Langsam tastete ich mich dazu vor, Gott zu fragen, ob es mit ihm überhaupt irgendetwas auf sich hätte. Ich fragte, aber es kam keine Antwort, bis das Fragen unerträglich wurde. Meine Gedanken fingen von alleine an, Gott zu beschimpfen, anfangs ohne Worte. Später dachte ich: Es ist auch schon egal, ob ich Gott nur in Gedanken beschimpfe oder sie auch ausspreche. So fing ich an, Gott zu beschimpfen. Und ich bemerkte: Auch Beschimpfungen sind Gespräche mit Gott – Gebete.

Und so begriff ich: Flüche sind verzweifelte Gebete. Gebete zu einem Gott, dessen Wesen ins Wanken gerät, dessen Güte zu bröckeln scheint, dessen Gesicht sich zur Fratze verzerrt, der sich aufzulösen scheint.

Im Studium habe ich mich dann wiedergefunden in Hiob, der an Gott zu verzweifeln droht, sterbenskrank und seines bisherigen Lebens beraubt. Hiob tut, was unser Predigttext empfiehlt: „Leidet jemand unter euch, der bete; ist jemand guten Mutes, der singe Psalmen.“

Und Hiob betet.

„Ist jemand unter euch krank, der rufe zu sich die Ältesten der Gemeinde, daß sie über ihm beten und ihn salben mit Öl in dem Namen des Herrn.“ So geschieht es bei Hiob: Seine Freunde kommen und sitzen mit ihm, während Hiobs Frage immer lauter wird: Was bist du für ein Gott, dass man an dir verzweifeln muss. Keine Antwort Gottes. Hiob fragt wieder und immer wieder. Keine Antwort. So beginnt Hiob, auf Gott zu schimpfen: auf diesen fernen, ungerechten, vielleicht sogar bösen Gott. „Mein Leben lang habe ich gerecht gelebt. Nützt denn das Gebet des Gerechten nichts? Ein Verbrecher muss er sein, dieser Gott, wenn er die Gerechtigkeit mit Füßen tritt!“

Sieben Tage hören die Freunde Hiob zu, eine beachtliche Leistung. Dann überlegen sie laut:

Wenn Gott Hiob nicht hilft, dann muss Hiob wohl gesündigt haben oder nicht richtig glauben. Denn:

„Das Gebet des Glaubens wird dem Kranken helfen, und der Herr wird ihn aufrichten; und wenn er Sünden getan hat, wird ihm vergeben werden. Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, daß ihr gesund werdet. Des Gerechten Gebet vermag viel, wenn es ernstlich ist.“

Aber Hiob helfen diese theologischen Richtigkeiten nicht weiter.

Er muss Gott beschimpfen. Zu unerträglich ist ihm der Gott geworden, den er erlebt: fern und ungerecht.

Je lauter und unflätiger Hiob beteuert, dass Gott ihn ungerechter Weise leiden lässt, desto mehr verteidigen die Freunde Gott. Desto mehr fühlen sie sich im Recht und auf der Seite Gottes. Desto mehr rücken sie von Hiob ab. Irgendwann gehen sie. Und ihr Abgang wird nicht einmal erwähnt im Buch Hiob, so weit sind sie vorher schon von Hiob weggerückt.

Hiob, nun allein, schimpft und klagt an. Er fordert Gott zu Gericht. Und Gott erscheint zum Gericht: Er zeigt sich Hiob, führt ihm seine Schöpfung vor. Gott gibt Hiob nicht Recht, aber er zeigt sich ihm. Die Freunde Hiobs verpassen diese Offenbarung. Fast scheint es so, als hätte Gott gewartet, bis sie weg sind. Dann sagt er Hiob: Bete für deine Freunde. Denn sie haben falsch über mich geredet.

Meine Konsequenz daraus: Durch Flüche kann man sich Gott annähern, wenn sie von Herzen kommen, als Gebete. Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernstlich ist. Etwas provokant ausgedrückt: eine heftige und unkorrekte Beziehung zu Gott ist diesem wohl lieber als die Korrektheit herzloser Theologie.

Am Ende des Gottesdienstes spricht der Pfarrer das Dankgebet. Dann klappt er seine Mappe zu und legt sie auf den Altar, wo sie hingehören, zu Gott: Die Gebete, die Predigtgedanken, die Lieder, das Leben, die Sorgen, die Ängste, die Freude und das Schöne, Dank, Klage, Wut und Fluch. Als der Pfarrer all das ablegt, in der Mappe auf den Altar, spürt er an seiner Hand die Spucke, die eingezogen ist in die Altardecke. Richtig eingesogen hat der Altar das Gebet der Wut. Als hätte Gott es erhört, dieses scheinbar so unerhörte Gebet.

Betet! So fordert uns unser heutiger Predigttext auf. Betet in allen Situationen eures Lebens, spart nichts aus, haltet eure Gefühle nicht aus falscher Scham zurück.

Gebete sind mehr als die reimenden Worte unserer Kindertage: Lieber Gott mach mich fromm, dass ich in den Himmel komm, oder die erwachsenen Worte, die wir im Vater unser verwenden. Auch Flüche, Spucke oder verzweifelte Sprachlosigkeit sind Gebete, wenn wir Gott zugestehen, dass er sie hört. Beten ist leben vor dem Angesicht Gottes. Alles Reden, alles Denken, alles Tun ist Reden über den, der uns geschaffen hat.

Wenn wir beten, erfüllen wir Gottes Willen. Denn wir öffnen die Augen für ihn und die Welt um uns herum. Und er gibt sich uns zu erkennen.

Die Hiobsgeschichte ist eine Offenbarungsgeschichte: Ein Gerechter verwechselt sein gelingendes Leben mit der Nähe Gottes. Als sein Leben zerbricht, zerbricht auch sein Gottesbild. Er beschimpft Gott, sucht Gott in seiner Wut. Und Gott erscheint ihm. Er offenbart sich Hiob nicht in der wohligen Wärme gelingenden Lebens. Sondern er führt Hiobs Gedanken hinaus in die Weiten der Schöpfung. Gott führt Hiob seine Schöpfung vor, führt Hiob hinaus über sich selbst. Und Hiob merkt, dass er Gott verwechselt hatte mit seinem gelingenden Leben.

Beten führt hinaus über unser Leben, hinaus über das Leid, hinaus über die Krankheit, hinaus über den Tod. In Asche und todkrank hat Hiob seinen Frieden gefunden: „Ich weiß, dass du da bist. Ich weiß, dass mein Erlöser lebt. Wenn auch ich und die Welt zugrunde gehen. ER wird sich als letzter aus dem Staub erheben. Ich weiß, dass du da bist, Gott, auch wenn ich nichts von dir spüre. Das erhöht mich über alles, was mir widerfahren kann.“

Beten heißt anzuerkennen, dass die Welt nicht zusammenbricht, wenn unser Leben zerbricht, dass auch in uns selbst etwas ist, das über uns hinausweist und uns, wenn wir zerbrechen, verbindet mit dem, was größer ist als wir.

Dass Hiobs Leben dann doch noch gelingt, ist gar nicht mehr so wichtig. Gott hat sich ihm offenbart als der, der über ihn hinausweist, der hinausweist über Glück und Unglück.

Das Gebet weist über uns hinaus: Und vielleicht können wir deshalb auch dessen Erhörung nicht immer verstehen. Und so wird uns manches Gebet vielleicht nicht so heilen, wie wir das gerne hätten, aber aufrichten wird es uns, weil wir Gottes Nähe beanspruchen.

Das Gebet des Gerechten vermag viel, wenn es ernsthaft ist. Gerecht, das zeigt die Hiobsgeschichte, ist der, der vor Gottes Angesicht lebt, der um Gott ringt. Korrektheit steht da nicht oben an, sondern Ehrlichkeit, Unverblümtheit.

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