Gelassenheit des Glaubens

<i>[Teile der Predigt sind entnommen aus: <a href="http://www.e-pistel.de/" target="_blank">e-pistel</a> – die neue Form der Predigtvorbereitung!]</i>

Liebe Gemeinde!

„Denn das Wesen dieser Welt vergeht“, schreibt Paulus. Ehrlich gesagt: So ganz scheint mir dieser Predigttext nicht mehr in unsere Zeit, in unsere Lebenswirklichkeit zu passen. In unseren Zeiten müsste es wohl eher heißen: Das Wesen dieser Welt verändert sich. Fast täglich. Die Älteren werden es vielleicht deutlicher spüren als die Jugend, dass sich das Rad der Geschichte immer schneller zu drehen scheint. "Denn was neu ist wird alt und was gestern noch galt, stimmt schon heut‘ oder morgen nicht mehr." So hat Hannes Wader das einmal beschreibend gedichtet. Die Zeit ist vielleicht nicht kurz, wie es Paulus schreibt, aber das Leben ist kurzatmig geworden. Im Grunde genommen verlieren wir innerhalb eines Generationenlebens mehrfach die Welt, an die wir uns gewöhnt haben. Das Ende der Sowjetunion, der Fall der Mauer … oder der 11. September 2001, Verteidigung des Vaterlandes am Hindukusch, Irakkrieg … sind wir nicht beide Male quasi von einem Tag auf dem anderen in einer völlig neuen Welt aufgewacht? Und was für die große Geschichte gilt, erleben wir das nicht auch täglich in unserem beschaulichen Lebensalltag? Und zwar im Guten wie im Schlechten? Von heute auf morgen entlassen, eben noch gut verdienender BenQ-Mitarbeiter, morgen Hartz-IV-Empfänger. Heute noch vor Gesundheit strotzend, morgen schon mit der Diagnose Krebs lebend. Eben noch Pfleger in einem Krankhaus, im nächsten Moment Multimillionär. Gerade noch scheinbar glücklich verheiratet, im nächsten Moment verlassen und allein stehend. Ich bin mir sicher, dass viele unter uns dies schon erleben mussten und das Gefühl kennen, wie es ist, wenn eine Welt zusammenbricht. Insofern kann uns dieser Satz von Paulus gar nicht so fremd sein.

„Denn das Wesen dieser Welt vergeht“, mit dieser Aussage will Paulus nicht die Lebensfreude nehmen. Auch Christen sind Menschen. Sie stehen mit beiden Beinen auf der Erde.. Sie lachen und weinen. Sie heiraten und lassen sich scheiden. Sie kaufen und mehren ihren Besitz. Sie haben wie alle anderen zu tun mit den Dingen des Lebens in einer komplizierten Welt. Sie erfahren Liebe und Hass. Sie geraten in Streit und schließen Frieden. Sie konkurrieren miteinander und sorgen sich um das gemeinsame Wohl. Und dennoch gibt es einen feinen Unterschied. Der Apostel markiert ihn hier mit sehr knappen wie ebenso markanten Sätzen. Denn Christen haben die Fähigkeit ihr Leben unter anderen Gesichtspunkten zu reflektieren. Paulus hatte den Tag vor Augen, an dem Jesus als Christus und Weltenrichter auf die Erde zurückkommt. Er rechnete fest damit, dass dies in den nächsten Wochen oder Monaten, bestimmt aber noch zu seinen Lebzeiten geschehen würde. Er war so fest davon überzeugt, dass er sich nicht scheute, anderen zu raten, wie sie diese letzte Zeit verbringen sollten bzw. wie nicht. Übertriebene Askese hielt er für unnötig, aber er glaubte auch, dass man den irdischen Dingen nicht mehr allzu viel Bedeutung beimessen sollte. Worauf es ihm ankam, war, sich auf die Ankunft des Herrn vorzubereiten. Und solange noch Zeit blieb, so viele Menschen wie möglich von dieser guten Nachricht zu überzeugen. Diese Welt wird bald eine andere sein, Gott wird in ihr Wohnung nehmen und Mensch und Gott werden eins sein. Naherwartung nennt man dieses Phänomen und es war in den ersten Jahrzehnten nach Jesu Tod und Auferstehung ein großer, wenn nicht überhaupt der Antrieb für die ChristInnen, für ihren Glauben überzeugend einzustehen – wenn nötig, mit dem eigenen Leben. Darin lag eine ungeheure Kraft, eine ansteckende Faszination, die auch jenen Respekt abverlangte, die sich der neuen Glaubensrichtung nicht anschlossen. Leben, als wäre es der letzte Tag! Leben, als wäre man frei! Wer hat nicht schon einmal davon geträumt?

Doch wer erwartet heutzutage noch, dass morgen schon der Menschensohn wieder kommen wird? Nach fast 2000 Jahren Geschichte des Christentums sind wir – was die Naherwartung anbelangt – vom Glauben abgefallen. Wir beschäftigen uns damit, ob unsere Kirchengemeinden zukunftsfähig bleiben können – und zwar für diese Welt! Und welche Wege dafür gegangen werden müssen. Nicht zuletzt das Impulspapier der EKD, das weit über das Jahr 2030 blicken möchte, ist im Grunde genommen ein Ausdruck dafür, dass die Kirche das Kommen Gottes – jedenfalls vordergründig – nicht wirklich ins Kalkül mit einbezieht. Man denkt in Generationen, nicht in Tagen. Wenn es um die Bewahrung der Schöpfung geht, um die Nachhaltigkeit sozialer Absicherungssysteme, dann ist das sicher nicht verkehrt. Aber wenn es um die Kirche geht, um ihren Charakter und um ihre Aufgabe in der Welt, dann muss man ehrlicherweise feststellen, dass sich etwas sehr Substantielles verändert hat. Wir haben gelernt, in und mit dieser Welt zu leben. In manchen Dingen wohl zu sehr. Darum ist es gut, die Mahnung des Apostels zu hören: „Das sage ich aber, liebe Brüder: Die Zeit ist kurz.“

Wer weiß? Vielleicht ist es ja doch gut und richtig und im Sinne Gottes, wenn sich unsere Kirche in dieser Welt einrichtet. Wenn sie das repräsentiert, was bleibenden Wert hat. Wenn sie das vermitteln kann, was durch alle Jahrhunderte der Menschheitsgeschichte und durch alle epochalen Veränderungen hindurch Bestand hat: die Liebe Gottes zu uns Menschen. In einer sich ständig und immer schneller verändernden Welt, in der man sich morgen schon nicht mehr auf das verlassen kann, was heute gilt, suchen wir nach dem, was uns Sicherheit geben kann, weil es über dem Lauf der Dinge steht. Man könnte auch sagen: weil es ewig ist. Im Grunde genommen ist Kirche ein Ort, an dem diese Ewigkeit in diese Welt hineingetragen wird. Ja eigentlich ist jeder Christ und jede Christin dafür BotschafterIn: dass Gott treu war und ist und bleibt – komme, was wolle. Das schenkt Vertrauen, dass dieses Leben nicht schon alles und das Ganze gewesen ist. Es steht das Entscheidende noch aus, dass wir in ein unverwesliches Dasein verwandelt werden. Das schenkt Freiheit, wie Paulus an anderer Stelle schreibt: „Alles ist mir erlaubt, aber nicht alles dient zum Guten. Alles ist mir erlaubt, aber es soll mich nichts gefangen nehmen.“ (1.Kor 6,12) Ich muss nicht verzichten um des Verzichtes willen. Ich kann von allem Gebrauch machen, was dem eigenen Leben und dem der anderen förderlich ist. Ich kann mich allem überlassen, was das Leben schön macht, genießen, zugeben, dass es immer wieder ein Glück ist, da zu sein. Ich kann ebenso im Unglück und in der Not bei denen sein, die Beistand brauchen, weinen mit den Weinenden. Weder das größte Glück noch die tiefste Not, in die wir Menschen geraten können, behalten das letzte Wort. Vielmehr gilt: „Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.“ (Römer 8,38f) daraus erwächst Gelassenheit des Glaubens.

Wenn sich unsere Kirche schon verändern muss – und das muss sie! -, dann nicht aus Überlebensangst oder einem Besitzstandswahrungsdenken heraus, sondern nur, um diesem Bleibenden, dem Ewigen, neu Gehör und Raum zu verschaffen. Um den Menschen das Gefühl zu geben, dass uns Gott sein Wort gegeben hat, an uns festzuhalten … und dass auf dieses Wort Verlass ist.

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