Ein Briefwechsel mit Paulus

Komisch! Ehrlich gesagt: Als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag las, erregte sich in mir manch ein Widerspruch und es juckte mir in den Fingern dem Apostel Paulus meine Gedanken zu diesem Text zu schreiben. So entstand folgender Brief:

Lieber Paulus,

Irgendwie komme ich bei deinen Gedanken nicht mehr mit. Bist du jetzt konvertiert zu den Zeugen Jehovas oder irgendeiner anderen apokalyptischen Sekte? Ich meine, ich weiß ja, dass der Herr stündlich kommen kann – aber so kurzfristig brauchen wir doch unser Leben auch nicht zu gestalten, oder? Ein wenig darf ich doch noch mein Leben hier genießen – mit allen Licht und Schattenseiten. Ich weiß: Ihr habt damals, so kurz nach den Ereignissen um unseren Herrn Jesus Christus in einer brennenden Naherwartung gelebt. Ihr habt die Parusie, die Wiederkunft des Messias bald, stündlich sozusagen erwartet, ja, wahrscheinlich fast herbeigesehnt.

Und doch habt ihr weiterhin gelebt – in dieser Welt gelebt. Und das war gut so! Denn die Wiederkunft Christi hat sich etwas verzögert (was sind schon 2000 Jahre angesichts der Ewigkeit). Ja, in der Theologie kennt man den Begriff der Parusieverzögerung, die meint, dass eben die Wiederkunft des Herrn auf sich warten ließ und die frühen Christen lernen mussten, wieder lernen mussten, in der Welt zu leben.

Vielleicht gab’s ja wirklich manche unter euch damals, die überhaupt nichts mehr machten, die nur noch im Gebet, in der Meditation versunken ausharrten, bis es einen dumpfen Schlag tue… Wahrscheinlich würden sie heute immer noch so dasitzen, wenn sie nicht gestorben sind…

Aber nicht nur die Parusieverzögerung, das immer noch andauernde Warten auf die Wiederkunft Christi macht mich stutzig angesichts deiner Zeilen an die Gemeinde in Korinth. Viel heftiger sind für mich die konkreten Beispiele in deinen Zeilen: Wer verheiratet ist – der lebe so als ob er unverheiratet wäre; wer traurig ist, lebe als sei er nicht traurig, wer … Ehrlich gesagt Paulus: Ich liebe meine Frau und lebe gerne mit ihr. Ja, ich empfinde es sogar als ein Ausdruck meiner christlichen Ethik, dass ich mich auch weiterhin verpflichtet fühle gegenüber ihr. Und auch den Trauernden unter uns möchte ich beispringen: Sie haben ein Recht darauf, traurig zu sein. Es ist schwer einen lieben Menschen herzugeben, egal wie die Situation vorher war. Und nur wenn man seine Trauer wirklich lebt, schafft man es auch sie zu überwinden.

Kurz und klein: Es tut mir und uns gut im hier und jetzt zu leben. Es entspringt sogar der christlichen Verantwortung für diese Welt, wenn wir in unseren Bedingungen, in unseren Partnerschaften und Beziehungen, in unseren Verpflichtungen und in unseren Lebensbezügen leben, weiterleben. Genau das scheinst du uns abzusprechen.

Mein lieber Paulus,

ich glaube, es wäre falsch uns aus dieser Welt einfach geistlich zu verabschieden. Weltfremd wird die Kirche eh schon genannt. Herzlich grüßt dich

Dein Eberhard Weber, Pfr.

Am nächsten Tag fand ich folgenden Brief in meinem Briefkasten:

Lieber Pfarrer Weber,

keine Sorge: Ich möchte nicht, dass du oder irgendjemand anderes sich völlig aus dieser Welt verabschiedet, quasi nicht mehr von dieser Welt ist, oder lebt. Ganz im Gegenteil. Du weißt doch selbst, wie wichtig mir es manches Mal war, um die rechte Gestaltung des Glaubens zu kämpfen. Meinst du ich hätte sonst den Christen in Galatien so eingeheizt? Du hast doch im Bibelkreis die letzte Zeit intensiv mit den anderen gerade das erlesen.

Oder meinst du, ich hätte den Korinthern so die Leviten gelesen, weil sie die Armen in ihrer Gemeinde bloßstellen? Das hat was mit christlichem Leben zu tun, mit christlicher Ethik, und dazu stehe ich noch immer.

Allerdings war’s mir an dieser Stelle ganz wichtig den Korinther zu sagen: Lebt so, als ob die Welt morgen untergehen könnte. Lebt, als ob ihr den morgigen Tag nicht zur Verfügung habt; als ob ihr morgen nicht mehr ausgleichen könnte, was heute schief ging.

Und trotzdem: Hätte ich das Lutherwort gekannt, wahrscheinlich hätte ich es eingearbeitet in den Korintherbrief – aber ob’s wirklich von Martin Luther stammt, weiß kein Mensch (schön ist’s trotzdem): „Wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“ Es zeigt nämlich, dass wir auch angesichts des Weltuntergangs, der jederzeit eintreten kann, denn wir wissen weder Tag noch Stunde – auch angesichts des Weltuntergangs müssen wir verantwortlich leben.

Aber: Bei den Korinthern geht es mir zu dem Zeitpunkt nicht um Verantwortung, nicht um Ethik, sondern um die „Freiheit eines Christenmenschen“ (schon wieder Martin Luther). Die Korinther machten sich immer noch viel zu viele Gedanken (übrigens wie die Galater)um die Bindungen in der Welt. Die waren noch so abhängig davon, dass sie das Große, das Wundervolle, die Freiheit, die wir durch Jesus Christus geschenkt bekommen haben, fast übersehen hätten. Deshalb habe ich sie ermahnt: Vergesst doch mal eure Ehe, eure Trauer, euere Freude, euere ganzen Geschäfte und lasst euch frei machen von Jesus Christus. Das war’s, was ich sagen wollte.

Schöne Grüße auch an deine Frau sendet dir

Dein Paulus von Tarsus

Ich denke, ich hatte ein wenig von dem kapiert, was Paulus da meinte. Theoretisch. Aber „grau mein Freund ist alle Theorie, doch grün des Lebens güldner Baum“ – deshalb schrieb ich noch einmal – in der Hoffnung auf eine vernünftige Antwort:

Lieber Paulus,

jetzt habe ich annähernd verstanden, was du gemeint hast, wenn du schreibst: Lebe so, als ob du keine Frau hast, …“

Ich habe das ja am Galaterbrief schon gemerkt, wie sehr sich manches mal die Menschen an die Weltmächte binden, wie sehr sie vor lauter G’schäftlen und Verpflichtungen, Gott ganz aus dem Blick verlieren. In Korinth waren’s wahrscheinlich eher die sozialen Verhältnisse gewesen, die dich aufbrachten, aber auch das sind weltliche Rahmenbedingungen, die man hinter das Evangelium stellen könnte.

Aber: Wie erkläre ich das meinen Konfirmanden? Die haben doch noch so wenig von ihrem Leben gehabt. Die suchen doch gerade eine Perspektive – und du drohst ihnen (entschuldige bitte die harten Worte), du drohst ihnen schon mit dem Ende.

Oder denke mal an die Trauerfamilien unter uns; egal was war – immer denkt mensch darüber nach, wie es wäre, wenn er/ oder sie noch leben würde. Sie wollen Antworten im Hier!

Denk doch mal an die ganzen Menschen unter uns, die sowieso schon wie tot sind: Sozial isoliert, oder am Rande des Existenzminimums, deklassiert oder einfach gesellschaftlich abgestürzt. Meinst du nicht es wäre schön, wenn die noch eine Zukunft hätten, eine Zukunft vor sich hätten.

Eine schlaue Theologin hat mal gesagt: Es gibt auch ein Leben vor dem Tod. Und genau das meine ich auch: Christsein kann nicht allein darin aufgehen, sich auf das ewige Reich zu freuen. Ich muss doch auch jetzt schon was davon haben. Oder nicht?

Wenn du das noch mal näher erläutern könntest, dann wär’s mir recht. Vielleicht schaffst du’s ja vor dem Sonntag, da muß ich nämlich über deine Worte predigen. Aber vielleicht sollte ich so leben, wie wenn ich nicht müsste?…

Herzliche Grüße

Dein Eberhard

Die Antwort ließ zwar zwei Tage auf sich warten, vielleicht musste Paulus ja darüber nachdenken, vielleicht wollte er mich auch auf die Folter spannen. Dann kam eine Postkarte von ihm. Sie zeigte unser Kreuz. Diese seltsame Spannung zwischen dem Tod und dem beginnenden neuen Leben. Woher Paulus die wohl hatte?

Lieber Eberhard,

Natürlich gibt es eine Leben vor dem Tod (übrigens auch eins nach dem Tod – auf das hoffen wir alle, und das tröstet uns auch oder nicht?).

Aber: Es geht mir doch genau darum, wie wir im Diesseits leben. Schau doch die Konfirmanden an. Da rennen Manche, nein hecheln den ganzen Tag den irdischen Dingen nach: Die neuste CD, der neueste Modetrend für die Mädchen, die aktuelle Chartliste der coolsten Kneipen und dann auch noch immer den Lehrern gerecht werden. Die kommen doch gar nicht zu sich selbst mehr – geschweige denn zu Gott.

Da ist’s doch gut, ihnen mal zu sagen: Mach dich doch von dem ganzen Quatsch frei! Es reicht doch, wenn du weißt: Gott steht zu dir! Dann kannst du auch mal den ganzen Stress mit der Freundin relativieren, oder den Knatsch mit den Eltern … Du weißt: Es gibt noch etwas anderes – und das zählt mit!

Oder denke an die Trauerfamilien. Selbstverständlich sind sie traurig – erinnern sich an die schönen Momente mit der Verstorbenen bzw. mit dem Verstorbenen; natürlich trauern sie um die verlorene Zeit; natürlich fehlt da einer oder eine am Tisch – ist ein Platz leer. (es wäre doch schrecklich, wenn ihr den Verlust nicht merken würdet!)

Aber: Genauso sicher, wie ihr wisst, dass der Tod in unser Leben getreten ist, dass dieser Platz leer ist, genauso sicher wisst ihr doch auch: Leben, neues Leben ist möglich bei unserem Gott. Da wird doch diese ganze Trauerzeit relativiert. Da steht doch mit großen Lettern: Wir sehn’ uns wieder! Nur das zählt!

Lieber Eberhard,

Du hattest Angst, dass ich abgehoben wäre; dass ich nur noch im Jenseits schwebe. Vielleicht ist das ja richtig so. müssen wir manches Mal so denken: „Völlig losgelöst – von der Erde“ – um uns wirklich so frei zu machen, wie Christus es gewollt hat. Damit wir auch wirklich so leben können, wie Christus es auch gemocht hat: Mit beiden Beinen auf der Erde – in all unseren weltlichen Verpflichtungen und doch frei von jedem Anspruch. Dann leben wir genau das, was Gott will: In der Freiheit eines Christenmenschen.

Herzlich grüßt dich

Dein Paulus

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