Leben aus der Hand Gottes

Liebe Gemeinde,

gerade in den letzten Wochen haben sich bei mir die Mitteilungen gehäuft, dass es Menschen in den Gemeinden gesundheitlich nicht so gut geht. Meistens erfahre ich die Dinge mehr oder weniger zufällig, sozusagen über fünf Ecken. Da ist jemand im Garten gestürzt und liegt mit einem komplizierten Beinbruch für längere Zeit flach, eine andere alte Dame ist die Treppe hinunter gefallen, mit 81 Jahren keine Kleinigkeit, ein Dritter hat gerade erfahren, dass er doch wieder zur Chemotherapie muss. Jemand muss zu einer schweren OP ins Krankenhaus. Wie diesen wohl die Worte aus dem 5. Kapitel des Jakobusbriefes anmuten mögen?

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Manchem vergeht gerade nach gesundheitlichen Rückschlägen das Beten, und ich kenne kaum jemanden, der Psalmen singt, wenn er guten Mutes ist. Und wer wagt schon, die Ältesten der Gemeinde zu sich zu rufen, wenn er krank ist? Eher wartet man auf den Pfarrer, der vielleicht gar nicht ahnt, dass in Bräunrode oder Stangerode Frau X oder Herr Z. einen Krankenbesuch wünscht, weil ihm niemand gesagt hat, dass die Gemeindeglieder krank sind. Es ist die Ausnahme, dass aus einem Krankenhaus eine besorgte Schwester anruft: "Frau M. hätte gerne ein seelsorgerliches Gespräch – und ich glaube, sie braucht das dringend". Wie gut, dass es solche Ausnahmen gibt. Frau M, in der Mitte des Lebens und wahrlich keine Kirchgängerin, ist wenige Wochen nach dem Gespräch, das uns beiden gut getan hat, verstorben. An dem Nachmittag haben wir das nicht geahnt – und trotzdem hat uns an diesem Tag der Herr, wie es im Predigttext so schön heißt, aufgerichtet.

Frau M. hat genau das getan, was der Schreiber des Jakobusbriefes vorschlägt: Sie hat selbst die Initiative ergriffen, sie hat "die Ältesten aus der Gemeinde" gerufen. Das ist die Ausnahme. Häufig ist es anders: Angehörige sind nach Jahren noch beleidigt, weil irgendeiner meiner Vorgänger ihre kranke Mutter nicht besucht hat. Sie haben nie nach einem Besuch ersucht, sondern einen selbstverständlichen Service erwartet.

Noch etwas fällt auf: Viele ältere Menschen erwarten, dass alle Hausbesuche der Pfarrer selbst übernimmt – bei 13 Dörfern kaum zu bewältigen. Gibt es Ehrenamtliche, die Besuche übernehmen, werden sie manchmal mit Enttäuschung statt mit Dankbarkeit empfangen. Dabei geschieht all unser Beten doch im Namen des Herrn – und ich denke nicht, dass das Beten eines hauptamtlichen Mitarbeiters im Verkündigungsdienst bei Gott schneller oder besser ankommt als die Fürbitte jedes anderen Glaubenden. Es geht bei Jakobus nicht um einen offiziellen, kirchenamtlichen Besuch mit Krankensalbung und Heilungsgebet, sondern ein Mensch in der Gemeinde, der krank geworden ist, bittet um Hilfe. Vielleicht bittet er nur: „Kannst du mich besuchen?“ „Kannst du bei mir sein?“ Nicht gewählte Kirchenälteste sind gemeint. Genauso gut können auch einfach ältere, erfahrene Christinnen und Christen gemeint und gerufen sein. Viele von uns, viele von Ihnen. Sie sollen aber nicht von sich aus zum Kranken hingehen, sondern dieser soll sie rufen! Ein kleiner, aber feiner Unterschied. Er erinnert an die Frage Jesu: "Was willst du, das ich tun soll?", die er einem Kranken vor dessen Heilung stellte. Wie oft ist die Klage zu hören, dass keiner sich gekümmert habe! Doch wurde denn um Hilfe gerufen? Es ist ja oft so eine Sache mit dem Besuch: Von selbst ruft kaum jemand an, und wenn man nachfragt, heißt es manchmal: Ich möchte das lieber mit mir alleine ausmachen.

Jakobus hält hier ein Plädoyer für eine Gemeinde, in der Vertrauen untereinander und Vertrauen zu Gott der springende Punkt ist. Nun können Sie sagen: Na ja, dieser Jakobus lebte vor fast zweitausend Jahren. Das ist doch eine versunkene Welt. Aber das ist sie nicht: Eine Freundin von mir kommt aus Ostfriesland, und da gibt es noch solche Formen. Wenn jemand stirbt, weiß jeder, was zu tun ist: Der rechte Nachbar sagt allen Bescheid, der linke bringt den Kuchen (oder so ähnlich, jedenfalls mit festgelegten Aufgaben). Dort gibt es übrigens für einen Sterbefall die wunderbare Redewendung: "Der ist aus der Zeit gefallen". Besser könnte man den Eingang ins ewige Leben kaum umreißen. Apropos sterben: Ich habe bei Beginn meiner Arbeit hier angeboten, zu Kranken nach Hause zu kommen, wenn der Wunsch nach einer häuslichen Abendmahlsfeier besteht. Es gibt schließlich viele ältere Menschen, die nicht mehr gut oder gar nicht mehr laufen können – und Fernsehgottesdienste sind zwar eine feine Sache, aber am Abendmahl kann man da nicht teilnehmen. Ich dachte mir, dass vielleicht der ein oder andere aus dem Ort mit mir hingeht zu dem Kranken oder Behinderten. Es hat bislang nur in einem Dorf bei einem einzigen Menschen funktioniert. Überall sonst wurde mir entgegengehalten: "Die könnten ja denken, Sie rechnen damit, dass sie bald stirbt". Abgesehen davon, dass jeder von uns in jeder Minute sterben kann – mich hat es verblüfft, ein Krankenabendmahl in diesen Zusammenhang gestellt zu sehen.

"Bei dem war der Pfarrer, mit dem geht es zu Ende", diesen Satz kenne ich aus Hettstedt aus katholischem Umfeld. Bezeichnenderweise ist aus der Krankensalbung des Urchristentums etwas geworden, was in der katholischen Kirche lange "letzte Ölung" hieß. Darum ging es ursprünglich nicht, darum geht es auch heute nicht. Seit dem zweiten Vatikanischen Konzil heißt diese Salbung in der katholischen Kirche „Krankensalbung“ – ist eines der sieben Sakramente. Sie steht aber nicht mehr nur im Zusammenhang mit dem nahenden Tod, sondern auch mit dem Leben, das Gott schenkt. Und das Öl ist, wie das Wasser der Taufe, ein Zeichen dafür, wie Gott sich heilvoll zuwendet. Man muss, wenn man einen Kranken besucht und für ihn betet, kein Öl dabeihaben, aber ich habe zum Beispiel solches Salböl – und es kann gut tun, wenn der Kranke das will, ein wenig Öl auf die Stirn oder die erkrankten Stellen zu salben.

Es ist ja bei der Krankensalbung, die damals eine ganz selbstverständliche Sache war, nicht so, dass das Öl gesund macht. Es geht nicht um geheimnisvolle Salben, die magische Kräfte haben, auch wenn mancher so etwas gerne glauben würde. Gott entscheidet, wie es mit einem Kranken weitergeht. "Wenn ihr glaubt, was ihr betet, dann wird das Gebet den Kranken gesund werden lassen, denn Gott wird ihn aufrichten." Gott handelt also, wenn wir glauben, um was wir bitten. Es geht um eine bestimmte Qualität des Gebetes. Nicht: ob du Herr vielleicht handeln würdest? Sondern: Gott, wir vertrauen auf Dein Eingreifen, auf Deine Kraft! Wir glauben, dass Du heil machen wirst, den Niedergeschlagenen wieder aufrichten wirst.

"Gesund werden lassen", das will nicht sagen, dass hier Heilungswunder gemeint sind. Eine Amputation lässt sich nicht rückgängig machen, Diabetes geht nicht weg wie Schnupfen. "Gesund werden", das kann auch bedeuten, jemand kommt mit sich und seiner Krankheit ins Reine. Auf die Frage "warum gerade ich?" gibt es meist keine Antwort, die Frage kann aber einen Kranken noch kranker machen. "Betet für einander, dass ihr gesund werdet", das kann helfen, solche Fragen nicht mehr zu stellen, sondern die Gedanken dahin zurichten "wo zeigt mir Gott andere und vielleicht noch nie überlegte Lebensmöglichkeiten?"

Ich muss zugeben, dass ich auch zu den Menschen gehöre, die ungern andere um Hilfe bitten, wenn es ihnen nicht gut geht. Ich weiß aber auch, dass ich mir und meiner Umgebung damit keinen Gefallen tue. Ich spüre das immer dann, wenn ich jemanden besuche, der erst nur zögerlich eingewilligt hat und dann doch froh ist, dass ich gekommen bin. Bei einer Familie hier in einem kleinen Dorf habe ich in diesem Jahr miterleben dürfen, wie gemeinsames Beten stärken kann – sowohl einen Todkranken als auch seine Familie, und nun auch in den verschiedenen Phasen der Trauer.

Staunend habe ich die Gebetsgemeinschaften wahrgenommen, die manche Christen sogar über weite Entfernungen pflegen. Gebetsanliegen per Internet wären nicht so meine Sache – und ich habe keine Ahnung, wie Jakobus das gesehen hätte. Aber ich erlebe im Freundeskreis, wie aus Missionsgebieten in Asien immer wieder Aufrufe kommen, doch für diesen oder jenen zu beten.

Ich lese unseren Predigttext als dringenden Appell, Hilfe anzunehmen; Nehmen seliger zu finden als Geben. Ich selbst will versuchen, die nächste Situation, in der ich ratlos bin, nicht mit mir allein abmachen. Nicht mit meiner engsten Umgebung. Auch nicht nur mit Gott. Er hat mir Brüder und Schwestern gegeben, wen kann ich also bitten? Wenn Jakobus Recht hat, wird das mich und ein anderes Gemeindeglied näher zusammenbringen. Uns wird deutlich werden, warum Gott uns immer als Erstes in eine Gemeinde steckt. Er will uns als Menschen in Beziehungen, nicht als heldenhafte Einzelkämpfer und Einzelkämpferinnen. Und ich und mein Helfer oder meine Helferin werden erleben, wie viel Kraft und Hilfe wir einander geben können. Unser Gebet füreinander wird viel vermögen. Aber wie ist das mit dem Satz: Bekennt also einander eure Sünden und betet füreinander, dass ihr gesund werdet? Da gibt es ja offenbar etwas, was den Kranken und die Besucher gleichermaßen betrifft. Gott will unseren inneren Menschen heilen, ihn aufrichten und inneren Frieden schenken. Deshalb vergibt er gerne, wenn wir ihn darum bitten! Und wir haben allen Grund, uns voreinander der Verfehlungen nicht zu schämen. Wir können sie einander bekennen und füreinander beten. Denn keiner, keine unter uns ist ohne Schuld! Gott hilft uns und vergibt uns aus liebendem Herzen. Darauf können wir vertrauen. Und wenn wir dieses begreifen, dann werden wir den Sinn und den Wert unseres, uns von Gott geschenkten Lebens nicht mehr bezweifeln, sondern unser Leben neu aus der Hand Gottes annehmen.

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