Hauptsache gesund!

Liebe Gemeinde,

haben Sie schon begriffen, was sich durch die Gesundheitsreform genau verändern soll und wird? Wenn es um Reform geht, dann kann man vermuten oder erwarten, dass sich etwas zum Guten verbessern soll. Dass etwas neu geordnet, einfacher und für alle gerechter wird. Was da diskutiert und gestritten wird, ist nur schwer zu durchschauen. Manch einer oder eine wird skeptisch sein und sich fragen, ob diese Reform Schritte in die richtige Richtung bringen wird. Andere sind hoffnungsvoll darüber, dass endlich fällige Fragen auf den Tisch kommen, und sich etwas bewegt.

Werden wir durch die Gesundheitsreform gesünder werden? Natürlich nicht. Gesundheit kann man nicht durch eine Reform erreichen und nicht durch Gesetze beschließen – wohl aber die Finanzierung der Behandlungen. Und genau darum geht es letztlich bei der Reform.

Der heute Predigttext würde den Gesundheitsexperten im Bundestag sicherlich gefallen. Gibt er doch kurzgesagt ein paar einfache Ratschläge im Umgang mit Krankheit und Gesundheit, kostengünstig und bürokratiearm wäre hier manches zu erreichen. Oder geht es in den Versen im Jakobusbrief eigentlich um etwas anderes?

Im Jakobusbrief, Kapitel 5,13-16, lesen wir folgende Ratschläge.

[TEXT]

„Hauptsache gesund!“, hören Sie mitunter, wenn Sie Menschen zum Geburtstag gratulieren, wenn ein neues Jahr beginnt, wenn irgendwo ein Menschenkind zur Welt kommt, wenn darüber gesprochen wird, was im Leben wichtig ist. Hauptsache gesund, aber was wenn nicht? Wenn Sorgen um einen unklaren Befund ein Geburtstagsfest beschatten, wenn jemand erfährt, dass er oder sie von nun an mit der Diabetes leben muss, mit Asthma oder Aids? Was wenn das Baby eine Behinderung oder Krankheit hat? Oder wenn irgendwann ein jeder von uns mit fortschreitendem Alter bemerkt, dass Augen und Ohren nicht mehr so scharf sind, dass die Gelenke ziehen, dass wir langsamer werden in unserem Denken, nicht mehr merken, dass wir diese Geschichte jetzt schon zum dritten mal erzählen und die eigenen Kinder nicht mehr erkennen? Oder wenn ich weiß, in ein paar Tagen oder Wochen werde ich nicht mehr leben.

„Hauptsache gesund!“, das wünscht sich wohl jeder und jede von uns. Ich bin froh, wenn ich ohne Erkältung, Grippe und Bronchitis über den Winter komme, wenn meine Kraft und Laune nicht durch Unwohlsein oder Schmerzen beeinträchtigt werden. Dann bin ich dankbar. Und ich kann es gut verstehen, dass Gesundheit ein hohes Gut und Teil dessen ist, was man sich nur wünschen kann zu einem guten Leben. Gerade im Älterwerden lernt man zu schätzen, wenn Körper und Geist im Alltag noch das ihre leisten können.

Gleichzeitig wissen wir alle, dass es eine Illusion ist, an ewige Kraft und Gesundheit zu setzen. Zwar wird uns in den Pausen des Spielfilms im Abendprogramm immer wieder eingeredet, es ginge nur darum, die richtigen Pillen und Salben zu nehmen. Da wird die Kraft der zwei Herzen angepriesen, VicMedi-night für einen erholsamen Schlaf trotz Rotz und Schnupf und bei anhaltender Migräne hilft Spalt-N keinen Zweifel an unserer Belastbarkeit am Arbeitsplatz aufkommen zu lassen.

Aber wenn ich mal wieder am Sarg eines noch jungen Menschen stehe, durch Krebs dahingerafft, dann bin ich ratlos, und dann sehe ich die Endlichkeit dessen, was wir Menschen mit aller Medizin leisten. Und dann weiß ich natürlich, dass auch das Gebet diese Frau oder diesen Mann am Körper nicht gesund machen konnte.

Der Jakobusbrief erzählt etwas dazu, und bei aller Schwierigkeit denke ich, dass es sich lohnt, diese Verse genau anzusehen und darüber nachzudenken, ob sie für unser Leben eine Bedeutung haben.

Leidet jemand von euch? Dann soll er beten. Und wer Grund zur Dankbarkeit hat, soll dem Herrn Loblieder singen. Mit diesen Worte beginnt der Abschnitt. Wir Christen werden darin zum Gebet ermahnt. Und zwar nicht nur, wenn es uns schlecht geht, sondern auch im Glück haben wir Grund, uns an den Herrn zu wenden. Ich kann es an mir selber immer wieder beobachten, dass mir das Gebet in Zeiten der Not näher ist. Dann bete ich ganz selbstverständlich. „Not lehrt beten!“ heißt ein Sprichwort, das diese Erfahrung aufnimmt. In diesem Sprichwort spiegelt sich etwas, nämlich der Glaube, dass Gesundheit und Wohlbefinden das Normale sind, und Krankheit und Not das Unnormale – und dann müssen wir uns an Gott wenden, damit er die Normalität wieder herstellt. Schließlich ist er der liebe Gott, der es uns schuldig ist, dass es uns gut geht. Der Jakobusbrief lehrt, dass wir in Not und Freude ein Gegenüber in Gott haben. In jedem Fall sollen wir uns an Gott wenden: mit unseren Ängsten und Sorgen, Schmerzen und Kümmernissen; und genauso mit unserer Zufriedenheit, mit Freude und Glück, mit unserem Dank.

Und dann kommen ein paar Sätze, die sehr schwierig sind, weil da Dinge in einem Zusammenhang genannt sind, bei denen man sehr vorsichtig sein muss, wenn man sie zueinander in Beziehung setzt: Krankheit, Sünde, Vergebung, Schuld, Bekenntnis, Heilung. Der Verfasser des Briefes schreibt: Ist einer von euch krank? Dann soll er die Ältesten der Gemeinde holen, damit sie für ihn beten und ihn im Namen des Herrn mit Öl salben. Ihr Gebet im Glauben an Gott wird den Kranken heilen, und der Herr wird ihn aufrichten. Und wenn er Sünden begangen hat, wird Gott ihm vergeben. Bekennt einander eure Schuld und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Gebet eines gerechten Menschen hat große Macht und kann viel bewirken.

Das klingt, als sei die Krankheit eine Strafe für die Sünde, und als bedürfe es nichts als des Bekenntnisses und des Gebetes, dass wer krank ist, wieder gesund wird. Aber so ist es nicht. Wer so etwas zu einem Kranken sagt, ist sehr unbarmherzig. Und ich kann es auch aus diesen Worten so nicht herauslesen. Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Krankheit und dem, was auf unseren Seelen lastet.

Erst einmal steht hier aber nur, dass wer krank ist, sich Beistand holen soll. Die Christen in seiner Umgebung können viel Gutes für ihn tun. Ihn versorgen, ihn helfen, für ihn einkaufen, die Kinder versorgen, – für ihn beten, ihn salben. Das alles wird zu des Kranken Heilung beitragen. Aber Heilung ist in der Bibel nicht das selbe wie Gesundheit. Heilung ist viel umfassender. Heilung meint, dass es gut wird. Und wenn Gott ihn aufrichtet, dass er neue Kraft bekommt, Mut, Durchhaltevermögen, Geduld – und Glaubensfreude. Und der eine stirbt und der andere wird in diesem Heil gesund.

Und wenn er Sünden begangen hat, wird Gott ihm vergeben. Bekennt einander eure Schuld und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet. Das Gebet eines gerechten Menschen hat große Macht und kann viel bewirken. Krankheit ist nichts schönes, nichts positives. Krankheit ist auch keine Prüfung, die Gott uns extra auferlegt, um uns zu testen. Krankheit gehört einfach dazu, weil wir leben. Mitunter bereichern sie sogar das Leben eines Menschen. Manch ein Schwerkranker, der eine schwere Krise überwunden hat, spricht davon, das Leben neu zu sehen, intensiver, bewusster, dankbarer. Krankheit soll natürlich überwunden werden, aber sie verändert auch das Leben, die Einstellung zum Leben, das Zusammenleben mit. Sie ist eine Aufgabe.

Trotzdem – und das ist ganz natürlich – brechen im Schmerz Fragen in uns auf: Warum? Warum gerade jetzt? Warum so schlimm? Wenn wir die Psalmen der Bibel lesen: sie sind voll von diesen Fragen, von Klagen, von Unverständnis. Gott kann diese Fragen und Klagen gut aushalten. Er selbst war sich auch nicht zu schade, Schmerzen und Tod zu erleiden, und wir müssen ihn mit unserer Not nicht verschonen, wir dürfen ihm lästig fallen damit. Wenn jemand auf die Frage, wie es ihm geht, mit „Ich kann nicht klagen!“ antwortet, dann ist das eigentlich ein schlimmer Satz.

Krankheit ist auch keine Strafe Gottes. Gott ist kein Rächer, der uns mit Pocken und Viren quält, ebenso wenig wie ein Schönwettergott. Schmerzen bringen ja auch seelische Belastungen mit sich. Und andersherum kann seelische Entlastung die körperliche Heilung begünstigen. Weil etwas weniger auf dem Gemüt lastet, weil der Mensch nicht zusätzlich niedergedrückt ist. Wir brauchen Trost, Ermutigung, Vergebung, damit wir ganz heil werden können. Denn nicht nur der Körper ist wichtig, auch die Seele.

Wenn wir „Hauptsache gesund!“ wünschen, dann ist meist nur der Körper gemeint. Aber der Wert der Seele ist genauso groß und wichtig, und der Schmerz einer kranken Seele ist genau so qualvoll, und das Sterben der Seele bedeutet Tod mitten im Leben und sei der Körper noch so gesund. In den Krankenhäusern und Kliniken –

und auch wenn man die Diskussionen um die Gesundheitspolitik verfolgt – bekommt man schnell den Eindruck, der Körper sei ein Reparaturgegenstand, eine Maschine, die voll leistungsfähig zu sein und zu bleiben hat, wenn sie nicht mehr schnurrt oder die Ersatzteile zu teuer werden, dann ratzefatze aufŽs Abstellgleis damit. Und während die Gänge auslaufen, tobt die Fitness-Gesellschaft weiter.

Hauptsache gesund! Leben ist mehr als gesund sein. Heilsein ist mehr als körperliche Unversehrtheit. Die Würde des Menschen hat nichts mit Vollkommenheit zu tun. Es ist hohe Lebenskunst, Schwäche ins eigene Leben zu integrieren: Alter, Krankheit, den eigenen Tod.

Möge Gott uns schenken, dass wir annehmen können: Lust und Last gleichermaßen. Aber dass unsere Seele unbeschadet bleibt. Auf die Gesundheit! Gottes Friede bewahre uns.

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