Kriegstexte der Bibel

Schwert Gottes, Pfeil in Gottes Köcher. Bilder von Waffen, Krieg und Sieg. Dieser Sieg wird kein kleiner sein. Hier wird von einem Sieg geredet, der ein Endsieg ist: Ich habe dich zum Licht der Völker gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.

Vom Endsieg hat schon so mancher geschwätzt. Von Gott gesandt zu sein, das Schwert in die Welt zu tragen, hat auch schon mancher behauptet – nicht erst neuerdings. Die Kette der selbsternannten Gottesknechte ist lang. Sie führt von heute aus tief in die Urgeschichte. Thomas Müntzer der Theologe und Bauernführer zur Zeit der Bauernkriege war überzeugt, Gottes Schwert zu sein gegen die Fürsten. Und Luther auf der Seite der Fürsten rief dazu auf im Namen Gottes so viele aufständische Bauern wie möglich zu schlagen, zu stechen zu würgen. Die Päpste und Kaiser des Mittelalters riefen zu Kreuzzügen auf, um die Heiligen Stätten zu retten, wie sie sagten – als Schwert Gottes mit dem roten Kreuz auf der Brust. Von Jesus erwartete man, dass er der Knecht Gottes sei, der Pfeil im Köcher des HERRN. Und ungefähr hundert Jahre später gelang es einem anderen Messiasanwärter namens Bar Kochba tatsächlich, die Römer empfindlich zu schlagen. Und so führt die Linie fort ins Alte Testament: David schlägt die Philister, ein Sieg geronnen zum Bild des toten Goliat, Gideon schlägt die Amalekiter, Josua die Bewohner von Jericho, Mose mit Gottes Hilfe die Ägypter am Schilfmeer und so weiter und so fort. Fast zu Beginn der Menschheitsgeschichte steht ein Mord: Kain erschlägt Abel, allerdings, und das muss man sagen, nicht im Namen Gottes.

Was also ist zu halten von den Kriegstexten der Bibel?

Zu allererst: Man muss sie lesen, denn sie gehören zur Bibel mit dazu wie jedes andere Wort auch. Und beim genauen Lesen entdeckt man Faszinierendes:

Es beginnt bei Kain und Abel: Ein Mord aus Neid. Die Logik der Gewalt erfindet der Mensch. Und wie reagiert Gott? Gott versucht diese Logik zu sprengen. Kain meint, die Menschen würden Rache nehmen für den Mord an Abel. Und Gott durchbricht die Logik der Rache, indem er Kain ein Schutzmal auf die Stirn setzt. Niemand darf Rache nehmen.

Diese Geschichte steht nicht zufällig in den ersten Kapitel der Bibel. Diese Erzählung ist Programm, indem sie feststellt: Menschen denken und handeln in der Logik der Gewalt. Und Gott geht ihnen nach in diese selbsterdachte grausame Welt. Menschen erzählen sich Geschichten von Krieg, Niederlagen und Siegen – immer wieder fasziniert von der Gewalt. Und die Bibel nimmt diese Geschichten auf. Sie baut keine Parallelwelt. Gott geht den Menschen nach, holt sie dort ab, wo sie in ihrem Denken sind – im Krieg.

Aber in Gottes Licht verändern sich die Geschichten: Die Helden werden demontiert – ganz systematisch:

Aus einer Kriegsgeschichte wird die Erzählung einer wunderbaren Flucht aus Ägypten:

Mose hebt seinen Hirtenstecken und durch Gottes Kraft teilt sich das Meer, die Israeliten ziehen durch, die Ägypter, die sie verfolgen ertrinken. Hier kämpft kein Siegfried mit der selbstgeschmiedeten Wunderwaffe wie in den deutschen Heldensagen. Mose ist ein stotternder Hirte, sein Bruder Aaron muss für ihn sprechen, so erzählt es die Bibel. Kein Schwert und auch kein Zauberstab. Gottes Macht allein rettet die Israeliten.

An der Geschichte von Gideon wird es besonders deutlich: Gideon soll das Volk Israel beschützen. Und er tut, was er kann in seiner Logik: Er sammelt Soldaten. Und Gott schickt sie ihm weg: der Reihe nach: Zuerst die, die Angst haben. Wer schlau ist, der geht, bevor er sich schlagen muss. Das ist die erste Botschaft der Gideongeschichte. Und dann geht es weiter mit der göttlichen Abrüstung. Alle werden sie aussortiert, die Helden. Am Ende bleiben ein paar Trottel übrig, die nicht mal das Wasser mit der Hand aus dem Fluss holen können, sondern sich wie die Hunde nach unten bücken und mit der Zunge das Wasser lecken. So erzählt es die Bibel. Und dann sagt Gott: „Waffen ablegen“. Mitgenommen werden nur eine Fackel für jeden, ein Tonkrug für jeden und ein paar Horntrompeten. Das Ende der Geschichte läuft darauf hinaus, dass die Feinde Israels in Panik geraten, als ein paar Israeliten auf ihre Tonkrüge schlagen, Fackeln zum Vorschein kommen und alle mal kräftig in die Hörner blasen. Das ist der Sieg Gottes für Israel. Mit Helden hat er nichts zu tun. Helden gibt´s nur bei den Feinden und die haben nachts geträumt, dass Gideon sie mit einem großen Heer schlagen wird. Deshalb ging´s so schnell mit der Panik. So also steht´s um Helden. Alpträume haben die. Na dann, will ich lieber kein Held sein, lieber einer von den dummdöseligen israelitischen Wasserschleckern mit ihrem Gott der Abrüstung.

Ein drittes schönes Beispiel, für mich fast das schönste: Durch Ausgrabungen weiß man, dass Jericho, eine der ältesten Städte der Welt, bereits ein verlassener Trümmerberg war, als die Israeliten unter Josua das gelobte Land „eroberten“. Da standen sie, die Wüstenhirten, vor den Ruinen einer prächtigen Stadt. Groß, uneinnehmbar müssen die Mauern einst gewesen sein. Jemand wie sie wäre da nie hineingekommen. Was wohl mit den Menschen geschehen war, die in diesen eindrucksvollen Mauern lebten?

Aus dem Staunen über ein Land, das sie nie hätten erobern können, sondern das ihnen geschenkt wurde und aus dem Erschrecken darüber, dass diese gewaltigen Mauern ihre Bewohner nicht schützen konnten, wuchs eine Geschichte, die genau davon erzählt: Mauern können Menschen nicht schützen, Kriege führen nicht zum Ziel. Unser Leben ist von Gott geschenkt, jeden Tag, so wie das Land, in dem wir leben.

Da sich James Bond nun mal flüssiger sieht als sich die Predigt eines Pfarrers anhört, verpackt die Bibel diese wunderbare Theologie in eine Art JamesBondKrimi. Eine stolze Stadt und eine schöne Prostituierte darin. Spione der Israeliten schauen sich die Stadt mal von innen an und bleiben bei der Prostituieren hängen. Sie werden entdeckt, aber die Schöne verhilft ihnen zur Flucht. Dafür wird sie später belohnt, als die Israeliten später die Stadt „erobern“. Nun ja, „erobern“. In die Hörner dürfen sie blasen und dann schenkt ihnen Gott die Stadt: Die Mauern fallen ein. Mauern können unser Leben nicht schützen. Und was ist mit den Menschen passiert? Die müssen wohl umgebracht worden sein, als Gott uns ihr Land schenkte, sonst wären sie ja noch da. Es gilt sich zu Gott zu halten. Waffen und Mauern können nicht schützen.

Ich mag diese Geschichte so, weil sie so offensichtlich macht: Menschen sind fasziniert von Helden, Sex, Waffen und Gewalt. Und Gott ist sich nicht zu schade, ihnen davon zu erzählen – allerdings mit bemerkenswertem Witz, der verkündet, Waffen und Mauern können nicht schützen, und die Helden sind Männer, die sich schwer täten zu überleben, wenn sie nicht von Frauen gerettet würden.

Dieser Witz, diese hintergründige Erzählkunst, diese Theologie, die Menschen die Waffen aus der Hand nimmt und sie Gott in die Hände gibt, sozusagen mit dem Kommentar: Wenn ihr ohne Allmachtsphantasien nicht leben könnt. Dann überlasst die Allmacht wenigstens Gott. Das liebe Gemeinde ist christliche Kriegskunst: Mit Witz und Worten die Gewalt als das zu zeigen, was sie ist: lächerlich.

Unser Predigttext aus Jesaja steht in dieser Linie biblischer Kriegskunst: Er verwendet Bilder vom Krieg, Bilder, wie wir sie kennen und oftmals lieben. Er holt uns dort ab, wo wir sind: in einer Welt brutaler Phantasien. Aber er lässt uns nicht dort, wenn wir lesen: „Meinen Mund hast du wie ein scharfes Schwert gemacht.“ Schwert und Pfeil sind Bilder, Bilder für Gottes Wort, das wir auszurichten haben. Es geht um das Wort Gottes nicht um Eisen! Wer das nicht wahr haben will macht sich lächerlich – und das ist gut so.

Von UNSEREN Siegen tropft das Blut. Unsere Siege sind immer Siege der einen und Niederlagen der anderen. Was soll Sieg daran sein, wo die Hälfte doch Niederlage ist? Was für ein Gott soll das sein, der solche Siege erringt? Ein Gott der Überlebenden? Ein Gott der einen gegen die anderen? Sicherlich kein Gott der Heil ist für alle Völker.

Jesaja erzählt von Gottes Sieg. Er verwandelt unsere Bilder von Waffen, von Kampf und Sieg. Kämpfen heißt bei Jesaja glauben an Gottes Wort. Kämpfen heißt, zu unterscheiden zwischen Gottes Logik und Menschenwahn wie ein scharfes Schwert. Und Siegen ist seit Jesaja nicht mehr das, was doch zur Hälfte Verlieren ist. Siegen ist seit Jesaja der totale Sieg für alle! Das ist das, was den Namen Sieg verdient! Alles andere ist jämmerlich!

Wenn wir weiter lesen bei Jesaja stellt sich heraus, dass der Gottesknecht sich schlagen, demütigen, beleidigen und „be-siegen“ lässt, wie wir es nennen. Kein Wunder, dass die Christen seit jeher geneigt waren, im Gottesknecht des Jesaja Christus zu erkennen. Denn sie verstanden: Gottes Sieg sieht anders aus als das, was wir „Sieg“ nennen. Waffen und Mauern können nicht schützen. Es gilt sich zu Gott zu halten. ER kämpft anders als wir und er siegt anders als wir. Bei Gottes Sieg an Ostern gilt: Der Verlierer freut sich, der Getötete lebt, was zerschlagen wurde, heilt. Denn der Gott, der sich ermorden ließ, steht wieder auf und mit ihm alle Toten. Dieser Sieg kennt keine Niederlage. Dieser Sieg kennt keine Verlierer: Abel erhebt sich vom Blutacker, die ersäuften Ägypter, ans Ufer des Schilfmeers gespült, husten das salzige Wasser aus ihren Lungen und kehren wieder heim. Die gebannten Bewohner Jerichos werden Teil des Volkes Israel, wie die Hure Rahab. Die panischen Helden freuen sich über ihre Auferstehung, die so gar keine Ähnlichkeit mit ihren schlechten Träumen hat. Denn der Gott, der sich ermorden ließ, steht wieder auf und mit ihm die Welt. Die Welt ist nicht mehr dieselbe nach diesem Sieg. Denn dieser Sieg setzt neue Maßstäbe. Wer in Zukunft vom Siegen reden will, der muss sich an Christi Sieg messen lassen.

Kämpfen und siegen wir! Doch nicht wir, sondern Christus in uns.

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