Wohlstand schafft Freunde. Not prüft sie.

Liebe Gemeinden, liebe Schwestern und Brüder, liebe Mitglieder in den Kirchenvorständen, liebe Amtsschwester, liebe Amtsbrüder!

Es soll mehrfach passiert, versicherte mir der mittlerweile erwachsene Diakon. Früher traf er sich regelmäßig mit seiner Gruppe im Schloß des Fürsten, der den Jugendlichen ein gemütliches Gewölbe überlassen hatte. „Wir haben viel gesungen“, erzählte er weiter. „Und ab und zu stimmten wir das Lied an, das jetzt die Nummer 303 in unserem Gesangbuch trägt.“ „Schön,“ erwiderte ich trocken, „heute findet man nur noch wenig Jugendgruppen, die Kirchenlieder singen.“ „Sie kennen das Lied 303 nicht?“. Mein Gegenüber hatte mich ertappt. Und selbst, wenn ich den Titel gewusst hätte, hätte es mich nicht weiter gebracht. „Lobe den Herren, o meine Seele“.

„Schöner Titel …“. Der Diakon grinste. „Ich meine die zweite Strophe. Die haben wir mehrmals so laut gesungen, nein gebrüllt, bis der Schlossherr in den Keller kam und uns zu Ruhe und Anstand mahnte. Gekocht hat er, aber rausgeworfen hat er uns nie. Wir sangen ja immerhin einen alten evangelischen Choral.“ Wissen Sie, wie die 2. Strophe im Lied 303 beginnt? Nein? Sie lautet: „Fürsten sind Menschen, vom Weibe geboren, und kehren um zu ihrem Staub …“

Liebe Brüder, mahnt uns der alte Jakobus, haltet den Glauben an Jesus Christus, unseren Herrn der Herrlichkeit, frei von allem Ansehen der Person. Wobei anzumerken ist, dass der Begriff „Person“ zur damaligen Zeit anders verwendet wurde. Wir meinen heute damit eher das Innere, die Würde und Unverwechselbarkeit eines Menschen. Damals zielte der Begriff auf den äußeren Schein, mit dem wir uns umgeben. „Persona“ nannte man in der Antike die Masken der Schauspieler. Und diese Bedeutung klingt hier mit: Haltet den Glauben frei von allem menschlichen Gehabe und Blendwerk. Schaut hinter die Masken, hinter denen wir uns so gerne verbergen.

Zur Zeit lese ich mit wahrer Begeisterung alte Pfarrbeschreibungen, die ich im Archiv der Petrikirchengemeinde finde. In einer Schrift aus dem Jahr 1833 vermerkt einer der Pfarrer zum ehemaligen Friedhof um die Petri-Kirche, „dieser Gottesacker“ scheint wohl nur für „besonders privilegierte Individuen bestimmt“ gewesen zu sein. Man spürt an dieser Formulierung einen gewissen evangelischen Protest gegen kirchliche Bevorzugung des Adels und der Reichen.

<b>Erinnerung an Ursprünge</b>

„Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer“, hatte Jesus – gemäß Lukas Kapitel 6 – verkündigt. Er stellte außerdem fest: Ein Reicher wird schwer ins Himmelreich kommen (Mt 19). Die Evangelien haben die ungemütlichen Spitzen der Botschaft Jesu nicht abgebrochen. Daran erinnert Jakobus.

Man kann sich bildhaft vorstellen, was er erlebt haben muss in seiner Gemeinde. Sie war der Welt gleich geworden. Man grüßte einander zwar noch als „Bruder“ und „Schwester“, aber es gehörte sich, dass der schlichte und arme Bruder zuerst grüßen musste. Klar war auf einmal auch, wer in der Gottesdienstversammlung Platz in welcher Reihe nehmen durfte.

„Ist´s recht, dass ihr solche Unterschiede macht?“ fragt Jakobus.

Diese Frage war nicht nur damals – sie ist auch heute provozierend.

Jakobus erinnert an das christliche Grundgesetz: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“. Nächstenliebe umarmt sozusagen den Menschen trotz und mit all seinen Macken, Mucken und Fehlern. Sie umarmt – wenn ich das einmal so kitschig sagen darf – seine Seele und reicht ihr die Hand. So war das früher, wettert Jakobus, und heute lasst ihr euch blenden von Stoffen, Goldringen – und setzen wir seine Rede für die Gegenwart fort – heute lasst ihr euch blenden von Rodenstock, Versace, Strenesse und Boss und wie sie alle heißen. Heute schaut ihr auf die Größe der Häuser, die Stellung in euren Betrieben und den Lack der Autos. Daraus leitet ihr Wert, Rang, Stolz und Hochnäsigkeit ab. Merkt ihr gar nicht, wie fremd ihr euch dabei geworden seid? Von wegen „Nächstenliebe“! Sie prallt an der Maske ab.

<b>Bloß keine Stroh dreschen!</b>

Man weiß ja, dass Martin Luther vom Jakobus-Brief nicht begeistert war. Er hätte es sich vorstellen können, diesen unbequemen und auf ihn so gesetzlich wirkenden Brief aus der Bibel zu streichen. „Stroherne Epistel“ lautete Luthers Kommentar.

Wer leeres Stroh drischt steht in dem Verdacht, ein bloßer Schwätzer zu sein. Steht in dem Verdacht, Ernte zu heucheln, wo längst nichts mehr zu holen ist. Gewiss, Jakobus betont die Gnade zu wenig und legt zu viel Wert auf das Tun, lautet die evangelische Kritik an dieser Schrift.

Nun wollen wir Jakobus nicht seine theologischen Nachlässigkeiten vorrechnen. Da käme schnell der Verdacht auf, wir drückten uns vor seinen ungemütlichen Fragen. Wonach er fragt? Er fragt seine Zeitgenossen, seine Mitbrüder und- schwestern, wo denn das Feuer des Anfangs geblieben sei? Keines der anderen Briefe im Neuen Testament zitiert so ausführlich Worte des Herrn. „Seid Täter des Wortes und nicht Hörer allein“, lautet das Hauptmotiv.

Nein, er drischt kein Stroh und heuchelt keine Ernte, wo schon alles eingebracht ist. Er fragt nach dem Ursprung, nach der Quelle in Christus.

Not macht erfinderisch

Heute feiern wir in diesem Gottesdienst den Anfang einer Kooperation von vier Kirchengemeinden. Harsdorf, Trebgast, Neuemarkt und Wirsberg wollen die seit langer Zeit gewachsene Zusammenarbeit künftig noch stärker ins Blickfeld nehmen. Dazu haben die Pfarrersleute zusammen mit mir und den Kirchenvorständen einen kleinen Vereinbarungs-Text erarbeitet. Diesen Text habe ich kopiert und gebe ihn jedem, der daran Interesse hat.

Es fügt sich gut, dass der ganz reguläre Predigttext für den heutigen Sonntag aus dem Jakobus-Brief stammt. Er erinnert an die in der Frische des neuen Glaubens erfahrene, andere Weise des Zusammenlebens im Geiste Christi. Leidenschaftlich stellt er die Zusammengehörigkeit der Menschen, die in Christus gestiftet, begründet, oder soll ich sagen – wieder erkannt worden ist, in den Mittelpunkt.

Um gleich einem Missverständnis zu wehren: Es geht nicht darum, die vier Kirchengemeinden in der Kooperation aufzulösen und zu einer zusammen zu fassen.

Am besten zitiere ich aus der Vereinbarung: „Die Kooperation dient dazu, gemeinsame und übergemeindliche Aufgaben in der Region besser erfüllen zu können. Durch die Zusammenarbeit sollen die Pfarrer und Pfarrerinnen in ihrer Arbeit geschwisterliche Gemeinschaft erfahren, um so in ihren vielfältigen Aufgaben Stärkung, Beratung und gegenseitige Unterstützung zu finden. Die Vereinbarung wird in der Hoffnung geschlossen, dass die Kirchengemeinden die Zusammenarbeit als geistliche Bereicherung ihres je eigenen Gemeindelebens erfahren mögen.“

Klingt gut, wird sich mancher denken. Ich will aber nicht verschweigen, dass diese Kooperation auch in einer Not wurzelt. Harsdorf hat nur noch eine halbe Pfarrstelle; alle Kirchengemeinden müssen mit weniger Geld auskommen. Unser Dekanatsausschuss hat auf diesem Hintergrund die Kooperation angeregt und in die Kooperation eine frei verfügbare 0,5-Stelle eingebracht. Not macht erfinderisch. Nun will ich nicht in einen Vortrag über die Zusammenarbeit unserer Kirchengemeinden verfallen. Darüber zu sprechen ist Zeit im Anschluss an den Gottesdienst.

"Wohlstand schafft Freunde, Not prüft sie.“ So lautet ein anders Sprichwort. Es besteht ja schon jetzt Freundschaft zwischen unseren Kirchengemeinden. Neuenmarkt und Wirsberg sind über Jugend- und Konfirmandenarbeit verbunden. Trebgast und Harsdorf haben auch viele Berührungspunkte. Die Pfarrerschaft arbeitet ohnehin gut zusammen.

Das, was gewachsen ist, soll nun durch die Kooperations-Vereinbarung weiterhin reifen und an Kraft gewinnen. So soll es z.B. einen gemeinsamen „Mantel“ für den je gemeindebezogen zu füllenden Gemeindebrief geben. Es soll selbstverständlicher werden, dass ein Pfarrer oder Pfarrerin aus der Nachbarschaft predigt. Und wo es sinnvoll ist, soll auch die Gemeindearbeit in noch größerer Gemeinsamkeit geschehen. Wohlstand schafft Freunde, Not prüft sie.

<b>Geistlicher Aufbruch</b>

Ganz wichtig ist es mir und allen Beteiligten, dass wir den Weg der Kooperation heute im Gottesdienst gemeinsam beginnen. Freilich, die Not stand mit Pate bei diesem Weg. Not lehrt beten, sagen wir gerne. Und wenn wir diesen Spruch aufgreifen – wie müsste das Gebet lauten für die Zusammenarbeit der Gemeinden? So etwa:

Herr Jesus, schenke uns in unseren vier Gemeinden einen Abglanz des Pfingstfestes, bei dem einst fremde Menschen einander verstehen lernten. Wirsberger, Neuenmarkter, Trebgaster und Harsdorfer, Zugezogene aus Bayreuth und Kulmbach, sie alle hören das Wort des Herrn und sind erfüllt vom Heiligen Geist. Niemand stört sich am fremden Wohnort des anderen. In Christus wissen wir uns vereint. Herr, gib dass wir so sprechen können.

Herr Jesus, schenke uns langen Atem für einen langen Weg. Laß es nicht zu, dass wir mürrisch werden wie weiland das Volk Gottes auf dem Weg durch die Wüste. „So seid nun geduldig bis zum Kommen des Herrn“, mahnt uns Jakobus, „seid geduldig und stärkt euere Herzen. Seufzt nicht widereinander.“

Drei Bibelzitate stehen am Anfang der Kooperations-Vereinbarung. Sie sind mir wichtig. Sie sprechen für sich und bedürfen keiner helfenden Erklärung.

Gal 6,2 Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.

Röm 12,5 So sind wir viele ein Leib in Christus, aber untereinander ist einer des anderen Glied.

Mk 9,6 Und sie gingen hinaus und zogen von Dorf zu Dorf, predigten das Evangelium und machten gesund an allen Orten.

Diese Zeile darf auch im Gebet vorkommen: Herr unser Gott, lass uns Täter deines Wortes werden.

<b>Paradies ohne Edelmann</b>

Jakobus erinnert uns – freilich etwas schroff – daran, dass unter Christenmenschen ein anderer Geist herrschen soll. Natürlich klingt das gleiche Anliegen in den Johannesbriefen viel eleganter: Gott ist die Liebe und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Jakobus ist da – sagen wir ruhig – oberfränkisch direkter: Waft nicht nur, macht halt amol was, dass man euch als Christen auch erkennt.

Wir hätten Jakobus falsch verstanden, als wollte er alle Unterschiede zwischen Menschen aufheben. Es geht ja nicht darum, dass alle Menschen uniform werden. Es geht darum, dass wir uns trotz und in allen Unterschieden als Brüder und Schwestern begegnen.

Kennen sie diesen alten Spruch, der wahrscheinlich aus den englischen Bauernaufständen um 1380 stammt: Als Adam grub und Eva spann, wo war denn da der Edelmann? Ich hätte den Diakon fragen sollen, ob man damals im Keller des Fürsten auch solche Sprüche skandiert hatte.

Gebe Gott, dass wir in unseren Gemeinden Orte des Zusammenlebens werden und bleiben können. Gebe Gott, dass wir davor bewahrt bleiben, uns so wie alle Welt desinteressiert, hochnäsig oder gleichgültig voneinander abzuwenden, weil wir uns für etwas besseres halten.

Gott segne die Zusammenarbeit der Kirchengemeinden Harsdorf, Neuenmarkt, Trebgast und Wirsberg.

drucken