Barmherzigkeit triumphiert über das Gericht

Liebe Gemeinde –

dieser 18. Sonntag nach Trinitatis dreht sich in seinen Texten und in seinen Beispielen um das Halten der Gebote Gottes. Aber auch dieses Halten der Gebote ist eine manchmal schwer verstehbare Sache. Müssen wir als Christen lauter Gesetzen folgen – müssen wir ängstlich darauf bedacht sein, ja nichts falsch zu machen? Ich hoffe, Sie kennen bereits die Antwort auf diese Frage! Nämlich: „Nein: Furcht sei nicht in der Liebe!“ heißt es an einer Stelle der Schrift. Mit anderen Worten: die Freiheit, zu der uns Christus befreit hat, ist eine Freiheit ohne Zwänge und ohne einen Buchhaltergott, der peinlich genau all das notiert, was wir Böses getan haben, um es uns am Ende des Lebens fast höhnisch vorzuhalten. Aber es bleibt so schwierig mit dieser Freiheit und mit dieser Liebe, weil wir doch sehen, wie schwer sich all dies im Alltag umsetzen lässt. Wie schwer es uns tatsächlich fällt, wenn wir im Konflikt stehen mit einem Nächsten, wenn wir uns ärgern, wenn wir uns auch beteiligen an den kleinen und großen Ungerechtigkeiten des Lebens. Wir kommen uns viel zu oft eher gefangen vor in dieser Welt und ihren Strukturen, so dass wir meinen, wir könnten gar nicht anders als mittun und mitschwimmen. Weil dies so schwer erscheint, spart die Heilige Schrift nicht mit Beispielen. Beispiele, die so konkret und lebensnah sind, dass sie für uns Heutigen oftmals direkt einsehbar sind. Wir hören also ein solches Beispiel aus unserem heutigen Predigtwort aus dem Jakobusbrief im zweiten Kapitel, die Verse eins bis 13.:

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Es ist, liebe Gemeinde, das Beispiel des Reichtums, der Verlockungen in sich trägt. Obwohl wir Heutigen im Vergleich zu den damaligen Personen unvorstellbar reicher sind und einen Lebensstandart genießen dürfen, den die damalige Zeit sich nicht einmal vorstellen konnte, kennen wir doch sehr genau das Phänomen, dass die große Mehrheit der Menschen immer noch neidvoll blickt auf den, der deutlich mehr besitzt, als sie selber. Der Rummel um den letzten Lotto-Jackpot ist gerade eben vorbei. Wenn ich heute fragen würde, wer denn von Ihnen mitgespielt hat, würden sich bestimmt einige Hände heben. Wie kommt es, dass diese große Summe so viele Menschen reizt? Ja, der Reichtum, der mit ca. 37 Millionen Euro ja schon ganz ordentlich ist, wenngleich nur ein Bruchteil der Summe, die unsere deutschen Multimilliardäre wie z.B. die Aldi-Brüder haben. Ja, mit so viel Geld, da könnte man doch was machen – sich selbst etwas gönnen. Etwas äußeren Luxus vielleicht: einen neuen Wagen, ein besseres Haus, Kleider, Urlaubsfahrten usw. Jeder von uns hat – denke ich – genügend Phantasie, sich da etwas vorzustellen. Vielleicht schaffe ich aber mit dem Geld auch etwas inneren Luxus – so will ich es mal nennen: nicht mehr auf meine Arbeitsstelle gehen müssen, sondern nur noch das werkeln, was mir Freude bereitet. Auch: eine gewisse Unabhängigkeit schaffen gerade von den äußeren Dingen, so dass ich mehr Ruhe habe, mehr Muße für mein Geistesleben, mehr Zeit für meine Hobbys? Vielerlei Träume sind an so viel Geld gebunden, geträumt von denen, die das Geld nicht haben. Wiederum vielleicht liegt es an diesen Träumereien, dass man Menschen, die über solche Summen verfügen können, ganz anders begegnet, als dem normalen Nachbarn. Vielleicht so wie in unserem Predigtwort: eine bevorzugte Behandlung, eine VIP-Loge möglicherweise. Solche VIP-Logen gab es ja übrigens früher auch in den Kirchen – gut zu sehen z.B. noch in den Patronatskirchen, wie z.B. St. Helena eine ist.

Unser Predigtwort beschreibt dies Beispiel mit harten Worten: der Reiche darf auf den Ehrenplatz, der Arme aber sollte am besten sich wie ein Sklave zu den Füßen setzen. Nun ist ja der Reichtum als solcher noch keine Schande. Es ist nicht schlimm oder gar gottlos reich zu sein. Auch unter uns braucht sich keiner zu schämen, wenn er mehr Geld hat, als ein anderer. Dennoch spricht die Heilige Schrift an vielen Stellen davon, dass Reichtum eine Gefahr darstelle. Eben für die, die sich in beschriebener Form an ihn hinträumen und dann so handeln, wie in unserem Predigtwort. Aber auch für die Reichen selbst, wenn sie fixiert sind auf ihren Reichtum. Beides Fehlverhalten hat die gleichen Ursachen. Reichtum, in dieser Weise verwendet, stellt sich selbst an die erste Stelle, er dreht sich um sich selbst und erfüllt damit das Hauptmerkmal unsere Sünde, unser Trennung von Gott. Wo Reichtum nicht verwendet wird, um sich dem anderen zuzuwenden, sondern wo er selber Sinn und Inhalt geworden ist, da verliert er seine Arglosigkeit. Es ist ein schweres Thema, gerade in unserer heutigen Zeit: Kündigungen überall, Abbau von Arbeitsplätzen – gleichzeitig eine Erhöhung der Gewinne für die Aktionäre, Erhöhung der Bezüge in der Vorstandschaft. Aber auch dort ist nicht so einfach zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. Die meisten Verantwortlichen handeln so, weil sie tatsächlich glauben, damit etwas Gutes zu erreichen. Die meisten glauben in der Tat, der Markt würde sich so selber regulieren, die „unsichtbare Hand“ – wie sie in der Wirtschaft genannt wird – würde schon dafür sorgen, dass jedem das seine zukommt. Es gäbe, so sagen sie „keine Alternative“.

Das ist es aber, was wir Christen glauben und hoffen: dass es eine Alternative gibt. Dass unser Gott ein lebendiger Gott der Beziehung und damit der Liebe ist – die sich ja nur in Beziehungen beschreiben lässt. Wir glauben, dass unser Gott kein starres und weltfremdes Element ist, welches – die Welt einmal angestoßen – sie nun sich selbst überlässt nach ehernen Regeln, die nun mal eben so ablaufen müssen. Unser Gott ist ein personaler Gott, ein Gott, der sich in der Beziehung suchen und finden lässt. Ein Gott, der sich ein Angesicht für uns Menschen in Jesus Christus gegeben hat und der einen echten Tod am Kreuze starb und uns damit nahe kam. Dieser Gott hat uns Freiheit geschenkt, die hinaus führen will aus dem falschen Glauben, der um sich selber kreist. Hinaus führen aus dem Glauben, die Welt müsse nun mal so schlecht bleiben, wie sie ist – es wäre nichts zu machen. Hinaus führen aus den Strukturen, die diesen falschen Glauben zementieren. Nämlich den starren Blick nur auf sich gerichtet. Mit anderen Worten: unsere neue Freiheit in Christus besteht in der Freiheit, den Blick auf den Nächsten richten zu dürfen. Als ein Beispiel gebe ich eine Übung, die unser neues Konfirmandenbuch vorschlägt: „Versuche einmal eine Woche lang für deinen ärgsten Feind zu beten. Aber Achtung: es kommt nicht immer vor, dass Gott diesen Menschen verändert – vielleicht verändert er auch dich selbst.!“ Eine gute Idee, wie ich meine, um sich das klar zu machen, worum es in der Freiheit des Menschen geht.

Alles, was unser Predigtwort danach versucht zu beschreiben, kann es auch nicht besser fassen. Es ist eher noch so, dass es selber wieder zurück zu fallen scheint in die Sprache des Gesetzes, wenn es mit dem Gericht Gottes droht. Unter anderem deswegen nennt Martin Luther den Jakobusbrief auch eine stroherne Epistel. Dennoch bin ich der Meinung, dass auch der Jakobusbrief in seinen Beispielen dieses eine zu erklären versucht: in Christus bist du auf deinen Nächsten hin befreit. Alles ist möglich, sagt Paulus, alles ist erlaubt – im Blick aber, der auf deinen Nächsten gerichtet ist.

So aber endet auch unser Predigtwort: „Barmherzigkeit aber triumphiert über das Gericht!“

Und der Friede Gottes, der dich frei macht zu einem neuen Leben in Christus, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.

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