Neue Freiheit

Der Jakobus-Brief ist seit Luthers Zeiten etwas verpönt. Stroherne Epistel hat Martin Luther ihn genannt. Wenig anfangen konnte er mit ihm. Vor allem brachte er ihn nicht mit dem von ihm so zentral geschätzten Paulus zusammen. Vielleicht hat er nur einfach zuviel erwartet.

Dieser Brief wurde im Jahrhundert von Geburt und Kreuz Christi geschrieben. Manche mutmaßen von dem Bruder Jesu mit Namen Jakobus, aber das ist Spekulation – mehr nicht. Der Verfasser dieses Briefes ist ein Gemeindeleiter, der mit viel Sorge den Alltags seiner jungen Kirche beobachtet und kommentiert. Er beobachtet und schreibt einen Brief. Es kann überraschend anmuten, wenn man manches über 1900 Jahre später wieder erkennt. Es ist als hätte er den Brief für Gemeinden unserer Tage geschrieben.

Martin Luther war er zu gesetzlich, zu befehlend. Aber könnte nicht manchmal der Gaul mit einem durchgehen, der unsere Kirche liebt, der sie beobachtet und begleitet und mehr als einmal feststellen muss: Es ist nicht alles so, wie es sein soll. So geht es wohl auch diesem unbekannten Jakobus – und darum wird er konkret:

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Man kann zum Jakobus unterschiedliche Meinungen vertreten. Sein Bild ist drastisch und trifft mich: ‚Denn wenn in eure Versammlung ein Mann käme mit einem goldenen Ring und in herrlicher Kleidung, es käme aber auch ein Armer in unsauberer Kleidung, und ihr sähet auf den, der herrlich gekleidet ist, und sprächet zu ihm: Setze du dich hierher auf den guten Platz!, und sprächet zu dem Armen: Stell du dich dorthin!’ Ich kann mir das gut vorstellen und spüre zugleich mein Unbehagen. Es geht nicht um die großen Gesten, es geht um die kleinen versteckten Signale, die zeigen, wie sensibel Kirchengemeinde ist für das, was Ihr Herr getan hat, für den besonderen Auftrag, den sie hat.

Für Jakobus ist es ein Signal, wie sich Gemeinde von Christus entfernt hat, wenn der gute Anzug, der große Titel, die Spendierhosen eine Rolle spielen. Es geht ihm nicht um die großen theologischen Linien. Er zielt in unser Herz, in unseren Alltag. Die kleine Szene, die kleine Geste ist es, auf die er schaut. Es geht um das ganz Banale Alltägliche, das in dem wir uns so gut auskennen – und vielleicht auch versagen.

Er legt für die Seinen und für uns Zeugnis ab davon, dass es schon von frühester Zeit notwendig war, zu betonen, dass christlicher Glaube nicht ohne Folgen für den Alltag sein kann. Zeugnis auch davon, dass es das immer schon gab, dass ChristInnen einander ablehnten oder abstuften.

Der ‚Fall‘ ist gut vorstellbar: Ein voller Saal, eine hochgestellte, angesehene Persönlichkeit kommt rein. Irgendwie findet sich doch noch ein Platz für ihn. Dann kommt noch jemand anderes, eher zerlumpt, arm und ohne besondere Verdienste. Stell dich an die Wand, setz dich auf den Boden, sagen die, die eben noch Platz gesucht haben für den Ersten. Dieser ‚Fall‘, den Jakobus erzählt, kann uns zur Phantasie anregen. Auch darüber nachzudenken, dass in den frühen christlichen Gemeinden Menschen zusammenkamen, die Sklaven waren und solche, denen sie gehörten. Aber er kann uns auch dazu provozieren zu phantasieren: Wie sähe das hier bei uns aus, wenn wir einen ähnlichen ‚Fall‘ konstruieren: Da ist einer der bezahlt mehr als die Hälfte der Kirchensteuereinnahmen aus seinen Unternehmensgewinnen. Und da sind andere, die leben, weil die Gemeinde ihnen immer wieder Unterstützungen gewährt. Wer hätte es leichter, einen freien guten Platz zu finden? Wer hätte es leichter seine Meinung bei uns durchzusetzen?

Ich möchte jetzt auch gar nicht meinen Finger gegen andere erheben – weder den Zeigefinger, noch den Stinkefinger. Das könnte übel ausgehen, wenn mir ein Spiegel in die Quere kommt und signalisiert: Du selber bist es doch. Bedenke doch einmal, wie du mit den Menschen umgehst. Passiert es nicht immer wieder, dass ich Höhergestellte auch höher behandele und umgekehrt? Blick ich doch auf mich und auf die eigene Gemeinde, den Umgang untereinander. Da finde ich genügend wieder von dem, was Jakobus schreibt. Ich selber muss doch zugeben, dass ich oft unfähig bin, das, was ich theoretisch als gut erkannt habe, auch praktisch umzusetzen. Ich selber knicke doch öfter ein vor den eigenen Ansprüchen. Alle gleich behandeln – das hängt auch oft nicht nur an Geld oder Amt oder Ansehen. Manchmal auch nur der eine, der immer wieder sich einschmeichelt, und der andere, der mich mitunter mit berechtigten Anfragen nervt oder kränkt. Unterschiedslos leben – da versage ich eben doch oft.

Was mir Respekt abverlangt, dass einer den Mut hat, das zu schreiben – und dass die EmpfängerInnen den Brief nicht zerreißen, sondern lesen, vorlesen und so gut aufbewahren, dass ich ihn heute noch lesen kann – zumindest in Kopie.

Es kann beruhigend wirken, dass schon im ersten christlichen Jahrhundert Menschen nicht nach der reinen Lehre lebten. Vielleicht kann ich das auch als Signal werten, dass ein ‚normaler Mensch‘ es nie schaffen wird, vorurteilsfrei mit anderen Menschen umzugehen. Es scheint einfach unmenschlich. Und ist nicht der ganze Sozialismus daran gescheiter, dass er alle Menschen gleich machen wollte. Das, was Jakobus hier erzählt, ist eine Binsenwahrheit, aber sie muss immer wieder neu angesprochen werden, dass wir das nie aus den Augen verlieren: Dass wir das nicht sind, was wir sein könnten und nach dem Willen Gottes auch sein sollten.

Ziel ist nicht eine neue Gesetzlichkeit, sondern eine neue Freiheit, die darin besteht in jedem Menschen den Bruder oder die Schwester sehen zu können. Die Freiheit, sich nicht gegenseitig festzulegen auf Bilder und Erscheinungsweisen, sich gegenseitig nicht festzulegen auf die Größe des Geldbeutels auf Titel oder Ämter, sondern sich wirklich aufeinander einzulassen mit der spannenden Frage: „wer bist du für unsere Gemeinde und unseren Glauben?“ Ziel kann sein, dass wir in der Gemeinde so etwas leben wie eine Vorausgestalt des Reiches Gottes: Gemeinde als Appetitmacher auf das Reich Gottes – das wäre ja auch schon was?!!!

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