Grenzenlos

Liebe Gemeinde,

grenzenlos. Ein grenzenloser Auftrag, bis an die Enden der Erde, bis zu Inseln in fernen Meeren, von deren Existenz wir nicht einmal etwas ahnen, ausnahmslos an alle Völker gerichtet, alle Grenzen überschreitend.

Grenzenlos auch der Anspruch. Der Beauftragte wird zum Knecht, zum Leibeigenen. Grenzenlos der Zugriff Gottes auf ihn. Schon im Mutterleib, noch vor der Geburt, dem ersten eigenen Atemzug mit Namen genannt und auserwählt.

Mit Gaben ausgestattet, die wunderbar, aber auch erschreckend sind. Der Mund wie ein scharfes Schwert, der ganze Mensch wie ein spitzer Pfeil.

Ein Mensch, der wie ein Werkzeug erscheint, ohne eigenen Willen, nur dazu ausersehen, im Auftrag eines anderen tätig zu sein. Eine Grenzenlosigkeit, die vor den Grenzen der Person nicht Halt macht. Ein Knecht, dessen eigener Wille, dessen Wünsche und Vorstellungen nicht interessieren angesichts des großen und überwältigenden Auftrags, den er bekommen hat.

Die Fremdbestimmung ist es, die einen Knecht ausmacht. Der grenzenlose Anspruch auf mich, ausgeübt von jemand anderem. Theoretisch müsste das Gefühl, ein Knecht, eine Magd zu sein, seit der Abschaffung der Sklaverei und der Aufhebung der Leibeigenschaft bei uns, in unserem Kulturkreis allmählich in Vergessenheit geraten.

Die Wirklichkeit sieht, denke ich, anders aus.

Auch das hat etwas mit Grenzenlosigkeit zu tun. In unserer Gesellschaft, in der die Grenzen des Standes, der Zugehörigkeit zu einer bestimmten gesellschaftlichen Schicht sich aufgelöst haben, geraten wir immer wieder in die Nähe der Erfahrungen, die dieser Knecht macht.

Grenzenlosigkeit. Alles ist möglich, ich muss mein Leben nicht mehr an dem Ort verbringen, an dem ich geboren bin und mit den Menschen, die ich von Kind an kenne. Alles ist möglich, die Welt liegt mir zu Füßen, mit ihren Möglichkeiten und Herausforderungen, die mir jeden Tag begegnen. In Zeiten der Globalisierung kann ich theoretisch jeden Weg einschlagen, an allen Orten der Welt Erfahrungen sammeln und arbeiten. Aber auch die Not der ganzen Welt begegnet mir dadurch, die bedrückenden Probleme der gesamten Menschheit, das Leid der Menschen in Ländern, von deren Existenz zwei Generationen vor mir noch niemand gewusst hat.

Eine Grenzenlosigkeit, die uns mehr und mehr das Gefühl gibt, ein Knecht, eine Magd zu sein, fremden Vorstellungen und Ansprüchen ausgeliefert. Alles hat mit allem zu tun, die fehlenden Arbeitsplätze, das Verschwinden der einfachen Tätigkeiten für gering qualifizierte Menschen, deren Arbeit jetzt für weniger Geld in China oder sonst irgendwo auf der Welt getan wird. Das Gefühl der Ohnmacht, bei den Langzeitarbeitslosen hier in Mecklenburg, bei den Menschen, die jetzt bei Siemens gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze aufgrund der Übernahme durch einen Konzern aus Taiwan demonstrieren.

Grenzenlos auch die anderen Herausforderungen, die uns in der Grenzenlosigkeit unserer Zeit bewusst werden. Verzweifeln kann ich über die ausweglose Situation, in der offenbar der gesamte afrikanische Kontinent steckt, tief erschrecken vor der Gefahr eines weltumspannenden, religiös motivierten Konflikts zwischen der westlichen Welt und dem Islam. Ohnmächtig muss ich zusehen, wie auch bei uns 2,5 Millionen Kinder in relativer Armut leben.

Die Erfahrung, dass Grenzenlosigkeit mich überfordert, teile ich mich dem Knecht, von dem hier die Rede ist. Es kann die Grenzenlosigkeit der Herausforderungen in meinem beruflichen und privaten Alltag sein, es kann aber auch die Grenzenlosigkeit meiner eigenen Ansprüche sein. Ich will mich ja vielleicht engagieren, etwas verändern, aber die Vielzahl der Herausforderungen, der Nöte in meiner näheren und weiteren Umgebung kann lähmend sein.

Die Erfahrung des Knechts teile ich. Auch ich denke manchmal: ich arbeite vergeblich und verzehre meine Kraft umsonst und unnütz. Ich weiß, dass es einen Fachausdruck dafür gibt, wenn solche Gedanken überhand nehmen. Ausgebrannt sein, oder ein „Burn out-Syndrom“ entwickeln. Soziale Berufe wie meiner sind besonders gefährlich. Die Grenzenlosigkeit des Auftrags ist in der Kirche Programm „Gott will, dass allen Menschen geholfen werde“, ist die heimliche Überschrift über vielem, was wir tun und wir vergessen leicht, dass wir Menschen mit unseren Grenzen sind und nicht immer nur geben können.

Ich bin froh darüber, dass sich diese Einsicht mehr und mehr durchsetzt: Die Einsicht, dass wir nicht immer nur Gastgeber, sondern auch einmal Gäste sein müssen, die Einsicht, dass auch Predigerinnen und Seelsorger Predigt und Seelsorge brauchen.

Einigermaßen erschüttert bin ich aber über das, was dem Knecht von Gott gesagt wird, als er auf seine eigene Begrenztheit und Unfähigkeit hinzuweisen wagt: „Es ist zuwenig“. Es gibt hier keine Entlastung, sondern eine Erweiterung des Auftrags. Nicht nur zu Israel, sondern auch zu den Heiden soll das Licht und das Heil Gottes kommen, bis an die Enden der Erde.

An dieser Stelle liegt der Unterschied zu den negativen Erfahrungen mit der Grenzenlosigkeit, die ich eingangs genannt habe. Der grenzenlose Auftrag, den der Knecht Gottes bekommt, ist ein anderer als der grenzenlose Auftrag, der uns heute zu Knechten und Mägden zu machen droht. Es geht nicht um grenzenlose Gewinnmaximierung, um den Gewinn weniger zu Lasten vieler, sondern es geht um grenzenloses Heil für alle Menschen.

Die erste Grenzüberschreitung ist die Bewegung.

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