Ein vermummter Mann

Liebe Gemeinde,

das Drama, über das meine Tochter am Freitag eine Deutscharbeit geschrieben hat ist dem vermummten Mann gewidmet. In Frühlingserwachen von Wedekind wird am Ende eine der drei Hauptpersonen gerettet, indem der vermummte Mann sie mitnimmt. Meine Tochter hat lange gerätselt, wer oder was dieser vermummte Mann ist. Er hat etwas Geheimnisvolles. Er kommt auch nur einmal in dem Stück am Ende vor. Und man weiß sonst nichts über ihn. Sie hat ihren Deutschlehrer gefragt, was das soll und der meinte: Der vermummte Mann steht für das Leben. Mit so einer Art vermummten Mann haben wir es auch heute in unserem Predigttext zu tun. Es bleibt seltsam unklar, von wem genau da die Rede ist.

Ich lese Jesaja 49,1-6:

[TEXT]

Wer ist dieser Gottesknecht über den Jesaja hier schreibt. Ist es der Profet Jesaja selbst oder ein anderer Profet, der in Zukunft noch kommen soll? Dafür spricht der Satz: Der Herr hat mich berufen von Mutterleibe an und hat meinen Mund wie ein scharfes Schwert gemacht. Das spricht dafür, dass dieser Mensch eine profetische Aufgabe von Gott erhalten hat. Oder ist es Israel, das ganze Volk? Dafür spricht, dass der Knecht Gottes in Vers 3 mit „Du bist mein Knecht Israel!“ angesprochen wird. Dagegen spricht, dass es die Aufgabe dieses Gottesknechtes sein soll die Zerstreuten Israels wiederzubringen und die Stämme Jakobs aufzurichten. Oder wird hier ein Teil Israels angesprochen, der gegenüber dem Rest Israels diese Aufgabe übernehmen soll? Ein vermummter Mann dieser Gottesknecht, schwer zu sagen um wen es sich handelt. Die Ausleger streiten sich. Natürlich hat die christliche Gemeinde gesagt: Hier ist Jesus Christus gemeint. Er bringt sowohl Israel zusammen als auch bringt er Gottes Heil bis an die Enden der Erde, er ist das Licht der Völker, von dem hier die Rede ist. Ich möchte keine dieser Auslegungen bestreiten. Sie haben alle ihr Recht. Zusammen bringen sie diesen Text zum Leuchten. Ich werde aber heute noch einen Schritt weiter gehen. Ich behaupte: Der vermummte Mann sind wir. Insofern wir Christus nachfolgen und Christus auch in uns lebendig ist, sind wir Dienerinnen und Diener Gottes. Insofern wir alle zusammen als die Gemeinde Jesu Christi sein Leib sind, ist das, was da über den Gottesknecht gesagt ist auch über uns gesagt.

Was ist das?

Gott hat uns berufen von Mutterleib an. Gott hat uns eine Aufgabe gegeben, die ziemlich unbequem sein kann. Gott will sich durch uns verherrlichen.

Gott will sich durch dich verherrlichen (eine/n Konfi ansprechen). So ein Unsinn? Was ist das überhaupt verherrlichen? Merkwürdiges altes Wort! Vielleicht könnte man es heute mit glänzend oder glanzvoll übersetzen. Gott will in unserem Handeln glanzvoll leuchten. Dazu sind wir geschaffen worden. Wir werden die Menschen zu Gott zurückbringen. Bis an die Enden der Erde – bis an die Enden Messels wäre auch schon ganz gut – soll Gottes Leuchtkraft reichen. Alles, was gesund und ausgeglichen – eben heil – macht, werden wir für die Menschen unserer Umgebung sein. Was für ein Zuspruch!

Zu hoch? Zu weit weg? Zu unrealistisch?

In Vers 4 steht: Ich aber dachte, ich arbeitete vergeblich und verzehrte meine Kraft umsonst und unnütz. Das denken wir doch normalerweise auch. Wir bemühen uns ja gute Menschen zu sein. Wir halten uns an die meisten Regeln, – ich rede jetzt nicht von der Strassenverkehrsordnung – aber wir versuchen rücksichtsvoll und höflich zu sein. Wir morden nicht, wir stehlen nicht, wir prügeln uns nicht außer wenn es mal nötig sein sollte auf dem Schulhof. Wenn wir sehen, dass jemand Hilfe braucht, dann helfen wir ihm. Wir bemühen uns um ein ordentliches Leben und trotzdem haben wir das Gefühl: Das nützt alles nichts. So richtig ansteckend ist das nicht. Es ist eher wie gegen Windmühlen ankämpfen. Wir stehen alleine auf verlorenem Posten.

Mein Mann und ich dachten das auch lange bei unserer Arbeit hier in der Kirchengemeinde: Wir arbeiten vergeblich und verzehren unsere Kraft umsonst und unnütz. Aber irgendwie hat sich das geändert. Und das hat etwas mit der Leuchtkraft Gottes zu tun.

Solange wir auf das sehen, was wir mit eigener Kraft erreichen können, wird das Ergebnis deprimierend sein. Wir sind halt nur wenige einzelne und was immer wir tun, kann nur begrenzt wirksam sein.

Aber so müssen wir nicht denken und so müssen wir auch nicht handeln. Wir können das auch ganz anders sehen. Und dann werden wir Dinge entdecken, die wir vorher nicht sehen konnten. Dann sehen wir nämlich, dass wir nicht vergeblich arbeiten, wenn wir Gott dienen. Vers 5 unseres Predigttextes: „Wir sind wertgeachtet vor dem Herrn, Gott ist unsere Stärke.“ Wir sind nicht alleine, was wir tun ist wichtig. Schon alleine, dass Sie heute hier in den Gottesdienst gekommen sind, ist wichtig. Wir sind Teil einer Bewegung, die Gottes Heil bis an die Enden der Erde bringen wird und Gottes Licht in die Herzen der Menschen. Wir müssen nur sehen lernen wie und wo das passiert wie und wo wir das bereits tun. Und es dann verstärken.

Rebekka hat demletzt in Georgenhausen einen Gottesdienst gehalten. Mein Mann hat sie begleitet. Und er ist überall an Kirchen vorbeigekommen evangelischen und katholischen Und er hat gedacht: Hier und überall in unserem Land werden jeden Sonntag Gottesdienste gefeiert. Die allermeisten Menschen haben die Chance einmal in der Woche zu Fuß eine Kirche zu erreichen und einen Gottesdienst mitzufeiern. Und wer das Haus nicht mehr verlassen kann der kann den Fernsehgottesdienst im ZDF ansehen. (Es gibt übrigens eine Menge Leute, die dazu ihr Gesangbuch herausholen und neben dem Fernseher eine Kerze anzünden.) Und auch wer nicht in den Gottesdienst geht, hört die Glocken und weiß: Ja die Möglichkeit ist noch da, ich könnte ja hingehen, wenn ich zum Beispiel in einer Krise wäre, und es bräuchte. Sie, die Sie heute morgen an einem Sonntag, wo nichts weiter los ist in der Kirche hierher gekommen sind, halten für viele andere einen Ort bereit, von dem die anderen durchaus wissen, dass sie ihn einmal brauchen könnten. Schon damit tun sie eine Menge für alle Messelerinnen und Messeler auch für die, denen die Kirchensteuer zu teuer ist. Sie halten die Möglichkeit für alle anderen aufrecht im Gottesdienst Gott zu begegnen. Damit tragen sie dazu bei, dass Gottes Licht die Herzen der Menschen erreichen kann, wenn sie das möchten. In Unterseibertenrod, einem 200 Einwohnerdorf im Vogelsberg, wo mein Mann herkommt, war es üblich, dass aus jedem Haus eine Person in den Gottesdienst geht, damit diese Person den Segen mit aus der Kirche in das Haus bringt.

Wenn Sie heute nach Hause gehen, dann nehmen Sie auch den Segen Gottes mit nach Hause. Aber nicht nur wie das in der bäuerlichen Landwirtschaft üblich war mit in Ihr Haus. Sie nehmen den Segen auch mit an Ihre Arbeit und zu ihren Enkeln und Nachbarinnen und in die Schule und zu all den Menschen, denen Sie in der nächsten Woche begegnen werden. Durch Sie und auch durch Euch liebe Konfis, scheint etwas von Gott durch. Ihr könnt etwas von dem mitnehmen, was Ihr durch die Verbindung zu Jesus Christus werdet – nämlich Teil einer Bewegung auf Gott zu. Allein dass ihr dieses Jahr in den Konfirmandenunterricht geht und damit auch ein Jahr lang regelmäßig in den Gottesdienst, liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, ermutigt uns Erwachsene hier in der Kirche. Wir beschweren uns zwar manchmal, dass ihr Krach macht und zwar zu Recht. Aber wir freuen uns auch, dass Ihr da seid.

Die Bewegung zu Gott hin, von der wir alle ein Teil sind, ist zu spüren in Messel und anderswo. Mein Mann und ich begegnen momentan vielen Menschen, die der Kirche gegenüber freundlich gesonnen sind und die interessiert auf das schauen, was wir zu bieten haben. Und wir haben einiges zu bieten. Zum Beispiel den Wunsch Gutes zu tun und anderen zu helfen, – dass wir das öfter mal nicht schaffen steht auf einem anderen Blatt. Trotzdem, der Wunsch ist schon eine ganze Menge. Oder wir haben Trost und Hoffnung zu bieten für Menschen, die sich in einer Krise befinden und nach dem Sinn in ihrem Leben suchen. Wir können ihnen das Licht und die Freude zeigen, die aus der Verbindung mit Jesus Christus wächst. Man kann der Pfarrerin oder dem Pfarrer sein Herz ausschütten. Auch das macht schon vieles leichter. Wir bieten Jugendlichen Beratung, die eine Lehrstelle suchen. Wir sind an der Trägerschaft einer Sozialstation beteiligt, die Menschen zu Hause pflegt. Als Mitglieder der Evangelischen Kirchengemeinde Messel und damit als Glieder des Leibes Christi sind wir Teil der Bewegung Gottes zu den Menschen hin. Gott, der sein Heil, sein Glück, seinen Frieden bis an die Enden der Erde ausbreiten möchte, hier in Messel eben auch durch uns. Ist das nicht wunderbar?

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