Danken und denken

Liebe Gemeinde,

als ich Kind war, gabs einmal in der Woche einen besonderen Tag. Am Freitag Vormittag ging meine Mutter zum Fleischer und ich ging mit. Nicht, weil mir Einkaufen besonders Spaß gemacht hätte, sondern weil mich die Fleischersfrau immer fragte, von welcher Wurst ich eine Scheibe haben möchte. Und ich bekam ein Radel schwarze. Und selbstverständlich passte meine Mutter auf, dass ich auch richtig "Danke" sagte. Heute weiß ich, das war nicht nur eine Erziehungsfrage, danke zu sagen, sondern das machte das Stück Wurst wertvoller. Einmal in der Woche übern Ladentisch eine frische Scheibe Wurst – das war was, denn Montag bis Donnerstag gabs keine Wurst und kein Fleisch – dafür hatten wir kein Geld.

Wenn ich heute in einer Kindergruppe ein paar Süßigkeiten hinlege, stürzen sich alle drauf, als hätten sie nichts. Und wenn es zum Hals raus kommt, ich muss das meiste haben. Dankeschön oder anderen was übrig lassen, das gibts kaum noch.

Manchmal, wenn ich einkaufen fahre, da bleibe ich im Supermarkt eine Minute stehen. Und schau auf die Regale. Obst und Gemüse in Massen, die Kühltheken voll Fleisch und Pizza. Und dann denke ich, übermorgen ist der Laden zu, was wird am Montag mit dem verwelkten Zeug. Und dann ziehe ich los mit dem Wagen, lege das und jenes hinein, meist zu viel, es ist ja alles da und sieht lecker aus. Irgendwie danke sagen – wem denn, ich habs doch bezahlt.

Und zu Hause mache ich die Nachrichten an und höre wieder nur von Ekelfleisch und verdorbenem Fisch und sogar Kuchen. Was hab ich da eingekauft? Die leckere Grillwurst, wie alt ist sie? Der gefrostete Fisch, vielleicht schon dreimal aufgetaut? Dass Menschen so was machen, ist schlimm, dass sie es machen können, ist noch viel schlimmer. Warum sind denn Kühlhäuser so voll, so voll, dass man es alle Wochen rausnehmen und wegwerfen müsste. Warum sind denn unsere Supermärkte noch am Sonnabend abend voll mit allem Möglichen, was am Montag weggeschmissen wird? Weil wir alles zu jeder Zeit und möglichst billig haben wollen. Ich habe jetzt Appetit und fahre in die Halle und kaufe mir eine Wurst zum besten Preis. Ich brauche jetzt fix mal einen Döner, weils grad so duftet, auch wenn ich keinen Hunger habe. Und ne leckere Fischsemmel lass ich auch nicht aus. Wenn ich zu einem Geburtstag gehe, dann steht da eine Platte mit leckeren Brötchen. Der Fleischer hat sie belegt, mindestens zwei Scheiben Wurst, Käse oben drauf und noch was Saures, viel zu viel, wer soll das alles essen, sagen wir.

Damals habe ich gelernt: sag Danke. Sag ich das eigentlich noch? Freue ich mich eigentlich noch oder knalle ich die eingeschweißte Wurst einfach in den Wagen?

Und dann gammeln die Fleischberge in den Kühlhäusern vor sich hin. Und ein paar Verbrecher machen es zu Geld und wir haben den Durchfall.

Einsperren, höhere Strafen, bessere Kontrollen, kann ja sein. Aber wo Geld zu machen ist, gibt es immer Lücken.

Nichts muss verworfen und schlecht sein, wenn es mit Danksagung empfangen wird. Gammelfleisch ist doch kein schlechtes Fleisch, es ist nur vergammelt, weil es zu viel ist. Wir müssten einfach noch mehr essen, dann gäbe es keine Fleischberge in den Kühlhäusern. Oder aber, wir beginnen wieder zu danken und uns zu freuen. Das kleine Radel schwarze Wurst – es war ein Genuss. Das Danke kam von Herzen.

Nichts wird schlecht und alles ist gut, sagt die Bibel, wenn ihr dabei Gott nicht vergesst. das heißt ja nicht nur, Danke, lieber Gott, das heißt auch denken. Das Gammelfleisch waren einmal Tiere – umsonst geboren, umsonst aufgewachsen, umsonst gestorben. Und dem leckeren Brathähnchen wurde schon als Küken der Schnabel abgezwickt und dann wurde es bei lebendigem Leibe mit dem Kopf nach unten in einer Maschine getötet.

Um irgendwann zu vergammeln.

Nichts muss vergammeln, wenn wir das kleine Wörtchen Danke wieder lernen. Nichts muss vergammeln, wenn wir beim essen denken. Heute tun wir das. Wir stehen hier vorn und staunen über den schönen Altar. Wir können es noch. Wir singen Lieder zum Dank und freuen uns, dass wir satt werden. Hier drin ist alles anders. Und das alles ist frisch. Das kann man unbedenklich essen.

Verdorbenes Fleisch, mit Chemie angereicherter Paprika und sogar verseuchter Wein, Fische mit Schwermetallen, das und noch vieles mehr wird es noch lange geben. Aber muss es nicht geben. Wenn wir anfangen zu danken und zu denken machen wir einen Anfang. Denn wer bei einem guten Bissen Danke sagt, wird sich kaum gleich den nächsten reinstopfen. Sicherlich, wer sind wir paar Leute schon? Aber es waren immer nur ein paar Leute, die die Welt verändert haben. Und ich denke auch, dass Gott den Dank und das Gebet von wenigen verwandeln kann in große Wirkungen. Bei Gott zählt nicht Masse, sondern Klasse. Und vielleicht ist es ja die Aufgabe von Christen, diese Welt wieder ein Stück zurecht zu rücken, nachdem alles so verrückt geworden ist.

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