Leichter gesagt als getan?

Zwölf Imperative, Aufforderungen und Ermahnungen in einem Text. Ein bisschen viel an einem Sonntagmorgen, finden Sie nicht auch? Pädagogisch erfahrene Leute würden sagen: Das ist ungeschickt. Da schalten die Leute beim Zuhören gleich ab. Und die Chance, dass etwas von dem, was dann doch gehört wird, auch behalten und befolgt wird, ist sehr gering. In der Tat, das, was der Apostel hier gegen Schluss des Briefes an die Galater schreibt, klingt wie eine Zusammenfassung, so als ob ihm noch schnell dies und das einfällt, was er den Christen in der kleinasiatischen Provinz Galatien noch mit auf den Weg geben möchte. Etwa so wie ein Mutter ihrem Kind, das auf Klassenfahrt geht, noch kurz vor Abfahrt mit einer Menge von Ermahnungen überschüttet: Gib nicht zu viel Geld aus, ruf an oder schick mal eine SMS, wenn du angekommen bist, trink nicht zu viel Cola und mach keinen Blödsinn. Wir kennen das.

Die Ermahnungen, Hinweise und Aufforderungen des Paulus kennen wir zum Teil auch: Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen. Das klingt schön und einleuchtend. Doch dann wird’s ernst: Irret euch nicht. Gott lässt sich nicht spotten. Und: Was der Mensch sät, das wird er ernten. Und dann wieder: Lasst uns Gutes tun und nicht müde werden. Leichter gesagt als getan.

Leichter gesagt als getan? Paulus tut sich schon mit den Worten schwer, mit der Botschaft, die er überbringen will. Er weiß genau: Die Christen in Galatien und anderswo werden sich schwer damit tun, dies alles in ihrem Leben zu befolgen. Übrigens wird ja seitdem das, was ein Christenleben ausmacht, immer wieder vor allem mit dem Befolgen von Geboten und Regeln in Verbindung gebracht. Ein Christ muss das und das tun, und dieses und jenes darf er nicht, heißt es immer wieder. Grund genug für viele Menschen, sich vom Christentum abzuwenden, das sie womöglich nur als Einengung verstehen. Dass es im christlichen Glauben dagegen um Befreiung geht, und dass auch in diesen Worten des Paulus ganz viel von der Freiheit eines Christenmenschen steckt, das erschließt sich einem nicht sofort. Und ich denke, auch die Briefadressaten des Paulus damals werden es nicht ganz leicht gehabt haben. Vor allem diejenigen, die nicht so wie Paulus und wie viel anderen aus ihren Gemeinden aus dem Judentum kamen und Worte wie Gesetz, Fleisch und Geist nicht oder ganz anders verstanden als die, die ursprünglich aus der Synagogengemeinde kamen. Ähnliches kennen wir aus unserer Zeit, wo in unseren Gemeinden viele Menschen aus Russland und Kasachstan dazu gekommen sind, aus einem ganz anderen Kulturkreis also und mit einer oft altertümlich wirkenden deutschen Sprache – so dass Missverständnisse und manchmal auch Unverständnis nicht zu vermeiden sind.

Bei diesen Menschen aber ist gerade die biblische Sprache oft viel lebendiger geblieben als bei uns Einheimischen, und so sagte mir ein ältere Frau neulich bei einem Besuch, während sie den Fernseher ausschaltete, der gerade Bilder von den Bombenangriffen auf den Libanon zeigte, nicht einfach: Nein, wie schrecklich ist das! Sondern sie sagte: Die Menschen sind doch verrückt. Aber: Irret Euch nicht! Gott lässt sich nicht spotten! Was der Mensch sät, das wird er ernten! Da waren sie auf einmal, jene Worte, die wir eben gehört haben, und auf einmal war die uralte biblische Botschaft ganz gegenwärtig, ausgesprochen aktuell und sehr deutlich: Wir Menschen, gleichgültig zu welchem Volk wir gehören und zu welcher Religion, wir sind doch Gott verantwortlich mit dem, was wir tun. Und wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn das, was wir falsch machen oder Schlimmes tun, eines Tages auf uns zurückfällt.

Die Frau, die so ganz spontan mit jenem Bibelvers aus dem Galaterbrief ihr Entsetzen zum Ausdruck brachte, sie hat die Botschaft des Paulus sehr wohl verstanden. Und sie scheute sich nicht, das, was sie auf dem Bildschirm mit ansehen musste, mit deutlichen Worten anzusprechen. Deutliche Worte sind es auch, die wir in unserem Predigttext vom Apostel Paulus lesen, oder vielleicht auch von einem seiner Schüler, der dies in seinem Namen und in seinem Geist schrieb. Auf jeden Fall: Die Botschaft dieser Worte wiegt schwer, ist aber unmissverständlich. Sie fordert denjenigen, der sich Christ nennen will, heraus. Diese Botschaft ruft nach Entscheidung und Konsequenzen. Nach all dem, vor dem wir uns in unserem Alltag so gerne drücken oder scheuen.

Einzelne Sättze aus diesem Text sind so etwas wie Brückenpfeiler, die das Ganze tragen und uns zum Verstehen hinüberführen. Es fängt klipp und klar an: Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln. Eine moderne Übersetzung sagt es so: Wenn nun Gottes Geist von uns Besitz ergriffen hat, dann wollen wir auch aus diesem Geist unser Leben führen. Es geht also darum, wes Geistes Kind wir als Christen sind, worauf wir uns verlassen und wonach wir unser Leben ausrichten. Nicht nur unser Denken, sondern ganz konkret unser Reden und Tun, unsere Art, miteinander zu leben und diese Welt zu gestalten.

Dass wir Menschen dabei nie perfekt sein werden, ist uns klar. Das entsetzliche Unglück auf der Transrapid-Strecke ganz in unserer Nähe im Emsland hat es uns wieder einmal gezeigt. Menschliches Versagen kann unter Umständen auch von der ausgefeiltesten Technik nicht aufgefangen werden. Als wir vor einige Jahren mit unserer Pfarrkonferenz das Transrapid-Versuchszentrum besuchten, sprachen wir mit den Ingenieuren u.a. genau darüber, ob nicht bei einem möglichen Unfall die Rettungsmaßnahmen dadurch erschwert würden, dass die Passagiere oben auf der hoch gelegten Strecke nicht einfach aussteigen können und Rettungskräfte erst einmal Leitern anstellen müssen. Uns wurde uns geantwortet. Die Bahn ist sicher. Da kann eigentlich nichts passieren. Ein solcher Fall, bei dem Menschen aus dem Zug herausgeholt werden müssen, wird nicht eintreten.

Na, denn ist ja alles in Ordnung, entgegnete daraufhin einer meiner Kollegen, allerdings voller Ironie. Und nun hat sich gerade dies wieder einmal bewahrheitet, dass wir Menschen immer wieder an Punkte geraten, an denen wir versagen. Davon redet Paulus, wenn er in einem anderen Vers sagt: Wer auf sein Fleisch sät, wird von dem Fleisch das verderben ernten. Auch diese Worte sind so etwas wie ein Brückenpfeiler des Verstehens. Auf Fleisch säen heißt soviel wie: Sich ausschließlich auf sich selbst verlassen, auf die eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten – ohne dabei auf die Grenzen zu achten, die uns Menschen gesteckt sind, und dabei die sprichwörtlich gewordenen Risiken und Nebenwirkungen bisweilen falsch einzuschätzen oder ganz zu übersehen. Nicht nur bei großen Katastrophen fällt das hinterher auf, schon in kleinen zwischenmenschlichen Begegnungen kann dies eine Rolle spielen – und das Miteinander von Menschen vergiften und zerstören.

Weil wir so etwas immer wieder erleben, sind wir Menschen vielleicht etwas empfindlich geworden, wenn wir solche Sätze wie die aus unserem heutigen text hören. Empfindlich, vielleicht auch etwas ablehnend. Ob es wohl daran liegt, dass manche all diese Sätze fast als Schuldzuweisungen empfinden und ein schlechtes Gewissen bekommen, wenn sie das hören? Es wird hier ja alles Mögliche angesprochen, was uns betreffen und was uns treffen kann: Die Überheblichkeit von Menschen und ihre Eitelkeit, die lieblose Art, in der Menschen miteinander umgehen und sich gegenseitig verurteilen und fertig machen, der Mangel an wirklichem, tragfähiger Gemeinschaft, die Vereinzelung und die Beziehungslosigkeit, unter der so viele leiden. Alle das wird hier angesprochen, und wer das alles nicht hören mag, der muss sich fragen lassen, warum nicht.

Doch es sind ja keine Vorwürfe, die der Apostel hier jemandem macht. Es sind vom Glauben an Jesus Christus bestimmte Sätze, die dem Leben von Christen eine neue Ausrichtung geben möchten, einen Blickwechsel, eine Standortveränderung, Umkehr zum Leben, so wie es dem Geist Jesu Christi entspricht. Zugegeben: Es war schon immer etwas unbequem, als Christ in dieser Welt zu leben und sich als Christ auch zu erkennen zu geben, aber gerade im Blick auf Jesus Christus werden uns durch den Galaterbrief ja keine unverbindlichen Empfehlungen gegeben, keine wohlgemeinten Ratschläge und keine allgemein nützlichen Tipps, sondern ist wird christliche Botschaft verkündet, die den ganzen Menschen ansprechen und in ihren Dienst nehmen will: Mit Leib und Seele. Oder, wie es hier heißt, mit Fleisch und Geist. Zu verstehen ist das alles dann, wenn man Jesus Christus im Blick behält, der eben kein unnahbares Geistwesen bleib, sondern Mensch wurde – wie Sie und ich. Der Lasten zu tragen hatte und leiden musste, dem Tränen nicht erspart blieben und der sich mitten in die Konflikte, Probleme und Fehlerhaftigkeit der menschlichen Gesellschaft hinein begab – und alles Schlimme und Unvollkommene durch Liebe überwand. Durch Sanftmut, wie es hier heißt. Sanftmut ist eine Haltung, die viel weniger sanft sein kann, als man vermutet, und die sehr viel mutiger ist, als man gemeinhin denkt. Es ist die Haltung Jesu, der die Menschen aller Zeiten in seine Nachfolge ruft, damit im Leben wie im Sterben von Menschen sich nicht Hoffnungslosigkeit und Gleichgültigkeit breit machen.

Gleich gültig im wahrsten Sinne, nämlich gleichermaßen gültig und wichtig ist dagegen all jenes, was wir heute Morgen als Botschaft des neuen Testamentes gehört haben; und es sind allesamt Worte, die Hoffnung und Zuversicht schenken – mitten in einer Welt, in der so manche resignieren, zweifeln und verzweifeln. Es sind diejenigen Menschen, denen wir uns zuwenden können: In unserer Familie, in der Gemeinde und am Arbeitsplatz, als Helfer und Helferinnen bei Katastrophen und als solche, die sich politisch oder auch militärisch für die Herstellung und Erhaltung des Frieden einsetzen.

Nicht alle, denen wir begegnen und die uns brauchen, sind unsere Glaubensgenossen, um abschließend noch einmal ein Wort aus dem Predigtext aufzunehmen. Aber in der Bedürftigkeit nach Liebe und Zuwendung, nach Anerkennung und Ermutigung, Solidarität und Frieden sind sie letztlich doch alle gleich. Alle miteinander Gottes Geschöpfe aus Fleisch und Geist, verletzbar, aber auch ansprechbar. Gebe Gott, dass wir als einzelne Christinnen und Christen wie auch als Gemeinde immer das Rechte tun und sagen können, wenn wir anderen Menschen begegnen. An einer Botschaft, die uns dazu anleitet, fehlt es ja nicht, und schließlich ist der, von dem diese Botschaft spricht, ja auch da, um uns zu halten und zu tragen, manchmal auch anzustoßen und uns in Bewegung zu versetzen – und er ist immer da, um uns zu leiten und zu begleiten, wohin auch unser Weg uns führt.

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