Grund zur Freude

Liebe Gemeinde,

mein Mann und ich sind jetzt fast 13 Jahre hier in Messel. Wie die Zeit vergeht. Und wir haben in den vergangenen 13 Jahren viel über diese evangelische Kirchengemeinde hier nachgedacht. Wir hatten schwierige Zeiten hier, und wir hatten Zeiten, in denen uns die Arbeit leicht fiel. Wir haben Unterstützung erfahren und Unverständnis erlebt. Wir haben Dinge falsch gemacht und wir haben Dinge richtig gemacht. Leute haben sich über das was wir getan haben geärgert und Leute haben sich über das was wir getan haben gefreut. Manchmal haben wir gedacht: Die Kirche geht sowieso den Bach runter, es hat keinen Sinn zu versuchen das aufzuhalten. Und manchmal haben wir gedacht: Es ist ein Wunder, was hier alles möglich ist. Es ist ein Wunder wie viele sich in der Kirche engagieren.

Wenn ich von außen auf die Evangelische Kirchengemeinde Messel blicke, dann kann ich Gutes und Schlechtes sehen. Etwas ganz anderes ist es aber von innen als ein Gemeindeglied, als eine Glaubende auf die Gemeinde Jesu Christi in Messel zu blicken, dann beginne ich nämlich etwas zu sehen, was dem Blick von außen verborgen ist. Dann beginne ich nicht nur das zu sehen, was Menschen hier tun, sondern auch das was Gott in dieser Gemeinde schon bewirkt hat und zwar zum Teil durch die Menschen und zum Teil auch trotz der Menschen, die hier leben und arbeiten.

Dies zu sehen lehrt mich Paulus durch den heutigen Predigttext aus dem 1. Brief an die Gemeinde in Saloniki: Ich lese 1. Thessalonischer 1,2-5a in der Übersetzung von Berger und Nord:

[TEXT]

Ich möchte diesen Textes Schritt für Schritt auslegen. Ich fange vorne mit Vers 2 und 3 an: Wir haben allen Grund euretwegen Gott unaufhörlich zu danken. In jedem Gebet erwähnen wir euch mit Namen. Immer wenn wir zu Gott, unserem Vater, beten, sprechen wir von eurem tatkräftigen Glauben, eurer starken Liebe und eurer geduldigen Hoffnung, die sich in vielen schweren Zeiten bewährt hat, weil sie auf unseren Herrn Jesus Christus gegründet ist.

Der Blick von außen ist objektiv und er urteilt: Das ist gut, und das ist schlecht. Der Blick von innen ist anders: Er beginnt mit Beten. Ich habe mit den Jahren und ganz langsam gelernt, wie sehr es mein Verhältnis zu den Menschen, denen ich begegne und mit denen ich lebe, verändert, wenn ich regelmäßig für sie bete. Wenn ich Gott danke für meine Töchter, für meinen Ehemann und eben auch für die Gemeinde hier, dann nehme ich das, was da ist, nicht mehr als selbstverständlich hin, und dann beginne ich zu sehen wie viel Gutes Gott wirkt. Und dann fange ich an wahrzunehmen, wie viel Zeit die Frauen aus dem Besuchsdienstkreis, der Kirchengemeinde und den Menschen, die sie besuchen schenken, wenn sie Jahr für Jahr ihre Geburtstagsbesuche machen. Ich sehe ihre Arbeit in der Liebe. Und ich sehe Sie, die Sie hier diesen Gottesdienst und manche andere Gottesdienste besuchen, und ich danke Gott für den Glauben, den er hier in Messel bewirkt. Und ich weiß es zu schätzen, dass Sie in die Kirche kommen, auch wenn Ihnen nicht immer danach ist sonntags morgens aus dem Haus zu gehen, und obwohl Sie manchmal nicht so viel mit dem anfangen können, was mein Mann oder ich hier erzählen. Denn jeder der hier ist ermutigt die anderen, die hier sind, im Glauben. Jede Stimme, die einstimmt in das Lob Gottes, gibt den anderen Stimmen Sicherheit.

Ich freue mich immer wieder sonntags morgens an dem gemeinsamen Gesang. Und dann denke ich, jeden Sonntag morgen in fast jedem Ort versammeln sich in vielen Tausend Kirchen in Deutschland Leute, die damit zeigen, dass die Hoffnung auf Jesus Christus keineswegs am Aussterben ist. Im Gegenteil, ich erlebe in letzter Zeit, dass gerade Menschen, die nicht so oft in die Kirche gehen, anfangen sich für den Glauben zu interessieren. Die Leute sagen nicht mehr wie kann man nur so blöd sein an Gott zu glauben, sie sagen eher, du hast es gut, dass Du glauben kannst, ich würde ja auch gerne, und es tut mir leid, dass ich es nicht kann. Damit ist im Grunde der erste Schritt getan. Das Interesse ist geweckt, daraus kann etwas Neues entstehen. Paulus dankt Gott für die Gemeinde in Saloniki. Dabei habe ich gemerkt, dass ich Gott für die Gemeinde in Messel sehr dankbar bin. Ich kann es ihnen nur weiterempfehlen, Gott zu danken für die Mitchristinnen und Mitchristen und für die Gemeinschaft, die wir hier in der evangelischen Kirchengemeinde Messel erleben dürfen. Mancher Ärger wird über diesem Dank verfliegen und manche vergessene Freude wieder ans Licht kommen.

Ja, es gibt Grund uns zu freuen, wenn wir an unsere Mitchristinnen und Mitchristen denken. Vers 4 unseres Predigttextes ermuntert uns zu einem freundlichen Blick auf sie. Ich zitiere: „Gott liebt euch über alles, Brüder und Schwestern, und hat euch auserwählt.“

Gilt das auch für uns in Messel? Sehen Sie Ihre Nachbarin, ihren Nachbarn an: Wissen Sie, dass die Person, die da neben Ihnen sitzt von Gott erwählt ist. Ja, Konfis auch ihr seid gemeint. Auch ihr habt eine Wahl gewonnen. Nicht die Messeler Bürgermeisterwahl und auch nicht die Wahl zur Miss Europa, nein eine wichtigere Wahl. Gott hat sich für euch entschieden. Gott hat euch die Chance gegeben zu ihm zu gehören. Gott hat euch angeboten mit euch durchs Leben zu gehen und an eurer Seite zu bleiben. Ihr müsstet die Wahl natürlich annehmen. Dazu habt ihr Gelegenheit bei eurer Konfirmation. Da könnt ihr dann öffentlich ja zu der Wahl Gottes sagen. Die anderen hier sind schon konfirmiert. Sie haben also schon einmal ja gesagt. Für sie ist es also nichts Neues, was unser Predigttext sagt: Sie wissen schon, dass Sie von Gott geliebt sind und haben es sicher schon einige Male in Ihrem Leben erfahren. Aber wissen Sie das auch von den Menschen, die heute neben Ihnen sitzen? Wissen Sie das auch über die Personen, denen sie begegnen werden, wenn Sie nachher wieder nach Hause gehen?

Es ist nämlich ein großer Unterschied, wie ich meine verschlafene Tochter, die wenn ich nach Hause komme möglicherweise gerade aufgewacht sein wird, ansehe: Ob ich an irgendetwas denke, worüber ich mich bei ihr in der letzten Woche geärgert habe, oder ob ich denke, wie schön ist es, dass ich mit einer Jugendlichen zusammen leben darf, mit der ich durch Gottes Gnade verbunden bin. Und wenn ich dann denke, ja sie ist von Gott ausgesucht worden, und Gott wird noch viel Gutes durch sie bewirken zum Beispiel, dass ich mich einfach freue sie zu sehen. Dann bin ich ganz weit weg von meinem Ärger und meinen Sorgen und komme in eine Schleife von ermutigenden Gedanken. Solche Gedanken ändern mein Leben und auch das meiner Tochter. Paulus redet die Leute in Saloniki an mit: Gott liebt euch über alles, Brüder und Schwestern, und hat euch auserwählt. Stellen Sie sich einmal vor was passieren würde, wenn Sie jede Person, der sie heute begegnen im Geist anreden mit liebe Schwester oder lieber Bruder von Gott geliebt und erwählt. Mit welcher Freundlichkeit und Offenheit wir einander begegnen könnten, wenn wir das jederzeit gegenwärtig hätten, die andere ist vor Gott meine Schwester, der andere mein Bruder, sie sind genau wie ich von Gott geliebt. Wie sehr würde das unser Leben ändern. Das immer im Gedächtnis und Gefühl zu behalten schaffen wir natürlich nicht, aber ab und zu uns daran erinnern, vielleicht gerade dann wenn wir uns über jemand besonders geärgert haben, das auszuprobieren lohnt sich. Und wo kommt uns die Kraft dazu her? Der 5. Vers unseres Predigttextes sagt es uns: Darum ist das Evangelium nicht nur als Wort zu euch gekommen, sondern auch als Wundermacht, als wunderbare Gabe des heiligen Geistes, als feste Gewissheit.

Kraft und Gewissheit fließen aus dem Evangelium, das uns wunderbar ermutigt. Das ist keine leere Behauptung. Im Glauben bekommen wir Kraft von Gott geschenkt: Eines der größten Geschenke, die ich hier in Messel bekommen habe, ist, dass mir viele verschiedene Personen mir erzählt haben, wie sie durch die Hilfe Gottes Dinge geschafft haben, die sie alleine nie hätten bewältigen können. Ich denke da an eine Frau, die sich jeden Morgen die Kraft erbeten hat, ihren verwirrten Ehepartner durch den Tag zu bringen. Und wir standen gemeinsam an dem Grab und es war da die große Dankbarkeit, dass es nun vorbei war aber auch dass die Familie einen Weg gefunden hat mit der Krankheit umzugehen und dass sie nicht die schönen Erinnerungen an den Verstorbenen zerstören konnte.

Die Kraft und die Gewissheit, die aus dem Evangelium fließt, kennen wir vielleicht nicht bevor wir sie brauchen. Aber an Jesus Christus zu glauben heißt auch zu hoffen, dass wir die Kraft und die Geduld, wenn wir sie denn brauchen, bekommen werden.

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