Schlag den Neid aus dem Kopf – aber bitte aus dem eigenen!

Liebe Gemeinde,

wir Menschen sind verschieden, sehr sogar. Und damit meine ich nicht unsere Vorlieben oder Hobbys. Ich meine jetzt besonders das, was wir als ‚Gaben’ oder auch ‚Fähigkeiten’ bezeichnen.

Einige Beispiele dazu: Es gibt Menschen, die besitzen die Gabe, spontan und frei vor einer großen Menge von Menschen das Wort zu ergreifen.

Anderen wird in solch einer Situation abwechselnd heiß und kalt und sie bekommen keinen Ton heraus.

Es gibt Menschen, denen eine große Portion Charme gegeben ist. Und es scheint, dass sie andere im Nu für sich einnehmen können. Andere hingegen sind eher schwerfällig und scheinen ein Abonnement auf das Betreten von Fettnäpfchen zu haben. Und so weiter. Unterschiede, wohin wir schauen.

Dass diese Menschen, die jetzt so schlecht wegkommen in meiner Aufzählung, selbstverständlich andere Qualitäten haben – klar! Und das unterstreicht nur noch, worum es mir geht: wir sind weit davon entfernt, gleich zu sein.

So, wie das Bruderpaar im ersten Buch der Bibel.

Abel ist Hirte, Kain dagegen Bauer. Sie üben unterschiedliche Tätigkeiten aus. Damit verbunden sind unterschiedlichen Fähigkeiten, Erfahrungen und Einstellungen.

Unterschiede stelle ich ja erst fest, wenn ich vergleiche. Manchmal können wir das ganz gelassen sehen – der oder die andere ist einfach anders. Das ist so – Punkt. Aber diese gelassene Haltung gelingt nicht immer. Oft kann ein vergleichender Blick auch dazu führen, dass wir das Gefühl haben, benachteiligt zu werden. Und dann werden wir neidisch.

Die Geschwister Kain und Abel bringen beide ein Rauchopfer dar – Gott zur Ehre. Unterschiedliche Opfer – eng verbunden mit ihren unterschiedlichen Tätigkeiten. Kain opfert vegetarisch – und Abel legt Fleisch auf.

Die dazugehörige Abbildung aus meiner Kinderbibel von Anni de Vries steht mir deutlich vor Augen: Der Rauch von Abels Opfer zieht kerzengerade zum Himmel hinauf. Der Rauch von Kains Opfer aber treibt seitwärts weg. Und das, obwohl beide Feuer dicht nebeneinander brennen.

Am Wind kann es nicht liegen, das wird Kain sofort klar. Gott freut sich über das Opfer seines Bruders. Aber seine eigene Opfergabe wird nicht angenommen. Das macht Kain so wütend, dass bei ihm eine Sicherung durchbrennt. Und dann – weil er seinen Ärger nicht an Gott auslassen kann – schlägt er seinen Bruder tot.

Eine schwierige Geschichte. Schwierig deswegen, weil Gott hier eine Wertung vornimmt. Diese Wertung wird sichtbar im Aufsteigen bzw. Wegtreiben des Opferrauchs. Unsere Annahme, dass wir vor Gott alle gleich sind, die bekommt einen Knacks.

Nun können wir darüber spekulieren, was diesem Opfer voran gegangen ist: Vielleicht hat sich der Kain schon länger unangenehm aufgeführt – und jetzt seine Quittung bekommen? Ich denke aber, dass dies müßig ist und nicht wirklich weiter hilft. Der biblische Text jedenfalls liefert uns zu dieser Frage keine Vorgeschichte und keine Erklärungen.

Was wir aber erfahren, ist, dass Gott zu Kain spricht und ihm sagt, dass er sich nicht ärgern und seine bösen Gedanken zügeln soll. Zu dieser großherzigen Einstellung ist Kain jedoch nicht in der Lage. Und Abel bezahlt dafür mit seinem Leben.

Ist Gott ungerecht oder sogar launisch? Warum sind die beiden jungen Männer bzw. ihre Opfer vor Gott nicht gleich? Ich lege es mir so zurecht: Kain geht davon aus, dass er und sein Bruder einen Anspruch darauf haben, gleich behandelt zu werden. Damit greift er Gottes Antwort vor.

„Ich mache hier mein Feuerchen, dann wird Gott mir schon gnädig sein!“ – so könnte er gedacht haben. So, wie Kain sich verhält, verkäme Gottes Reaktion zu einem reinen Automatismus – denn Kain ist ja sicher, wie Gottes Antwort ausfällt. Was für ein Fehler!

Mit dieser Annahme kann ich weiter überlegen.

Ich muss es Gott überlassen, wie er mein Tun und Lassen wertet. Ich selber kann mich nicht gnädig anschauen. Gnade vor Gottes Augen zu finden – darum kann und darum soll ich mich auch bemühen. Von nichts kommt nichts. Aber – in welchem Licht ich vor meinem Schöpfer stehe – das habe ich nicht in der Hand.

Und diese Unverfügbarkeit kann ich auch auf meine mitmenschlichen Beziehungen übertragen. Ich wirke auf andere, das ist klar. Aber das Ergebnis kann ich nicht vorwegnehmen.

Das könnte eine Botschaft des Predigttextes für diesen Sonntag sein: Wir Menschen unterscheiden uns voneinander. Wir sind unterschiedlich begabt und auch eingeschränkt. Damit müssen wir umgehen, damit arbeiten wir – aber das Urteil fällen andere: Gott und die Menschen, mit denen ich zu tun habe. Das muss ich aushalten.

Und das ist noch nicht alles. Die Wirkung auf Gott und Mitmensch, auf die wir keinen Einfluss haben, ist das Eine. Denn das, was dem vorangeht, das Vergleichen untereinander, das ist ja auch noch da und bleibt bestehen.

Und ich glaube nicht, dass wir davon wegkommen. Vergleichen ist einfach menschlich und geht schon bei Kindern los. Fragen Sie mal nach bei den Grundschulkindern, ob die lieber einen schönen Bericht in ihrem Zeugnis haben wollen – oder eine knackige Note …

Genau, sie und Ihr werdet es ahnen – oder wissen: es soll die Note sein. Denn so kuschelig diese Berichte auch sind – man kann sie nur schwer oder sogar gar nicht vergleichen.

Und auch für diejenigen, die die Schule hinter sich gebracht haben, gilt: Im Vergleich erfahren, wo wir stehen. Mal sind wir besser und auch mal schlechter.

Wollte ich alle erschlagen, die in meinen Augen besser sind als ich – dann hätte ich viel zu tun! Nein – so natürlich nicht. Aber Neid und das Gefühl, wieder einmal zu kurz gekommen zu sein – das stellt sich schon manchmal ein. Und dann?

Auch darauf gibt der Abschnitt aus dem 1. Buch Mose eine Antwort: Gott hält das Verhalten von Kain aus. Kain wird nicht vom Blitz getroffen. Und er wird auch nicht selbst – aufgrund der Blutrache – zum Opfer anderer Menschen.

Gott hält das Verhalten von Kain aus. Kain ist zum Mörder geworden und hat sich damit auch an Gott versündigt. Denn von Gott kommt alles Leben – und es steht uns nicht zu, einem anderen das Leben zu nehmen. Kain bleibt am Leben und wird sogar noch von Gott geschützt. Dies geschieht durch ein sichtbares Zeichen an seiner Stirn, durch das Kainsmal.

Einen Mord auszuhalten, dazu ist wohl nur Gott fähig. Ich könnte das nicht. Aber wir können etwas anderes aushalten: Unseren Neid, unsere ewige Angst, zu kurz zu kommen.

Und noch etwas, das helfen kann: diese Unterlegenheitsgefühle kommen ja in uns hoch. Aber wie wir vor Gott und den Menschen wirken – das kann ja ganz anders sein. Wissen tun wir das nicht. Lasst uns darauf vertrauen, dass wir zu diesen Minderwertigkeitsgefühlen nicht neigen müssen. Und wenn sie sich dennoch einstellen, dann müssen wir eben damit leben.

Das ist sicherlich leichter gesagt als getan. Aber es muss doch möglich sein, meinen Ärger nicht immer an denen auszulassen, die mir etwas voraushaben. Und vielleicht gelingt sogar folgendes: dass ich mich herzlich und ehrlich über die Begabungen eines anderen freue. Über Fähigkeiten, die ihn oder sie von mir unterscheiden. Denn verschieden sind wir Menschen nun mal. Sehr sogar.

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