Jenseits von Eden

Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da war und der da ist und der da kommt. Amen

Liebe Gemeinde! Zur besten Tatortzeit präsentiert uns die Bibel einen echten Krimi. „Jenseits von Eden“ ist der Titel. Vermisst wird der jüngere Sohn des Landmannes Adam und seiner Frau Eva. Er war am Vortag nicht von der Arbeit nach Hause gekommen. Nach einer durchwachten und durchweinten Nacht voller Sorge und einer erfolglosen Suche der ganzen Familie in den frühen Morgenstunden, ruft man den Chefinspektor. Die üblichen, quälenden Fragen folgen:

„Wie sah er aus, haben Sie ein Foto von ihm?“ Nein, ein Foto haben sie natürlich nicht, so etwas wird erst in 3000 Jahren erfunden.

„Er ist ein schöner Mann“, sagt Eva und guckt verträumt auf Adam. „Er hat große, dunkle Augen und schulterlanges, lockiges Haar. 20 Jahre ist er alt und ca. 170 cm groß.“

„Und seine Kleidung? Was trug er zur besagten Zeit?“

„Na, das übliche“, sagt Adam. „Seine Ledersandalen, Rock und Hemd aus groben, ungefärbtem Tuch. Und einen Hut, gegen die Sonne, wissen Sie. Hast du nachgesehen, Eva, ist sein Stab noch da? Nein, also, den Stab hatte er auch bei sich, seinen Hirtenstab.“

„Kann es sein, dass er von zu Hause fortgelaufen ist? Gab es Streit in der Familie?“ Fragt der Chefinspektor.

„Aber nein!“ Eva richtet sich auf. „Abel ist sanftmütig und freundlich zu jedermann. Man muss ihn einfach gern haben! Und weglaufen? Das würde er niemals tun. Er würde niemals seine heiß geliebten Schafe im Stich lassen! Seine Herde braucht ihn doch!“

„Ach, Mutter, das ist doch widerwärtiger Unsinn!“ Der ältere Bruder Kain hatte bisher geschwiegen. Nun plötzlich bricht es aus ihm heraus, er richtet sich auf, in seinen Augen lodert es.

„Kain, so nicht!“ Adams Ton ist scharf und unmissverständlich. Kain senkt den Kopf, aber der Inspektor sieht sehr wohl, dass er unter dem Tisch seine Fäuste ballt, das Weiße der Knöchel ist zu sehen. „Ich muss aufs Feld“ stößt er hervor, springt auf und verlässt den Raum Türen schlagend.

„Er ist so ganz anders“ weint Eva. „Entschuldigen Sie bitte. Er war von Kind auf an so schwierig, so zornig, so fordernd. Mit Abel war immer alles leicht. Abel hat uns immer nur Freude gemacht, nicht wahr, Adam? Vielleicht sind wir Kain nicht immer ganz gerecht geworden…..“

Adam legt seine Hand auf Evas Arm: „Lass man, Liebes, wir haben unser Bestes gegeben.“

„Wie war das Verhältnis der Geschwister zueinander?“ fragt der Inspektor vorsichtig. Eva sieht erschrocken hoch. „Sie denken doch nicht……?“

„Ich denke gar nichts, ich frage nur.“

„Nun ja, sie haben sich gegenseitig geholfen und auch miteinander Gottesdienst gefeiert. Ich denke, sie kamen gut miteinander aus.“ Der Inspektor sieht, das Adam jedes Wort genau überlegt. „Als Kinder haben sie sich furchtbar gestritten und geschlagen, bzw. Kain hat Abel geschlagen. Aber seit sie erwachsen sind, hat es solche Vorfälle eigentlich nicht mehr gegeben. Ganz im Gegenteil…“

Der Chefinspektor verabschiedet sich. Dieser Kain, das war ihm doch auffällig vorgekommen. Er hat, nun ja, einen Verdacht, wäre vielleicht ein bisschen viel gesagt, aber doch ein deutlich ungutes Gefühl.

Er trifft den jungen Mann auf dem Feld. Mit seiner Spitzhacke pflügt er den Boden durch und jeder Schlag ist voller Wut und Zorn. Sein Gesicht ist gezeichnet von Schmerz und Trauer und – der Inspektor hat viel Erfahrung damit – es ist gezeichnet von quälenden, zermürbenden Schuldgefühlen.

„Kain“ ganz leise tritt der Inspektor an den jungen Mann heran „Kain, wo ist Ihr Bruder, Abel?“

Kain blickt auf, einen Moment hat der Inspektor Angst, er könnte ihn mit der Spitzhacke angreifen – aber dann wirft er das Werkzeug von sich und schreit außer sich vor Zorn: „Soll ich meines Bruders Hüter sein? Suchen Sie ihn doch selber, Sie wissen doch eh schon alles!“ Und dann läuft er davon.

Bald wird zur traurigen Gewissheit, was Adam und Eva schon befürchtet hatten. Abel ist tot. Jemand hat ihn erschlagen, draußen auf dem Feld. Gestern Abend dürfte es passiert sein. Der Inspektor findet den jungen Mann im hohen Getreide liegend, die braunen Augen blicken in den Himmel – das Gesicht ist durch den Tod kaum entstellt. Lediglich am Hinterkopf eine klaffende Wunde, ein richtiges Loch …. wie von einer Spitzhacke geschlagen…….

Es ist der Stoff, aus dem ein Kriminalroman gemacht wird, liebe Gemeinde. In dieser biblischen Kriminalgeschichte, kurz nach der Vertreibung aus dem Paradies, geht es um Liebe und Eifersucht, um Versagensangst, um hilflosen Zorn und bitteren Neid und zu schlechter Letzt um einen grausamen Mord. Es ist ein guter Krimi, der hier erzählt wird, wenn wir die Geschichte aufmerksam lesen, werden wir es merken: Ein guter Krimi hat einen tragischen Stoff, der Täter ist zugleich Opfer und das Opfer ist irgendwie auch Täter, ein guter Krimi bleibt nicht in den Klischees „gut“ und „böse“ – ein guter Krimi rührt uns an, nimmt den Zuschauer mit hinein in das Geschehen, so dass er versteht, wie das alles so kommen konnte und warum es geradezu so kommen musste.

Die Geschichte von Kain und Abel, der Brudermord jenseits von Eden – das ist eine wirklich tragische Geschichte.

Die Bibel erzählt, dass der Auslöser für das Verbrechen Gott selber ist. Beide opfern die Früchte ihrer Arbeit, das tat man damals draußen auf dem Feld. Man baute aus Steinen einen kleinen Altar und entzündete unter Gesang und Gebet ein Feuer. In diesem Feuer verbrannte man Früchte, Getreide oder auch ein kleines Tier, als Geschenk war es gedacht, ein Geschenk für Gott. Und wenn der Rauch gerade nach oben stieg, galt das als Zeichen, das Gott sich freute. Nun, der Rauch von Kains Opfer stieg nicht nach oben, sondern verwehte über dem Land. Und als Gott ihn dann noch darüber belehrte, warum dass so sei und das Opfern allein eben nicht reicht, wenn man kein frommes Herz hat, da kann Kain es nicht mehr ertragen und er plant den Mord an seinem Bruder Abel, dem Immerguten, weil er in seiner Gegenwart für sich keine Zukunft mehr sieht.

Nun ja, ich mag diesen Kain halt sehr. Für mich ist er wie ein verlorener Sohn, einer von diesen Versagerkindern, die Gott so liebt. Einer, dem alles schief geht, der nichts hinkriegt, der irgendwie auf der falschen Seite des Lebens steht und der konsequent, so sehr er sich auch bemüht, den falschen Weg im Leben geht. „Armer Kain“, denke ich, „gerade du brauchst Gott.“ Ich kann ihn nicht verurteilen.

Aber man kann das Ganze natürlich auch anders sehen. Dann ist Kain der ältere und stärkere der beiden Brüder. Schon immer fühlte er sich vielleicht durch die Geburt des Jüngeren betrogen und gönnte seinem Bruder nicht die Butter auf dem Brot. Zu jeder Gelegenheit hat er versucht, dem Bruder eins auszuwischen. Man kann auch glauben, Kain sei hinterhältig und durchtrieben von Jugend an und der Mord sei nur die Spitze eines Berges von Grausamkeit und Hinterhalt. Man kann auch das Schlechte im Menschen sehen und suchen.

Nun gehöre ich auch zu den Menschen, die Fehler haben und Fehler machen. Ich bin eher aufbrausend als sanft und ich kenne das bittere Gefühl von Neid und Eifersucht: Andere haben es leichter als ich, denke ich dann. Was hat die, was ich nicht habe? frage ich manchmal bitter, wenn wieder jemand anders vorgezogen wurde. Ich gehöre eher zu den Kains dieser Welt. Darum liebe ich diese Geschichte von Kain und Abel auch so sehr, so schmerzhaft und schrecklich sie auch ist.

Ich will unsern biblischen Tatort zu Ende erzählen.

Der Inspektor findet den toten Abel draußen auf dem Feld. Er hat sich in all den Jahren immer noch nicht an den Tod gewöhnt, immer wieder ist er berührt davon, wie Leben entweichen kann, wie leblos die Hülle Körper ohne Seele doch ist. Er faltet die Hände noch am Tatort und spricht ein Gebet für die Seele Abels. Dann drückt er ihm sanft die Augen zu und streicht ihm die Haare aus der Stirn.

Sein nächster Weg sollte ihn zu den Eltern führen. Adam und Eva müssen Bescheid bekommen, müssen den Leichnam holen und ihn für die Bestattung vorbereiten. Manchmal hasst der Inspektor seinen Beruf.

Er ist schon auf halbem Weg, da überlegt er es sich anders. Wo könnte er sein, wo sich versteckt halten?

Im Wald nah bei der Hütte ist eine Höhle, von Zweigen verdeckt. Er kennt sie noch aus Kindertagen. Kain hockt auf dem Boden, das Gesicht in den Händen vergraben und weint haltlos wie ein kleines Kind. „Kain, was hast du getan? Ich habe den Leichnam deines Bruders gefunden.“
Kain blickt nicht hoch. Da entdeckt der Inspektor das Blut, das von seinen Händen auf den Boden tropft und dort schon eine kleine Lache gebildet hat.
„Ich habe alles verloren“ stammelt Kain. „Meinen Bruder, meine Eltern, meinen Beruf, meinen Gott. Was soll ich noch mit meinem Leben anfangen? Ich tauge zu nichts. Lass mich hier in Ruhe sterben.“

Wortlos verbindet der Inspektor die durchtrennten Pulsadern. „Ich kann dir eine Stunde lang den Rücken freihalten. Flieh, Kain, du hast deine Strafe dahin. Flieh! Niemand wird dir folgen.“ Und dann zeichnete er mit seinem Finger etwas auf seine Stirn: Ein Kreuz oder einen Stern, vielleicht war es auch nur ein Punkt. Unsichtbar und doch nicht zu verkennen. „Sie werden dir nichts tun. Mein Zeichen ist dein Schutz. Gott segne dich, mein Junge!“

Ja, tatsächlich, so endet der biblische Krimi. Kain muss das Land verlassen – sein Leben, sein Glück ist dahin, er wird an seiner Schuld lebenslänglich tragen. Aber er wird leben, in Freiheit leben, geschützt durch Gott selber – mit dem Zeichen des Kains. So geht Gott mit Tätern um und mit Opfern, so spricht Gott gerecht, wenn wir verurteilen, so schützt Gott einen jeden von uns, die Guten und die so genannten Schlechten – so sind, und so bleiben wir, Kinder seiner Liebe und Geschwister, die es nicht immer leicht miteinander haben.

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