Die Kraft ist da

Liebe Gemeinde,

waren Sie schon einmal wie gelähmt? Kennen Sie das? Eine schlimme Nachricht, der Schock, der geliebte Mensch, verloren. Es ist ganz unwirklich zuerst und dann wirft es einen um.

Oder: Haben Sie einmal zu lange in einer Atmosphäre leben müssen, die von Misstrauen, Streit und Feindschaft geprägt war? Die Sicherheit geht verloren, dauernd sehe ich mich um, und ziehe schon einmal vorsichtshalber den Kopf ein – der nächste Schlag kommt bestimmt.

Oder: Kennen Sie solche Zeiten, in denen die Anspannung zu groß wurde? Zu wenig Schlaf? Die Gedanken drehen sich im Kreis, ich kann nicht abschalten. Die Tage werden grau. Die Freude geht verloren.

In unserem Predigttext heute ist von einer Lähmung die Rede. Und auch davon, wie eine Lähmung, die sehr lange gedauert hatte und von der niemand mehr angenommen hatte, dass man sie überwinden kann, wie diese Lähmung überraschend und unerwartet aufhörte. Ich lese uns die Geschichte von der Heilung des Gelähmten in Apostelgeschichte 3,1-12.

[TEXT]

Vor wenigen Wochen wurde Jesus gekreuzigt. Dann erlebten die Jüngerinnen und Jünger, wie Jesus auferstanden ist, zum Himmel aufgefahren ist und wie sie selbst mit einer großen Kraft erfüllt worden waren. Vorher waren sie ängstlich auf einem Haufen, verkrochen in einem Haus in Jerusalem. Nun aber ist der Geist Gottes in ihnen und sie gehen raus. Dinge geschehen, mit denen niemand gerechnet hatte. Und immer mehr Menschen erfahren die Kraft, die darin liegt, dass Gott uns freundlich anschaut. Alle Schmerzen können aufgelöst und überwunden werden, seit Jesus sogar den Tod überwunden hat.

Petrus und Johannes, zwei der engsten Freunde Jesu, gehen nachmittags um 3 Uhr zur normalen Gebetsstunde in den Tempel. Vor dem Eingang liegt ein 40jähriger Gelähmter. Seit 40 Jahren werfen ihm die Menschen kleine Münzen hin und fühlen sich gut dabei, weil sie ihm geholfen haben. Sie können sich im Tempel dann gut fühlen beim Beten. Aber sie sehen diesen Mann gar nicht mehr richtig an. Nicht umsonst wird uns in dieser Geschichte kein Name genannt. Er ist halt der Gelähmte an der Tempeltür. Der Mann hat kein Gesicht, er ist keinen zweiten Blick wert.

Aber diesmal ist alles anders. Petrus sieht hin und er sagt zu dem Mann: Sieh uns an!

Und der, der bisher immer demütig die Augen niedergeschlagen hat, der von der Welt nur die Füße der Vorbeigehenden und ihre kleinen Münzen gesehen hat, der hebt den Kopf. Er sieht zwei Männern in die Augen, die eine ungewöhnliche Kraft ausstrahlen. Es geht von ihnen etwas aus, das die Welt verändert. Eine Hoffnung, die die Dinge nicht einfach hinnimmt, eine Hoffnung die nicht sagt: man kann doch eh nichts ändern. Die beiden Männer wirken, als wären sie mitten in einem großen Aufbruch. Als könnte nichts und niemand sie aufhalten – weil sie gespürt haben, wie gut Gott ist und dass er uns annimmt, so wie wir sind und uns verändert.

Und Petrus sagt: Silber und Gold habe ich nicht. Die Enttäuschung will sich schon breit machen im Gesicht des Gelähmten. Aber Petrus spricht schon weiter. Was ich aber habe, das gebe ich dir.

Im Gelähmten wächst die Hoffnung und er ist gespannt, was es denn sonst noch geben soll. Was soll ihm denn sonst helfen außer mehr Geld?

Petrus wirkt wie ein Mann voller Überzeugung, ein Mann, der etwas wichtiges erlebt hat und etwas wichtiges zu sagen hat, als er nun dem Gelähmten tief in die Augen schaut und ihm einen Auftrag gibt: Im Namen Jesu Christi von Nazareth: steh auf und geh umher!

Das hat bisher noch niemand von ihm verlangt. Auf diese absurde Idee ist noch niemand gekommen. Wie kann man auch von einem von Kindesbeinen Gelähmten so etwas verlangten. Das ist nicht nur ein Fettnäpfchen, das ist ein riesengroßer Fettkessel. Die, die dabei stehen und das hören, müssen den Atem anhalten. Da ist zwar nur ein Bettler – aber trotzdem, so sollte man den nicht verspotten.

Und dann geschieht das Wunder. Petrus ergreift ihn bei der rechten Hand und richtet ihn auf. Sogleich wurden seine Füße und Knöchel fest und er sprang auf, konnte gehen und stehen und ging mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.

Wir wissen nicht genau, was da geschehen ist. Die Kraft der Hoffnung und dass er als Person angesehen wurde und dass eine neue Erwartung an ihn herangetragen wurde, die alle alten Gewohnheiten und die alte Rolle in Frage stellte und dass das Alte so ins Fließen kam – all das hat sicher eine Rolle gespielt. Und dass ihm jemand auf die Füße hilft. Trotzdem bleibt etwas, was wir nicht begreifen können, ein Wunder. Da bricht Gottes Welt in die Welt unserer Tische und Stühle ein – und Menschen werden anders. Was ein ganzes Leben lang galt, 40 Jahre lang, das gilt nun nicht mehr. Der Gelähmte ist nicht mehr gelähmt. Zunächst geht er mit Petrus und Johannes in den Tempel und lobt Gott. Und vermutlich hat niemand mit so übervollem Herzen Gott gelobt. Ich stelle mir vor, wie er voller Andacht und Inbrunst und Leidenschaft das alte Lied mitgesungen hat:

Lobe den Herrn, meine Seele,

und was in mir ist, seinen heiligen Namen.

Lobe den Herrn, meine Seele,

und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:

der dir alle deine Sünden vergibt

und heilet alle deine Gebrechen,

der dein Leben vom Verderben erlöst,

der dich krönt mit Gnade und Barmherzigkeit,

der deinen Mund fröhlich macht

und du wieder jung wirst wie ein Adler.

Es wird dann in der Bibel weiter berichtet, dass viele Kranke gesund wurden, weil von dem Glauben an Jesus eine ungeheure Kraft ausging. Sogar der Schatten der Apostel soll Leute gesund gemacht haben.

Wieso wird gerade von dieser Geschichte so ausführlich erzählt?

Das Land Israel war damals gelähmt. Die Römer waren schon 100 Jahre als Besatzungsmacht da. Und fremde Einflüsse überfluteten das Land. Niemand hatte eine gute Antwort auf die Frage, ob man sich eher an die neue Zeit anpassen sollte und dabei entwurzelt werden oder ob man eher die alten Werte wieder aufleben lassen sollte und dabei den Anschluss verpassen.

Der Glaube an Jesus war wie eine neue Kraft, ein neuer Aufbruch aus der Lähmung heraus. Das, was dem Gelähmten geschehen war, die gnädige Zuwendung Gottes, die ein neues Leben ermöglicht, das sollten möglichst viele erleben.

Liebe Gemeinde, ich glaube, wir brauchen heute auch diese Gotteskraft, die die Lähmung überwindet. Auch in Messel gibt es zuviel Lähmung und zuwenig das Gefühl, dass ein Aufbruch sich lohnt. Und wir alle haben unsere Erfahrungen, die uns lähmen.

Ich wünsche uns allen, dass wir Menschen finden, die uns sagen: Sieh mich an. Und die uns so rausholen aus dem Kopfhängenlassen.

Ich wünsche uns, dass jemand von uns Dinge erwartet, die uns neue Möglichkeiten entdecken lassen. Gerade Menschen, die arbeitslos geworden sind oder die einsam sind aus den verschiedensten Gründen, die brauchen jemanden, der sie ansieht und sie berührt und ihnen dann vielleicht sagt: steh auf und geh. Wenn dann aus dem Nebeneinanderher ein Miteinander geworden ist, dann ändert sich für alle etwas.

Und ich wünsche uns allen, dass wir das Gefühl bekommen, ein neuer Aufbruch lohnt sich.

Ich denke, wir sind weltweit gerade dabei, die Kraft des Glaubens neu zu entdecken. Helfen Sie an ihrem Platz mit, dass das Vertrauen wächst und ein Miteinander, das viel mehr Hilfe ist als ein paar Münzen mehr.

Wir sind dabei nicht auf unsere Kraft angewiesen. Petrus sagt ja am Ende: das war nicht ich. Die Kraft Gottes ist heute noch da. Auch bei uns ganz normalen Menschen. Wir spüren sie immer dann, wenn wir Schwierigkeiten überwinden. Wenn wir weitergehen, obwohl etwas nicht gelungen ist. Wenn wir es neu probieren, wo wir uns einbringen können und uns nützlich machen können und wo wir mithelfen können. Die Kraft ist da und wenn wir uns für den öffnen, der die Quelle der Kraft ist, dann kann sie fließen und uns so verändern, dass andere staunen und es nur noch für ein Wunder halten können.

Das gebe uns der, der Herzen verändert und der für uns eine Aufgabe hat, aber auch genug Stärkung und Ausruhen und Erquickung.

Und der Friede Gottes …

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