Christus in meinem Leben Raum geben

Liebe Gemeinde,

er lehnte sich müde und doch auch mit einem Gefühl der Zufriedenheit in seinem Lehnstuhl zurück. Nun hatte er auch diesen Tag hinter sich gebracht. Er hatte in den letzten Wochen gemerkt, dass er immer nervöser wurde, je näher er kam. Nun, eine solche Feier ist auch keine Kleinigkeit mehr, wenn man 80 wird. Früher hatte sich seine Frau Hanne um vieles gekümmert, aber seitdem sie nicht mehr lebte … Immerhin, er konnte sich nicht beschweren: seine beiden Kinder hatten kräftig mit angepackt und alles organisiert. Und seine Hochachtung vor seinen drei Enkelkindern: sie waren am Abend erst gefahren, nachdem in seiner Wohnung jedes Möbelstück wieder dort stand, wo es hingehörte. Wenn er sie nicht hätte …

Auf dem kleinen Tisch neben dem Lehnstuhl hatte er alles für eine gemütliche Stunde vorbereitet: Eine Flasche Rotwein, den die Vertreterin der Stadt heute vorbeigebracht hatte. Gott sei Dank war es kein lieblicher, wie der von der Apotheke. Er schenkte sich ein – und genoss den ersten Schluck.

Als er es sich in seinem Lehnstuhl bequem machte, fiel sein Blick auf die Karte des Pfarrers – Er hatte sie wohl selbst gestaltet – mit schwungvoller Schrift hatte er die Worte jenes Bibelverses daraufgeschrieben: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Galater 2,20. Jaja, die Lebensentwürfe, die Lebensfragen – dachte er bei sich selbst. Und irgendwie passte das ja zu einem Tag wie diesem Geburtstag.

Natürlich waren auch Geburtstage Tage wie alle anderen auch. Und doch waren es in den letzten Jahren immer auch Tage gewesen, an denen er in seinen Gedanken zurückgegangen war. Tage, an denen er nachdenklich geworden war. Überhaupt musste er das feststellen, dass er mit zunehmendem Alter mehr Zeit für das Nachdenken hatte. Man fragt sich, was man nun eigentlich gemacht hat in seinem Leben. Was wichtig ist daran. Ihn erinnerte das immer an Heinz Rühmann, wie er im Film „Der Hauptmann von Köpenick“ den Schuster Voigt spielt. Diese eine Szene: Er kommt aus dem Gefängnis, und fragt sich, was er nun eigentlich mit seinem Leben gemacht hat – und was er noch damit machen will. Wenn er sich richtig erinnerte, dann hatte er einen Traum, in dem er vor Gott steht. Und in tiefstem Berliner Dialekt erzählt er: "Dann wird der Herrjott mir frajen: Vogt, wat haste eigentlich mit deinem Leben jemacht? Und dann muß ick dem Herrjott antworten: Matten jeknüpft, nischt wie Matten jeknüpft, dat war’s!" – Was er selbst dem Herrgott wohl antworten würde, wenn er ihm gegenüberträte?

Sein Freund aus der kleinen Stammtischrunde war im Frühjahr 80 geworden. Und der hatte es so zu ihm gesagt: „Weißt du, Willi, ich merke immer mehr, wie ich ins Nachdenken komme – über die großen Lebensfragen.“

Die großen Lebensfragen … – irgendwie hatte er ja recht damit. Was habe ich eigentlich gemacht mit meinem Leben?

80 Jahre war er alt geworden, 80 lange, schöne, manchmal auch harte Jahr lagen jetzt hinter ihm. Und was hatte er da nicht alles erlebt in dieser Zeit? Den Krieg, den Wiederaufbau, das Wirtschaftswunder, „mehr Demokratie wagen“, den Zusammenbruch des Kommunismus – ein langes Leben. Mit seiner Frau Hanne hatte er sich gut verstanden, Heinrich, der älteste Sohn war mittlerweile 57, verheiratet, und hatte selbst schon wieder drei Kinder. Die Tochter Anne war fünf Jahr jünger, immerhin – mit ihren 52 Jahren war sie nun Chefsekretärin in einem großen Betrieb in Frankfurt.

Was macht ein Leben zu einem guten Leben? Zu einem Leben, mit dem man zufrieden sein kann? Mit dem man Gott ruhigen Gewissens gegenüber treten kann? Er merkte, dass er für solche Fragen in letzter Zeit sensibel geworden war.

Und dass er dabei voller Unruhe an seine Kinder dachte. Bei seiner Tochter hatte er den Eindruck, dass das Äußere und die Gesundheit für sie das allerwichtigste waren. Wenn sie nicht arbeitete, verbrachte sie die Zeit im Fitness-Zentrum oder im Sonnenstudio. Klar, sie war alleinstehend und für ihren Beruf war das bestimmt von Bedeutung. Manchmal aber hatte er den Eindruck, dass das für sie zur Lebensmaxime und zum Hauptlebensinhalt geworden war. Man muss schön sein, das zählte. Und sie tat alles, um dieses Lebensgesetz zu erfüllen. – Wie sie das wohl in 10, 15 Jahren sehen würde? Wenn aus den Fältchen dann Falten geworden sind, die nicht mehr einfach so wegzuschminken sind. Und wenn der Körper den Aktivurlaub mit Drachenfliegen und Hochgebirgstouren nicht mehr so mitmacht? Wie wird sie dann dastehen, für die das Äußere jetzt so wichtig sind?

Heinrich, der Sohn, war da anders. Er kümmerte sich nicht so sehr um sportliche Figur und sonnenstudiogebräunte Haut – für ihn war seine Arbeit sein Ein und Alles. Auch wenn er selbständig war – ob es sich wirklich lohnt, nur für die Arbeit zu leben? Die Schwiegertochter ließ da schon ab und zu mal eine Bemerkung fallen: „Er ist mit seinem Büro verheiratet“, und „Dieser Stress, den er sich macht – warum das eigentlich alles? Damit er am Ende dann irgendwann einen Herzinfarkt bekommt?“ – Er wollte seinen Sohn vor ihr auch nicht kritisieren, aber innerlich gab er ihr doch Recht. Die Arbeit ist wichtig – aber ist sie es am Ende, die ein Leben lebenswert und wertvoll macht? Gibt es da nicht doch noch mehr?

Mittlerweile war sein Glas leer geworden – und er schenkte sich nach. Eigentlich müsste er mit seiner Kritik bei sich selbst beginnen. Er hatte es in seinem Leben ja oft genug genauso getan. Und sie waren doch damals auch mit solch einer Haltung groß geworden. „Jeder ist seines Glückes Schmied“, „Hast du was, dann bist du was.“ – Damals, als Hanne gestorben war, das hatte ihn eigentlich zum Zweifeln gebracht. Das kann es doch eigentlich nicht sein in einem Leben, oder?

Bei der Beerdigung vor sieben Jahren war er zum ersten Mal in Kontakt gekommen mit dem Pfarrer. Nicht dass er vorher etwas gegen die Kirche gehabt hätte, aber es hatte sich einfach gar keine Gelegenheit dazu ergeben. Der Pfarrer war ihm sympathisch. Er präsentierte nicht fertige Antworten, so als sei der christliche Glaube die Antwort auf alle Fragen. Im Gegenteil: er ließ sich auf Fragen ein und in Manchem zeigte er, dass er selbst auf der Suche war.

Es war wohl jetzt drei Wochen her, da hatte er sich einmal aufgemacht und war in den Gottesdienst gegangen. Der Pfarrer predigte über einen Abschnitt aus dem Galaterbrief. Als er diesen Abschnitt vorlas, bekam er nicht viel mit. Lauter theologische Begriffe, die ihm erst einmal nichts sagten: Gesetz und Glaube, Werke des Gesetzes und Glaube an Jesus Christus, Sünde und Gnade, gerecht. Wie sollte einer das verstehen?

Der Pfarrer erzählte dann in seiner Predigt, dass das gar nicht so abgehoben war, wie das aufs erste Hören klang. Er erzählte sogar von einem handfesten Konflikt, der hinter diesen Zeilen stand. Die ersten Christinnen und Christen waren ja jüdisch erzogen worden – und so fragten sie sich, ob sie denn auch als Nachfolger Jesu die jüdischen Speise- und Reinheitsgebote halten mussten. Welchen Ansprüchen müssen wir genügen? Welche Freiheiten haben wir als Christen? Die Antworten waren verschieden: die Jerusalemer Gemeinde sagte eindeutig Ja zu den jüdischen Traditionen. Für sie gehörten sie zu einem gottgefälligen Leben mit dazu. Außerhalb Israels aber fielen die Antworten anders aus – viele der Christinnen und Christen dort hatten früher anderen Religionen angehört. Und sie hatten für sich erkannt, dass der christliche Glaube sie von solchen Traditionen frei machte. Petrus – ausgerechnet Petrus! – war in solch eine Gemeinde gekommen, nach Antiochien, in Syrien. Und die Gemeindeglieder dort gingen frei mit der jüdischen Tradition um, sie lebten aus der Überzeugung, dass Jesus Christus uns Menschen von solchen Gesetzlichkeiten befreit hat. Gott gegenüber ist es unwichtig, welches Fleisch wir essen, welchen Menschen wir die Hand geben, an welchem Tag wir fasten. Das hatte Petrus überzeugt. Als aber eine Gruppe aus Jerusalem nach Antiochien kam, änderte sich mit einem mal alles. Petrus bekam Skrupel – und zog sich sogar aus den gemeinsamen Tischrunden zurück. Er hielt es auf einmal lieber mit den Jerusalemern.

Paulus hatte das mitbekommen – und war mit seiner Heuchelei kräftig ins Gericht gegangen. Der Pfarrer hatte erzählt, dass es dabei um ganz Grundsätzliches geht. Dass unser Glaube nicht daraus lebt, dass wir bestimmte Traditionen einhalten, Regeln und Gesetze. Der Glaube hängt nicht davon ab, was wir für Gott machen. Der Glaube lebt daraus, wie Gott zu uns steht. Das ist das Wichtigste. Dass Gott uns lieb hat, dass er uns so annimmt, wie wir sind – „mit allen Macken, und Ecken und Kanten“, so hatte der Pfarrer gesagt.

So weit erinnert er sich noch an diese Predigt. Was er ganz gut fand an diesem Pfarrer – der setzte das auch so um, wie er’s sagte. Und damit machte er sich nicht nur Freunde. Die Nachbarin, die regelmäßig zur Bibelstunde ging, die hatte sich neulich über ihn beschwert. Er hatte die Jugendlichen, die sich sonst abends an der Kirche trafen, jetzt ins Gemeindehaus hineingeholt hatte. Und es waren nicht gerade die einfachsten Jugendlichen. Er hatte ihnen einen Raum im Keller freigeräumt, da konnten sie sich einfach so treffen. Und wenn die dann unten zusammen waren, dann war es mit der beschaulichen Ruhe für die Bibelstunde vorbei. Aber dem Pfarrer war das egal, er nahm die Jugendlichen wohl auch so an, mit Ecken und Kanten.

Der Pfarrer hatte seinen Geburtstagsbesuch schon vorgezogen gehabt. Eigentlich keine schlechte Idee, denn so ein intensives Gespräch hätten sie heute bestimmt nicht führen können. Dabei waren sie dann auch auf den Gottesdienst gekommen. Und er hatte den Pfarrer dann einmal gefragt, was denn für ihn ganz persönlich diese Worte des Paulus bedeuten würden.

Der hat dann gesagt, ihm wäre ein Satz ganz wichtig „Ich lebe! – Doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ Ihm selbst kam das schon ein wenig komisch vor „Christus lebt in mir“ – das klang so nach Entrückung oder Mystik oder nach etwas Superfrommen. Nein, nein, hatte der Pfarrer abgewehrt – ganz im Gegenteil, das ist ganz praktisch und handfest. Da geht es ums Leben. Für ihn bedeutet das: Christus in seinem Leben Raum zu geben. Sich selbst und die Mitmenschen im Lichte Jesu zu sehen. Und sein Leben daran auszurichten. Und das ist doch etwas anderes, als die Lebensentwürfe, die die Medien uns tagtäglich vorsetzen: Da zählen nur die Schönen und Reichen!

Sie hatten sich dann noch eine ganze Weile unterhalten, auch über Lebensentwürfe und so etwas. Das Handfeste nahm er dem Pfarrer ab, er schien sich ja wirklich für diejenigen einzusetzen, die in der Gemeinde nicht gerade zu den Schönen und Reichen zählten.

Wahrscheinlich hatte er auch gemerkt, wie sehr ihn dieses Gespräch zum Nachdenken gebracht hatte. Und deshalb diese Sätze des Paulus noch einmal auf eine Karte geschrieben: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“

„Christus in meinem Leben Raum geben.“ Darüber müsste ich mich eigentlich mal mit meinen beiden Kindern unterhalten, dachte er so bei sich selbst. Oder würden die das dann als typisch Vater empfinden. Vielleicht sollte ich wirklich damit bei mir selbst beginnen. Ob man dafür zu alt sein kann, Christus in seinem Leben Raum zu geben? – Nächste Woche, wenn der Pfarrer von seiner Fortbildung zurück ist, dann würde er ihn anrufen und noch einmal zu einem Besuch einladen.

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