Wechsel zur Freiheit

Paulus war in der Provinz Galatien gewesen. Er hatte dort das Evangelium von Jesus Christus gepredigt, hatte den Menschen erzählt, was die Botschaft vom Gekreuzigten und Auferstandenen für ihr Leben bedeuten kann. Menschen hatten ihm geglaubt, haben sich taufen lassen, ein neues Leben begonnen. Paulus hat sie dann verlassen, ist weiter gezogen, aber mit der Gemeinde in Kontakt geblieben. Boten gab es, und auch Briefe. Da wird ihm erzählt, dass andere christliche Missionare dorthin kamen. Die akzeptierten den Glauben der Galater nicht: Nur wer auch beschnitten ist, so sagten sie, ist wirklich Christ. Da gab es klare Vorbedingungen, die mussten erfüllt werden, wen man dazu gehören wollte. Man muss sich die Zugehörigkeit zur Gemeinde Gottes erst erarbeiten und dafür Leistungen erbringen.

Die Gemeinde ist tief verunsichert. Die Menschen wollen alles richtig machen, wollen ihren Glauben leben, ihrem Gott gefallen. Darum reagiert Paulus wütend. Wenn ihnen etwas fehlen würde, hätte er Ihnen das schon selber gesagt. Er weiß aber auch, dass immer wieder Menschen auftauchen werden, die den Glauben verunsichern. Vor allem aber die Menschen unter Druck setzen, weil Druck ausüben auch Macht bedeutet, die man ausspielen kann. Darum versucht er ihnen seine Position darzulegen – und wie so oft bei Paulus wird es ein wenig kompliziert:

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Es geht vordergründig um Beschneidung – damit hintergründig um Eingangsbedingungen zur Gemeinde Gottes, also um die Frage, wie offen und gastfrei Kirche sein darf, wenn sie die Menschen einlädt ohne Vorbedingungen, ohne Gesetz, allein weil sie sich selber eingeladen weiß.

Paulus weiß, dass der Mensch nichts vollbringen kann, mit dem er Gott einen Gefallen tun könnte. Er weiß, dass die wesentliche Bewegung schon geschehen ist: In Jesus Christus: Von Gott zu den Menschen – und er dankt Gott für diese Bewegung und will den Galatern – und sich selber – Mut machen, Christus in sich selber leben zu lassen, sich das Geschenk der Gnade gefallen zu lassen und aus ihm heraus neu zu leben. Die Auferstehung ist das wesentliche Ereignis, an dem sich alles entscheidet. Ohne die Auferstehung kein Glaube und keine Gemeinde.

Dieser Glaube hat ein Ziel: Es geht um Leben in der Hoffnung auf Liebe und Leben aus der Erfahrung von Liebe.

Es geht im Wesentlichen um die Emanzipation des Menschen, der glaubt, die Befreiung von Zwängen, die niederdrücken und Menschen kaputt machen. Emanzipation bedeutet wörtlich ‚aus dem Händen treten’ – Wir dürfen uns emanzipieren von den Zwängen, die uns beherrschen, von den Mächten, die uns bedrohen. Wir müssen nicht selber etwas darstellen. Wir sind etwas: Getaufte – und das heißt: Christus lebt in uns.

Neue Regeln aufzustellen für die Frage: Wer gehört zur Gemeinde, hieße die Gnade Gottes außer Kraft zu setzen, heißt auch den Tod Jesu am Kreuz für sinnlos zu erklären, heißt auch da endgültige Ja Jesu zum Tod zu negieren und sich der Botschaft der Auferstehung und der Befreiung zu verweigern.

Die Kritik des Paulus trifft auch unsere heutige Gemeinde, die sich immer wieder neu der Frage stellen muss: Wo bauen wir künstliche Hürden auf und wo leben wir Dankbarkeit für jeden, der kommt. Inwiefern ist vielleicht auch unsere Liturgie solch eine künstliche Hürde, die Menschen behindert zum Glauben zu kommen??

Zentral bleibt aber der Vers 20: Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir. Durch die Taufe hat sich ein Herrschaftswechsel vollzogen: ein Wechsel zur Freiheit der Kinder Gottes, die Raum gewinnen will.

Dankbar dürfen wir annehmen, dass wir Gottes Kinder sind, dass Gott keine Bedingungen stellt, dass wir einfach seine Liebe annehmen dürfen und sie uns gefallen lassen dürfen.

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